mini|hochkant|Victor Tardieu (um 1925) Victor François Tardieu (* 30. April 1870 in Lyon; † 12. Juni 1937 in Hanoi) war ein französischer Maler. Er war als Gründer und erster Direktor der École des Beaux-Arts de l’Indochine in Hanoi (ab 1925) eine prägende Figur für die Etablierung westlicher Kunstausbildung in Vietnam und beeinflusste damit die Entwicklung der modernen vietnamesischen Malerei nachhaltig. Künstlerisch bedeutsam ist sein monumentales Fresko La Métropole (1922–1928) an der École de Médecine in Hanoi, das nach kolonialzeitlicher Übermalung 2006 anhand seiner erhaltenen Skizzen wiederhergestellt werden konnte.

Leben Victor Tardieu entstammte einer Familie von Seidenhändlern. Sein Vater war als Stoffmaler tätig und schuf unter anderem Blumenstillleben. Tardieu begann seine künstlerische Ausbildung an der École des Beaux-Arts in Lyon. Um 1889 wechselte er an die École des Beaux-Arts in Paris, wo er bei Charles Busson, Albert Maignan und Léon Bonnat Malerei studierte. Seine künstlerische Laufbahn begann er um 1889 mit Entwürfen und Kartons für Glasfenster von Kirchen und profanen Bauten, darunter für den Festsaal des Rathauses von Dünkirchen, der 1940 zerstört wurde. In dieser Zeit löste er sich allmählich von den Prinzipien der akademischen Malerei und wandte sich – in der Tradition von Jean-François Millet und Constantin Meunier – Darstellungen der Arbeiterwelt zu. Besonders interessierte ihn die Arbeitswelt in den Häfen von London und Liverpool.

Im Jahr 1902 erhielt er einen Prix National für ein großformatiges Gemälde von Arbeitern in einem Steinbruch. In dieser Zeit erhielt er auch öffentliche Aufträge, darunter die Deckengestaltung des Festsaals im Rathaus von Les Lilas bei Paris. Zwischen 1907 und 1913 fertigte Tardieu in den Sommermonaten zahlreiche kleinformatige, private Genrebilder in seinem Landhaus in Orliénas bei Lyon. Hauptmotive waren seine Frau und der gemeinsame Sohn.

1914 wurde Tardieu als einfacher Soldat in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Er verbrachte vier Jahre an verschiedenen Kriegsschauplätzen, insbesondere bei Verdun, wo er die Schlachtfelder und Lazarette dokumentierte. Nach dem Krieg gestaltete er das Rathaus von Montrouge bei Paris mit Fresken aus.

1921 erhielt er den Prix de l’Indochine. Der ursprünglich auf sechs Monate angelegte Aufenthalt in Indochina wurde zu einem dauerhaften Aufenthalt bis zu seinem Lebensende. Von 1922 bis 1928 schuf er das rund 77 m² große Fresko La Métropole im großen chirurgischen Hörsaal der École de Médecine in Hanoi. Da ihm geeignete Modelle und Mitarbeiter fehlten, gründete Tardieu die École des Beaux-Arts de l’Indochine in Hanoi, deren Leitung er ab der Eröffnung im Jahr 1925 übernahm. Die Leitung dieser Institution nahm einen Großteil seiner Zeit in Anspruch und schränkte seine eigene künstlerische Produktion ein. Dennoch entstanden weiterhin kleinformatige Gemälde von Landschaften und dem Leben in Indochina. Er stellte regelmäßig im Salon des Artistes Français aus. Tardieu starb 1937 in Hanoi.

Werk mini|Rekonstruiertes Wandgemälde im Ngụy Như Kon Tum-Saal der Fakultät für Naturwissenschaften der Nationaluniversität Hanoi, 19 Lê Thánh Tông, Hanoi Mit dem 1902 entstandenen Gemälde Der Steinbruch (Rennes, Musée des Beaux-Arts) schuf Tardieu eine vielfigurige Darstellung von Arbeitern. Im Vordergrund versuchen Steinmetze, einen behauenen Block zu bewegen, während ein Zugpferd ins Bild drängt. Im Hintergrund sind im Sonnenlicht zahlreiche weitere Arbeiter zu sehen, die von einem Kran unterstützt werden – ein Zeichen beginnender Industrialisierung. Die Komposition ist durch starke Diagonalbewegungen und ausgeprägte Hell-Dunkel-Kontraste geprägt.

Eine vergleichbare expressive Bildsprache findet sich in seinen Kriegsbildern, in denen Tardieu die Arbeit an Geschützen dramatisch beleuchtet darstellte. Eine Ausnahme bilden die Bilder aus dem englischen Lazarett von Bourbourg (1915/16, darunter The Camp in the Oatfield at Bourbourg), in denen er die Umgebung eines Zeltlazaretts bei Dünkirchen in spätimpressionistischer Pleinair-Malerei festhielt.

Im Fresko La Métropole (1922–1928) stellt Tardieu das Geschehen im Hafen von Haiphong, in Hanoi und vor der École de Médecine mit über 100 Figuren dar. Zentrales Motiv ist ein Baum vor einem Triumphbogen im annamitischen Stil. Das Bild thematisiert die Vermittlung westlichen medizinischen Wissens an die einheimische Bevölkerung. Nach der Unabhängigkeit Vietnams wurde das Fresko von der Regierung übermalt. Anhand erhaltener Skizzen Tardieus konnte es im Jahr 2006 wiederhergestellt werden. Neben diesen großformatigen Werken entstanden in Hanoi auch Porträts und kleinformatige Stadtansichten, darunter eine Ansicht des Minh-Mang-Tempels in Huế, die sich durch eine freie, vom Fauvismus beeinflusste Farbgebung auszeichnen.

Familie Tardieu war seit 1902 mit der Harfenistin Caroline (genannt Caline, geborene Luigini; 1873–1968) verheiratete. Vermutlich hatte das Paar aufgrund ihrer Tuberkuloseerkrankung nur ein einziges Kind. Jean Tardieu (1. November 1903 – 27. Januar 1995) wurde Schriftsteller. Der Komponist, Musiker und Orchesterleiter Alexandre Clement Leon Joseph Luigini (9. März 1850 – 29. Juli 1906) war Tardieus Schwiegervater, der von dem Komponisten Joseph Luigini, einem Sohn des aus Modena eingewanderten Trompeters Ferdinand Luigini, abstammte. Amélie Luigini (1855–1883), die Tante seiner Ehefrau, war Opernsängerin.

Auszeichnungen (Auswahl) 1900: Bronzemedaille bei der Weltausstellung Paris 1900 1902: Prix National (Prix du Salon) für sein mehr als 18 m² großes Werk Travail 1907: Medaille 2. Klasse vor 1926: Ritter der Ehrenlegion

Werke (Auswahl) Réverie – Lyon, Musée des Beaux-Arts Der Steinbruch (Travail), 1902 – Rennes, Musée des Beaux-Arts Hafen von Liverpool – Tourcoing, Musée des Beaux-Arts Gemälde – Paris, Musée d’Orsay Gemälde – Paris, Musée de l’Armée The Camp in the Oatfield at Bourbourg, 1915 Deckengemälde (ca. 150 m²), Rathaus von Les Lilas Fresken, Rathaus von Montrouge La Métropole, Fresko, 1922–1928, École de Médecine, Hanoi

Literatur Alain Roussard: Dictionnaire des peintres à Montmartre. Paris 1999. Corinne Noppe, Jean-François Hubert (Hrsg.): Arts du Vietnam. La fleur du pêcher et l’oiseau d’azur. Ausstellungskatalog des Musée royal de Mariemont, Morlanwelz 2002. Édouard-Joseph: Dictionnaire biographique des artistes contemporains 1910–1930. Band 3, Paris 1934, S. 334 (französisch, ).

Jean Gribenski (Hrsg.): La Maison de l’artiste. Construction, aménagement, décoration, 1830–1930. Rennes 2007 (mit einem Beitrag von Sophie Vernois). Gérald Schurr, Pierre Cabanne: Dictionnaire des petits maîtres de la peinture. Band 2, Paris 1996. René Édouard-Joseph: Le Livre d’or des peintres exposants. Paris 1914; 2. Auflage, Paris 1921. Victor Tardieu 1870–1937. Ausstellungskatalog, Galerie Jonas, Paris 1977.

Weblinks

Victor Tardieu Life & Career Witness Collection MutualArt Arbeitsvertrag von Victor Tardieu von 1924 Christie’s: Victor Tardieu – La Tonkinoise Au Panier Thucdoan

Einzelnachweise

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