Theodizee [] (französisch théodicée, griechisch θεοδικία theodikía von altgriechisch theós ‚Gott‘ und díkē ‚Gerechtigkeit‘) heißt „Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“. Gemeint sind verschiedene Versuche einer Antwort auf die Frage, wie das Leiden in der Welt mit der Annahme zu vereinbaren sei, dass ein (zumeist christlich-monotheistisch aufgefasster) Gott sowohl allmächtig und allwissend als auch gut sei. Konkret geht es um die Frage, wie ein Gott oder Christus wissentlich das Leiden unter der Voraussetzung zulassen kann, da er doch die Omnipotenz („Allmacht“) und den Willen („Güte“) besitze, das Leiden zu verhindern. Die ursprünglich französische Bezeichnung théodicée (später deutsch „Theodizee“) geht auf den deutschen Philosophen und frühen Vordenker der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.Gottfried Wilhelm Leibniz: Essais de théodicée. I. Troyel, Amsterdam 1710 (Duden: Eintrag Theodizee,) Herkunft.
Der Hinweis auf das Leid als religiöse oder religionskritische Frage ist bereits in Kulturen der Antike, beispielsweise im alten China, in Indien, Iran, Sumer, Babylonien und Ägypten zu finden. Skeptische Philosophen der griechischen Antike argumentierten, dass der Demiurg (göttlicher Schöpfer) – wenn er existiere – in der Tat Übel verhindern müsse, und führten teils weitere Argumente zugunsten eines Agnostizismus oder Atheismus an.
Besonders ausgeprägt ist das Theodizeeproblem im Monotheismus. Nach moderner Theologie behandelt schon die Geschichte von Hiob aus dem jüdischen Tanach (christliches Altes Testament) die Frage, wie es sein könne, dass ein allmächtiger Gott dulde, dass guten Menschen Böses widerfahre.Im Judentum ist JHWH der Schöpfer von Gut und Böse, beispielsweise gibt es keine Personifizierung des Bösen, wie etwa im Christentum oder im persischen Dualismus (siehe dazu auch: Paulus von Tarsus), neben ihm.
Die klassische Frage der christlichen Theologie nach der Rechtfertigung Gottes stellte sich für viele religiöse abendländische Menschen in besonderer Weise nach den Schrecken des Holocaust (vgl. auch Theologie nach Auschwitz).
Problem Eine prägnante, oft zitierte philosophische Formulierung der Theodizee lautet:
Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?
Diese Argumentation wurde von dem lateinisch-afrikanischen Rhetoriklehrer und christlichen Apologeten Lactantius (ca. 250 bis nach 317) überliefert, der sie dem Philosophen Epikur zuschrieb;Laktanz: De ira dei. 13, 19 = Us. 374. allerdings zu Unrecht, denn sie ist nicht epikureisch, sondern ist wohl in Anlehnung an einen unbekannten skeptizistischen Philosophen formuliert worden – möglicherweise Arkesilaos oder Karneades.Reinhold F. Glei: Et invidus et inbecillus. Das angebliche Epikurfragment bei Laktanz (= De ira dei Band 13, 20–21). In: Vigiliae Christianae. Band 42, 1988, S. 47–58, letztere Konjektur S. 58 n. 38; Arthur Stanley Pease (Hrsg.): M. Tulli Ciceronis De natura deorum. Libri secundus et tertius. Cambridge (Mass.) 1958, S. 1232 f. Cicero hatte mit Berufung auf Poseidonios berichtet, Epikur habe die Götter ihrer Untätigkeit wegen geleugnet.Vgl. Cicero: De natura deorum. 1, 123 und Laktanz: De ira dei. 4, 7; nach R. F. Glei: Et invidus et inbecillus. Das angebliche Epikurfragment bei Laktanz. Band 57 n. 24. Der Skeptiker Sextus Empiricus hat im 2. Jahrhundert n. Chr. eine ähnliche, etwas ausführlichere Überlegung entwickelt, die davon ausgeht, dass Gott für alles sorgen müsste, wonach es kein Übel geben dürfte, es existiert aber Übel; die Konsequenz, dass demnach Gott (weil widersprüchlich) nicht existiert, wird nicht expliziert, ist aber offensichtlich impliziert.Pyrrhoneische Hypotyposen. 3.3.9–12; vgl. zur Stelle etwa R, F. Glei: Et invidus et inbecillus. Das angebliche Epikurfragment bei Laktanz. Band 53.Peter Knauer: Der Glaube kommt vom Hören. Ökumenische Fundamentaltheologie. Graz, Wien / Köln 1978, S. 55 f. Verkürzt findet sich das Problem auch beim spätantiken römischen Philosopen Boethius in seinem Werk Der Trost der Philosophie; dort heißt es: "Wenn es einen Gott gibt, woher dann das Böse (unde malum)? Woher aber das Gute, wenn es keinen Gott gibt (unde bonum)?"
Man kann die Theodizee als Widerspruch konstruieren, der sich aus der Annahme ergibt, dass es Übel in der Welt gibt und Gott existiert:
Gott existiert und es gibt Übel in der Welt. Wenn Gott existiert, dann ist Gott allmächtig. Wenn Gott allmächtig ist, dann kann Gott das Übel verhindern. Wenn das Übel existiert, dann kann Gott das Übel nicht verhindern. Wenn Gott existiert und das Übel existiert, dann kann Gott das Übel verhindern und nicht verhindern. (Widerspruch)
Ähnliche Argumente lassen sich ebenfalls für andere Eigenschaften Gottes konstruieren, d. h., wenn Gott allwissend ist, dann erkennt er das Übel, und wenn Gott allgütig ist, dann will er das Übel verhindern. Das Problem wird nicht wesentlich modifiziert, wenn der Bereich der relevanten Übel spezifisch qualifiziert wird. So rekonstruiert, muss nach üblicher Analyse mindestens eine der Aussagen im obigen Argument modifiziert oder negiert werden. Die nachfolgenden Lösungsansätze tun dies auf unterschiedliche Weise.
Lösungsansätze Übel als „Mangel an Gutem“ Schon der frühe christliche Kirchenlehrer und Philosoph Augustinus und später mittelalterliche Denker wie der Dominikaner Thomas von Aquin begründeten die Auffassung, das Übel habe kein eigenständiges Sein, sondern sei nur Mangel an Sein bzw. Mangel am Guten (privatio boni). Thomas nannte als Beispiel die Blindheit, die Entbehrung des Augenlichtes sei. Diese philosophische Position geht demnach von einem realen Mangel aus – im Gegensatz zu jener, die behauptet, das Leid bzw. das Übel sei für den davon Betroffenen nicht real.
Diese Privationstheorie hat eine „außerordentliche Erfolgsgeschichte“ hinter sich, schreibt der zeitgenössische Theologe Friedrich Hermanni. Vom 2. bis in das 17. Jahrhundert hinein sei sie in fast allen philosophischen Systemen unumstritten gewesen – zwischen den Kirchenvätern und den spätantiken Philosophen, zwischen Aristotelikern und Platonikern, zwischen Thomisten und Scotisten, zwischen Reformatoren wie Philipp Melanchthon und römisch-katholischen Dogmatikern wie Robert Bellarmin sei dies ein Punkt gewesen, in dem man sich einig war.
Im 17. Jahrhundert und bei einigen sogenannten Nominalisten im Universalienstreit bereits im 14. Jahrhundert wurde das Leiden hingegen als ein Seiendes – eine auf empirischen Feststellungen beruhende Tatsache – betrachtet. Daher komme dem Übel auch eine eigene Realität zu. Weiterhin wurde vorgebracht, dass auch ein bloßer Mangel an Gutem, der zu Leid führt, nicht mit der Allmacht und Allgüte Gottes zu vereinbaren sei.
Erklärungen für Übel werden in einem größeren Zusammenhang gesucht
Leibniz′ „beste aller möglichen Welten“ Nach der Monadologie von Gottfried Wilhelm Leibniz gibt es eine unendliche Anzahl möglicher Welten. Von diesen hat Gott nur eine geschaffen, nämlich die vollkommenste, „die beste aller möglichen Welten“. Leibniz argumentierte: Gottes unendliche Weisheit lasse ihn die beste unter allen möglichen Welten herausfinden, seine unendliche Güte lasse ihn diese beste Welt auswählen, und seine Allmacht lasse ihn diese beste Welt hervorbringen. Folglich müsse die Welt, die Gott hervorgebracht hat – also die tatsächlich existierende Welt –, „die beste aller möglichen Welten“ sein, und jede Form des Übels sei letztlich notwendig und erklärbar.Gottfried Wilhelm Leibniz: Die beste aller möglichen Welten. Zitiert in: Norbert Hoerster (Hrsg.): Glaube und Vernunft. Texte zur Religionsphilosophie (= dtv. Band 4338). DTV, München 1979, S. 93 ff.
Dagegen brachte der Philosoph Gerhard Streminger verschiedene Einwände vor. Schon in dem Begriff „beste Welt“ sah er eine Schwierigkeit: Dieser Begriff sei „unbestimmt, da sich bei der Endlichkeit alles Geschaffenen über jede bestimmte Welt hinaus noch eine bessere denken lässt, so wie […] über jede größte Zahl noch eine größere“.Gerhard Streminger: Gottes Güte und die Übel der Welt. Das Theodizeeproblem. Mohr, Tübingen 1992, ISBN 3-16-145889-3, S. 76.
Außerdem meinte Streminger, ohne Zusatzüberlegungen enthalte Leibniz’ Argumentation eine Petitio Principii: Leibniz stütze den Hauptsatz seiner Theodizee, dass die vorhandene Welt die beste aller möglichen sei, mit dem Hinweis auf die Weisheit und Güte Gottes. So werde das, was in der Theodizee erst noch zu beweisen sei, nämlich die Güte Gottes, bereits als erwiesen vorausgesetzt.
Der Philosoph Bertrand Russell bekundete „höchstes Erstaunen“ darüber, „dass Menschen glauben können, diese Welt mit allem, was sich darin befindet, und mit all ihren Fehlern sei das Beste, was Allmacht und Allwissenheit in Millionen von Jahren erschaffen konnten“. Er fragte: „Meinen Sie, wenn Ihnen Allmacht und Allwissenheit und dazu Jahrmillionen gegeben wären, um Ihre Welt zu vervollkommnen, dass Sie dann nichts Besseres als den Ku-Klux-Klan oder die Faschisten hervorbringen könnten?“Bertrand Russell: Warum ich kein Christ bin. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-499-16685-2, S. 23.
Eine weithin bekannte Antwort auf Leibniz’ Lösungsvorschlag ist Voltaires satirische Novelle Candide oder der Optimismus.
Kontraste und ihr Nutzen „Im Wege des Kontrastes und der Ergänzung“ leisteten Übel „zum optimalen Gesamtbild dieser Welt einen unverzichtbaren Beitrag“, so beschreibt der Philosoph Norbert Hoerster einen anderen Lösungsansatz.Norbert Hoerster: Die Frage nach Gott (= Beck’sche Reihe Wissen. Band 1635). Beck, München 2005, ISBN 3-406-52805-8, S. 96.
Die Gegenüberstellung von Gegensätzen verschöne die Rede, erklärte Kirchenlehrer Augustinus, um fortzufahren: „so bewirkt die göttliche Redekunst, die statt der Worte sich der Dinge bedient, durch dieselbe Gegenüberstellung von Gegensätzen die Schönheit des Weltalls.“Norbert Hoerster (Hrsg.): Glaube und Vernunft. Texte zur Religionsphilosophie Philipp Reclam junior, Stuttgar 1988, ISBN 3-15-008059-2, S. 108. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz meinte: „Da aber die göttliche Weisheit … das erwählen mußte, was den besten Zusammenklang ergab und das Laster durch diese Pforte eingetreten ist: so wäre Gott nicht vollkommen gut, nicht vollkommen weise gewesen, wenn er es ausgeschlossen hätte.“G. W. Leibniz: Die Theodizee. 1710, Hamburg 1968, S. 188; zitiert nach Gerhard Streminger: Gottes Güte und die Übel der Welt. Mohr, Tübingen 1992, ISBN 3-16-145889-3, S. 85.
Zu Argumenten dieser Art meint der Philosoph Gerhard Streminger: „Selbst wenn im ästhetischen Bereich häßliche Teile zu einem Gesamtschönen zusammengefügt werden können, so ist nicht einzusehen, daß ein gütiger Gott Menschen wie Figuren in einem Schachspiel behandeln sollte – und nicht wie Individuen mit eigenen Antrieben. Menschen besitzen einen Eigenwert und nicht bloß einen Wert in einem übergeordneten Rahmen“, und: „Es existiert keine Analogie zwischen schön und gut. […] die Behauptung, das Vollkommene werde durch Leid erhöht, ist spätestens dann voll Lebensverachtung, wenn dieses Leid über ein gewisses Maß an Stärke und Quantität hinausgeht.“ Eine „christliche Theodizee“, erklärt Streminger, „muß um die moralische Persönlichkeit zentriert sein und nicht um die Idee der Schönheit des ganzen Universums; ihr entscheidender Grundsatz muß ethisch und kann nicht ästhetisch sein.“Gerhard Streminger: Gottes Güte und die Übel der Welt. Tübingen 1992, S. 93, 94 und 103.