mini|Das Kinderkrankenhaus der Universität Leipzig an der Oststraße (hier in einer Globalansicht aus der Vogelperspektive) war ab 1913 die Wirkungsstätte von Martin Thiemich. Paul Wilhelm Albert Martin Thiemich (* 25. November 1869 in Breslau; † 16. Februar 1921 in Leipzig) war der erste deutsche ordentliche Professor für Kinderheilkunde und Direktor der Universitätskinderklinik der Universität Leipzig. Mit seinen Arbeiten zu Schädigungen des Zentralnervensystems im Kindesalter zählt er als einer der Mitbegründer der Neuropädiatrie.Blogbeitrag Kinderarzt Martin Thiemich | 1919 erster Ordinarius für Kinderheilkunde in Leipzig aus der Serie Berühmte Gelehrte an der Universität Leipzig des Universitätsarchivs Leipzig
Leben Martin Thiemich studierte Medizin an der Universität Breslau und wurde danach Assistenzarzt unter Adalbert Czerny an der Breslauer Kinderklinik. Während dieser Zeit beschäftigte er sich viel mit Fragen der Säuglingsernährung sowie Erkrankungen und Schädigungen des Nervensystems im Säuglings- und frühen Kindesalter, wozu er auch 1900 habilitierte. Seine Antrittsvorlesung als Privatdozent hielt er am 22. Oktober 1900 in der Aula Leopoldina der Universität zum Thema Plötzliche Todesfälle im Kindesalter.
In Breslau blieb Thiemich bis 1909, als er die Säuglingsabteilung der Krankenanstalt Altstadt in Magdeburg übernahm. Von Magdeburg erhielt er nach dem Tode Otto Soltmanns 1912 einen Ruf als Extraordinarius für Kinderheilkunde und Leiter der Leipziger Universitätskinderklinik, den er 1913 antrat. 1919 wurde sein Extraordinariat zu einer ordentlichen Professur erhoben, wodurch Thiemich der erste Ordinarius für Kinderheilkunde in Deutschland wurde.
Werk
Mit seinen 1896 und 1897, während seiner frühen Breslauer Zeit publizierten ersten wissenschaftlichen Arbeiten über Leberdegeneration bei Gastroenteritis und Ernährung magendarmkranker Säuglinge mit Gärtnerscher Fettmilch bzw. der Kindermilch nach Backhaus leistete er Beiträge zu den damals akut vorhandenen Problemen der Säuglingsnahrung. Er wies darauf hin, dass man aus Erfolgen der einen oder der anderen Säuglingsnahrung keine Regeln ableiten solle und könne, weil eine bestimmte Nahrung nicht für alle Säuglinge bzw. alle Probleme passe.
Bald aber beschäftigten ihn vor allem die Erkrankungen des Nervensystems im Säuglings- und frühen Kindesalter sein Hauptinteresse in Anspruch. Mit seiner Arbeit Über Schädigung des Centralnervensystems durch Ernährungsstörungen im Säuglingsalter : anatomische und klinische Untersuchungen wurde Thiemich 1900 in Breslau habilitiert. Ein sich daraus ableitendes Thema, mit dem er sich über Jahre immer wieder beschäftigen sollte, war die Spasmophilie, das heißt eine anormale, gesteigerte Bereitschaft zu Muskelkrämpfen und einer erhöhten Erregbarkeit der motorischen Nerven, die schon im frühesten Kindesalter auftreten kann.
In Magdeburg begann sich Thiemich eingehend mit den Problemen der Säuglingsfürsorge zu beschäftigen.
In Leipzig setzte er sich weiter mit Nervenerkrankungen sowie Fragen der natürlichen und künstlichen Säuglingsernährung, weitere Themen wie die Intelligenzprüfung schwachsinniger Kinder und der Mongolismus kamen hinzu. Zu dem von Arthur Schloßmann und Meinhard von Pfaundler 1906 erstmals herausgegebenen Handbuch der Kinderheilkunde trag er zusammen mit Julius Zappert das Kapitel über Nervenkrankheiten im Kindesalter zu, das ab der 2. Auflage, wie die meisten anderen Kapitel auch als Separatabdruck in einer preiswerteren Ausgabe in vielen pädiatrischen Praxen zu finden war.
Zu dem von dem Schweizer Professor der Kinderheilkunde Emil Feer herausgegeben Lehrbuch der Kinderheilkunde schrieb Thiemich den einleitenden »Allgemeinen Teil«.
Schriften Ueber Leberdegeneration bei Gastroenteritis. In: »Beiträge zur pathologischen Anatomie und zur allgemeinen Pathologie« 20.1896, S. 179–191 Digitalisat BSB München (zusammen mit Dr. Papiewski in Radom). Ueber Ernährung magendarmkranker Säuglinge mit Gärtnerscher Fettmilch. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« 41.1896, S. 372–403 Digitalisat Ueber Ernährung magendarmkranker Säuglinge mit Kindermilch nach Backhaus. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« 44.1897, S. 74–113 Digitalisat Über Rückenmarksdegenerationen bei kranken Säuglingen. »s:Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie« 3.1898, S. 217–238 Digitalisat Zur Kenntnis der Fette im Säuglingsalter und der Fettleber bei Gastroenteritis. »Hoppe-Seyler's Zeitschrift für physiologische Chemie« 26.1898/99, S. 189–217 Digitalisat Ueber Tetanie und tetanoide Zustände im ersten Kindesalter. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« N.F. 51.1900, S. 99–120 Digitalisat Über Schädigung des Centralnervensystems durch Ernährungsstörungen im Säuglingsalter : anatomische und klinische Untersuchungen. Habil-Schrift, Uni Breslau. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« N.F. 52.1900, S. 895–917 (& 4 Tafeln im Anhang) Digitalisat Über die Diagnose der Imbezillität im frühen Kindesalter. »s:Deutsche Medizinische Wochenschrift« 26.1900, S. 34–36 Digitalisat Über Enuresis im Kindesalter. »s:Berliner Klinische Wochenschrift« 1901, S. 818 Digitalisat Über die Storch'sche Reaction der Frauenmilch. s:Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie 16.1902, S. 32–36 Digitalisat Über die Funktionsfähigkeit der motorischen Rindenfelder beim Säugling (Verhandlungen der 18. Versammlung der Gesellschaft für Kinderheilkunde 1901, S. 6–14), dasselbe erschienen »s:Zeitschrift für klinische Medizin« 45.1902, S. 226–236 Digitalisat Über die Herkunft des fötalen Fettes. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« 61.1905, S. 174–177 Digitalisat (zusammen mit Julius Zappert). Die Krankheiten des Nervensystems im Kindesalter (Separatabdruck des entsprechenden Kapitels aus dem »Handbuch der Kinderheilkunde« als extra verkauftes, erschwinglicheres Fachbuch für Ärzte (1910) Digitalisat) Über die motorische Innervation beim Neugeborenen und jungen Säugling. »s:Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung« 85.1917, S. 395–399 Digitalisat
Quellen Albert Niemann: Martin Thiemich †. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift. Band 47, 1. Halbjahr, Nr. 10 vom 10. März 1921, S. 275 (Digitalisat). Weblinks
Einzelnachweise
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