mini|Avenue Louise/Louizalaan in Brüssel. Im Haus Nr. 193 wurde Marguerite Yourcenar am 8. Juni 1903 geboren. Gedenkbilder (Originaltitel: Souvenirs pieux, „fromme Andenken“) ist eine autobiografische Erzählung von Marguerite Yourcenar, auf Französisch 1974 veröffentlicht. Sie ist der erste Band der Trilogie Le Labyrinthe du monde („das Labyrinth der Welt“), gefolgt von Lebensquellen (Originaltitel: Archives du Nord) (1977) und Liebesläufe (Originaltitel: Quoi? L’éternité) (1988). Gedenkbilder ist die deutsche Übersetzung des ersten Bandes, übersetzt von Hedda und Rolf Soellner, und erschien 1985. Die Erzählung beginnt mit der Geburt der Autorin und erforscht die Geschichte des mütterlichen Zweigs ihrer Familie, wobei der Fokus auf ihren beiden Großonkeln Fernand und Octave Pirmez sowie ihrer Mutter Fernande liegt.

Inhalt Der Erzählung ist ein Zen-Kōan als Epigraph vorangestellt.Es lautet: Was war dein Gesicht, ehe dein Vater und deine Mutter einander begegneten? Die Erzählung besteht aus 4 Teilen mit jeweils eigenen Überschriften. Die Teile wiederum sind in durchnummerierte Kapitel ohne weitere Überschriften unterteilt.

Das Kapitel "Geburt" stellt die engsten Familienmitglieder vor und erzählt die Geschichte des Todes der Mutter nach der Geburt der Autorin im Juni 1903 in Brüssel. Darin sind unter anderem Erinnerungen an die Hochzeit der Eltern der Erzählerin einige Jahre vor ihrer Geburt und die Schwangerschaft ihrer Mutter gesammelt. Die Geburt selbst wird aus den Blickwinkeln von Bediensteten der begüterten Familie und der Hebamme beschrieben. Obwohl der Zustand der entbundenen Frau zunächst zufriedenstellend schien, bekam sie später Kindbettfieber und starb am 18. Juni, 15 Tage nach der Geburt. Im weiteren Fortgang konzentriert sich die Erzählung auf die Taufe des Kindes und anschließend die Beerdigung der Mutter. Dann berichtet die Autorin von einer Reise, die sie 1956 in die Niederlande, nach Deutschland und Belgien führte und bei der sie den Friedhof besuchte, auf dem ihre Mutter begraben lag, aber « ihr Grab rührte sie nicht mehr als das Grab einer Unbekannten ». Auf den vorhergehenden Seiten hat sie bereits ausgeführt, dass sie das Fehlen einer Mutter nie schmerzhaft berührt hat.

Die Schilderung dieser Ereignisse wird durch die Beschreibung von Dokumenten illustriert, die sich in einer vom Vater überreichten Kassette befanden: ein Zettel mit einigen Sätzen, über den ihre Mutter während der Schwangerschaft, als sie durch Zahnschmerzen am Sprechen gehindert war, mit ihrem Ehemann kommunizierte; Notizen des Ehemanns mit den Werten ihrer Temperatur und ihres Pulses vom 11. bis 18. Juni; Tauf- und Todesanzeigen sowie Gedenkbilder.

mini|hochkant=1.2|links|Schloss Bilquin-de Cartier in Marchienne-au-Pont Im nächsten Kapitel "Schlösser und Schatten" gibt die Autorin einen Überblick über die mütterliche Seite ihrer Familie. Der Name der adeligen Familie ist de Cartier de Marchienne. Sie kommt aus dem Lütticher Land und dem Hennegau. Die Autorin berichtet von « einer langen Reihe von Vorfahren und Seelenverwandten, von denen man nichts weiß als höchstens die Daten von Geburt und Tod »Gedenkbilder, S. 231 und erzählt die Geschichte der Familie seit dem 14. Jahrhundert. Einige ihrer Vorfahren hatten politische Ämter auf kommunaler Ebene in Lüttich inne. In diesem Zusammenhang stellt sie auch die Burgen und Schlösser Flémalle, Marchienne und Suarlée vor, in denen die Mutter, die Onkel und die Tanten lebten.

Es folgt das Kapitel "Zwei Wanderer unterwegs ins Unwandelbare", in dem sich die Autorin ihren beiden Großonkeln widmet, dem Schriftsteller Octave Pirmez und Fernand Pirmez, genannt Rémo. Yourcenar schildert ausführlich, wie sie sich Octaves Persönlichkeit über seine Bücher erschlossen hat, und geht auch auf ihre Gefühle gegenüber seinem Bruder ein, der Selbstmord beging. Mit deutlicher Anteilnahme interessiert sie sich für diese « zwei Stimmen, die sich, sei es leidenschaftlich, sei es zurückhaltend ausdrücken, zwei Menschen, die man seufzen und zuweilen schreien hört ». Die Porträts sollen ehrlich sein, deshalb schwankt ihr Urteil zwischen Bewunderung, Komplizenschaft und Ablehnung. Am Ende fasst sie zusammen: « Für Rémo hege ich leidenschaftliche Bewunderung. Der ‘Onkel Octave’ rührt mich bald, bald ärgert er mich. »Gedenkbilder, S. 243

Im abschließenden Kapitel "Fernande" verfolgt sie das Leben ihrer Mutter von sehr jungen Jahren an: Kindheit in Suarlée, Internat in Brüssel, Rückkehr nach Suarlée, Tod ihres Vaters und Umsiedlung mit ihrer Schwester in die Hauptstadt, Reisen allein nach Deutschland, Begegnung, Heirat und die drei Jahre gemeinsames Leben mit ihrem Ehemann vor ihrem vorzeitigen Tod, das hauptsächlich aus Reisen bestand.

Entstehung Im Buch geht Marguerite Yourcenar an verschiedenen Stellen auf die Entstehungsgeschichte ein. Auch außerhalb davon hat sie sich dazu geäußert. Danach verhält es sich so, dass sie bereits 1921 plante, eine Saga mit dem Titel Remous über ihre väterlichen und mütterlichen Familien zu schreiben, obwohl sie tatsächlich erst 1969 mit dem Schreiben begann. 1921 stellte sie sich eine Saga vor, die mehrere Jahrhunderte umfasste. Das hatte sie zunächst wieder aufgegeben. Der Plan lebte bei wiederholter Vertiefung in die Dokumente im Besitz des Vaters wieder auf und ebenso durch Reisen zu den geschichtlichen Orten ihrer Vorfahren, und zwar im Einzelnen nach Belgien zwischen 1929 und 1931, nach Belgien und ins französische Département Nord 1954 und 1956 zum Château d’Acoz, wo Octave Pirmez im 19. Jahrhundert lebte. S. 117

Autobiografische Technik Bei der Recherche zum Buch ging Yourcenar wie ein Genealoge vor: Sie verwendete umfangreiche Dokumentationen, die Familienquellen (mündliche Zeugnisse, Briefe, Fotos und natürlich die "Gedenkbilder", die dem Buch seinen Titel gaben), Adelsverzeichnisse, Monographien lokaler Gelehrter, literarische Werke zu Octave Pirmez sowie allgemeinere historische Werke umfassten. Sie versuchte, Familienereignisse so nah wie möglich an der historischen Wahrheit wiederzugeben, und suchte dazu Quellen.Gaudin (1994), S. 119 Sie vermutete, dass ihr nach strengem Maßstab der Geschichtswissenschaft durchaus Fehler unterlaufen sein könnten,Eine der dargestellten Personen ist Jeanne Bricou (später de Vietinghoff). Sie übernahm nach dem Tod der Mutter der Romanautorin eine wichtige Funktion für die Tochter. Das wird in folgender Internetquelle dargestellt, wobei auch auf kleinere Fehler im Buch Gedenkbilder eingegangen wird: aber diese « sind von geringer Bedeutung […] Wir sind hier nur in einer sehr kleinen Geschichte. »Gedenkbilder, S. 329 Es handelt sich um ein literarisches und kein trockenes genealogisches Werk. Die Autorin möchte damit etwas Universelles berühren: die Verbindung zwischen Genealogie und « dem Wesen, das sich ‘ich’ nennt »Gedenkbilder, S. 11 Sie versucht herauszufinden, ob sich etwas von ihren Vorfahren und Eltern in ihr wiederfindet.Gaudin (1994), S. 120Siehe dazu auch den Abschnitt « Entre la généalogie et le roman »: Marguerite Yourcenars Ahnengalerie ab S. 152 in folgender Internetquelle:

Deutsche Ausgabe Gedenkbilder. Eine Familiengeschichte, deutsch von Rolf und Hedda Soellner. Hanser, München 1984, ISBN 978-3-446-13913-8. Der Aufbau-Verlag hat 1990 diese Fassung in Lizenz nachgedruckt. Die Seitenangaben in den Fußnoten dieses Wikipedia-Artikels beziehen sich auf die Ausgabe des Aufbau-Verlags.

Rezensionen (Auswahl)

Anmerkungen

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Französisch) Kategorie:Autobiografie