mini|Agnes Wergeland, ca. 1875 Agnes Mathilde Wergeland (geb. 8. Mai 1857 in Kristiania; gest. 6. März 1914 in Laramie (Wyoming)) war eine norwegische Historikerin, Lyrikerin, Hochschullehrerin und Frauenrechtlerin. Sie war die erste Norwegerin, die einen universitären Doktorgrad erlangte.
Leben mini|Agnes Wergeland als Kind Agnes Wergeland wuchs in Kristiania auf, ihr Vater Sverre Nicolai Wergeland (1817–1896) war Typograph und Buchdrucker und gehörte zum norwegischen Bildungsbürgertum, sein Vetter war Henrik Wergeland und Camilla Collett (geborene Wergeland) seine Cousine. Zu letzterer bestand auch weiter enger Kontakt, nachdem der Vater 1861 in die Vereinigten Staaten auswanderte und Frau und Kinder zurückließ. Agnes wuchs als jüngstes von überlebenden drei Geschwistern (drei weitere starben im Kindesalter) bei der Mutter Anne (1817–1889, geborene Larsen) auf, die als Hauswirtschafterin in der von Ole Rømer Aagaard Sandberg geleiteten, ersten psychiatrischen Klinik Norwegens in Gaustad tätig war. Ihr Vater kehrte später nach Norwegen zurück, blieb aber von der Familie getrennt. Agnes war künstlerisch begabt, erhielt unter anderem Klavierunterricht von Edvard Grieg, zeichnete und malte. Während ihr älterer Bruder Oscar Wergeland in München Kunst studierte, blieb Agnes eine echte künstlerische Ausbildung aber verwehrt, da dazu für Frauen kaum Möglichkeiten bestanden; sie besuchte jedoch von 1876 bis 1878 die Hartvig-Nissen-Schule für Mädchen, die als erste gymnasiale Hochschule Norwegens auch Frauen zuließ.
Ab 1879 lebte Agnes Wergeland einige Jahre mit Camilla Collett zusammen, die zu dieser Zeit an der Umarbeitung ihres Romans Die Töchter des Amtmannes (Amtmannens Døtre) arbeitete, der großen Einfluss auf die norwegische Frauenbewegung hatte. Obwohl sich Agnes nicht offiziell einschreiben oder ein Examen ablegen konnte, besuchte sie bis 1883 Kurse für Kunstgeschichte an der Königlichen Friedrichs-Universität Oslo. 1884 reiste Agnes zu ihrem Bruder Oscar nach München, wo sie ebenso wenig offiziell studieren konnte, aber Vorlesungen in Geschichte und Rechtsgeschichte bei Konrad Maurer besuchte und sich eigenständig fortbildete. Zwischen ihr und Maurer und seiner Familie entwickelte sich eine enge Freundschaft, wobei Maurer ihr von künstlerischen Aktivitäten abriet und ihr die historische Rechtswissenschaft anbefahl. Als Oscar 1885 zurück nach Norwegen ging, war Agnes jedoch gezwungen, diese Studien abzubrechen und ebenfalls zurückzukehren. Sie sprach inzwischen Deutsch und Französisch, beherrschte Latein und Altnorwegisch und verfügte über umfangreiches kunst- und rechtshistorisches Wissen.
Da ihr in Oslo weiterhin ein reguläres Studium verwehrt blieb, ging Wergeland mit Unterstützung ihres Münchner Professors Maurer 1888 nach Zürich, da die dortige Universität auch Frauen aufnahm. Sie war die erste Norwegerin an der Universität und strebte den Doktorgrad mit einer Arbeit über Rechtsgeschichte im norrönen Mittelalter an, den sie aufgrund ihrer Qualifikation in der Hälfte der regulären Studienzeit erreichte und mit dem bestandenen Examen am 8. Februar 1890 zur ersten Norwegerin mit einem Doktortitel wurde.
Emigration mini|Agnes Wergeland (ca. 1875), Gedenktafel im Westnorwegischen Auswanderungszentrum Auch mit ihrem Doktorgrad erwies es sich für Wergeland als unmöglich, in Norwegen qualifizierte Arbeit zu finden. Zum einen, weil Frauen ohnehin generell die meisten Positionen verschlossen blieben, zum anderen, weil sie als Anhängerin „radikaler“ (feministischer) Ansichten galt. Auf Anraten ihrer Freundin Aasta Hansteen, die in einem Brief Amerika als „den besten Platz für Frauen auf der Welt“ («det beste sted på jorden for kvinner») bezeichnete, emigrierte Wergeland daher 1890 in die Vereinigten Staaten, wo sie mit einem Stipendium auf einer Assistentenstelle bis 1893 Vorlesungen zu Römischem Recht und englisch-amerikanischer Geschichte an der Frauenhochschule Bryn Mawr College in Pennsylvania hielt.
In einem späteren Artikel begründete Wergeland ihren Entschluss ausführlich und beleuchtete den Hintergrund der norwegischen Auswanderungswelle seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Insbesondere für Frauen und Akademiker stellte sie als Gründe „den Mangel an Freiheit, die parteiische Haltung, die in unserer Kultur noch immer vorherrschende Engstirnigkeit“ fest, die „unserem Alltag und dem öffentlichen Diskurs seinen hässlichen Stempel aufdrückt“.Gone West. Ausstellungstext der Norwegischen Nationalbibliothek, Abschnitt 2.9 mini|The Doctors’ Inn, Laramie Auch in den USA gestaltete sich ihre weitere Karriere jedoch zunächst schwierig. Zeitweise lebte sie in Cambridge, Massachusetts, bei der Witwe von Ole Bull und arbeitete von 1896 bis 1902 ohne feste Stellung an der University of Chicago. Sie unternahm eine Studienreise nach Europa, veröffentlichte Fachartikel zur Geschichte der Sklaverei und arbeitete mit Thorstein Bunde Veblen zusammen, bevor sie schließlich eine Anstellung als Professorin für Geschichte an der University of Wyoming in Laramie erhielt. Wyoming war der erste US-Bundesstaat, der das volle Frauenwahlrecht gestattet hatte. Wergeland trat die Stelle begeistert an, obwohl Laramie kaum 8000 Einwohner und die Universität nur wenige hundert Studenten hatte. 1902 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an und lebte mit ihrer Partnerin Grace Raymond Hebard bis zu ihrem Lebensende in Laramie, wo die beiden Frauen gemeinsam ein Haus (The Doctors’ Inn) und eine Blockhütte in den Bergen (Enebo) erbauten.
Nach einer schweren Erkrankung und einem Nervenleiden im Jahr 1909 empfahl ihr Arzt einen Klimawechsel vom Hochland Wyomings. Wergeland reiste für einige Monate nach England und Norwegen und verbrachte anschließend den Sommer mit Grace Hebard an der Pazifikküste in Kalifornien, litt aber weiterhin unter Herzproblemen. Wergeland erholte sich nicht mehr vollständig, arbeitete jedoch weiter an der Universität, bevor sie im Frühjahr 1914 bettlägerig wurde. Hebard pflegte sie im gemeinsamen Haus, zuletzt mit Hilfe einer Krankenschwester, bis Wergeland am 6. März 1914 in den Armen ihrer Freundin verstarb.
Frauenbewegung mini|hochkant|Agnes Wergeland, Berkeley, 1913 Agnes Wergeland war eng befreundet mit einer Reihe der wichtigsten Akteurinnen der norwegischen Frauenbewegung. Ihre Großtante Camilla Collett, eine Pionierin der Bewegung, mit der bereits ihre Mutter eng befreundet war, war eine lebenslange Vertraute und Mentorin, durch die Wergeland von Jugend an stark geprägt wurde.
Im Juli 1875 lernte Wergeland die mehr als dreißig Jahre ältere Feministin Aasta Hansteen kennen, die ihr bis zu deren Tod 1908 eine lebenslange Freundin wurde. Insbesondere durch lange Briefwechsel mit Hansteen, in denen sie sich intensiv über die soziale und politische Lage in Norwegen oder philosophische, religiöse und rechtliche Aspekte des Frauenrechts austauschten, hielt Wergeland auch in ihrer Zeit in Wyoming regen Kontakt zur norwegischen Frauenbewegung. Dutzende dieser Briefe sind literarisch erfasst und dokumentiert.
Gina Krog war 1887 die erste Redakteurin der Osloer feministischen Zeitschrift Nylænde, ab 1893 wurde sie deren Herausgeberin. Wergeland hatte Krog in ihrer gemeinsamen Zeit in Kristiania Anfang der 1880er Jahre kennengelernt, publizierte schon in einer der ersten Ausgaben der Zeitschrift einen Artikel über die Geschichte weiblicher Kleidung (Kort udsigt over kvindedragtens historie) und schrieb über Jahre, auch nach der Emigration, immer wieder für das Blatt. 1909 schlug Krog Wergeland als norwegische Repräsentantin für den Kongress des Internationalen Frauenrats in Toronto vor, an dem Wergeland aus gesundheitlichen Gründen aber nicht mehr teilnehmen konnte. Nach Wergelands Tod widmete sich die gesamte Märzausgabe der Nylænde 1915 ihrer Biographie.
Lyrikerin Ab 1912 widmete sich die schwer kranke Wergeland vermehrt der Lyrik und veröffentlichte zwei Gedichtbände, in denen sie Erfahrungen und Ideale nordamerikanischer Einwanderer verarbeitete, wobei der zweite Band erst nach ihrem Tod im Jahr 1914 erschien. Ihre Schriftsammlung vermachte sie testamentarisch der Universität Wyoming und bis 1916 erschienen postum ein weiterer Band mit Essays und zwei Bücher über die Geschichte der Arbeiterklasse in Frankreich bzw. zur Sklaverei in germanischen Kulturen des Mittelalters.
Nachleben mini|Gräber von Agnes Wergeland und Grace Hebard auf dem Greenhill Cemetery in Laramie Die Universität Wyoming richtete 1916 ein Gedenkstipendium ein und verwaltet bibliothekarisch Professor Wergelands schriftlichen Nachlass, wobei eine Gedenktafel in der Bibliothek an sie erinnert. Auch die Universität Oslo vergibt seit 1916 jährlich ein Stipendium (Professor Dr. Agnes Mathilde Wergelands legat) an weibliche Geschichtsstudentinnen.Agnes Wergeland – Norges første kvinne med doktorgrad. Norsk Kvinnesaksforening, 2010
Das Museum des Westnorwegischen Auswanderungszentrums thematisiert auch Wergelands Biographie, auf dem Freilichtgelände erinnert seit 2007 ein Gedenkstein an ihr Leben und ihre Auswanderunghistorie.Venskap er sjælesamliv. Bergens Tidende, 13. Juli 2007
Veröffentlichungen (Auswahl) Bücher Grieg as a national composer. New York, 1907 Amerika og andre digte. Decorah (Iowa), 1912 Efterladte digte. Minneapolis, 1914 (postum), redigiert von Maren Michelet Leaders in Norway and Other Essays, Menesha (Wisconsin), 1916 (postum), redigiert von Katharine Merill History of the Working Classes in France. Chicago, 1916 (postum) Slavery in Germanic Society During the Middle Ages. Chicago, 1916 (postum)
Artikel Kort udsigt over kvindedragtens historie. Nylænde, 1887, S. 228–234 Ættleiding. En Maade at indføre uægte Børn i Slægten i gammelnorsk Ret. Tidsskrift for Rettsvitenskap, 1890, S. 257–280 Hvorfor folk udvandrer. Nylænde, 1906, S. 167–174 & 188–195 Camilla Collett. Symra Nr. 9/1913, S. 1–8 Washington and Lincoln: A Comparison. The North Star, Nr. 2, Februar 1920
Literatur Maren Michelet: Glimt fra Agnes Mathilde Wergelands liv. Folkebladet Publishing, Minneapolis, 1916 Anders Buraas: De reiste ut: syv fortellinger om Agnes Mathilde Wergeland, Ole Evinrude, Anders Furuseth, Knute Rockne, Harry Irgens Larsen, Hans Christian Heg, Ole Bornemann Bull. Aschehoug, 1982 Marit Grøtta: Amerikansk eksil. Om Agnes Mathilde Wergelands „Amerika og andre digte“ (1912), kvinnesaken og tidens Amerika-bilder. Edda, 2020, Vol. 107, Nr. 1, S. 19–33
Weblinks
Øyvind T. Gulliksen, Orm Øverland: Agnes Wergeland im Store norske leksikon (2026) Agnes Mathilde Wegeland. Biografie auf der Webseite des Vestnorsk Utvandringssenter
Einzelnachweise Maren Michelet: Glimt fra Agnes Mathilde Wergelands liv. Folkebladet Publishing, Minneapolis, 1916
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