mini|Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama, 2012
Tenzin Gyatso (geb. als Lhamo Döndrub ( / lha mo don 'grub) 6. Juli 1935 in Taktser, Provinz Amdo, Osttibet) ist der 14. Dalai Lama der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus und Befürworter der Rime-Bewegung. Seit seiner Inthronisierung 1940 (weltlich 1950) war er, wie viele seiner Vorgänger, Oberhaupt der tibetischen Regierung. 2011 trat er von seinen politischen Ämtern zurück und gilt seither nur noch als geistliches Oberhaupt der Tibeter.
1989 wurde er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Sein formeller Titel lautet auf Deutsch, in Anlehnung an vergleichbare religiöse Würdenträger, Seine Heiligkeit oder Eure Heiligkeit bei direkter Anrede. Tibeter nennen ihn Kundün (tibetisch „Gegenwart“), Yishi[n] Norbu (tibetisch „Wunscherfüllendes Juwel“) oder Gyelwa Rinpoche.
Leben Kindheit und Jugend mini|Tenzin Gyatso im Alter von fünf Jahren
Tenzin Gyatso ist der Mönchsname des jetzigen Dalai Lama. Er wurde am 6. Juli 1935 mit dem Namen Lhamo Döndrub in Taktser, einem Dorf in der tibetischen Provinz Amdo im Nordosten Tibets, als zweiter Sohn der Bauernfamilie Dekyi Tshering und Chökyong Tshering geboren. Seine Mutter brachte insgesamt 16 Kinder zur Welt, von denen sieben die Kindheit überlebten. Tenzin Gyatso hat vier Brüder – Thubten Jigme Norbu (Reinkarnation des Taktser Rinpoche), Gyalo Thöndrup, Lobsang Samten und Tenzin Chögyel – sowie zwei Schwestern: Tsering Dolma und Jetsün Pema. Von seinen Geschwistern ist nur noch seine Schwester Jetsün Pema am Leben.
Im Alter von knapp zwei Jahren wurde er von vier Mönchen anhand einer Vision des Regenten, von Orakelsprüchen und anderen Vorzeichen als Wiedergeburt des 1933 verstorbenen XIII. Dalai Lama aufgefunden. Berichtet wird, dass das Kleinkind sowohl einen als Diener verkleideten hohen Lama spontan als „Lama aus dem Kloster Sera“ erkannte als auch etliche Gegenstände aus dem Besitz des 13. Dalai Lama, die neben ähnlichen aufgelegt waren, als sein Eigentum an sich nahm.
Lhamo Döndrub musste zunächst vom Provinzgouverneur durch erhebliche Bestechungssummen freigekauft werden, was nahezu zweijähriger Verhandlungen bedurfte. Er kam im Alter von etwa vier Jahren in Lhasa an, wo er im Rahmen des Neujahrsfestes Losar am 22. Februar 1940 im Potala-Palast als 14. Dalai Lama durch die Sitringasol-Zeremonie inthronisiert wurde. Sein neuer Name lautete Jetsün Jampel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso – „Heiliger Herr, gütiger Herr, mitfühlender Verteidiger des Glaubens, Ozean der Weisheit“. Tibeter sprechen vom Dalai Lama normalerweise als Yishin Norbu („alle Wünsche erfüllender Edelstein“) oder einfach als Kundün (Gegenwart).
mini|Ehemaliger Thron von Tenzin Gyatso im Potala-Palast, Lhasa
Von 1946 bis 1950 hielt sich der österreichische Bergsteiger Heinrich Harrer in Lhasa auf und freundete sich ab 1948 mit dem jungen Dalai Lama an, für den er filmte, fotografierte und den er in der westlichen Form des RechnensIn Tibet nutzte man damals den Abakus, und Harrer berichtet, mit der westlichen Methode häufig langsamer gewesen zu sein. sowie in Englisch und GeografieHarrer war von seiner Ausbildung her Gymnasiallehrer für Sport und Geographie. unterwies.
Am 17. November 1950 wurde dem damals 15-jährigen Dalai Lama die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen; er musste sich aber angesichts der offenbar aussichtslosen Lage unter der Bedrohung Tibets durch die Volksrepublik China zu dieser Zeit mitsamt seinem Regierungsstab unverzüglich nach Dromo, unmittelbar an der indischen Grenze, in Sicherheit bringen. Harrer begleitete ihn noch bis März 1951 und brach dann nach Europa auf. Der Dalai Lama kehrte im Sommer nach Lhasa zurück, um gemäß einem Abkommen mit den Chinesen seine religiösen Funktionen wieder aufzunehmen.
Seit seiner Jugend interessiert sich Gyatso für das Uhrmacherhandwerk; er begann aus Interesse an Uhren, diese auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen.
Abkommen mit der Volksrepublik China Am 23. Mai 1951 unterzeichneten Vertreter der tibetischen Regierung in Peking das „17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“, mit dem Tibet innenpolitische Autonomie und Religionsfreiheit zugesichert werden sollte, die Vertretung in der Außenpolitik, im Außenhandel sowie in militärischen Angelegenheiten aber von der Regierung der Volksrepublik China beansprucht wurde. Am 24. Oktober 1951 wurde nach einem entsprechenden Beschluss der tibetischen Nationalversammlung in Lhasa die Zustimmung Tenzin Gyatsos an Mao Zedong und die Regierung der Volksrepublik China telegrafiert. Er selbst erklärte dazu später, er habe dem Abkommen nur zugestimmt, um sein Volk und das Land „vor der völligen Zerstörung zu bewahren“.Facts About The 17-Point „Agreement“ Between Tibet and China (PDF-Datei; 2,7 MB), Part One: „The 17-Point Agreement“ – The full story as revealed by the Tibetans and Chinese who were involved. DIIR Publications 2001 Dem Abkommen vorausgegangen war der Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in der osttibetischen Provinz Chamdo.
Im Jahr 1954 reiste Tenzin Gyatso auf Einladung der Regierung der Volksrepublik China und gegen den Widerstand der Äbte von Sera, Drepung und Ganden mit einem Gefolge von fast 500 Personen nach Peking.Melvyn Goldstein: A History of Modern Tibet. The Calm Before the Storm: 1951–1955. University of California Press 2007, ISBN 0-520-24941-0, S. 478; Patricia Cronin Marcello: The Dalai Lama. A Biography. Greenwood 2003, ISBN 0-313-32207-4, S. 73. Konservative Kräfte des tibetischen Adels und Klerus befürchteten, dass der Dalai Lama in Peking gegen ihre Interessen beeinflusst werden könnte.Melvyn Goldstein: A History of Modern Tibet. The Calm Before the Storm: 1951–1955. University of California Press 2007, ISBN 0-520-24941-0, S. 479. Im September 1954 wurde er zum Abgeordneten und danach zum stellvertretenden Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses gewählt.Jin Hui etc. (Hrsg.): Dokumente und Illustrationen zur Sozialgeschichte Tibets. China Intercontinental Press, Peking 1995, ISBN 7-80113-026-X, S. 42. Der Dalai Lama überreichte Mao Zedong Geschenke und schrieb eine Hymne an ihn, in der er Mao Zedong u. a. mit Brahma verglich.A. Tom Grunfeld: The Making of Modern Tibet. M. E. Sharpe 1996, ISBN 1-56324-714-3, S. 116; deutsche Übersetzung in Anna Louise Strong: Tibetische Interviews. Verlag Neue Welt, Peking 1961 (Titel der Originalausgabe: Tibetan Interviews. Deutsch von Senta Lewin), S. 78; Tibetisches Original, chinesische und englische Übersetzung in: Xīzàng zìzhìqū dàng’ànguǎn (Hrsg.): Xīzàng lìshǐ dàng’àn huìcuì . Wénwù chūbǎnshè 文物出版社, Peking 1995, ISBN 7-5010-0876-0. Die chinesische Regierung finanzierte den Bau des Palastes Tagten Migyur Phodrangrtag brtan mi ’gyur pho brang / Dádàn Míngjiǔ Pōzhāng . für den 14. Dalai Lama auf dem Gelände des Norbulingka. Der Palast wurde 1956 fertiggestellt.Gyurme Dorje: Tibet Handbook. Footprint 1999, ISBN 1-900949-33-4, S. 108; Kai Nieper, Hans-Wilm Schütte: China. Dumont 2004, ISBN 3-8297-0117-9, S. 128.
Im Winter besichtigte der 14. Dalai Lama weitere chinesische Städte, 1955 feierte er das tibetische Neujahr in Peking und gab aus diesem Anlass ein Bankett für Mao Zedong, Zhou Enlai, Liu Shaoqi und Zhu De.Patricia Cronin Marcello: The Dalai Lama. A Biography. Greenwood 2003, ISBN 0-313-32207-4, S. 76.
Im April 1958 wurde das Vorbereitungskomitee des Autonomen Gebiets Tibet gegründet und der 14. Dalai Lama wurde zum Vorsitzenden des Komitees gewählt.Dokumente und Illustrationen zur Sozialgeschichte Tibets. China Intercontinental Press, Peking 1995, ISBN 7-80113-026-X, S. 42.
Flucht und Exil Während des Tibetaufstands verließ Tenzin Gyatso am 17. März 1959 seinen Sommerpalast Norbulingka und floh nach Indien. Dort hatte er kurz zuvor den Gelehrtengrad Geshe erlangt, nachdem er sich in philosophischen Debatten mit Lehrern der Klöster Drepung, Ganden und Sera bewährt hatte.
Am 3. April 1959 informierte Jawaharlal Nehru das indische Parlament darüber, dass er dem Dalai Lama, seiner Familie und den Begleitern Asyl gewährte. Als erster Aufenthaltsort wurde Gyatso Tezpur zugewiesen, wohin er am 18. April aufbrach. Bald folgte eine weitere Verlegung nach Masuri.Mayank Chhaya: Dalai Lama: The Revealing Life Story and His Struggle for Tibet. S. 110, 111 Schließlich wurde er nach Dharamsala (Himachal Pradesh) beordert, wo er bis heute residiert.
Vor der Flucht war das Nechung-Orakel befragt worden, mit dem Ergebnis, „der Dalai Lama solle Tibet verlassen“.
Beziehungen zum Westen mini|hochkant|Wien, 2012
Kultureller Dialog Neben früheren politischen Aktivitäten setzt sich der 14. Dalai Lama stets intensiv für den friedfertigen, konstruktiven und mitfühlenden Dialog der Menschen ein. Dazu veranstaltete er Vortragsreisen rund um den Globus und gab Schriften heraus, in denen die differenzierten Vorstellungen der tibeto-buddhistischen Religion zu Fragen der Lebenspraxis, zur Natur des menschlichen Bewusstseins und weiteren existenziellen Fragen erläutert werden.
Der Dalai Lama gilt als Freund des Christentums und war oftmals Gast im Vatikan; freundschaftlich verbunden war er mit Papst Johannes Paul II.
mini|Treffen am 15. Juni 2016 mit Barack Obama im Map Room des Weißen Hauses in Washington
Wegen seines regen Interesses an wissenschaftlichen Themen und der Zusammenarbeit mit dem nordamerikanischen Rechtsanwalt Adam Engle und dem chilenischen Neurobiologen und Philosophen Francisco Varela entstand 1990 das in den USA ansässige Mind and Life Institute. Der Dalai Lama ist nach eigener Aussage davon überzeugt, dass Wissenschaft und die buddhistischen Thesen absolut vereinbar sind.
Im Oktober 2002 nahm Tenzin Gyatso in München am Wissenschaftskongress „Unity in Duality – Einheit in der Dualität“ – gemeinsam mit neun Wissenschaftlern verschiedener Länder aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen teil: z. B. für den Bereich Pharmazie Candace B. Pert, Pharmakologin, USA; im Bereich Astrophysik Trịnh Xuân Thuận, Astrophysiker geb. Vietnam; für die biochemische Fachrichtung Rupert Sheldrake, England; im Bereich Psychologie Jean Shinoda Bolen, Psychiaterin und Jung’sche Analytikerin, USA; der philosophische Bereich vertreten durch Marit Rullmann, Projektmanagerin der lokalen Agenda 21, Deutschland; für die neurobiologische Fachrichtung Humberto Maturana Biologe, im Kontext von Neuroanatomie, Neurobiologie, Chile. Formuliert wurde letztlich, dass das dualistische Weltbild der Wissenschaft nicht im Widerspruch zu dem Gedanken einer aller Erfahrungen zu Grunde liegenden Einheit stehen müsse. Dieses Treffen gilt als wichtige Station im Dialog von buddhistischer Lehre und westlicher Wissenschaft.Info zum Wissenschaftskongress Einheit in der Dualität
Der gegenwärtige Dalai Lama besucht im Westen buddhistische Schulen und gibt dort in regelmäßigen Abständen Einweisungen in die buddhistische Lehre und Rituale.
Neben der moralischen Autorität hat der 14. Dalai Lama im Westen vor allem den Status eines „Botschafters des Friedens“. Für seine Bemühungen, mit friedlichen Mitteln auf die Lage in seinem Heimatland Tibet aufmerksam zu machen, wurde ihm 1989 der Friedensnobelpreis verliehen.
Unterstützung der tibetischen Exilregierung durch die CIA