mini|hochkant=1.3|Ruinenstätte des Tempels in Ephesos, dahinter die Isabey-Moschee, die Johanneskirche und die Zitadelle von Selçuk Der Tempel der Artemis in Ephesos oder kurz das Artemision von Ephesos war der Göttin Artemis Ephesia, einer Sonderform der griechischen Göttin Artemis, gewidmet. Er soll von den mythischen AmazonenJosef Fischer: Ephesos und das Artemision im Spiegel der antiken Mythologie. In: Diomedes NF 5, 2010, S. 17–27 (Digitalisat). bzw. ihrer Königin OtrereEinzige Quelle Hyginus, fabulae 223 und 225. gegründet worden sein und gehörte als größter Tempelbau zu den „Sieben Weltwundern“ der Antike. Die antike griechische Stadt Ephesos liegt im Stadtgebiet des heutigen Selçuk an der Südwestküste der heutigen Türkei. Sie war für ihren Reichtum berühmt und später als Hauptstadt der römischen Provinz Asia eine der größten Städte der Antike.

Auf Altgriechisch hieß der Tempel (ho naòs tês Artémidos Ephesíês), (ho en Ephésô naòs tês Artémidos) oder (tò Artemísion Ephésion), auf Lateinisch Artemisium Ephesi(n)um oder templum Dianae Ephesi(n)ae.

Forschungsgeschichte Am 31. Dezember 1869 entdeckte der englische Eisenbahningenieur John Turtle Wood, der seit 1863 im Auftrag des British Museum in Ephesos grub, die Überreste des Tempels und führte dort bis 1874 Ausgrabungen durch.John Turtle Wood: Discoveries at Ephesus: including the site and remains of the Great Temple of Diana. Longmans, Green, London 1877 (Digitalisat). Im Mai 1883 konnte Wood noch einmal kurzzeitig im Tempelbezirk arbeiten. Im Zuge der österreichischen Forschungen in Ephesos gruben von Mai bis Anfang Juni 1895 Otto Benndorf und Carl Humann im Artemision.Otto Benndorf: Studien am Artemision. In: Forschungen in Ephesos. Band 1. Wien 1906, S. 205–234 (Digitalisat). Im Auftrag des British Museum führte David George Hogarth von Dezember 1904 bis Juni 1905 eine weitere Grabungskampagne durch.David George Hogarth: Excavations at Ephesus. The archaic Artemisia. British Museum, London 1908 (Digitalisat Textband, Tafelband). 1965 begannen auf Veranlassung des Grabungsleiters Fritz Eichler neue Grabungen im Artemision unter Leitung des Bauforschers Anton Bammer, zunächst am Altar. Er setzte seine Erforschung des Tempels bis 1995 fort.

Funde aus den älteren Grabungen befinden sich im British Museum in LondonFunde aus dem Artemision in der Datenbank des British Museum., im Archäologischen Museum in Istanbul sowie im Ephesos Museum in Wien. Architekturfragmente, die Funde der neueren Grabungen sowie mehrere Kopien der Artemisstatue, die im Stadtgebiet gefunden wurden, sind im Saal der Artemis im Ephesos-Museum in Selçuk ausgestellt.

Baugeschichte Im Zuge der österreichischen Ausgrabungen sind mehrere Nutzungsphasen des Heiligtums und Bauphasen des Artemistempels nachgewiesen worden. Bereits ab der Bronzezeit wurde das Areal, durch das damals die Küste verlief, in die beim späteren Artemision ein Fluss mündete, genutzt. Ob es in der Späten Bronzezeit – vorhandene ältere Schichten konnten aufgrund des hohen Grundwasserspiegels bisher nicht erforscht werden – bereits ein Kultort war, ist ungeklärt; Mauerreste aus jener Zeit wurden jedenfalls bisher nicht entdeckt. Vom 10. bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. wurde die Fläche des niedrigen Hügels, auf dem später der Artemistempel errichtet wurde, mehrmals durch Terrassierungen erweitert. In den Aufschüttungen wurden zahlreiche Gefäßfragmente entdeckt, die ältesten noch aus dem späten 11. Jahrhundert v. Chr. stammend (Früh-Protogeometrische Keramik). Im Gegensatz zu den Keramikfunden aus der Bronzezeit handelt es sich überwiegend um griechische Keramik. Die oft frischen Bruchkanten offenbaren, dass die Gefäße vor Ort zerbrochen wurden, was, wie auch gefundene Kleingefäße und Tierstatuetten aus Ton, auf kultische Handlungen hindeutet.Gerhard Forstenpointner, Michael Kerschner, Ulrike Muss: Das Artemision in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit. In: Ulrike Muss (Hrsg.): Die Archäologie der ephesischen Artemis. Gestalt und Ritual eines Heiligtums. Phoibos-Verlag, Wien 2008, ISBN 978-3-901232-91-6, S. 33–46, hier besonders S. 33–35 (Digitalisat). Die ersten, einfachen Kultbauten, das Kultbild bergende Naiskoi, entstanden in mittelgeometrischer Zeit. Im 8. Jahrhundert v. Chr. errichtete man mit den Tempeln „A“ und „B“, z. T. als Holzkonstruktionen, die frühesten Peripteraltempel Kleinasiens. Angeblich unter dem kaum bekannten Tyrannen Pythagoras wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. der archaische Tempel „C“ errichtet, der noch vor Fertigstellung durch Überschwemmung zerstört wurde.

Der Tempel des 6. Jahrhunderts v. Chr. mini| Römische Kopie der Kultstatue der Artemis von Ephesos, Ephesos-Museum, Selçuk

Der Nachfolgetempel „D“ wurde um 550 v. Chr. begonnen. Architekten waren Chersiphron von KnossosPlinius, Naturalis historia 36, 30 (95); Strabon, Geographika 14, 1, 22; Vitruv, de architectura 3, 2, 7 und 10, 2, 11. und sein Sohn MetagenesVitruv, de architectura 7 Einführung 12, 16.. Die Bauarbeiten an diesem Tempel, für den auch der lydische König Kroisos einige Säulen stiftete, dauerten mit 120 Jahren für antike Verhältnisse ungewöhnlich lang. Die Konstruktion war äußerst schwierig, da das Gebäude auf einem Sumpfgelände errichtet wurde. Erdverfärbungen, die bei Tiefgrabungen beobachtet werden konnten, bestätigen die antiken Nachrichten, nach denen bei der Geländevorbereitung für den Tempelbau Holzkohle und Lederabdeckungen zur Sicherung des moorigen Untergrunds eingebracht wurden. Der Architekt Theodoros von Samos, der schon am Rhoikos-Tempel in Samos mitgewirkt hatte, soll an den Fundamentarbeiten beteiligt gewesen sein.Herodot 3, 60, 4. Die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen dem Artemistempel und dem Heraion von Samos lassen vermuten, dass seine Mitwirkung nicht allein auf die Fundamentarbeiten beschränkt war.

Vitruv schildert einige neue technische Erfindungen von Chersiphron und seinem Sohn, die beim Bau des Artemistempels zum Einsatz kamen.Vitruv, de architectura 10, 2, 11–12; danach dargestellt von Helmuth Schneider in: Dieter Hägermann, Helmuth Schneider: Landbau und Handwerk 750 v. Chr. bis 1000 n. Chr. (= Propyläen Technikgeschichte. Band 1). Propyläen Verlag, Berlin 1991, S. 148. Die Säulenschäfte wurden nicht auf Ochsenkarren transportiert, da die Wege von den 8 Meilen entfernten Steinbrüchen zu weichen Untergrund hatten. Stattdessen wurden Eisenschäfte in den Enden angebracht und die Säulen gerollt, ebenso die Teile des Architravs, wofür um die rechteckigen Enden an beiden Seiten ein Holzrad umgelegt wurde. Um bei 18 m hohen Säulen die Architrav-Bausteine aufzusetzen, wurde eine Rampe aus Sandsäcken gebaut. War der Stein in Position auf der Rampe, wurde der Sand aus den untersten Säcken abgelassen und der Stein so gesenkt. Bei einem Stein gelang das nicht ganz und Chersiphron dachte nach Vitruv schon an Selbstmord. In einem Traum habe Artemis ihn aber beruhigt und am nächsten Morgen hatte sich der Stein durch sein Eigengewicht in die korrekte Endlage versetzt.

Der aus einem weiß-bläulichen Marmor der Gegend errichtete archaische Tempel „D“ erhob sich auf einem 111,7 Meter × 57,3 Meter großen, nur zweistufigen Unterbau und vereinte eine dipterale äußere Anlage mit einem hypäthralen, das heißt nach oben offenen Sekos. 106 ionische Marmorsäulen von rund 19 Metern Höhe umgaben den Sekos. Die Säulenbasen vom ephesischen Typ standen auf etwa 2,30 Meter breiten Plinthen. Der abschließende Torus der Basen unterlag keiner einheitlichen Gestaltung, sondern wies neben einfacher Riefelung auch weich überfallende Blattreihen auf. Ebenso variierte die Gestaltung der Kanneluren, deren Anzahl mal 40 oder 44, aber auch 48 betragen konnte und mal gleich breit von feinen Graten getrennt wurden, mal im Wechsel breite und schmale Kanneluren aufwiesen. Ein Anthemion schmückte den Säulenhals. An Front- und Rückseite waren die Säulen zwei bzw. drei Reihen tief gestaffelt. Die Säulenschäfte im Eingangsbereich waren als columnae caelatae mit Reliefs oberhalb der Basen geschmückt. Die wohl ersten Marmorarchitrave der griechischen Baukunst spannten sich von Säule zu Säule und erreichten die größte je von Griechen erreichte Spannweite. Der Mittelarchitrav der Front wog hierbei etwa 24 Tonnen und musste auf den fast 20 Meter hohen Säulen zentimetergenau verlegt werden. Die rund 86 Zentimeter hohe Sima zeigte mythische Kämpfe in flachem Relief, das als endloses Band Darstellungen von Kriegern, Pferden und Wagen aneinander reihte.

Die Rückseite des Tempels wies wahrscheinlich ein geschlossenes Adyton anstelle eines Opisthodoms auf. Die zwei Meter hohe Artemis-Statue im offenen Sekos war aus Rebholz gefertigt und mit Gold und Silber verkleidet. Das Dach der Peristasis war aus Zedernholz gefertigt.Vitruv, de architectura 2, 9, 13. Heraklit weihte sein Buch über den Logos im Tempel auf dem Altar der Artemis.

Der Tempel fiel am 21. Juli 356 v. Chr. einer Brandstiftung durch Herostratos zum Opfer. Der Brandstiftung widerspricht jedoch die Tatsache, dass der Tempel aus Stein war und nur das (in nahezu 20 Metern Höhe gelegene) Dach der Peristasis aus Holz war. Er beging die Tat aus Geltungssucht – sein Vorhaben, durch das Niederbrennen des Weltwunders berühmt und somit unsterblich zu werden, ist ihm gelungen. Der Sage nach soll in der Nacht des Brandes Alexander der Große, der später auch große finanzielle Hilfe zum Wiederaufbau des Tempels leistete, geboren worden sein, weswegen Artemis, die dessen Geburt in Pella überwachte, ihr eigenes Heiligtum nicht schützen konnte.

Der Tempel des 4. Jahrhunderts v. Chr. mini|Modell des Artemistempels (Tempel „E“) im Miniatürk-Park Istanbul Der spätklassische Neubau (Tempel „E“), mit dem man schon bald darauf begann, wurde durch Cheirokrates oder Deinokrates als bauleitendem Architekten ausgeführt.Strabon, Geographika 14, 1, 22 f. gibt als Namen des Cheinokrates an, was verderbt sein könnte, vgl. Vitruv, de architectura 2 Einleitung, wo Deinokrates als Baumeister Alexanders des Großen genannt wird. Gaius Julius Solinus 40, 5 nennt schließlich Deinokrates direkt als Architekten des jüngeren Artemisions. Eine Entscheidung ist nicht möglich. Es sollte der alte Tempel getreulich wiederhergestellt werden, doch kam es zu einigen Änderungen. So wurde auf der Schuttmasse des Vorgängerbaus ein bereits bei StrabonStrabon, Geographika 14, 1, 22. vermerktes größeres Areal – nun 125,67 Meter × 65,05 Meter, 2,7 Meter Höhe – als Unterbau des neuen Tempels angelegt und der Sockel mit seiner nun zehnstufigen Krepis beträchtlich erhöht. Der Artemistempel „E“ hatte laut Plinius 127 Säulen mit einer Höhe von rund 18 Metern und verfügte über ein Steindach. Nach seinem Bericht soll er über 36 mit Reliefs verzierte Säulen, columnae caelatae, verfügt haben. Eines dieser Reliefs soll Skopas geschaffen haben.

Auch bei diesem Tempel dauerte die Bauzeit mit rund hundert Jahren relativ lang. Gleichwohl kamen bei diesem Tempel alle Bauteile dort zu stehen, wo sie bereits der Vorgänger besaß. Säule saß über Säule und Wand saß über Wand. Die Säulen wiesen nun einheitlich 24, durch Stege voneinander abgesetzte Kanneluren auf. Einige der columnae caelatae saßen auf großen kubischen, ebenfalls mit Relief verzierten Sockeln, ohne dass man deren Position am Bau genauer bestimmen könnte. Dem Gebälk fehlt wie seinem Vorgänger der in Kleinasien unübliche Fries. Laut Ausweis von Münzdarstellungen müssen nun riesige Giebel, die drei für kultische Zwecke genutzte Türen aufwiesen, die Fronten geschmückt haben. mini|hochkant|Columna caelata des Artemistempels (Tempel „E“) im British Museum, London Die Bauarbeiten wurden anscheinend nach 250 v. Chr. eingestellt, obwohl einige Bauglieder in Rohform belassen wurden. Antipatros von Sidon beschreibt den Tempel in seinen Epigrammen über die Sieben Weltwunder:

Römische Zeit