mini|hochkant|Grab von Werner Greifendorf auf dem Trinitatisfriedhof in Riesa (2026) Werner Greifendorf (* 30. März 1950 in Döbern; † 9. November 1978 in Cottbus) war ein Häftling im Zuchthaus Cottbus, der wegen wiederholter Fluchtversuche aus der DDR einsaß. Am 19. Oktober 1978 übergoss er sich während eines Hofgangs mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete seine Häftlingskleidung an. Rund drei Wochen später erlag er seinen schweren Brandverletzungen im Krankenhaus.
Biographie Erster Fluchtversuch und Inhaftierungen Werner Greifendorf war ein Sohn der Näherin Frieda und des Glasbläsers Emil Greifendorf. Die Familie lebte mit ihren Kindern in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater wird als aufbrausend und gewalttätig geschildert. Als der Sohn Werner drei Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden, und für den Jungen, der häufig krank war, begann eine Odyssee durch verschiedene Heime. Er galt als intellektuell unterentwickelt und schwer erziehbar.Appelius, Alarm! Ein Strafgefangener brennt!, S. 70.
Ende August 1967 unternahm der 17-jährige Werner Greifendorf einen ersten Fluchtversuch in die Bundesrepublik, nachdem er wegen mehrerer Taschendiebstähle mit der Einweisung in einen Jugendwerkhof rechnen musste. Nach dem Scheitern dieses Fluchtversuchs verurteilte ihn das Kreisgericht Dresden wegen Passvergehens in Tateinheit mit der Verletzung der Grenzschutzverordnung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten, die der 17-jährige im Jugendgefängnis Luckau antrat. „Als er wieder herauskam, war er ein ausgewachsener Rebell gegen den Realsozialismus. Er trug die Haare lang, nähte sich seine Schlaghosen selbst, hörte Rockmusik im West-Radio.“ Nach der Entlassung aus der Haft lebte er bei seiner Mutter und seinen Geschwistern in Riesa und erhielt dort eine Stelle als Hilfsarbeiter im Unternehmen Speicherei- und Speditions-AG. Wegen Eigentumsdelikten und „Staatsverleumdung“ wurde er zu einer erneuten Haftstrafe im Gefängnis Waldheim verurteilt.
Seine Haftentlassung im Frühjahr 1976 erfolgte unter schwerwiegenden Auflagen: Greifendorf durfte das Riesaer Kreisgebiet nicht ohne Genehmigung der Volkspolizei verlassen und musste bei dem Abschnittsbevollmächtigten (ABV) der Volkspolizei, einem Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi), zu wöchentlichen Aussprachen erscheinen. Unter Strafandrohung war es ihm verboten, die meisten Lokale im Kreis Riesa zu betreten, und ihm wurde durch ein „Umgangsverbot“ untersagt, etliche seiner Freunde zu treffen. Dem Abschnittsbevollmächtigten gegenüber soll er geäußert haben, dass DDR-Grenzer, „die zu hunderten Menschen an der Grenze erschossen haben“, als „Mörder verurteilt“ werden müssten. In der DDR werde nie ein „Großer“ vor Gericht gestellt, wenn er etwas „verbockt“ habe – Aussagen, die von dem Abschnittsbevollmächtigten an seine Vorgesetzten weitergeleitet wurden.Appelius, Alarm! Ein Strafgefangener brennt!, S. 72.
Zweiter Fluchtversuch und erneute Haft Durch zahlreiche Eingaben und insgesamt sechs Ausreiseanträge hatte Greifendorf 1975 und 1976 vergeblich versucht, auf legalem Weg die DDR verlassen zu dürfen. Im März 1978 wagte er erneut die Flucht: Von Erlbach im Vogtland aus fuhr er mit dem Bus nach Bad Elster und passierte zu Fuß den Grenzübergang in die Tschechoslowakei. Dort fiel er einem Angehörigen der tschechoslowakischen Grenzwache auf, der ihn festnehmen ließ. Bei einer Vernehmung im Dresdner MfS-Untersuchungsgefängnis sagte er aus: „Ich komme in der DDR nicht mehr zurecht! Und möchte nicht mein ganzes Leben hinter Gittern verbringen! Ich werde auch in Zukunft nichts unversucht lassen, bis ich mein Recht erlangt habe.“ Er sei „kein Eigentum der DDR“ und nie habe ihm dieser Staat geholfen. Am 30. Juni 1978 verurteilte ihn das Kreisgericht Dresden-Ost wegen „ungesetzlichem Grenzübertritt u. a.“ zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. In seinem Schlusswort vor Gericht sagte er: „Ich möchte nicht mehr in die DDR eingegliedert werden und bestehe auf meiner Ausreise in die BRD.“
Tod durch Selbstverbrennung Zur Strafverbüßung kam Werner Greifendorf in das Zuchthaus Cottbus, in dem vorwiegend „republikflüchtige“ Menschen inhaftiert waren. Ein Mithäftling, der Greifendorf eine hohe Intelligenz attestierte, berichtete später: „Sein lustiges Aussehen, gepaart mit einer geradezu kindlich-naiven Ausstrahlung führte ihn zur allgemeinen Sympathie unter den Gefangenen. Er steckte alle mit seinem Optimismus an.“ Am 19. Oktober 1978 übergoss sich Greifendorf während eines Hofgangs mit einer brennbaren Flüssigkeit und zündete seine Häftlingskleidung an. Er nutzte dazu einen Farbverdünner von Malerarbeiten. Laut einem Zeugen war Greifendorf „nicht bewusst, wie leicht entzündbar unsere Häftlingskleidung war. Sie bestand aus Dederon, einem Kunststoff, der sofort schmolz und sich regelrecht in die Haut einbrannte.“ Bevor er zusammenbrach, soll er noch laut „Freiheit“ gerufen haben. Vier Häftlinge versuchten, die Flammen mit ihren Jacken zu ersticken. Im Bezirkskrankenhaus Cottbus stellten die Ärzte lebensbedrohliche Verbrennungen bis zum dritten Grad fest. Er wurde dort von einem bewaffneten Angehörigen der Stasi bewacht, so sein Bruder.
Für die Staatssicherheit (MfS, Stasi) galten die zahlreichen Zeugen der Selbstverbrennung als Sicherheitsrisiko: Allein 62 Häftlinge befanden sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof des Gefängnisses, 40 weitere hatten den Vorfall aus ihren Zellen heraus beobachten können. Die Stasi wollte unter allen Umständen vermeiden, dass darüber in der Westpresse berichtet wurde. Aus Cottbus vorgesehene Häftlingsfreikäufe in den Westen wurden daher auf unbestimmte Zeit verschoben. Eine Zeitlang stand die ganze Familie von Greifendorf unter Beobachtung; ihre Post und die von Nachbarn wurde kontrolliert. Am 9. November 1978 erlag Werner Greifendorf seinen Verletzungen. In einem Brief des MfS-Mitarbeiters Joachim Büchner vom 20. Oktober 1978 heißt es: „Die bisherigen Untersuchungen lassen erkennen, daß der Strafgefangene Greifendorf offensichtlich nicht beabsichtigte, den Selbstmordversuch zu unternehmen, sondern vielmehr bezweckte, sein insgesamt provokativ-demonstratives und renitentes Verhalten im Strafvollzug erneut zu dokumentieren mit dem Ziel, die Übersiedlung in die BRD zu erwirken.“Appelius, Alarm! Ein Strafgefangener brennt!, S. 76. Diese Einschätzung wurde von der früheren Leiterin der Gedenkstätte in Cottbus, Sylvia Wähling, 2014 geteilt: „Nach unseren Erkenntnissen handelte es sich dabei nicht um einen Selbstmordversuch [...] . Viel mehr ist diese Selbstverbrennung als Hilferuf zu sehen, der tragischerweise schief ging.“
Bestattung
Unter dem Vorgangsnamen „Asche“ überwachte das MfS seine Beisetzung in Riesa, nachdem die Ermittlungsakte unter dem Namen „Fackel“ gelaufen war. Nach Aussagen eines Bruders von Greifendorf durfte die Familie weder den Leichnam sehen noch den Sarg selbst tragen. Laut Abschlussbericht dieser MfS-Aktion wurden die Eingänge zum Friedhof durch je zwei Mitarbeiter der Kreisdienststelle Riesa des MfS und des Kommissariats I des Volkspolizeikreisamtes Riesa abgesichert, um etwa ausländische Journalisten am Zugang zu hindern. Der Politikwissenschaftler Stefan Appelius: „Das SED-Regime betrieb einen Aufwand, als sei an jenem Tag der gefährlichste Staatsfeind der DDR zur letzten Ruhe gebettet worden.“
Rezeption Anfang Januar 1979 berichtete die westdeutsche Welt über den Zwischenfall im Cottbuser Gefängnis fälschlicherweise, ein Häftling habe eine versuchte Selbstverbrennung überlebt. Diese Angabe basierte auf einer Desinformation der Hauptverwaltung A des MfS. Erst im Herbst 1979 meldete Die Welt, dass Greifendorf seinen Verletzungen erlegen war; außerdem berichtete die Berliner Morgenpost von der Selbstverbrennung,Berliner Morgenpost vom 17. Oktober 1979; zitiert nach: während die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine AFP-Meldung übernahm. Ansonsten blieb das Ereignis in der westdeutschen Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet.
2013 wurde am 35. Todestag von Werner Greifendorf auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte in Cottbus ein Gedenkkreuz für ihn errichtet, das der Künstler und ehemalige Fluchthelfer Gino Kuhn geschaffen hatte.In den Quellen wird der Name verschiedentlich „Greiffendorf“ geschrieben, so auch auf dem Gedenkkreuz in Cottbus.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
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