Der Speckberg ist eine bedeutende archäologische Fundstelle bei Meilenhofen im Gebiet des Marktes Nassenfels im oberbayerischen Landkreis Eichstätt. Die auf einem Felsvorsprung über dem Tal der Schutter gelegene Freilandfundstelle wurde vom Mittelpaläolithikum bis in nachpaläolithische Zeiträume wiederholt aufgesucht. Besondere Bedeutung besitzt sie aufgrund der außerordentlich großen Zahl mittel- und jungpaläolithischer Steinartefakte sowie wegen ihrer Stellung als eine der wenigen großflächig untersuchten paläolithischen Freilandfundstellen Süddeutschlands.
Bei den Ausgrabungen wurden insgesamt mehr als 300.000 Steinartefakte geborgen.Bayerisches Landesamt für Umwelt: Ehem. Steinbruch am Speckberg W der Speckmühle, Geotop-Nr. 176A031, UmweltAtlas Bayern, Stand 2026. Der Landkreis Eichstätt bezeichnet den Speckberg als die „größte und bestuntersuchte altsteinzeitliche Freilandfundstelle in Bayern“.Landkreis Eichstätt: Historisches Gedächtnis – Archäologie im Landkreis Eichstätt, Abschnitt zum Speckberg bei Nassenfels. Neben mittelpaläolithischen Fundkomplexen liegen jungpaläolithische und mesolithische Funde vor. Das Areal ist außerdem als neolithischer Siedlungsplatz nachgewiesen.Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalliste Markt Nassenfels, Bodendenkmal D-1-7133-0339: „Freilandstation des Paläo- und Mesolithikums, Siedlung des Neolithikums“, Stand 17. Februar 2026.
Lage und Geologie Der Speckberg liegt westlich der Speckmühle auf einem nach Südwesten in das Schuttertal vorspringenden Felsen. Sein höchster Punkt erreicht etwa 405 Meter über Normalnull und liegt rund 15 Meter über dem heutigen Talboden. Das westliche Plateau ist bewaldet, während die nach Osten zur Speckmühle abfallenden Bereiche landwirtschaftlich genutzt werden. Die Schutter verläuft unmittelbar am Fuß des Südhangs.Berrin Çep: Die mittelpaläolithischen Steinartefakte des Speckbergs bei Meilenhofen. Ein Beitrag zur Frage der Inventarausprägungen in Höhlen- und Freilandstationen im Mittelpaläolithikum Süddeutschlands. Dissertation, Universität Tübingen 2000, S. 31.
Geologisch besteht der Speckberg aus Kalksteinen der höheren Mörnsheimer Schichten des Oberjuras. In ehemaligen Steinbrüchen an der Südseite sind Bank-, Massen- und Plattenkalke aufgeschlossen. Teile dieser Kalke sind stark verkieselt. Die dabei entstandenen Hornsteine bildeten bereits im Paläolithikum ein wichtiges Rohmaterial für die Herstellung von Steingeräten.Çep 2000, S. 39–41.
Der örtliche Jurahornstein tritt sowohl in Form von Knollen und Fladen als auch in plattigen Varianten auf. Weitere Hornsteinvorkommen befinden sich wenige Kilometer um den Speckberg, unter anderem zwischen Nassenfels und Wolkertshofen sowie im Bereich des Biestenharter Forstes. Die Tübinger Prähistorikerin Berrin Çep konnte durch Geländebegehungen zeigen, dass ein großer Teil der verwendeten Jurahornsteine wahrscheinlich aus einem Umkreis von nur zwei bis drei Kilometern stammt.
Forschungsgeschichte Die Fundstelle wurde 1961 durch den Lehrer und Heimatforscher Oswald Böhme als urgeschichtlicher Fundplatz erkannt. Anlass war unter anderem die Entdeckung eines Faustkeils. 1963 führte die Prähistorische Staatssammlung München unter Leitung von H. P. Uenze eine Sondagegrabung durch. 1964 folgte eine Probegrabung unter Hansjürgen Müller-Beck, an die sich größere Grabungskampagnen 1966, 1967 und 1969 anschlossen.Çep 2000, S. 31–32.
Die Untersuchungen erfassten Außenbereiche des Felsens, Hangschutt und vor allem das Plateau. Insgesamt wurden etwa 370 m² ausgegraben. Die Erhaltung der Fundschichten hängt eng mit der starken Verkarstung des Felsuntergrundes zusammen. Sedimente und Artefakte konnten sich vor allem in Mulden, Felsspalten und anderen Vertiefungen erhalten, während sie auf höher gelegenen Bereichen leichter erodiert wurden. Die größte Fundkonzentration lag in der sogenannten Westmulde beziehungsweise auf dem Westplateau.
Die mittelpaläolithischen Artefakte konzentrieren sich besonders im westlichen Bereich des Plateaus auf einer Fläche von ungefähr 100 m². Nach Süden dünnt die Fundstreuung deutlich aus.
Die jungpaläolithischen Funde wurden von Joachim Hahn bearbeitet und 1982 monographisch veröffentlicht.Joachim Hahn: Der Speckberg bei Meilenhofen. Teil II: Archäologie des Jungpaläolithikums. Kataloge der Prähistorischen Staatssammlung 20, Laßleben, Kallmünz/Opf. 1982, ISBN 3-7847-5120-2. Eine umfassende Neubearbeitung des mittelpaläolithischen Steinmaterials legte Berrin Çep im Jahr 2000 als Dissertation an der Universität Tübingen vor.Berrin Çep: Die mittelpaläolithischen Steinartefakte des Speckbergs bei Meilenhofen. Ein Beitrag zur Frage der Inventarausprägungen in Höhlen- und Freilandstationen im Mittelpaläolithikum Süddeutschlands. Dissertation, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Tübingen 2000.
Zum 50. Jahrestag der Entdeckung erschien 2011 eine von Karl Heinz Rieder herausgegebene Darstellung zur Entdeckungs-, Ausgrabungs- und Forschungsgeschichte.Karl Heinz Rieder (Hrsg.): Speckberg. 50 Jahre Entdeckung, Ausgrabung, Forschung. Nassenfels 2011, ISBN 978-3-00-035825-8.
Stratigraphie und Erhaltungsbedingungen Der stark verkarstete Felsuntergrund weist im Norden und Westen größere Mulden auf, die mit Sedimenten verfüllt wurden. Diese Vertiefungen schützten Teile der Fundschichten vor Erosion und Bodenfließen. Besonders in der westlichen Mulde blieb deshalb eine große Zahl von Artefakten erhalten.
Die stratigraphische Auswertung wird allerdings durch kryoturbate Vorgänge erschwert. Dadurch wurden jüngere Artefakte teilweise in ältere Sedimente verlagert. Nur in Bereichen mit größerer Sedimentmächtigkeit lässt sich eine Tendenz erkennen, dass die älteren Funde tiefer liegen.Çep 2000, S. 34–38. Unter dem rezenten Boden mit jüngeren Funden folgen äolische Sande mit spätpaläolithischen, magdalénienzeitlichen und mesolithischen Artefakten. Darunter liegt eine Fließerde mit weiteren jungpaläolithischen Funden. Die Mehrzahl der mittelpaläolithischen Artefakte stammt aus darunterliegenden kolluvialen und taschenartig in den verkarsteten Fels eingelagerten Sedimenten. Müller-Beck unterschied hier mehrere mittelpaläolithische Sedimentphasen, deren genaue chronologische Stellung jedoch ungeklärt blieb. Çeps Untersuchung bestätigte die Vermischung in den oberen Bereichen. Klingen- und Lamellenkerne, die dem Jungpaläolithikum beziehungsweise Mesolithikum zuzurechnen sind, treten bis in Tiefen von etwa 65 cm auf. Unterhalb dieser Tiefe sind die Artefakte mittelpaläolithisch. Eine Unterteilung des Mittelpaläolithikums in einzelne chronologische Begehungshorizonte ist dennoch nicht möglich.Çep 2000, S. 66–69.Çep 2000, S. 133–136.
Mittelpaläolithikum
Untersuchtes Material Das Mittelpaläolithikum bildet einen wesentlichen Teil des Fundbestandes. Für ihre Neubearbeitung wählte Çep exemplarisch vier Quadratmeter im westlichen Bereich der Grabungsfläche aus. Diese lagen in einer Zone mit besonders mächtigen Sedimenten und hoher Dichte mittelpaläolithischer Funde. Bereits aus diesen vier Quadratmetern stammten etwa 16.000 Artefakte unterschiedlicher Zeitstellung.Çep 2000, S. 27–29.
Nach Auswahl und Klassifikation wurden 2546 Silices näher aufgenommen. Davon ließen sich 1976 Stücke als Abschlaggrundformen und 34 als Kerne bestimmen. Die Untersuchung war nicht als vollständige Neuinventarisierung des gesamten Speckbergmaterials angelegt, sondern sollte anhand eines repräsentativen Ausschnittes die Technologie, Rohmaterialnutzung und Fundstellennutzung untersuchen.Çep 2000, S. 35.
Rohmaterialien Das Rohmaterialspektrum wird eindeutig vom örtlichen Jurahornstein beherrscht. Im untersuchten Ausschnitt ließen sich mehr als 70 Prozent der aufgenommenen Stücke unmittelbar dieser Rohmaterialgruppe zuweisen. Da zahlreiche stark patinierte Artefakte makroskopisch nicht genauer bestimmbar waren, schätzte Çep den tatsächlichen Anteil des Jurahornsteins auf etwa 80 bis 90 Prozent.
Die nächstgrößere Gruppe bildet Quarzit mit etwa 3,5 Prozent. Daneben wurden in erheblich geringeren Mengen verkieselter Süßwasserkalk, Radiolarit, Bohnerzhornstein, Lydit, verkieseltes Holz, Quarz und Bergkristall verwendet.Çep 2000, S. 39–43.
Für mehrere Rohmaterialgruppen lassen sich wahrscheinliche Herkunftsgebiete bestimmen. Jurahornsteine waren unmittelbar am Speckberg und in dessen Umgebung verfügbar. Quarzite treten unter anderem zwei bis drei Kilometer entfernt bei Nassenfels sowie weiter westlich im Wellheimer Trockental auf. Çep geht davon aus, dass die verwendeten Quarzite aus einem Umkreis von höchstens etwa zehn Kilometern stammen. Verkieselter Süßwasserkalk könnte unter anderem aus dem etwa vier bis fünf Kilometer entfernten Gebiet zwischen Wolkertshofen und Tauberfeld stammen. Radiolarit ist in den Urdonauschottern nachgewiesen; entsprechende Vorkommen liegen ungefähr acht Kilometer vom Speckberg entfernt.Çep 2000, S. 40–43.
Die Rohmaterialverteilung weist damit auf eine stark lokale Versorgung hin. Mindestens 80 Prozent, wahrscheinlich bis zu 90 Prozent des verwendeten Materials stammten aus einem Radius von höchstens fünf Kilometern. Auch die übrigen nachweisbaren Rohmaterialien wurden offenbar nicht aus Entfernungen von mehr als etwa zehn Kilometern herbeigeschafft.Çep 2000, S. 52–53.
Çep interpretiert unterschiedliche Konzentrationen einzelner Rohmaterialarten innerhalb der Sedimente als möglichen Hinweis auf mehrere Begehungen des Platzes. Da sich diese Konzentrationen jedoch nicht eindeutig chronologisch voneinander trennen lassen, können daraus keine eigenständigen Besiedlungsphasen definiert werden.
Steingeräteherstellung Die Kerne und Abschläge belegen mehrere unterschiedliche Strategien der Steinbearbeitung. Neben einfachen Abschlagkernen sind sowohl Levalloiskerne als auch diskoide Kerne vertreten. Hinweise auf ein zusätzliches bifaziales Bearbeitungskonzept ergeben sich unter anderem aus der Herstellung von Faustkeilen.Çep 2000, S. 61–69.
Von 34 im untersuchten Ausschnitt identifizierten Kernen waren 20 Abschlagkerne. Diese bestanden aus neun einfachen Abschlagkernen, sieben Levalloiskernen und vier diskoiden Kernen. Die übrigen elf Klingen- beziehungsweise Lamellenkerne und drei kombinierte Klingen-/Lamellenkerne gehören überwiegend jüngeren Belegungsphasen an.Çep 2000, S. 63–67.
Die Levalloiskerne entsprechen überwiegend einer wiederholten zentripetalen Abbauweise. Çep deutet unterschiedliche Erscheinungsformen der Levalloiskerne allerdings weniger als voneinander unabhängige starre Herstellungsschemata, sondern teilweise als verschiedene Stadien einer fortschreitenden Kernreduktion. Auffällig ist, dass einige bereits präparierte Kerne verworfen wurden, obwohl sie noch weiter hätten genutzt werden können. Dies wird mit dem Überfluss an unmittelbar verfügbarem Hornstein erklärt.Çep 2000, S. 68–69.
Damit ist am Speckberg eine nahezu vollständige Herstellungskette für das lokale Rohmaterial nachweisbar: von der Auswahl und Zurichtung der Rohstücke über die Kernpräparation und Abschlagproduktion bis zur Herstellung modifizierter Werkzeuge.Çep 2000, S. 136–138.
Werkzeugspektrum