mini|hochkant=0.9|Beispiel einer Brauch­tums­tradi­tion: wandernde Gesellen

Tradition (von „hinüber-geben“ oder „Übergabe, Auslieferung, Überlieferung“) bezeichnet die Weitergabe (das Tradere) von Handlungsmustern, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen oder Anderem oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, beispielsweise in Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten). Tradition geschieht innerhalb einer Gruppe oder zwischen Generationen und kann mündlich oder schriftlich über Erziehung, Vorbild oder spielerisches Nachahmen erfolgen.

Die soziale Gruppe wird dadurch zur Kultur oder Subkultur. Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind. Dazu gehören einfache Handlungsmuster wie der Gebrauch von Werkzeugen oder komplexe wie die Sprache. Die Fähigkeit zur Tradition und damit die Grundlage für Kulturbildung beginnt bei Tieren, wie beispielsweise Krähen oder Schimpansen, und kann im Bereich der menschlichen Kulturbildung umfangreiche religiös-sittliche, politische, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Systeme erreichen, die durch ein kompliziertes Bildungssystem weitergegeben wurden. Tradition kann ein Kulturgut sein.

Aus dem Wort Tradition werden zwei Adjektive abgeleitet: In der Gemeinsprache wird in der Regel nur der Ausdruck traditionell verwendet. Semantisch korrekt wird damit etwas bezeichnet, das auf einer älteren Geschichte aufbaut, das jedoch nicht unverändert weiterhin gültig ist. Soll diese auf die Zukunft projizierte Gültigkeit konkret enthalten sein, spricht man in der Bildungssprache von traditional.Andreas Körber: Noch einmal Sinnbildungsmuster: „traditional“ vs. *„traditionell“. In: Historisch Denken Lernen / Learning to Think Historically. Universität Hamburg, Fakultät für Erziehungswissenschaft, 16. Februar 2015, abgerufen am 9. Februar 2019.

Der sichtbare Ausdruck der Traditionen einer Ethnie oder eines indigenen Volkes wird als Folklore bezeichnet (siehe auch Folklorismus).

Zwei Hauptbedeutungen Die Redeweise „Es ist Tradition, dass …“ bezieht sich in der Regel auf das Überlieferte (traditum), häufig im Sinne von „Es ist seit langer Zeit üblich, dass …“. Umgangssprachlich seltener wird mit Tradition der Überlieferungsvorgang an sich (tradere) bezeichnet. Zur Unterscheidung wird im Deutschen manchmal von „Tradition“ im Sinne von traditum und „Tradierung“ entsprechend dem tradere gesprochen. Diese Unterscheidung verweist auf zwei Hauptbedeutungen von Tradition: kulturelles Erbe Tradierung Forschungen zum Begriff und zum Verhältnis der beiden Hauptbedeutungen fallen in den Bereich der Traditionstheorie (siehe unten).

Tradition im Sinne eines kulturellen Erbes mini|hochkant=0.9|Tradition alter, bäuerlicher Techniken: Dreschen mit dem Dreschflegel mini|hochkant=0.9|Das Wiederauflebenlassen eines historischen Ereignisses, wie es von den Einwohnern Visbys jährlich bei der „Medeltidsveckan“ geschieht, ist keine Tradition, sondern Living History, eine moderne Erscheinung

Unter Tradition wird in der Regel die Überlieferung der Gesamtheit des Wissens, der Fähigkeiten sowie der Sitten und Gebräuche einer Kultur oder einer Gruppe verstanden. Nach Hans Blumenberg besteht Tradition daher nicht aus Relikten, also dem aus der Geschichte übrig Gebliebenen, sondern aus „Testaten und Legaten.“Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a. M., 1981, S. 375. Tradition ist in dieser Hinsicht das kulturelle Erbe (Legat), das in Arbeits- und Kommunikationsprozessen von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Wissenschaftliches Wissen und handwerkliches Können gehören ebenso dazu, wie Rituale, künstlerische Gestaltungsauffassungen, moralische Regeln und Speiseregeln. Traditionen im Sinne von Brauchtum und kulturellem Erbe begegnen beispielsweise bei Hochzeiten, Dorffesten und im Zusammenhang mit kirchlichen Feiertagen. Auch Alltagsgesten bei Begrüßung und Verabschiedung sind Brauchtumstraditionen. Die Ethnologie untersucht, wie solches Brauchtum konkret entsteht und tradiert wird.

Im deutschsprachigen Raum wird in mancherlei Variationen gern der Aphorismus zitiert: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Er soll von Thomas Morus oder anderen Geistesgrößen stammen oder jedenfalls verwendet worden sein.Irrwege einer Metapher, Wiener Zeitung, 10. Juni 2017. Die Version „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche“ wird fälschlich Gustav Mahler zugeschrieben.

Belege werden dafür regelmäßig nicht präsentiert und sind auch sonst nicht zu finden. Die Gegenüberstellung: Bewahrung der Asche oder der Flamme, benutzte allerdings schon John Denham in seinem Gedicht To Sir Richard Fanshaw, upon his TranslationIl pastor fido The faithfull shepherd: a pastorall / written in Italian by Baptista Guarini, a Knight of Italie; and now newly translated out of the originall. London: Printed by R. Raworth, 1647, lib.umich.edu of Pastor Fido. Denham vergleicht dort eine poesielose, an den Worten klebende Übersetzung Wort für Wort und Zeile für Zeile mit Fanshaws lebendiger, sinngemäßer Übertragung im Geist des Originals: „That servile path thou nobly dost decline Of tracing word by word, and line by line.[…] A new and nobler way thou dost pursue To make translations and translators too. They but preserve the ashes, thou the flame, True to his sense, but truer to his fame:“Poems and translations with the Sophy / written by the Honourable Sir John Denham, Knight of the Bath. London: Printed for H. Herringman …, 1668. p. 120 lib.umich.edu.

Das Bremer Sonntagsblatt. Organ des Künstlervereins brachte am 12. Mai 1861 unter der Überschrift Englische Dichtungen eine Verdeutschung von Georg Pertz: Nicht sclavisch hebst du Deines Dichters Schatz, Ihm folgend Wort für Wort und Satz für Satz; […] Die neue, edl’re Bahn erschlossest du Der Kunst, stolz rufend ihren Jüngern zu: „Nicht Asche — wahrt der Flamme Heiligthum! Seid treu dem Dichter — mehr noch seinem Ruhm!“

Darunter folgten Übertragungen Pertz’ „nach Th. Moore“.Bremer Sonntagsblatt 12. Mai 1861, S. 152 books.google Dies könnte dazu beigetragen haben, dass später, als jemand die Asche/Flamme-Metapher von Übersetzungen auf Traditionspflege übertrug, irrtümlich Thomas Morus zu ihrem Urheber avancierte.

Tradition im Sinne von Tradierung Seltener bezeichnet Tradition die Tradierung, also den Prozess der Überlieferung selbst, auch wenn in systematischer Hinsicht der Traditionsprozess die Grundlage für die Tradition als kulturelles Erbe bildet. Die ältere Traditionstheorie hat den Traditionsprozess als einen Vorgang beschrieben, bei dem ein Tradent einem Empfänger etwas überliefert. Neuere Ansätze kritisieren diese Auffassung als zu starke Vereinfachung. So wie das schlichte Sender-Empfänger-Modell in der Kommunikationstheorie tatsächliche Kommunikation unsachgemäß beschreibt, ist das vergleichbare Tradent-Empfänger-Modell unzulänglich. Die Entdeckung des Subjekts in der Neuzeit macht es nach dieser Auffassung nötig, eine Wechselbeziehung anzunehmen, wie es beispielsweise der Kultursoziologe Stuart Hall für das Sender-Empfänger-Modell vorgeschlagen hat. Der vormalige „Empfänger“ wird als aktiver Teil von Traditionsprozessen verstanden (Tradent-Akzipient-Modell)Karsten Dittmann: Tradition und Verfahren, Norderstedt 2004 (Online-Fassung, Kapitel 12), ISBN 3-8334-0945-2. Abgerufen am 9. Februar 2019..

Traditionstheorien in den Kultur- und Geisteswissenschaften Traditionstheorien gibt es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen: In der Ethnologie, der Volkskunde, der Soziologie, der Philosophie, der Theologie, der Literaturwissenschaft und der Rechtswissenschaft. Dabei konzentrieren sich die einzelnen Wissenschaften jeweils auf Teilaspekte des Phänomens Tradition. Bislang liegt kein Ansatz für eine systematisch entwickelte Traditionstheorie vor.

Soziologie Da Tradition zu den Grundlagen des sozialen Lebens und Handels gehört, hat sich insbesondere die Soziologie mit dem Phänomen Tradition befasst. Robert Spaemann sieht im Französischen Traditionalismus gar eine der Wurzeln der Soziologie selbst.Robert Spaemann: Der Ursprung der Soziologie aus dem Geist der Restauration. Studien über L.G.A. de Bonald, ISBN 3-608-91921-X In jedem Fall hat die soziologische Auseinandersetzung mit der Tradition die geistes- und kulturwissenschaftlichen Diskussionen insgesamt geprägt. Insbesondere Max Webers Verständnis von Tradition als einem von vier Grundtypen sozialen Handelns ist wirkungsgeschichtlich kaum zu überschätzen. Weber grenzt die Orientierung an Tradition von der zweck- und wertrationalen Orientierung des Handelns ab.Max Weber: Soziologische Grundbegriffe, § 2 Bestimmungsgründe sozialen Handelns: „Das streng traditionale Handeln steht … ganz und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man ‚sinnhaft‘ orientiertes Handeln überhaupt nennen kann.“ Er greift damit ein Traditionsverständnis auf, das am Ende des 19. Jahrhunderts vorrationale Tradition und rational orientierte Moderne gegenüberstellt. Diese Gegenüberstellung ist auch die Folge einer kritischen Abwendung vom Traditionsverständnis des Traditionalismus.

Neben seinem Versuch, den Traditionsbegriff mit vier Grundtypen sozialen Handelns greifbar zu machen, formuliert Weber gleichsam eine Theorie der politischen Herrschaft, wobei er zwischen charismatischer, rationaler, legaler und traditioneller Herrschaft unterschied.Daniel Ursprung: Herrschaftslegitimation zwischen Tradition und Innovation. Kronstadt 2007, S. 27 ff., ISBN 3-929848-49-X. Hierbei knüpfte er den Begriff der Tradition eng an eine herrschende Einzelperson, die über einen von ihm abhängigen Verwaltungsstab verfügt. Merkmal der auf Tradition beruhenden Herrschaft sei Weber zufolge, dass die politische Ordnung primär auf überliefertem Wissen beruhe, auf persönlichem Gehorsam basiere und – im Gegensatz zur charismatischen Herrschaft – einen alltäglichen Charakter habe.

Laut Samuel Eisenstadt ist das Traditionsverständnis von Max Weber nur bedingt geeignet, das Phänomen der Überlieferung und Übernahme zwischen den Generationen und den Einfluss auf die Bildung sozialer Gruppen angemessen zu beschreiben. Wäre es so, dass der Modernisierungsprozess das Überkommene allmählich abstreift, müsste dieses Phänomen weltweit zu beschreiben sein. Tatsächlich biete der Modernisierungsprozess aber ein differenziertes Bild: Zum Teil würden Traditionen von modernen Entwicklungen und Auffassungen abgelöst (Traditionsabbruch), zum Teil gerieten Moderne und Tradition in einen unüberwindbaren Konflikt (Traditionalismus, Fundamentalismus), zum Teil bestünden Tradition und Moderne konfliktlos nebeneinander oder ergänzten sich sogar (Alternativmedizin). Wie wenig sich die Begriffe ausschließen, zeige sich aber insbesondere daran, dass Modernität selbst zu einer neuen „großen Tradition“Shmuel N. Eisenstadt: Tradition, Wandel und Modernität. 1979, S. 227, ISBN 3-518-57901-0. geworden ist. Statt Tradition als vormodern zu betrachten, was zu kurz greifen würde, gilte es darum, die soziale Funktion der Tradition auch in modernen und post-modernen Gesellschaften zu beschreiben. Für Anthony Giddens besteht diese Funktion darin, das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft zu organisieren.Anthony Giddens: Tradition in der post-traditionalen Gesellschaft. Soziale Welt 44/1993, S. 445–485.