Das 225-kV-OMVG-Ringnetz (offiziell: engl. OMVG Interconnection Project oder frz. Projet d’Interconnexion de l’OMVG) ist ein grenzüberschreitendes Höchstspannungs-Stromnetzprojekt in Westafrika. Es verbindet die nationalen Elektrizitätsnetze von vier Mitgliedstaaten der Organisation pour la mise en valeur du fleuve Gambie (OMVG): Gambia, Guinea, Guinea-Bissau und Senegal.
Beschreibung Das Projekt sah den Bau einer 225-kV-Doppelschleifen-Hochspannungsübertragungsleitung mit den zugehörigen Umspannwerken vor, die in Kaolack (Senegal) beginnt und endet und über Soma (Gambia), Mansôa (Guinea-Bissau), Linsan (Guinea) und Tambacounda (Senegal) sowie weitere Orte verläuft. Wobei die Leitung die 850 Meter breite Flussüberquerung des Gambia-Fluss einschließt (der Fluss ist hier rund 500 Meter breit). Das Netz bildet eine geschlossene, ringförmige Schleife (Loop) mit einer Gesamtlänge von 1.677 Kilometern. Es verbindet Regionen, die zuvor teilweise vollständig isoliert oder auf lokale fossile Kraftwerke angewiesen waren.
Das im Vollausbau rund 722 Millionen US-Dollar teure Infrastrukturprojekt gilt als einer der wichtigsten Meilensteine für die regionale Energieintegration unter dem Dach des West African Power Pool (WAPP). Die technische Umsetzung und der Bau der Umspannwerke wurden weltweiten Konsortien übertragen, darunter Großunternehmen wie Eiffage Énergie Systèmes (Frankreich) und Elecnor (Spanien).
Zu den wichtigsten Finanziers gehörten: Die Weltbank (IDA) (ca. 200 Mio. USD), die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB), die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Westafrikanische Entwicklungsbank (BOAD) sowie die Agence française de développement (AFD) und die KfW (Deutschland).
+ Infrastruktur und Stationen des 225-kV-OMVG-Ringnetzes (1.677 km) Land Leitungslänge Ort / Station Typ Funktion / Besonderheit Status (Nord) ca. 701 km (Gesamt-Senegal)Kahone (bei Kaolack) () Umspannwerk (225 kV) Strategischer Nordknoten; Verknüpfungspunkt mit dem nationalen SENELEC-Netz. In Betrieb Birkelane Umspannwerk (225 kV) Wichtige Schaltstation auf der West-Ost-Trasse nach Tambacounda. In Betrieb ca. 167 km Gambia-Fluss () Flussüberquerung Freileitungsüberquerung mit Spezial-Weitspannmasten nahe der Senegambia-Brücke. Ausgestattet mit OPGW-Glasfaserkabeln. In Betrieb Soma () Umspannwerk (225/30 kV) Zentraler gambischer Netzknoten; teilt die Trasse nach Brikama (Westen) und Tanaff (Süden). In Betrieb Brikama () Umspannwerk (225/30 kV) Westlichster Endpunkt in Gambia; sichert die Stromversorgung im Großraum Banjul. In Betrieb (Süd) siehe oben Tanaff () Umspannwerk (225 kV) Hauptknoten für die Casamance-Region (Südsenegal); speist Energie in das lokale 30-kV-Netz. In Betrieb ca. 227 km Mansôa () Umspannwerk (225 kV) Zentraler Netzknoten im Inland von Guinea-Bissau; Verteilpunkt zur Küste. In Betrieb Bissau () Umspannwerk (225 kV) Einspeisestation zur primären Versorgung der Landeshauptstadt Bissau. In Betrieb Bambadinca () Umspannwerk (225 kV) Regionale Transformations- und Verteilstation im Osten des Landes. In Betrieb Saltinho () Umspannwerk (225 kV) Südlichste Station in Guinea-Bissau nahe den Saltinho-Wasserfällen am Rio Corubal. In Betrieb ca. 582 km Boké () Umspannwerk (225/30 kV) Wichtige Versorgungsstation für die Industrieregion (Bauxitabbau) im Westen Guineas. In Betrieb Kaléta () Umspannwerk & Kraftwerk Direktverbindung und Einspeisung des Wasserkraftwerks Kaléta (240 MW). In Betrieb Linsan () Umspannwerk & Haupt-Dispatching Zentraler Netzknoten des Gesamtprojekts. Beheimatet das Haupt-Lastverteilerzentrum (SCADA-Zentrale) für alle 4 OMVG-Staaten. In Betrieb Labé () Umspannwerk (225/30 kV) Transformation im Fouta-Djallon-Massiv zur ländlichen Elektrifizierung Mittelguineas. In Betrieb Mali () Umspannwerk (225/30 kV) Nördlichste Bergstation Guineas; dient als Bindeglied vor dem Grenzübergang nach Senegal. In Betrieb Souapiti () Kraftwerksanbindung Einspeisung des Souapiti-Megastaudamms (450 MW) in die OMVG-Ringschleife via Linsan. In Betrieb (Ost) siehe oben Sambangalou () Wasserkraftwerk Zukünftiger OMVG-eigener Staudamm (128 MW) direkt am Oberlauf des Gambia-Flusses. Im Bau Kédougou Umspannwerk (225 kV) Südost-Knoten Senegals; primäre Anbindungsstation für den Sambangalou-Damm. In Betrieb Tambacounda () Umspannwerk & Notfall-Dispatching Regionaler Großknoten im Osten Senegals. Beheimatet das integrierte Backup-Lastverteilerzentrum (Emergency Control Centre). In Betrieb
Energiequellen und Einspeisung Das Ringnetz wurde primär gebaut, um das enorme, aber ungleich verteilte Wasserkraftpotenzial Westafrikas nutzbar zu machen.
Kaleta-Staudamm (Guinea): Ein bereits aktives 240-MW-Laufwasserkraftwerk (Wasserkraftwerk Kaléta), das erhebliche Mengen sauberen Stroms in den Ring einspeist. Souapiti-Staudamm (Guinea): Ein 450-MW-Wasserkraftwerk (Wasserkraftwerk Souapiti), das ebenfalls direkt an das Verbundnetz gekoppelt ist. Sambangalou-Staudamm (Senegal/Gambia-Grenze): Ein im Bau befindliches OMVG-eigenes Projekt (Talsperre Sambangalou) mit 128 MW Kapazität, das strategisch in den Ring integriert ist.
Geschichte Die Präsidenten Dawda Jawara (Gambia) und Léopold Sédar Senghor (Senegal) unterzeichneten im Juni 1976 ein Abkommen zur gemeinsamen Nutzung der Ressourcen des Gambia-Flusses. Was dann im Juni 1978 zur Gründung der OMVG führte. Die Organisation expandierte mit Guinea (1981) und Guinea-Bissau (1987). Eine erste formelle Investitionsstudie wurde in den 1990er Jahren durchgeführt und 2004 durch eine detaillierte Machbarkeitsstudie ergänzt. Im November 2015 wurde die Finanzierung, des rund 722 Millionen US-Dollar schweren Megaprojekts, vertraglich gesichert und im folgenden Jahr erfolgten internationale Ausschreibungen.
Am 4. Februar 2017 erfolgte der offizielle Spatenstich und Projektstart durch die Staatschefs der vier Länder und großflächige Bauarbeiten erfolgten 2018 bis 2019 in allen vier Ländern zeitgleich. Tausende Gittermaste wurden errichtet und die 15 Transformatorenstationen parallel aufgebaut. In Gambia erreichte der Baufortschritt Ende 2018 bereits kritische Meilensteine. Trotz weltweiter Einschränkungen durch die COVID-19-Pandemie liefen 2020 die Arbeiten weiter. Im letzten Quartal 2020 meldete die OMVG die Fertigstellung der ersten schlüsselfertigen Umspannwerke.
Das strategische Umspannwerk in Soma (Gambia) wurde am 23. Oktober 2021 feierlich durch den gambischen Präsidenten Adama Barrow im Beisein der Staatschefs von Senegal und Guinea-Bissau eingeweiht. Es ist der funktionale Startschuss für die grenzüberschreitende Durchleitung. Die nationalen Stromgesellschaften (SENELEC, NAWEC, EDG, EAGB) unterzeichneten im November 2021 in Dakar das Abkommen zur offiziellen Inbetriebnahme des gesamten Ringnetzes und legen das Fundament für den gemeinsamen Strommarkt. Bis 2023 erfolgte die schrittweise Aktivierung der verbleibenden Umspannwerke. Im Oktober 2023 unterzeichnen alle vier Versorgungsunternehmen die finalen Netznutzungsverträge (Transmission Service Agreements, TSAs). Das Netz befand befindet sich ab 2024 im vollwertigen kommerziellen Betrieb. Gambia und Guinea-Bissau importieren stabil Energie aus dem Verbundnetz, wodurch Guinea-Bissau seine Abhängigkeit von fossilen Diesel-Mietkraftwerken komplett beenden konnte. Parallel liefen die Bauarbeiten für das letzte Teilstück – das OMVG-eigene Wasserkraftwerk Sambangalou.
Einzelnachweise
Kategorie:Hochspannungsfreileitung Kategorie:Energiewirtschaft (Gambia) Kategorie:Versorgungsbauwerk in Gambia Kategorie:Bauwerk in Guinea Kategorie:Bauwerk in Guinea-Bissau Kategorie:Bauwerk im Senegal Kategorie:Erbaut in den 2020er Jahren Kategorie:Gambisch-senegalesische Beziehungen Kategorie:Guineisch-senegalesische Beziehungen Kategorie:Guinea-bissauisch-senegalesische Beziehungen Kategorie:Grenzüberschreitende Hochspannungsleitung