Paule Renard, verheiratete Marneffe und Andriesse (* 8. Oktober 1915 in Löwen; † 21. November 2006 in Antwerpen), war eine belgische Sozialarbeiterin und Widerstandskämpferin, die im Rahmen des Comité de défense des Juifs zur Rettung von Hunderten jüdischer Kinder vor dem Holocaust beitrug.

Leben Renard wurde als jüngstes von vier Kindern von Victor Renard (1879–1938) und Valérie Borreman (1885–1968) geboren. Sie wuchs in einer wohlhabenden, französischsprachigen Familie in Löwen auf und besuchte eine französischsprachige katholische Grundschule. Ihr Vater war Getreidehändler, ging jedoch einige Jahre vor Kriegsbeginn in Konkurs und starb 1938 vorzeitig. Daraufhin lebte sie mit ihrer Mutter und einer ihrer Schwestern bei ihrem Großvater und begann ihr Studium an der Katholischen Schule für Sozialarbeit in Brüssel. Ihren Abschluss machte sie 1941.

Schon in den ersten Tagen des Krieges engagierte sie sich in einer Hilfsgruppe für Flüchtlinge, die vor dem Vormarsch der Besatzungstruppen flohen. Sie war für die Versorgung zuständig und musst Einfallsreichtum beweisen, um Lebensmittel zu beschaffen.

Über ihre Schule wurde sie von Ida Sterno als Sozialarbeiterin für das Comité de défense des Juifs (CDJ) rekrutiert. Dieses von Yvonne und Hertz Jospa gegründete Komitee organisierte insbesondere die Rettung jüdischer Kinder, indem es diese in Familien oder Schulen versteckte. Sterno versuchte insbesondere, nichtjüdische Personen zu rekrutieren, die sich leichter fortbewegen können. Renard erklärte sich bereit, an diesen Rettungsaktionen teilzunehmen und die damit verbundenen Risiken auf sich zu nehmen. Wie die anderen Mitglieder dieses Netzwerks gab sie ihren richtigen Namen nicht preis und nannte sich „Solange“. Renard wohnte zu dieser Zeit bei ihrer Mutter, die davona ausging, dass sie für das Nationale Kinderhilfswerk (Œuvre nationale de l'enfance) tätig war. Die drei Sozialarbeiterinnen Paule Renard und zwei weitere Sozialarbeiterinnen, Claire Murdoch und Andrée Geulen-Herscovici, begleiten im Auftrag Sternos Kinder. Renard und Geulen nehmen zudem Kontakt mit den Familien der Kinder auf, um sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Kinder zur ihrer Rettung in fremde Obhut zu geben. Für ihre Kindertransporte durchquerte Renard das ganze Land mit Zug, Straßenbahn, als Anhalterin oder zu Fuß. Willy Marneffe, der sie auf regelmäßigen Fahrten nach Namur mitnahm, heiratete sie nach dem Krieg.

Nach dem Krieg nannte sich das Comité de défense des juifs in Aide aux israélites victimes de guerre. Renard blieb noch bis April 1945 im Dienst. In der Zeit wurde versucht, die Rückkehr der Kinder zu ihren Familien zu ermöglichen, was zu neuen, oft schmerzhaften Trennungen führt. Renard berichtete, dass man anschließend die nichtjüdischen Mitglieder aufforderte, die Organisation zu verlassen, was sie verletzte. Danach arbeitete sie zwei Jahre lang bei der UNRRA in Deutschland, um Vertriebenen zu helfen.

Am 2. Dezember 1947 heiratete sie Willy Marneffe (1902–1958). Das Paar ließ sich in Lüttich nieder und bekam zwei Kinder: Paul (* 1948) und Martine (* 1952). Renard wurde Hausfrau. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie nach Antwerpen und arbeitete bei einem Transportunternehmen.

Am 13. August 1993 heiratete sie in zweiter Ehe Louis Andriesse.

Renard hielt sich über ihre Aktivitäten während des Krieges stets bedeckt, und selbst ihre eigenen Kinder kannten nicht ihre gesamte Geschichte. In einem späteren Interview mit der Historikerin Suzanne Vromen erzählte Renard, dass sie ein nur sieben Tage altes Mädchen namens Roseline Lewine, geboren in Anderlecht, mitgenommen hatte. Nach dem Krieg bemühte sie sich, das Mädchen wiederzufinden, was ihr nach vielen Jahren auch gelang. Lewine war 1997 bei der Ernennung von Renard zur „Gerechten unter den Völkern“ in Brüssel anwesend. Erst diese Nachforschungen lenkten die Aufmerksamkeit auf ihre Taten.

1995 nahm Renard an einer internationalen Konferenz über „versteckte Kinder“ teil, die von der belgischen Vereinigung L’Enfant caché organisiert wurde. Renard wurde am 16. April 1997 als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Im Mai 1998 wurde sie zusammen mit Robert Maistriau und Abbé Julien Richard als Vertreterin der belgischen Gerechten von der israelischen Regierung und Yad Vashem im Rahmen des 50. Jahrestags der Gründung Israelseingeladen.

Renard verstarb mit 91 Jahren in Antwerpen.

Einzelnachweise

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