Die Tuareg (Singular: Targi (männlich), Targia (weiblich); zu dieser Eigenbezeichnung siehe Abschnitt Etymologie) sind ein zu den Berbern zählendes Volk in Afrika, dessen Siedlungsgebiet sich über die Wüste Sahara und den Sahel erstreckt.

Von den Tuareg werden neben ihrer eigenen Sprache mehrere Verkehrssprachen gesprochen, von Songhai über Arabisch und Hassania bis Französisch. Ihre Schrift ist das Tifinagh. Jahrhundertelang lebten sie im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen und Burkina Faso nomadisch. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind viele inzwischen sesshaft geworden. Sie zählen, bei stark schwankenden Angaben, etwa 1,5 bis 2 Millionen und nach Eigenangaben bis 3 Millionen Menschen.John A. Shoup: Ethnic Groups of Africa and the Middle East. An Encyclopedia Ethnic Groups of the World Ethnicity in Global Focus. ABC-CLIO, 2011, ISBN 978-1-59884-362-0, S. 295.

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der Tuareg, die sich behindert fühlen, ihre hirtennomadische Lebensweise fortzuführen. mini|Karte der Gebiete, in denen eine bedeutende Anzahl an Tuareg lebt mini|Tuareg in Algerien mini|Junge Targia in Süd-Algerien, Hoggar-Gebirge (1984)

Etymologie Das Wort Tuareg leitet sich von dem Wort Targa, dem berberischen Namen für die Provinz Fezzan in Libyen, ab. Damit bezeichnete Tuareg ursprünglich die Bewohner des Fezzan.Prasse 1999:380 Targa ist ein berberisches Wort, das mit ‚Rinne’ oder ‚Kanal‘, im weitesten Sinne auch mit ‚Garten‘ übersetzt werden kann.Chaker, Claudot-Hawad, Gast 1984:31 Lokaler Ansicht zufolge bezeichnet Targa nicht den gesamten Fezzan, sondern lediglich die Region zwischen den Städten Sebha und Ubari und wird arabisch als bezeichnet. Gemeint ist damit das fruchtbare Wadi al-Haya (vormals Wadi al-Ajal), das den gesamten Süden Libyens mit agrarischen Produkten versorgt.Kohl 2007:47

Die bis heute weit verbreitete arabische Volksetymologie: Tawariq (Einzahl: Tarqi), ‚das von Gott verlassene Volk‘, dient dazu, eine arabische Überlegenheit über die Tuareg auszudrücken. Grund dafür sind die liberalen religiösen Auffassungen der Tuareg, die von Vertretern einer strengen muslimischen Doktrin als verwerflich angesehen werden.P. Rognon, La confédération des nomades Kel Ahaggar (Sahara central), Annales de Géographie, 1962, S. 605, , abgerufen am 13. April 2025

Der Name Tuareg hat sich seit der Kolonialzeit im deutschen, frankophonen und angloamerikanischen Sprachraum eingebürgert. Die Tuareg selbst bezeichnen sich nicht mit diesem Namen. Die emische Bezeichnung der Tuareg lautet Imajeghen im Niger, Imuhagh in Algerien und Libyen und Imushagh in Mali. Das gh wird wie das deutsche Rachen-r ausgesprochen und die Betonung liegt auf der ersten Silbe. Diese Eigenbezeichnung (Endonym) bezieht sich auf Menschen mit freier Abstammung, die noble Qualitäten besitzen. Damit wird auf den Ehrenkodex (asshak) der Sahara- und Sahelbewohner hingewiesen. Alle drei Begriffe gehen auf dieselbe Wurzel zurück und sind lediglich infolge der dialektalen Ausformung unterschiedlich. Neben dieser Eigenbezeichnung Imajeghen/Imuhagh/Imushagh findet der Name Kel Tamasheq, ‚die Leute, die Tamasheq sprechen‘, Verwendung.

In der Literatur werden die Tuareg als Kel Tagelmust ‚die Leute des Gesichtsschleiers‘ oder „Das blaue Volk“ bezeichnet, da sie mit Indigo gefärbte Kleidung tragen. Beide Begriffe werden von den Tuareg nicht verwendet.

Geschichte mini|Tuaregkarawane, um 1900 mini|MNLA Flagge der Tuareg mini|Targi auf Kamel, Postkarte der Kolonialausstellung 1907 Die Tuareg sind ein Berbervolk. Sie sollen Nachkommen der altberberischen Garamanten sein, die nach dem Jahr 1000 vor der Zeitenwende von der Küstenregion Nordafrikas verdrängt wurden und in den Fessan im Süden Libyens und bis zum Tassili n'Ajjer und Ahaggar vordrangen. Aus der Zeit um 500 nach der Zeitenwende, als Kamele in Nordafrika die Pferde zu ersetzen begannen, sind die ersten Felszeichnungen von verschleierten Männern sowie Felsritzungen in einer Vorform von Tifinagh dokumentiert. Im 7. Jahrhundert, als arabische Heere Nordafrika eroberten und islamisierten, begannen Tuareg-Gruppen weiter in Richtung Sahel vorzudringen, bis ins Gebiet des Aïr-Gebirges.Karl-G. Prasse, Mohamed Ghabdouane, L’Histoire du Niger, transcrit du touareg de l’Ayr, Rüdiger Köppe, Köln, 2019, ISBN 978-3-89645-953-4, Band 2, Kapitel 3 und 4, , englische Zusammenfassung, abgerufen am 6. Juni 2025 Im 11. Jahrhundert wurden sie von arabischen Beduinen vom Stamm der Banū Hilāl aus dem Fessan vertrieben und zogen sich abgedrängt in die Gebiete der zentralen Sahara, insbesondere in das Tassili n'Ajjer, Ahaggar, Aïr und den Adrar des Ifoghas zurück, wo sie seit dieser Zeit leben. Insoweit konnten sie sich einer Arabisierung ihrer Kultur (Schrift, Sprache, Handwerkskultur, matrilineare Sozialstrukturen) entziehen.Catherine Vaudour, Présentation des Kel‑Ajjer, Presses de l'Inalco, Abschnitt 20, PDF, 2 MB, abgerufen am 5. Juni 2025 Gleichwohl übernahmen sie den Islam.Thomas Krings, S. 33 (s. Lit.) Nach dem Untergang des Songhaireichs im Zuge des marokkanischen Eroberungskrieges im 16. Jahrhundert errangen die Tuareg in der Folgezeit unter anderem die Kontrolle über Timbuktu und das Sultanat Aïr mit Sitz in Agadez.Jolijn Geels, Niger, Bradt Travel Guide, 2006, ISBN 978-1-84162-152-4, Englisch, S. 157–200

Die Tuareg-Stämme der Adligen (Imajeghen) hatten in der Vorkolonialzeit für den Schutz ihrer Vasallen und Sklaven zu sorgen.Henri Lhote, Les Touaregs du Hoggar, Payot, Paris, 1955, S. 194ff Sie lebten von den Einnahmen aus dem Karawanenhandel zwischen der Küstenregion Nordafrikas und dem Sudan (heute Sahel), der durch ihr Gebiet führte. Dabei gaben sie Begleitschutz, führten aber bei Gelegenheit auch den Transport mit ihren Lastkamelen selber durch. Sie verlangten Wegzoll für die transportierte Ware. Wenn Karawanen den Wegzoll zu umgehen suchten, entschädigten sie sich, indem sie sie überfielen und ausraubten. Eine weitere Einnahme waren die Abgaben ihrer Vasallen.L. Cabot Briggs, L'anthropologie des Touareg du Sahara, Bulletins et Mémoires de la Société d'anthropologie de Paris, 1955, S. 94-95, , abgerufen am 28. Mai 2025Hanna Schönig, Feudalistisch organisierte Nomaden im Wandel der Zeit: Die Tuareg in Südostalgerien, Orient-Institut Istanbul, 1996, S. 9 PDF, 2 MB, abgerufen am 4. Juni 2025

Die Imajeghen waren eine adlige Kriegerkaste, von ihren Nachbarn gefürchtet.Henri Brosselard: Les deux missions Flatters au pays des Touareg Azdjer et Hoggar (2e éd.), Jouvet (Paris), 1889, S. 131,, abgerufen am 15. Juni 2025 Sie bewiesen ihren Mut und ihr Können in Kriegen und Raubzügen. Kriege waren seltener, Raubzüge, auch Rezzous genannt, aber häufig. Ein erfolgreicher Rezzou war profitabel und brachte viel Anerkennung, welche sich auch in den Liedern und Poesien der Tuareg niederschlug.Dominique Casajus, Art poétique et art de la guerre dans l'ancien monde touareg, L'Homme, 1998, tome 38 n°146, S. 147-149, , abgerufen am 29. Mai 2025 Am meisten Ruhm brachte es nicht, wenn man großen Widerstand überwunden hatte, sondern wenn die Beute groß war und die Beraubten durch List unvorbereitet überrascht wurden.Adolphe Hanoteau, Essai de Grammaire de la langue Tamachek, Librairie Adolphe Jourdan, Alger, Erstauflage 1860, S. XXIV f, PDF, 13 MB, abgerufen am 5. Juni 2025 Ziele waren oft Nomadenlager anderer Tuareg-Konföderationen, mit denen man sich nicht verbunden fühlte, aber auch die Chaambas, die in der nördlichen algerischen Sahara nomadisierten und die Tubbus, Hausa und Fulani in der Sahelzone. - Die Jahreszeit der Rezzou begann meist nach dem ersten Regen. So fanden die Kamele auf dem Hin- und Rückweg genug Futter. Bevorzugt wählte man weit entfernte Ziele, denn Rezzous führten oft zu Konterrezzous, die über kurze Strecken leichter und schneller zu organisieren waren.Andrew Alesbury, A Society in Motion: The Tuareg from the Pro-Colonial Area to Today, Nomadic Peoples, Vol. 17 No.1 2013, S. 109 , abgerufen am 27. Mai 20251860 gab es einen erfolgreichen Rezzou von 10 Tuareg über 1200 km von Djanet in die Region von Timbuktu. Beute: 200 - 300 Kamele. Gabriel Gardel, Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Algier, 1961, S. 127 Geraubt wurde alles, was man mitschleppen konnte, vor allem aber Kamele. Durch Verhandlungen war es jedoch möglich, dass die Geraubten später einen Teil oder die ganze Beute wieder zurück erhielten.Gabriel Gardel, Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, Alger, 1961, S. 110, über die vielen Rezzous S. 108-192, , abgerufen am 28. Mai 2025 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beteiligten sich ihre Vasallen (Imaghad) ebenfalls an den Kriegs- und Raubzügen und organisierten auch eigene Rezzous. Es war die Zeit, als auch ihnen der Besitz von Kamelen erlaubt wurde. - Die vielen Rezzous und Konterrezzous, die die nördlichen Tuareg durchführten, aber auch erleiden mussten, führten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu ihrer Verarmung, denn auf dem Rückweg war jeweils Eile geboten, und dabei gingen viele Tiere verloren, wegen Erschöpfung oder Entfernung von der Gruppe - Bei Kriegszügen der Tuareg wurden auch Gefangene gemacht und dann als Sklaven gehalten oder verkauft, gleichgültig, welchen sozialen Status sie vorher hatten.Andrew Alesbury, A Society in Motion: The Tuareg from the Pro-Colonial Area to Today, Nomadic Peoples, Vol. 17 No.1 2013, S. 109 , abgerufen am 27. Mai 2025 Während der Zeit der Kolonisierung (etwa 1900 bis 1920) duldeten oder billigten die französischen Militärkommandanten Rezzous von Volksgruppen, die sich ihnen unterstellt hatten, bei solchen Tuaregstämmen, die sich den Franzosen widersetzten.Gabriel Gardel: Les Touareg Ajjer, Edition Baconnier, 1961, S. 208 Nachher wurden alle Rezzous und Kriegszüge in eigener Sache verboten.

Die Tuareg mussten immer wieder um das Recht kämpfen, als freies Volk anerkannt zu werden und nach ihrer Tradition leben zu dürfen. Im späteren 19. Jahrhundert leisteten sie der vordringenden Kolonialmacht Frankreich in der Saharazone von Westafrika lange Zeit heftigen Widerstand. Erst 1917 wurde ein Friedensvertrag geschlossen.Jean-Louis Dufour, La révolte touareg et le siège d'Agadès (13 décembre 1916 — 3 mars 1917), Relations internationales, 1975, abgerufen am 6. Juni 2025 Mit dem Ende der französischen Kolonialherrschaft in Westafrika 1960 wurde das Siedlungsgebiet der Tuareg zwischen den nunmehr unabhängigen Staaten Mali, Niger und Algerien aufgeteilt, wobei kleinere Gruppen der Tuareg zudem in Libyen und Burkina Faso leben. 1990 bis 1995 revoltierten die Tuareg in Mali und Niger aufgrund der Vernachlässigung, Unterdrückung und Ausgrenzung durch die jeweiligen Regierungen. Ein Führer des Tuareg-Aufstandes war Mano Dayak. Mitte der 1990er Jahre wurden die Aufstände nach der Unterzeichnung von Friedensverträgen beendet. (PDF; 505 kB) 2007 beschuldigte die neu gegründete Tuareg-Rebellengruppe Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit die Regierung, den Friedensvertrag nicht einzuhalten. Außerdem fordern sie einen Anteil des Gewinns aus dem Uranabbau nordwestlich von Agadez für die Tuareg (Uranmine bei Arlit).IRIN News: NIGER: New Touareg rebel group speaks out (englisch)