Affektarmut bezeichnet in der Psychopathologie eine verminderte Anzahl von Affekten (körperlich sichtbaren Gemütsbewegungen).Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. 11. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 121. Es sind nur wenig Affekte bei Mimik und Gestik beobachtbar. Das Spektrum (Bandbreite) gezeigter Gefühle ist vermindert.
Abzugrenzen ist das Gefühl der Gefühllosigkeit. Hierbei handelt sich um die subjektive, vom Betroffenen selbst erlebte Seite der vom Beobachter von außen wahrgenommenen Affektarmut. Bei Affektstarre ist dagegen nicht die Anzahl, sondern das Ausmaß der Gefühle vermindert.
Beschreibung Es fällt der Mangel an wesentlichen Affekten auf. Die affektive Ansprechbarkeit ist vermindert.Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. 8. Auflage. Thieme, Stuttgart New York 2020, ISBN 978-3-13-243843-9, S. 169. Die Patienten können für andere kein Gefühl aufbringen; sie erscheinen gemütskalt, gemütsarm, lieblos, teilnahmslos oder auch manchmal wurstig oder kaltherzig. Die Gefühlsarmut kann sich auch auf die Selbstwertgefühle erstrecken: Schuldgefühle, Scham, auch Stolz werden nicht empfunden.
Bei schwerer Ausprägung zeigt der Patient auch bei gezielter Anregung keine anderen Affekte außer in einer Richtung.
Beispiele
Ein manischer Patient kichert überwiegend und ist bei entsprechenden Themen nur selten ernst und nachdenklich. Ein depressiver Patient verharrt im niedergeschlagenen Affekt auch beim Bericht über eigentlich freudige Themen wie Kinder, Enkel oder Hobbys.
Einordnung Das AMDP-System listet Affektarmut bei den affektiven Störungen unter Nr. 61.
Vorkommen Die Verminderung der Anzahl gezeigter Affekte tritt nicht nur beim depressiven Patienten auf. Das Symptom zeigt sich auch bei Erkrankungen wie bestimmten Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie.
Diagnose Das Symptom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Dabei ist eine vertrauensvolle, dem Patienten entgegenkommende Atmosphäre erforderlich. Wichtig ist, dass der Patient ermuntert wird, seine Affekte in Worte zu fassen und sie auf diese Weise bewusst zu erleben. Zur sicheren Beurteilung muss der Untersucher versuchen, unterschiedliche Affekte hervorzurufen, wenn sie nicht spontan gezeigt werden.
Abgrenzung (Differentialdiagnose)
Anhedonie: bezieht sich nur auf (fehlende) Freude, nicht auf Trauer
Alexithymie: Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken
Affektstarre: verringertes Schwingen der Gefühlswelt
Affektlabilität: Schneller Wechsel der Gefühle Minussymptomatik: Fehlen von psychischen Funktionen, v. a. bei chronischer Schizophrenie (Negativsymptomatik) Apathie: Unempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen
Konstriktion: emotionale Taubheit bei PTSB (posttraumatischer Belastungsstörung) Gefühl der Gefühllosigkeit: quälend erlebtes Fehlen der gesamten Emotionalität Affektinkontinenz: überschießende, schlecht kontrollierbare Gefühlswelt
Behandlung Diese erfolgt im Rahmen der Grundkrankheit.
Literatur
Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, hogrefe, ISBN 978-3-8017-3193-9.
Einzelnachweise Kategorie:Psychopathologisches Symptom