Tunis () ist die Hauptstadt Tunesiens und Provinzhauptstadt des gleichnamigen Gouvernements. Sie ist die größte Stadt Tunesiens und hatte im Jahr 2014 laut Zensus 1.056.247 Einwohner. In der Agglomeration wohnen etwa zwei Millionen Einwohner (Juni 2014). Ihr historischer Kern, die Médina, steht auf der UNESCO-Welterbe-Liste.

Nachdem die Stadt ein bescheidenes Dorf im Schatten von Karthago, Kairouan und danach Mahdia gewesen war, wurde sie am 20. September 1159 (5. Ramadan 554 des muslimischen Kalenders) unter der Regierung der Almohaden als Hauptstadt genannt. Ihr Status wurde danach im Jahr 1228 von den Hafsiden bestätigt und auch nach der Unabhängigkeit des Landes von Frankreich am 20. März 1956.

Tunis ist die ökonomische und kommerzielle Hauptstadt Tunesiens. Ihr dichtes Straßen- und Autobahnnetz und ihre internationale Fluganbindung machen sie zu einem Konvergenzpunkt des Nationalverkehrs. Diese Situation ist ein Ergebnis einer langen zentralistischen Politik, die dazu beigetragen hat, dass sich alle wichtigen Institutionen in Tunis befinden.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die Agglomeration außerhalb der Grenzen der Gemeinde erweitert. Heute erstreckt sich Tunis über vier Gouvernorats, Tunis, l'Ariana, Ben Arous und La Manouba, und wird Le Grand Tunis (das große Tunis) genannt.

Im Jahr 2017 stand Tunis auf dem 113. Platz der Weltrangliste der lebenswertesten Städte und auf dem 1. Platz in Nordafrika.

Etymologie Nach Paul Sebag ist Tunis die Transkription eines Namens, der tûnus, tûnas oder tûnis (û hat den Wert eines u im Deutschen) in den gängigsten tunesischen Dialekten ausgesprochen wird. Die drei Begriffe wurden schon von dem syrischen Geographen Yāqūt ar-Rūmī in seinem Werk erwähnt. Der dritte herrscht vor, auch bei der Einwohnerbezeichnung tûnisi oder tûnusi (Tuniser).

Unter Berücksichtigung aller vokalischen Variationen hat der Name von Tunis wahrscheinlich die Bedeutung von Biwak oder Nachtlager. Aus dem Namen von Tunis wurde auch der französische Begriff Tunisie abgeleitet. Dieser Name wurde von französischen Historikern und Geographen geschaffen und hat sich in fast allen europäischen Sprachen etabliert. Der Begriff Tunes (auf Tunesisch wie auch auf Arabisch) bezeichnet allerdings sowohl die Stadt als auch das Land. Ob über Tunis oder Tunesien gesprochen wird, ergibt sich aus dem Kontext.

Eine jüngere Erklärung besagt, dass der Name aus dem berberischen Begriff Tinast abgeleitet sei. Er bedeute Schlüssel der Fruchtbarkeit und nehme Bezug auf die Fruchtbarkeit des Bodens in diesem Gebiet. Eine weitere Theorie bringt den Namen mit der punischen Göttin Tanit in Verbindung und führt ins Feld, dass mehrere antike Städte nach Gottheiten benannt wurden. Eine vierte Theorie bringt den Namen mit der Stadt Tynes in Verbindung, die von Diodor und Polybios erwähnt wird.

300px|mini|Gesamtansicht von Tunis

Geographie mini|Satellitenbild von Tunis und Umgebung Lage Tunis liegt im Norden des Landes unweit des Mittelmeers. Zwischen der Stadt und dem Golf von Tunis liegt der See von Tunis, eine flache Lagune. Uhrzeit: GMT+1h.

Stadtteile und Vororte Die Innenstadt von Tunis mit der historischen Altstadt (Medina) und der während der Kolonialzeit angelegten Neustadt liegt zwischen dem See von Tunis und dem See Sebkhet Sedjoumi ().

Um die Innenstadt herum liegen die inneren Vororte: im Westen das Villen- und Regierungsviertel Le Bardo mit dem gleichnamigen Museum, im Norden das Viertel um die Belvédère-Hügel und die neueren Siedlungen El Menzah und Ariana, im Süden die Industrieviertel Megrine und Ben Arous.

Während der Kolonialzeit bauten die Franzosen einen 10 km langen Schnellstraßen- und Stadtbahndamm quer durch den See von Tunis, der als Fortsetzung der Avenue Habib Bourguiba die Innenstadt von Tunis mit der Hafenstadt La Goulette (Halk al-Wadi) verbindet. Nördlich von La Goulette reihen sich die wohlhabenden Vororte Qartāj (Carthage, Karthago) mit dem internationalen Flughafen Tunis, Sidi Bou Saïd, La Marsa und Gammarth an die Küste, südöstlich liegt der Badeort Hammam-Lif.

Klima Tunis liegt in der subtropischen Klimazone und innerhalb des Bereichs winterfeucht-sommertrockenen Mittelmeerklimas im Norden Tunesiens. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei 17,7 °C, die jährliche Niederschlagssumme beträgt 465 mm. Der überwiegende Teil dieser Niederschläge fällt im Winterhalbjahr, im Sommer herrscht ein arides Klima. Die heißesten und trockensten Monate sind Juli und August mit Monatsdurchschnittstemperaturen um 26 °C. Im Januar und Februar liegt das Monatsmittel knapp über 10 °C. Die Temperatur von 49 ° Celsius wurde erstmals im Sommer 2023 erreicht.

Wirtschaft Hauptprodukte der Industrie in und um Tunis sind Textilien, Teppiche und Olivenöl. Der Tourismus ist eine weitere wichtige Quelle für das Einkommen der Stadt. Zudem hat in Tunis auch die erste tunesische Automobilmarke Wallyscar ihren Sitz. Auch die nationale Wertpapierbörse – die Bourse de Tunis befindet sich in der Hauptstadt.

Wirtschaftssektoren Die Wirtschaftsstruktur von Tunis und des Landes ist überwiegend tertiär. Die Stadt ist das größte Finanzzentrum des Landes, in dem 65 % der Finanzunternehmen ihren Hauptsitz haben – während der Industriesektor allmählich an Bedeutung verliert. Die Sekundärindustrie ist jedoch nach wie vor stark vertreten und Tunis hat 85 % der Industriebetriebe in den vier Gouvernoraten mit einem Trend zur Ausbreitung spezialisierter Industriegebiete in den Vororten.

Die Primärindustrie wie die Landwirtschaft ist jedoch in spezialisierten landwirtschaftlichen Gebieten in den Vororten tätig, insbesondere in der Wein- und Olivenölindustrie. Das allgemein flache Gelände und die beiden Hauptflüsse in Tunesien, der Medjerda im Norden und der Oued Miliane im Süden. Die Böden sind fruchtbar. Tunis hat mehrere große Ebenen, die produktivsten befinden sich in Ariana und La Soukra (Norden), in der Ebene von Manouba (Westen) und in der Ebene von Mornag (Süden). Darüber hinaus ist das Grundwasser durch Bohren von Tiefbrunnen leicht zugänglich und liefert Wasser für die verschiedenen landwirtschaftlichen Kulturen. Die Böden sind schwer und enthalten im Norden Kalkstein, im Süden sind sie leichter und sandiger und enthalten Ton.Paul Sebag: Tunis. Histoire d’une ville. Éditions L’Harmattan, Paris 1998, ISBN 2-7384-6610-9, S. 13, 40 ff. In der Gemeinde Tunis gibt es eine große Vielfalt: Durum wird in Manouba angebaut, Oliven und Olivenöl in Ariana und Mornag, Wein (Mornag) sowie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte werden in allen Regionen angebaut.

Verkehr mini|Stadtbahn von Tunis Tunis ist der wichtigste Knotenbahnhof der tunesischen Staatsbahn Société nationale des chemins de fer tunisiens und wird sowohl im Fern-, Nah-, als auch im Vorortverkehr bedient. Die Société des transports de Tunis betreibt die Stadtbahn Tunis, das 5.836 Kilometer lange städtische Busnetz sowie die Vorortbahn Tunis-Goulette-Marsa (TGM). Tunis hat unweit des Zentrums mit dem Aéroport International de Tunis-Carthage auch einen internationalen Flughafen sowie umfangreiche Hafenanlagen mit Fährverbindungen nach Frankreich (Marseille, Toulon) und Italien (u. a. nach Genua, Palermo, Salerno).

Zwischen November 1984 und Juli 1987 wurde unter dem Viertel Bab Souika und dem gleichnamigen Platz ein Tunnel erstellt, der die Verkehrshauptachse des Viertels unterirdisch verlegt.Coup de cœur: L'historique de Bab Souika. Auf: L'instant M.

Geschichte Antike Tunis ist eine der ältesten Städte am Mittelmeer. Die numidische Stadt Tunes existierte bereits vor dem Eintreffen der ersten phönizischen Kolonisten im 9. Jahrhundert v. Chr. Jedoch stand Tunis in der Antike stets im Schatten des mächtigen Karthagos.

Mittelalter mini|Statue des Politikers Ibn Chaldūn (1332–1406) Erst nach der arabischen Eroberung und der Zerstörung Karthagos Ende des 7. Jahrhunderts gelangte Tunis zu überregionaler Bedeutung. Unter der Herrschaft der Aghlabiden diente Tunis im 9. Jahrhundert kurzfristig als Residenz. Zu dieser Zeit entstand die Medina mit der Ez-Zitouna-Moschee.

Tunis wurde im Jahr 1159 unter der Dynastie der Almohaden die Hauptstadt Ifrīqiyas und war ein führendes Handelszentrum mit Europa. Im Jahr 1270 scheiterte ein Eroberungsversuch des französischen Königs Ludwig IX. während des Siebten Kreuzzugs.

Neuzeit Erstmals gelangte Tunis im Jahr 1534 unter osmanische Herrschaft. Ein Jahr später wurde es von Karl V. im Tunisfeldzug erobert und unterstand danach spanischem Protektorat, bis Tunis im Jahr 1574 endgültig in die Hand der Osmanen fiel. Nach 1591 waren die osmanischen Gouverneure (Beys) relativ unabhängig und die Stadt wuchs als ein Zentrum von Piraten und Handel. Ab 1609 siedelten sich zahlreiche Flüchtlinge aus al-Andalus, überwiegend Muslime aber auch viele Juden, an und trugen zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung von Tunis bei.

mini|Das Théâtre Municipal um 1900 mini|Die Altstadt von Tunis in einer Karte von 1937 mini|Arkade an der Avenue de France, die noch heute diesen Namen trägt

Im April 1655 war der englische Admiral Robert Blake beauftragt worden, von den Staaten des Mittelmeers, die englische Schiffe angegriffen hatten, eine Entschädigung einzufordern. Nur der Bey von Tunis widersetzte sich, mit dem Resultat, dass Blakes Schiffe das Arsenal des Beys bei Porto Farina (Ghar el Melh) angriffen, wobei sie neun algerische Schiffe und zwei Küstenbatterien zerstörten. Es war das erste Mal in der Seekriegsführung, dass Küstenbatterien außer Gefecht gesetzt wurden, ohne Landungstruppen einzusetzen. Ab 1705 löste sich die Kontrolle durch die Osmanen zunehmend zugunsten lokaler Machthaber. Das Land geriet in den Sog der wachsenden Staatsverschuldung, wozu persönliche Bereicherung und Unterschlagungen hoher Politiker wie Mustafa Khaznadar oder der Unternehmer Mahmoud Ben Ayed und Nessim Samama beitrugen. Das tunesische Volk trug indes eine sehr hohe Steuerlast.

mini|Juden unter deutscher Besatzung auf dem Weg zur Zwangsarbeit, Dezember 1942 mini|Das Habib-Bourguiba-Denkmal kehrt aus La Goulette auf die Avenue Habib-Bourguiba zurück, 2016

In einen Versuch der Modernisierung des Staatswesens gründete der neue Premierminister Khayr ed-Din 1875 für Tunesier des Bürgertums das Collège Sadiki, das später Mitglieder der Nationalbewegung wie Habib Bourguiba hervorbrachte, doch bald sah sich Sadok Bey gezwungen, europäischen Interessen Vorrang zu geben. Frankreich machte Tunis nach der Annektierung Tunesiens 1881 zum Sitz der Protektoratsverwaltung und nahm zahlreiche Veränderungen vor. Zwischen der Altstadt und dem Meer entstand eine Neustadt im europäischen Stil und der Stadthafen wurde über einen Schifffahrtskanal durch den See von Tunis mit dem neu angelegten Hafen von La Goulette verbunden. Es entstanden Freimaurerlogen, auch für viele Juden und Muslime.

Neben französischen Kolonisten lebten auch viele Italiener in der Stadt, meist aus dem nahen Sizilien. Es entstand südlich der Avenue Jules-Ferry (der heutigen Avenue Habib Bourguiba) ein Stadtteil mit dem Übernamen Petite Sicile. Nördlich dieses Boulevards zum Meer gab es ein etwas kleineres Petite Calabre von Einwanderern aus Kalabrien. Die italienische Infrastruktur ermöglichte ein Leben fast wie in Italien: Dies begann bei der Erziehung mit dem Jardin d’enfance Garibaldi, der Ecole primaire Principe di Piemonte oder dem Lycée Royale gymnasiale Vittorio Emanuele II und reichte mit dem Teatro Rossini, der Crédit Agricole Italia, der Zeitung L’Unione oder der patriotischen Vereinigung Mutuo Soccorso tra gli operai in Tunisi in alle Bereiche des täglichen Lebens.