Thomas Samuel Kuhn (* 18. Juli 1922 in Cincinnati, Ohio; † 17. Juni 1996 in Cambridge, Massachusetts) war ein US-amerikanischer Physiker, Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker. Er gehört zu den bedeutendsten Wissenschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts.
In seinem Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions beschreibt Kuhn die Wissenschaft als eine Folge von ‚Phasen der Normalwissenschaft‘, unterbrochen von ‚wissenschaftlichen Revolutionen‘. Ein zentrales Konzept ist hierbei das Paradigma; ein Paradigmenwechsel () sei eine wissenschaftliche Revolution. Das Verhältnis von Paradigmen, zwischen denen eine Revolution liegt, bezeichnet Kuhn als inkommensurabel, was hier bedeutet: nicht mit dem gleichen (begrifflichen) Maß messbar.
Biographie Thomas KuhnKuhn ist eine Namensvariante des jüdischen Familiennamens Kohn (bzw. Cohn, Cohen, Kohen), siehe hierzu Max Gottschald: Deutsche Namenkunde. Unsere Familiennamen nach ihrer Entstehung und Bedeutung. 3. Auflage, München 1932, besorgt von Eduard Brodführer, Berlin 1954, S. 221 (Digitalisat). wurde 1922 in Cincinnati in eine jüdische Familie geboren. Seine Mutter war Minette Kuhn, geborene Stroock, und sein Vater Samuel Louis Kuhn (1894–1976).N. M. Swerdlow: Thomas S. Kuhn 1922–1996. National Academy of Sciences: Biographical Memoirs. A Biographical Memoir, 2013, auf nasonline.org S. 2Samuel Louis Kuhn (1894 - 1976). Genealogie der Familie Er hatte einen jüngeren Bruder Roger S. Kuhn.James A. Marcum: Thomas S. Kuhn (1922—1996). The Internet Encyclopedia of Philosophy (IEP) (ISSN 2161-0002), auf iep.utm.edu Fall memorial planned for Professor T.S. Kuhn. Publication Date:July 24, 1996. MIT News, auf news.mit.edu Sein Vater war als Ingenieur in der Industrie und seine Mutter als Korrektorin tätig. 1940 begann Thomas Kuhn an der Harvard-Universität, an der schon sein Vater studiert hatte, ein Studium der Physik. Während seines Studiums belegte er mehrere Kurse in Philosophie und Literatur und schrieb außerdem für die von Studenten herausgegebene Zeitung Harvard Crimson.
Nach seinem Bachelor im Jahr 1943 arbeitete er zunächst in einem Radar-Forschungslabor (Radio Research Laboratory) in Harvard. Dort war er als Theoretiker an Radar-Gegenmaßnahmen im Zweiten Weltkrieg beteiligt. 1944 wurde er in Großbritannien und im gerade von den West-Alliierten eroberten Nordfrankreich als Radartechniker eingesetzt. Im Herbst 1944 kehrte Thomas Kuhn nach Harvard zurück, wo er sein Studium fortsetzte: Er erhielt seinen Master und wurde 1949 bei dem späteren Nobelpreisträger John H. van Vleck in theoretischer Festkörperphysik promoviert.Paul Hoyningen-Huene: Thomas S. Kuhn 1997, S. 235f. (PDF; 2,1 MB)
Zu dieser Zeit war sein eigentlicher Mentor bereits der damalige Präsident von Harvard, James Bryant Conant. Conant wurde auf Kuhn wegen seines für einen Physiker ungewöhnlichen Engagements im Harvard Crimson und in einem literarisch-philosophischen Club aufmerksam. Auf Conants Initiative hin gab Kuhn bereits vor seiner Promotion einen Kurs in Wissenschaftsgeschichte. Die Arbeit an diesem Kurs beeinflusste Kuhn stark, so dass er sich gegen die Physik und für eine Laufbahn als Historiker und Philosoph entschied.
Von Conant vorgeschlagen, wurde Kuhn Mitglied der Society of Fellows in Harvard. Er beschäftigte sich dort mit der Geschichte der Wissenschaft, war aber immer an deren Auswirkungen auf die Philosophie interessiert.
Kuhn nahm 1956 eine Stelle als Assistenzprofessor für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte in Berkeley an, einige Jahre später wurde er zum ordentlichen Professor für Wissenschaftsgeschichte berufen. In Berkeley verfasste er unter anderem sein Hauptwerk The Structure of Scientific Revolutions (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen).
Das Buch – er selbst bezeichnet es als Essay – schrieb er anfangs als Teil der International Encyclopedia of Unified Science. Anstoß war die 1935 in Basel entstandene „fast unbekannte Monografie“ Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen TatsacheLudwik Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. [Basel 1935] Frankfurt am Main 1980. des polnischen Mikrobiologen Ludwik Fleck, die einige seiner Gedanken vorwegnimmt.Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 1967, S. 9, Vorwort. In diesem Werk, das wahrscheinlich von den grundlegenden Arbeiten Ludwik Flecks beeinflusst warzum möglichen Einfluss Flecks: Paweł Jarnicki, Hajo Greif: The 'Aristotle Experience' Revisited: Thomas Kuhn Meets Ludwik Fleck on the Road to Structure., Archiv für Geschichte der Philosophie. (June 8, 2022), 106 (2): 313–349. doi:10.1515/agph-2020-0160, auf philsci-archive.pitt.edu, argumentierte Kuhn, dass die Wissenschaft nicht durch eine lineare Ansammlung neuen Wissens voranschreitet, sondern periodischen Revolutionen unterliegt, eben den Paradigmenwechsel, in denen sich die Art der wissenschaftlichen Untersuchung innerhalb eines bestimmten Bereichs abrupt verändert.
1963 wurde Kuhn in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1974 in die American Philosophical Society, 1979 in die National Academy of Sciences und 1990 als korrespondierendes Mitglied in die British Academy. Von 1964 bis 1979 lehrte er an der Princeton University. Danach wechselte er ans Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er die Laurance S. Rockefeller-Professur für Philosophie innehatte, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1991 ausfüllte.Kuhn, Thomas S. In: Science in the Contemporary World: An Encyclopedia. ABC-CLIO, Santa Barbara 2005. Credo Reference. Abgerufen am 25. Mai 2011.
Im Jahr 1979 wurde Kuhn zum Mitglied der Leopoldina gewählt. Kuhn wurde 1982 mit der George-Sarton-Medaille ausgezeichnet, dem höchst renommierten Preis für Wissenschaftsgeschichte der von George Sarton und Lawrence Joseph Henderson gegründeten History of Science Society (HSS). 1983 erhielt er den John Desmond Bernal Prize der Society for Social Studies of Science.
Kuhn war seit 1948 verheiratet. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Nach der Scheidung 1979 kam es im Jahr 1982 zu einer zweiten Ehe. Thomas S. Kuhn starb 1996 im Alter von 73 Jahren an Krebs. Bis zu seinem Tod hatte er eine erweiterte Fassung seiner Ideen zur Wissenschaftstheorie unter dem Titel The Plurality of Worlds: An Evolutionary Theory of Scientific Discovery zu etwa zwei Dritteln fertiggestellt. Er beauftragte kurz vor seinem Tod die beiden Philosophen John Haugeland (verstorben 2010) und James Conant (ein Enkel des o. g. James Bryant Conant) mit der Herausgabe des Buchs. Das Buch wurde 2022 von Bodana Mladenovic unter dem Titel The Last Writings of Thomas S. Kuhn. Incommensurability in Science gemeinsam mit zwei bisher im Englischen unveröffentlichten Texten Kuhns herausgegeben.
Philosophie Kuhn äußert zu Beginn seines Buches die Erwartung, mit seiner Theorie das Bild (image) der Wissenschaften, so wie es bis dahin entworfen wurde, tiefgreifend zu verändern. Ian Hacking fasst dieses traditionelle Bild wie folgt zusammenIan Hacking (Hrsg.): Scientific Revolutions. Oxford UP, 1981, Einleitung, S. 1.: Wissenschaft sei realistisch (sie wolle ein wahres Abbild der realen Welt erzeugen) sie sei signifikant von Formen des Glaubens zu unterscheiden sammle ihre Erkenntnisse kumulativ unterscheide strikt zwischen Beobachtung und Theorie, sei jedoch auf Beobachtung und Experiment gegründet sie habe eine deduktive Struktur ihr Begründungszusammenhang sei strikt von den sozialen Umständen wissenschaftlicher Entdeckungen zu unterscheiden.
Kuhns Paradigmenbegriff Der Begriff des Paradigmas ist ein zentrales Element von Kuhns Philosophie, die er diesem Bild der Wissenschaft entgegensetzt. Während er ihn in The Structure of Scientific Revolutions noch sehr frei und in unterschiedlichen Bedeutungen benutzt, bemühte sich Kuhn in späteren Publikationen, den Begriff zu präzisieren.
Kuhn übernahm für seine Theorie den Ausdruck Paradigma aus der Linguistik. In Kuhns ursprünglicher Verwendung sind Paradigmen „konkrete Problemlösungen, die die Fachwelt akzeptiert hat“.Kuhn: The Essential Tension. 1959. Hiermit sind Beispiele wie die Lösung des Problems gemeint, wie eine Kugel auf einer schiefen Ebene herabrollt. Die Lösungen solcher Probleme werden Studierenden in Lehrbüchern erklärt. Solche allgemein akzeptierten Problemlösungen dienen als Anleitung, um andere Probleme zu lösen, indem man sie mit den schon gelösten Problemen analogisiert.
In The Structure of Scientific Revolutions erhalten Paradigmen zusätzlich eine globale Bedeutung: Nahezu alles, worüber in der Wissenschaft Konsens besteht, ist paradigmatisch. Gemäß dieser Begriffsausweitung können unter anderem auch ganze Theorien paradigmatisch sein. Kuhn wurde in den Folgejahren für diese philosophisch nicht unproblematische Aufweichung des Paradigmenbegriffes oft kritisiert. Allerdings ist die Allgemeinheit des Paradigmenbegriffs von Kuhn beabsichtigt. Dadurch vermeidet er im Gegensatz zu Karl Popper die methodologische Festlegung auf das, was Wissenschaft ist oder sein soll. Diese Festlegung erfolgt im Rahmen des Paradigmas selbst. Damit ist die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Metaphysik wie die zwischen Entdeckungs- und Begründungszusammenhang hinfällig.Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. 1967, S. 142.
Zu Beginn der 1970er Jahre änderte Kuhn seine Terminologie. Paradigmen im weiten Sinne bezeichnete er nunmehr als disziplinäre Matrix, während er konkrete Problemlösungen fortan Musterbeispiele nannte (allerdings gibt Kuhn den Begriff der disziplinären Matrix im Laufe der 70er Jahre wieder auf). Im Postskriptum zu Structure von 1969 heißt es zum Paradigmenbegriff:
Die Ausdrücke Paradigma und Paradigmenwechsel verwendete er nur noch selten. Sie waren inzwischen sowohl in der Rezeption wie auch von Kuhn selbst, und zwar schon sehr früh, abweichend vom ursprünglichen Wortsinne eines Modells in weiterem Sinne unpräzise für alles Mögliche verwendet worden, was tradiert wird und worüber Konsens unter arbeitenden Wissenschaftlern bestand.In einem Interview formulierte Kuhn 1995/97: „Paradigm was a perfectly good word, until I messed it up.“ („Paradigma war ein ganz und gar gutes Wort, bis zu dem Zeitpunkt, da ich es verhunzte.“) Kuhn: The road since structure. 2000, S. 298; vgl. auch die nachfolgenden Ausführungen mit Bezug u. a. auf M. Masterman, (online). – Zur ursprünglichen Bedeutung des Paradigmenbegriffs und zu seiner heutigen allgemeinen Verwendung siehe P. Hoyningen-Huene: Paradigma. In: Christian Bermes, Ulrich Dierse (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Philosophie des 20. Jahrhunderts. (= Archiv für Begriffsgeschichte. Sonderheft 6). Meiner, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1916-9, S. 279–289.
Vorparadigmatische Wissenschaft Die Existenz eines Paradigmas ist für Kuhn ein Zeichen reifer Wissenschaften, es ist allerdings nicht ein notwendiges Kriterium für Wissenschaftlichkeit. Kuhn bezeichnet vorparadigmatische Wissenschaft auch als Protowissenschaft.
Mangels anerkannter Musterbeispiele besteht für den Forscher in einer vorparadigmatischen Phase der Wissenschaft ein großer Freiraum in der Wahl seiner Experimente, so dass Wissenschaftler stark unterschiedliche Aspekte ihres Themengebietes untersuchen und die hierbei gefundenen Theorieansätze die Experimente anderer Forscher nicht zu erklären vermögen.
Auf diese Weise entstehen oft viele konkurrierende und inkompatible Ansichten unter Wissenschaftlern. Als Beispiel nennt Kuhn die Elektrizität, welche durch Reibungsphänomene oder natürliche Abstoßung und Anziehung erklärt und von wieder anderen als Flüssigkeit angesehen wurde, bevor zur Zeit Benjamin Franklins eine paradigmatische Theorie der Elektrizität entstand.