mini|Darstellung des Thales aus einem schwedischen Lexikon 1875 Thales von Milet (; * wahrscheinlich um 624/23 v. Chr. in Milet; † zwischen 548 und 544 v. Chr.Thomas Schirren, Georg Rechenauer: Biographie. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Die Philosophie der Antike. Band 1). Schwabe Verlag, Basel 2013, ISBN 978-3-7965-2598-8, S. 182 f. ebenda) war ein vorsokratischer Naturphilosoph, Geometer und Astronom des archaischen Griechenlands. Er ist der früheste namentlich bekannte Philosoph und Mathematiker.

Thales hat wahrscheinlich keine Schriften hinterlassen. Die Überlieferung fand durch andere Autoren der Antike statt. Da sich schon früh Legenden um ihn gebildet haben, kann man sich auf über ihn bekannte Details meist nicht verlassen. Es lässt sich jedoch ein grobes Bild zeichnen. Demnach hat er sich in seiner Heimatstadt Milet politisch betätigt und war jemand, der für seine große Weisheit bewundert wurde. So erachtete man ihn als einen der Sieben Weisen und als Begründer der antiken Naturphilosophie, Astronomie und Geometrie.

Leben Thales, dessen Eltern Examyes und Kleobuline hießen, war in der Stadt Milet an der Westküste Kleinasiens beheimatet. Ob er phönizischer Herkunft war oder nicht, ist umstritten. Er (oder wenigstens seine Mutter) entstammte laut Diogenes Laertios dem hochadeligen Geschlecht der Theliden.Diogenes Laertios I,22.Georg Wöhrle: Thales, ein Phönizier? In: Mnemosyne. Band 68, Nr. 3, 2015, S. 470–478, doi:10.1163/1568525X-12341649. Es wird allerdings auch die Meinung vertreten, dass Thales’ Mutter griechischer, sein Vater karischer Abstammung war.Alexander Herda: Greek (and our) views of the Karians. In: Alice Mouton, Ian Rutherford, Ilya Yakubovich (Hrsg.): Luwian Identities. Culture, Language and Religion Between Anatolia and the Aegean. Brill, Leiden und Boston 2013, S. 437.

Nach den Chronika des Apollodors von Athen (etwa 180–110 v. Chr.Thomas Schirren, Georg Rechenauer: Biographie. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Die Philosophie der Antike. Band 1). Schwabe Verlag, Basel 2013, ISBN 978-3-7965-2598-8, S. 175.) soll Thales im ersten Jahr der 35. Olympiade, also 640/39 v. Chr., geboren sein und ein Alter von 78 Jahren erreicht haben.Diogenes Laertios: Leben und Lehren der Philosophen 1,37-38 (Digitalisat) Auch Eusebius von Caesarea setzte seine Geburt in diese Zeit.Eusebius von Caesarea: Chronik (Digitalisat) Bei Sophronius Eusebius Hieronymus fällt die Geburt des Thales je nach Handschrift in das vierte Jahr der 34. oder erste Jahr der 35. Olympiade.Hieronymus: Chronik (Digitalisat) Nach dem Chronicon Paschale soll er im 4. Jahr der 55. Olympiade, also 557/56 v. Chr. im Alter von 91 Jahren gestorben sein.Barthold Georg Niebuhr: Corpus scriptorum historiae byzantinae. Bonn 1832, S. 268 (Digitalisat) Im selben Werk ist jedoch auch angegeben, dass er im 3. Jahr der 10. Olympiade, also 738/37 v. Chr. auf der Insel Tenedos gestorben sei.Barthold Georg Niebuhr: Corpus scriptorum historiae byzantinae. Bonn 1832, S. 214 (Digitalisat) Solch ein frühes Datum, wie es auch bei John Anthony CramerJohn Anthony Cramer: Anecdota graeca e codd. manuscriptis bibliothecae regiae Parisiensis. Teil 2, Oxford 1839, S. 263 (Digitalisat) erscheint, ist undenkbar und möglicherweise auf eine falsche Olympiadenzählung durch Phlegon von Tralleis zurückzuführen.Erwin Rohde: Kleine Schriften, Band 1, Tübingen und Leipzig 1901, S. 169–170 Digitalisat) Die Erwähnung, dass Thales auf Tenedos gestorben sei, führte jedoch dazu, dass man Kleostratos von Tenedos zu seinem Schüler und Nachfolger erklärte.

Alle anderen Quellen legen das Todesjahr in die 58. Olympiade (548–545 v. Chr.).Kyrill von Alexandria: Gegen Julian, Teil 1, S. 12 (Digitalisat) Eusebius von Caesarea datierte dies ins erste Jahr der 58. Olympiade (548/47 v. Chr.).Eusebius von Caesarea: Chronik (Digitalisat) Je nach Handschrift fällt es bei Hieronymus ins 4. Jahr der 57. oder ins erste Jahr der 58. Olympiade. Sosikrates von Rhodos (etwa 200–128 v. Chr.) gab an, dass Thales im Alter von 90 Jahren während der 58. Olympiade starb. Die überlieferten Daten scheinen nahezulegen, dass Thales 639 v. Chr. geboren wurde und 548 v. Chr. im Alter von 91 Jahren starb. Hermann Diels vermutete jedoch, dass Thales’ Akme mit der Voraussage der Sonnenfinsternis 585 v. Chr. zusammenfiel und er zu diesem Zeitpunkt um die 40 Jahre war. Er ging deshalb davon aus, dass die Angabe der Olympiade für Thales’ Geburt verdorben und Apollodors Angabe zum Sterbealter korrekt war. Diels korrigierte das Geburtsdatum auf das erste Jahr der 39. Olympiade (624/23 v. Chr.) und seinen Tod ins dritte Jahr der 58. Olympiade (546/45 v. Chr.).Hermann Diels, Walther Kranz: Die Fragmente der Vorsokratiker, Band 1, Berlin 1960, S. 71–72 (Digitalisat)

Über Thales’ Familiensituation gibt es widersprüchliche Informationen. Möglicherweise hatte er eine Frau und ein Kind, nach anderen Aussagen war er unverheiratet und hat den Sohn seiner Schwester adoptiert.Diogenes Laertios I,25 f.

Diogenes Laertios berichtet, Thales sei von niemandem angeleitet worden, abgesehen von den Ägyptern und den Priestern.Diogenes Laertios I,27. Er zitiert Pamphile, Thales habe von den Ägyptern die Geometrie gelernt.Diogenes Laertios I,24. Vermutlich hielt er sich eine Zeit lang zu Forschungszwecken in Ägypten (und auch Kreta) auf und lernte dort von Priestern und Astronomen auf den Gebieten der Mathematik und Astronomie.Diogenes Laertios I,24; I,27; I,43.

Politisches Wirken Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass Thales in Milet einen gewissen politischen Einfluss hatte. Spätestens seit PlatonPlaton, Protagoras 342e ff. wurde meist Thales als Erster der Sieben Weisen genannt,Georg Wöhrle (Hrsg.): Thales (= Traditio Praesocratica. Die Milesier. Band 1). De Gruyter, Berlin 2009, S. 17. zu denen sonst vor allem Staatsmänner wie der berühmte athenische Gesetzgeber Solon zählten.

Es gibt auch Berichte darüber, dass Thales als politischer Berater hervortrat: Herodot berichtete etwa, Thales habe den Ioniern den guten Rat gegeben, „ein gemeinsames Versammlungshaus zu errichten, und zwar in Teos, denn Teos sei der Mittelpunkt Ioniens, die anderen Städte sollten aber nach wie vor als eigenständige Kommunen gelten“.Herodot, Historiae I,170; deutsche Übersetzung von Georg Wöhrle in: derselbe (Hrsg.): Thales (= Traditio Praesocratica. Die Milesier. Band 1). De Gruyter, Berlin 2009, S. 35. Dies erscheint unplausibel, da dieser zentralistische Gedanke eher in Perikles’ als in Thales’ Zeit gehört.M. Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker. Band 1, Artemis & Winkler, Mannheim 2007, ISBN 978-3-7608-1735-4, S. 22.

Außerdem erzählt Diogenes Laertios, er habe den Milesiern abgeraten, ein Bündnis mit Kroisos, dem Lyderkönig einzugehen, was die Milesier angesichts des Sieges Kyros’, des Perserkönigs, später gerettet habe.Diogenes Laertios I,25. Dies ist ein Widerspruch zu der Anekdote bei Herodot, Thales habe den Fluss Halys umgeleitet, damit Kroisos’ Heer ihn habe überqueren können.Herodot, Historiae I,75.

Im Einzelnen mögen die Berichte erdichtet sein. Im Ganzen erscheint es jedoch plausibel, dass Thales eine Rolle in der milesischen Politik spielte.

Philosophie und Wissenschaft

Naturphilosophie Wasser als archḗ Wasser war neben anderen Begriffen schon lange vor Thales ein Begriff, der in Kosmogonien des Alten Orients dazu benutzt wurde, die Herkunft der Welt zu erklären. Die Vorstellung eines kosmischen Urozeans, innerhalb dessen Himmel und Erde entstanden sein sollen, findet sich unter der Bezeichnung Apsu bereits in der sumerischen Mythologie und gelangte von dort aus wahrscheinlich sowohl nach Babylonien wie ins Alte Ägypten. Auch in der Ilias, die im 8. Jahrhundert v. Chr. von Homer gedichtet wurde, wird von dem Flussgott Okeanos gesagt, er sei der „Ursprung der Götter“Homer, Ilias 14,201. und der „Ursprung von allem.“Homer, Ilias 14,246. Im 7. Jahrhundert v. Chr. schrieb der Dichter Alkman eine Weltentstehungsgeschichte, an deren Anfang die Gewässer stehen.Jaap Mansfeld (Hrsg.): Die Vorsokratiker I. Griechisch/Deutsch, Reclam, Stuttgart 1998, S. 40. Es kann angenommen werden, dass einige dieser alten Vorstellungen Thales beeinflusst haben. Jedenfalls ist dieser in die Philosophiegeschichte eingegangen, weil er das Wasser als den Anfang oder Urgrund aller Dinge bezeichnet haben soll:

mini|hochkant=1.4|Ein Thales-Denkmal in Deggendorf

Nach Aristoteles war Thales der erste Philosoph, der die Frage nach einem Urgrund aller Dinge stellte.Aristoteles, Metaphysica 983b20f. Aristoteles unterscheidet die Ansichten der Vorsokratiker nach Anzahl und Beschaffenheit des angenommenen Ursprungs aller Dinge (archḗ). Thales habe nicht mehrere Ursprünge angenommen – wie Empedokles, der von den vier Ursprüngen Feuer, Wasser, Luft und Erde ausging –, sondern nur einen, der zudem „materieller“ Natur gewesen sei, also nicht „immateriell“ wie etwa „das Unbegrenzte“ seines Schülers Anaximander.Aristoteles, Metaphysica 983b; vgl. auch Physica 184b. Ähnliches wie Aristoteles berichten auch Hippolyt von Rom und Diogenes Laertios, wobei Hippolyt von Rom im folgenden Zitat auch die Theologie und Astronomie des Thales, sowie eine Anekdote erwähnt:

Sonstiges Aristoteles berichtet, Thales habe die Ruhelage der Erde damit erklärt, dass die Erde auf Wasser schwimme.Aristoteles, Über den Himmel II,13,294a28–b6; vgl. Aristoteles, Metaphysica 983b20.

Als Grund für die jährliche Überschwemmung des Nils soll Thales die Etesien genannt haben, denn diese Sommerwinde, die der nördlichen Fließrichtung des Nils entgegengesetzt sind, würden das Abfließen ins Mittelmeer verhindern.Herodot, Historiae II,20 (ohne Nennung Thales’); Diogenes Laertios I,37.

Mathematik mini|hochkant=1.4|Veranschaulichung des Satzes des Thales mini|hochkant=1.4|Hier steht die Sonne so, dass der Schatten eines Stabes (B) genauso lang ist, wie der Stab selbst (A) und die Länge des Schattens einer Pyramide plus deren halbe Seitenlänge (ergibt C) genauso lang ist, wie die Höhe der Pyramide (D). Thales hat den Schatten und die Seitenlänge der Pyramide abgemessen und so sagen können, wie hoch sie ist.