Master Misery (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Der Schwarze Mann, Originaltitel: Master Misery) ist eine 1948 entstandene Episode innerhalb des Erzählbandes Baum der Nacht und andere Erzählungen von Truman Capote. Erstmals abgedruckt wurde der Text in der Zeitschrift Mademoiselle.Robert Emmet Long: Master Misery. In: Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 26–28. Hier S. 26.

Kurzbeschreibung Die aus Ohio nach New York City gezogene junge Sylvia verachtet ihren eintönigen Job als Stenotypistin und das demonstrative Ehe- und Hausfrauenglück ihrer Kindheitsfreundin Estelle, bei der Sylvia aufgrund mangelnder finanzieller Mittel wohnt. Um von Estelle unabhängig zu werden, verkauft Sylvia die Inhaltsangaben ihrer Träume an den zufällig kennen gelernten mysteriösen Mr. Revercomb. Die Revercomb-Sitzungen schwächen sie körperlich und seelisch; außer ihren Träumen muss sie auch Hab und Gut verkaufen, um ihre Unabhängigkeit zu erhalten. Sie lernt einen anderen Revercomb-Klienten kennen, mit dem sie sich anfreundet: den Ex-Clown und Alkoholiker Oreilly. Er hat die Theorie, Revercomb verzehrte mit den Träumen die Seelen seiner Klienten. Sylvia hofft vergeblich, ihre Träume zurückzubekommen: Revercomb hat sie tatsächlich alle verbraucht.

Inhalt Die junge, aus Ohio nach New York zugereiste Sylvia ist eine von „ein paar Stenotypistinnen bei Snug Fare, einer Handelsgesellschaft für Unterwäsche“. Sylvia schätzt ihren „monotonen und sinnlosen Job“„monotonous and meaningless job“ – Long, Master Misery, S. 27. nicht sonderlich in einer Firma, „deren Produkte sich auf Körperteile konzentrieren, über die sie nicht nachdenken möchte“.„underwear company, whose products focus on body parts she does not want to think about“ – Thomas Fahy: A Tree of Night and Other Stories. In: Thomas Fahy: Understanding Truman Capote. University of South Carolina Press, Columbia SC 2014. ISBN 978-1-61117-341-3. S. 16–42. Hier S. 24. Sie mag auch New York manchmal nicht sonderlich: „entsetzliche Anonymität; quietschende Wasserrohre, Licht die ganze Nacht hindurch; unaufhörliche Schritte; Untergrundbahn-Tunnel; numeriete Türen“. Alles in allem ist New York nach Sylvias Ansicht „keine Umgebung, in der man sich verlieben könnte; hier sollte man herkommen, wenn man vom Verliebtsein genug hat.“ Und wo sie untergekommen ist, schätzt Sylvia ebenso wenig: bei ihrer Kindheitsfreundin Estelle und deren Mann, die Sylvia durch demonstratives Eheglück nerven und durch Ratschläge: „Meiner Meinung nach, und ich habe das auch Butzi gerade gestern abend noch gesagt, und er gibt mir hundertprozentig recht, ich sagte: ‚Butzi, ich denke, Sylvia sollte heiraten. Ein Mädchen, das so nervös ist wie sie, braucht ein weniger anstrengendes Leben‘“, rät Estelle in Verkennung der Tatsache, dass sie mit ihrem plakativen Hausfrauenglück einen Teil eben jener Anstrengung ausmacht. Um diesem Leben bei „Schnucki-Putz und Butzili“ zu entkommen, ist Sylvia zu vielem bereit. Die Möglichkeit zu einem Ausbruch aus diesem Leben sieht sie, nachdem sie in einem Restaurant ein Gespräch belauscht, in der ein Gast behauptet, „die Tante seiner Frau, Miß Mozart, arbeite bei einem reichen Herrn, der Träume kaufe, richtige Nacht-Träume – von jedermann. Und er schrieb den Namen und die Adresse des Herrn auf und gab sie seinem Freund; der ließ sie aber einfach auf dm Tisch liegen“, von wo Sylvia sie sich später nimmt: Der Herr heißt A. F. Revercomb, Sylvia wird seine Klientin, erzählt erstmals von einem Traum, der von Miss Mozart notiert wird, und kassiert: „Fünf Dollar, gezahlt für einen Traum. […] War das wirklich so einfach? Sie lachte ein wenig […]. Wenn sie nur zweimal in der Woche einen Traum verkaufte, man bedenke, was sie dann anfangen konnte: Ein Plätzchen irgendwo ganz für mich allein, dachte sie“, obgleich die Ablieferung eines Traums bei Revercomb etwas Vampirhaftes an sich hat: „Mr. Revercombs Lippen berührten leicht ihr Ohr, als er sich weit in ihren Schlaf neigte. Erzählen Sie mir?, flüsterte er.“

Bei einem der folgenden Revercomb-Termine platzt ein kräftig gebauter Ex-Klient in das Wartezimmer, „von einem Fuß auf den anderen schwankend, er war betrunken“ und wird von der nicht minder kräftig gebauten Miss Mozart, „deren grünlich-bleiche Hände stark waren wie Eichenwurzeln“ aus dem Wartezimmer hinausexpediert. Nachdem Sylvia ihren Revercomb-Termin hinter sich hat, trifft sie draußen auf den Betrunkenen, „der den Aufruhr verursacht hatte. Wie ein einsames Großstadtkind lehnte er an einem parkenden Auto und ließ einen Gummiball auf- und niederspringen.“ Er beklagt sich, Revercomb und Miss Mozart hätten „gar keinen Grund, mich so zu behandeln. Es ist sowieso alles nur seine Schuld. Ich hatte von Anfang an schon nicht so schrecklich viel, aber er nahm mir noch das bißchen, und nun habe ich nichts mehr“. Sylvia hat zwar keine Ahnung, was der Fremde meint, fühlt sich aber „an einen ungeschminkten Clown“ erinnert, was sie für den Fremden einnimmt: „Als ich noch klein war, mochte ich nur Clowns-Puppen.“ Tatsächlich war der Fremde einmal Clown, hat allerdings auch „als Vertreter für eine Lebensversicherung gearbeitet“, heißt Oreilly: „Ich hab‘ gestohlen, gebettelt und meine Träume verkauft – alles nur für Whisky.“ Oreilly und Sylvia gehen ein Stück, und „es war, als ob sie mit einer Puppe aus ihrer Kindereit spazierenginge, einer lebensgroßen Puppe voller Zauber und besonderer Fähigkeiten; sie tastete nach seiner Hand und hielt sie fest“. Oreilly berichtet, dass Revercomb „ein Dieb und eine Gefahr“ wäre: „Er nimmt einem alles, was man hat, läßt einem nichts, nicht einmal die Träume“, und dennoch komme man nicht von ihm los: „Sieh mich an, sogar ich geh‘ wieder hin, und er hat schon seit langem mit mir Schluß gemacht, der Master Misery“ – Oreilly gibt Revercomb damit den Namen der Schreckgestalt seiner Kindertage.

Nachdem Sylvia „ihren Job gekündigt hat, wird sie finanziell von diesen Sitzungen abhängig, obwohl die Begegnungen eine schwächende Wirkung haben“,„After quitting her job, she becomes dependent on these sessions for money even though the encounters have a debilitating effect“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 27. so dass sie bald „keine hundert Pfund mehr“ wiegt, „jeden Knochen und jede Ader kann man sehen“. Klammheimlich ist sie bei Estelle ausgezogen, lässt sich dort nicht wieder blicken, lebt in einem möblierten Zimmer, zehrt außer von den schwankenden Einnahmen Revercombs, der je nach Qualität des Traums bezahlt, von ihren Besitztümern: „Sie hatte so vieles verkauft, einschließlich ihres Biberpelzmantels und der Abendtasche aus Netzgold.“ Von ihrem Fenster aus blickt sie auf einen Schornstein. „Dieser Schornstein kam häufig in ihren Träumen vor; er verfehlte nie, Miß Mozart in Bewegung zu bringen: ‚Phallisch, phallisch‘, murmelte sie dann jedesmal und sah von ihrem Stenogramm auf.“ Zur Verwaltung ihrer Träume notiert Sylvia sie „in einem kleinen tagebuchartigen Heft […]; sie waren jetzt endlos, und es war so schwer, sie zu behalten.“ Die Höchsteinnahme, die sie für einen Traum erzielt, liegt bei zehn Dollar, und als sie einmal Oreilly von einem solchen Erfolgserlebnis berichtet, berichtet er seinerseits, dass er gerade eine Ein-Liter-Flasche Whisky geklaut habe: „Eigentlich wahnsinnig, wenn man überlegt; man quält sich, ob man schlafen wird, ob man einen Traum haben wird, ob man sich an den Traum auch erinnern wird. Das geht immer im Kreis herum. Bekommt man ein paar Dollar, stürzt man sich in das nächste Schnapsgeschäft – oder zum nächsten Schlaftabletten-Automaten. Und ehe man sich versieht, ist man in der Sch…gasse gelandet. Ja, Baby, weißt du, was das ist? Das ist eben das Leben!“ Sylvia fragt sich in diesem Gespräch, was Revercomb „mit den getippten und einsortierten Träumen will“, und Oreilly meint: „In den Träumen äußert sich die Seele, sie enthalten die geheime Wahrheit über uns. Nun hat der Master Misery vielleicht keine Seele, und da borgt er sich nach und nach die deine, er stiehlt sie, wie er dir deine Puppen stehlen könnte“. Oreilly ist es auch, der Sylvia aufpäppelt, nachdem sie die Revercomb-Termine bis zum Zusammenbruch geschwächt haben. Und er fragt sie, was sie täte, wenn sie ihre Träume von Revercomb zurückerhalten würde. „Ich würde nach Hause gehen“, gesteht Sylvia: „Und das ist ein schrecklicher Entschluß, weil es bedeuten würde, daß ich die meisten meiner anderen Träume aufgeben müßte. Aber wenn Mr. Revercomb sie mir wiedergeben würde, dann würde ich morgen nach Hause gehen.“ Oreilly findet: „Es ist eine Chance.“ Bei ihrem nächsten Treffen berichtet Sylvia: „Weißt du, was er gesagt hat? […] Er sagte – ich könne sie nicht wiederhaben, weil – weil er sie alle verbraucht habe.“ Sie gibt ihm Oreilly fünf Dollar, ausdrücklich für Alkohol. „Es war nicht wichtig, daß es ihr letztes Geld war, daß sie nun zu Fuß nach Hause gehen mußte, und allein. […] Wirklich, ich habe kein Angst, dachte sie, als sie ihre vom Schnee gedämpften Schritte hinter sich hörte; und schließlich war ihr ja nichts geblieben, was man hätte stehlen können.“

Textanalyse Bei Master Misery handelt es sich um eine auktorial oder personal erzählte Kurzgeschichte über das Erwachsenwerden„a coming-of-age-story“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 24. mit starkem Phantastik-Einschlag. Ort der Handlung ist New York. Die Handlung spielt Mitte der 1940er Jahre: Gegen Ende der Erzählung liest Sylvia eine Zeitungsnotiz über den Blizzard im Spätherbst 1946 „über Colorado, über dem ganzen Westen“, so dass der ausdrücklich Ende November platzierte Beginn der Erzählung im Jahr 1945 oder früher liegen muss.

Themen Die Hauptfigur Sylvia erlebt von Anfang an Einsamkeit, Entfremdung und Großstadtanonymität in „einer freud- und gefühllosen Welt“,„a joylessly unfeeling world“ – Long, Master Misery, S. 28. die ihr anscheinend nicht mehr zu bieten hat als einen öden Brotberuf, realisiert im Stenotypistinnen-Dasein bei einer Unterwäschefirma – oder, personifiziert durch ihre Kindheitsfreundin Estelle, realisiert durch ein Ehe- und Hausfrauenglück samt Übermaß an „Schnucki-Putz und Butzili“. Im letzten Dialog mit Estelle innerhalb des Textes meint Sylvia auf die Frage, was sie denn überhaupt wolle: „Mehr als mir zukommt.“ Sylvias dringlicher Wunsch nach Autonomie, ihr Wunsch, dem Anpassungsdruck auf Frauen zu entgehen, enden mangels sozioökonomischer Alternative bei Mr. Revercomb, der die eher prüde Sylvia, die Estelle hinsichtlich einer Detailschilderung aus deren Sexualleben abkanzelt, zwar nicht körperlich, dafür aber seelisch prostituiert: Revercomb „verbraucht“ persönliche Träume, intimste Seeleninhalte, und macht Traumverkäufe zu einer Form von ökonomischer Ausbeutung und Abhängigkeit, der Sylvia zumindest innerhalb des Textes nicht entkommen kann: Der Versuch der Flucht aus einem System, in dem Sylvia ihre reale Zeit in einem öden Brotberuf des Geldes wegen verschwendete und sich somit prostituierte, endet in einem System, in dem Sylvia ihre Traum-Zeit des Geldes wegen prostituiert und froh wäre, Revercombs Traumverzehrung zu entkommen, selbst wenn sie dafür die meisten ihrer anderen Träume aufgeben und in nach Ohio zurück müsste.

Figuren (Auswahl) Sylvia: Das Leben dieser jungen Stenotypistin ist trostlos,„desolation“ – Long, Master Misery, S. 27. isoliert„isolation“ – Fahy, A Tree of Night and Other Stories, S. 25. und einsam:„lonely“ – Long, Master Misery, S. 27. Sylvia „sie haßte Feiertage, Zeiten, in denen man am einsamsten ist“. Der US-Literaturkritiker Robert Emmet Long (1934–2016) bezeichnet sie als „von kindlicher Unschuld“„of childlike innocence“ – Long, Master Misery, S. 28. und mutmaßt, „dass ein Teil ihrer Zurückhaltung, vollständig erwachsen zu werden, mit einer Angst vor Sex zu tun hat.“„It is implied that some of her reluctance to become fully adult has to do with a fear of sex“ – Long, Master Misery, S. 27.