Hélène Cazès-Benatar (geboren 27. Oktober 1898 in Tanger als Hélène Cazès; gestorben 7. Juli 1979 in Paris) war eine marokkanische Anwältin jüdischer Herkunft und Menschenrechtsaktivistin. Sie war die erste Anwältin Marokkos. Cazès-Benatar organisierte in Nordafrika Hilfsmaßnahmen für jüdische Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkriegs vor dem Nazi-Regime flohen.

Leben Herkunft, frühe Jahre und Ausbildung Rachel Hélène „Nelly“ Cazès war die Tochter von Amram und Myriam Cazès, geborene Nahon. Die Cazès sind Juden sephardischer Herkunft mit spanischen Wurzeln. Mütterlicherseits stammt die Nahon-Familie aus Gibraltar. Amram Cazès war Geschäftsmann und Assistent des brasilianischen Konsuls. Sie war das zweite von insgesamt fünf Kindern.

Hélène Cazès besuchte die Mädchenschule der Alliance Israélite Universelle in Tanger. Nach einem dreijährigen Aufenthalt in Sevilla während des Ersten Weltkriegs zog die Familie 1917 nach Casablanca, wo sie ihre Schulausbildung am dortigen Mädchengymnasium (Lycée de filles) fortsetzte und mit dem Abitur (Baccalauréat) abschloss.

Hélène Cazès heiratete 1920 Moïse Benatar (auch Benathar geschrieben), der ebenfalls aus Tanger stammte. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. 1930, im Alter von 32 Jahren begann Hélène Cazès-Benatar, im Fernstudium an der Universität Bordeaux Rechtswissenschaft zu studieren. 1933 legte sie das französische Anwaltsexamen ab und war damit Marokkos erste im Land geborene Rechtsanwältin, bzw. erste jüdische Rechtsanwältin Marokkos. Sie eröffnete eine Anwaltskanzlei in Casablanca.

Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg In den 1930er Jahren entwickelte sich das Ehepaar Benatar (Moïse war auch Rechtsanwalt) in Marokko zu führenden Persönlichkeiten und Rechtsanwälten, das sich für lokale jüdische Belange einsetzte. So engagierte sich Hélène Cazès-Benatar in jüdischen Vereinen für die Unterstützung der am stärksten benachteiligten Familien. Sie trat dem Ortsverband der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) bei und wurde deren Präsidentin. 1936 wurde sie als erstes weibliches Mitglied in den Vorstand des Moroccan Zionist Congress berufen. Cazès-Benatar hielt Vorträge über Palästina, das unter britischem Mandat steht sowie über Zionismus, wobei sie die Rolle der Frauen besonders hervorhob. 1937 wurde sie lokale Vizepräsidentin der Alliance Israélite Universelle. Im November 1938 begegnete sie im Hafengebiet von Casablanca den ersten jüdischen Flüchtlingen aus Europa, genauer gesagt Juden aus Deutschland. Im Januar 1939 erkrankte Moïse Benatar an einer Infektion und starb im Alter von 39 Jahren innerhalb von zwei Tagen. Hélène Cazès-Benatar war verzweifelt und versank in tiefer Trauer.

Zeit des Zweiten Weltkriegs Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 stieg die Zahl der Flüchtlinge an. Hélène Cazès-Benatar raffte sich auf, schloss vorübergehend ihre Anwaltskanzlei und widmete sich den Flüchtlingen. Sie meldete sich freiwillig zum Roten Kreuz und nahm in Casablanca an einem Ausbildungskurs für Krankenschwestern teil. Sie richtete dann ihre Aufmerksamkeit auf die in immer größer Zahl ankommenden Flüchtlinge, unter denen sich viele mittellose Juden aus Mitteleuropa befanden. Um den Flüchtlingen während ihrer Durchreise durch Marokko Unterkunft, Nahrung und medizinische Hilfe sowie Reisebegleitung zu gewähren, gründete sie das Komitee zur Unterstützung von Flüchtlingen. Dieses errichtete Anfang 1942 in Zusammenarbeit mit der örtlichen Regierung von Casablanca drei Notlager für jüdische Flüchtlinge, die zur Weiterreise auf ihr Visum warteten.

Sie vertrat das New-Yorker American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) und arbeitete u. a. mit dem American Friends Service Committee (AFSC) sowie dem Emergency Rescue Committee (ERC) zusammen. Mit Hilfe dieser Organisationen setzte sie sich für den Schutz von Juden ein, die von den rassistischen Gesetzen des Vichy-Regimes betroffen waren. Dies betraf sowohl marokkanische Juden, als auch Juden, die vom französischen Festland flohen. In den Jahren 1941 und 1942 ermöglichten Cazès-Benatar und ihre Verbündeten die Flucht tausender Juden über die Casablanca-Route, eine Fluchtroute die von Marseille über Casablanca nach Martinique und weiter nach Nord- und Südamerika führte. Die Landung der Amerikaner in Marokko am 8. November 1942 drängte zwar den Einfluss des Vichy-Regimes in Marokko etwas zurück, doch erst als Charles de Gaulle im Sommer 1943 die Macht des vichyfreundlichen Generals Henri Giraud brach, wurden die antisemitischen Gesetze der Vichy-Regierung abgeschafft (siehe auch Französisch-Nordafrika im Zweiten Weltkrieg).

Der enge Kontakt von Hélène Cazès-Benatar zur französischen Kolonialverwaltung war ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg. Die Kolonialverwaltung kooperierte zwar offiziell mit dem NS-Staat, doch befanden sich in deren Reihen hochrangige „Überläufer“. So traf sie sich mehrfach mit General Charles Noguès, dem Leiter des französischen Protektorats in Marokko. Dieser unterstützte ihre Rettungsarbeit diskret, indem er deutsche Einmischungen abwehrte.

Bereits im Juli 1940 schloss sich Cazès-Benatar einer marokkanischen Untergrundgruppe an, die gegen die Vichy-Regierung agierte. Mitglieder der sogenannten „Mengin-Gruppe“ verteilten Vichy-feindliche bzw. Alliierten-freundliche Flugblätter und gaben Informationen zum Schiffsverkehr durch die Straße von Gibraltar weiter. Ohne kompromittierendes Material zu finden, wurde Cazès-Benatar Anwaltskanzlei mehrfach von der Vichy-Polizei in Begleitung der Gestapo durchsucht. Im Juli 1942 wurden Mitglieder der Mengin-Gruppe denunziert, verhaftet und gefoltert. Cazès-Benatar wurde aus der Anwaltskammer ausgeschlossen und zur Schließung ihrer Kanzlei gezwungen. Sie entging höchstwahrscheinlich einer Inhaftierung nur wegen ihrer guten Kontakte in die oberen Ebenen der Kolonialkommandantur.

Nachkriegszeit Nach dem Krieg arbeitete Cazès-Benatar als Rechtsanwältin und Expertin für nordafrikanische jüdische Angelegenheiten. 1945 trat sie dem in Paris angesiedelten Transmigrationsdienst des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC) bei, der an der Umsiedlung der „letzten Million“ jüdischer Gefangener deutscher Konzentrationslager arbeitete. 1948 wurde sie zur ersten Nordafrika-Beauftragten des JDC ernannt und leitete Projekte zur Unterstützung nordafrikanischer Juden. 1951 verließ sie das JDC und kehrte zu ihrer privaten Anwaltskanzlei in Casablanca zurück. In den 1950er Jahren half sie auch jüdischen Flüchtlingen bei der Neuansiedlung in Israel. Während ihrer Tätigkeit als Rechtsanwältin reiste sie 1953 und 1954 in die Vereinigten Staaten, wo sie Vorträge hielt und Spenden sammelte. Sie wurde zur nordafrikanischen Vertreterin des Jüdischen Weltkongresses ernannt und verfasste für das American Jewish Year Book von 1955 Berichte über Tanger, Französisch-Marokko und Spanisch-Marokko.

Hélène Cazès-Benatar blieb bis zur Unabhängigkeit Marokkos 1962 in Casablanca, durfte dann aber dort nicht mehr als Rechtsanwältin arbeiten, weshalb sie nach Paris umsiedelte. Sie engagierte sich in der Association des Juifs du Maroc und übernahm 1965 für einige Jahre deren Vorsitz. Vor ihrem Tod 1979 hinterlegte sie etwa 18.000 Dokumente aus den Jahren 1939–1945 in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem.

Einzelnachweise

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