His Majesty’s Royal Palace and Fortress of the Tower of London (auf Deutsch: Königlicher Palast Seiner Majestät und Festung des Tower of London, kurz: der Londoner Tower) ist ein befestigter Gebäudekomplex am Nordufer der Themse am südöstlichen Ende der City of London und damit zugleich im Zentrum der englischen Region Greater London (London). Die Ringburg mit zwei Festungsringen diente den englischen und britischen Königen unter anderem als Residenz, Waffenkammer, Werkstatt, Lager, Zoo, Garnison, Museum, Münzprägestätte, Gefängnis, Archiv und Hinrichtungsstätte. Seit 600 Jahren wird der Tower von Touristen besucht.
Ursprünglich wurde der Tower im 11. Jahrhundert als Festung Wilhelms des Eroberers gegen die potentiell feindseligen Bürger der Stadt London errichtet. Bis zu Jakob I. (1566–1625) nutzten alle englischen Könige den Tower zeitweilig zum Aufenthalt. Als Stützpunkt der britischen Monarchie im historischen Zentrum Londons ist der Tower eng mit der britischen Geschichte verbunden. Die Außenmauern und Türme des Towers wurden im Wesentlichen im Mittelalter errichtet. In den folgenden Jahrhunderten wurden zahlreiche An- und Umbauten innerhalb der Mauern durchgeführt. Im 19. Jahrhundert erfolgte eine Neugestaltung: Mauern und Türme wurden im Zuge des Gothic Revival im historistischen Stil neu errichtet. Dabei wurden auch Gebäude innerhalb der Mauern abgerissen.
Heute werden im Tower Ausstellungen über das Gebäude selbst und seine Geschichte, Teile der Sammlung der Royal Armouries, die britischen Kronjuwelen gezeigt. Hier befinden sich das Hauptquartier und das Museum des Royal Regiment of Fusiliers, Wohnräume für die Yeoman Warders sowie Verwaltungs- und Büroräume. Aus dem Tower gingen das Board of Ordnance, die Royal Mint, der Ordnance Survey, das Royal Observatory, das Public Record Office und der London Zoo hervor. Der Tower ist auch Handlungsort zahlreicher Dramen und Romane von Shakespeare bis Edgar Wallace. Insbesondere Schriften und Historiengemälde des 19. Jahrhunderts betonen die Rolle als Gefängnis und trugen maßgeblich zur Rezeption des Towers als düsterem Kerker bei.
Die UNESCO erklärte den Tower 1988 zum Weltkulturerbe. Der Tower gehört der britischen Krone und wird von den Historic Royal Palaces verwaltet.
Baugeschichte
Gründung und Ausbau im Mittelalter mini|hochkant|Abbildung des Towers aus dem frühen 15. Jahrhundert, aus dem Manuskript Royal 16 F. ii
Nach der Eroberung Englands 1066 errichteten die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer eine Reihe von Festungen, um ihre Macht im Land zu sichern. Nachdem es anlässlich der Krönung Wilhelms zum englischen König in der Westminster Abbey an Weihnachten 1066 zu Unruhen in der Stadt gekommen war, ordnete Wilhelm den Bau einer Burg auf einem an der Themse gelegenen Hügel am östlichen Rand der City of London an. Die etwa 200 Fuß mal 400 Fuß (etwa 70 Meter × 140 Meter) große Festung lag in der südöstlichen Ecke der römischen Stadtmauer Londiniums und wurde im Süden und Osten von der erhaltenen römischen Mauer, im Westen und Norden von einem Graben mit Erdwällen und hölzernen Palisaden geschützt. Diese erste Festung wurde ab 1077/78 durch einen massiven Steinbau, den späteren White Tower, ersetzt.Ivan Lapper, Geoffrey Parnell: The Tower of London. A 2000-Year History (Landmarks in History). Osprey Publishing, Oxford 2000, S. 16–18. Während Richard I. auf Kreuzzüge zog, begann Wilhelm von Longchamp, der Lordkanzler von England, Ende des 12. Jahrhunderts mit dem Ausbau des Towers zur Festung mit mehreren Gebäuden. Er verstärkte die weiteren Mauern um den White Tower herum, baute die Mauern nach Westen aus und versah sie erstmals mit kleineren Wachtürmen. Longchamp versuchte als Erster, einen Wassergraben um den Tower zu errichten. Er scheiterte aber noch an den Strömungsverhältnissen in der Themse.
Prägend für die heutige Gestalt des Towers war Heinrich III., der die Festung von 1220 bis 1238 zum Festland hin und von 1238 bis 1272 zum Fluss hin erweiterte. In dieser Zeit erhielt auch die gesamte Festung den Namen Tower of London.Anthony Sutcliffe: London: an architectural history Yale University Press, 2006, ISBN 0-300-11006-5, S. 12. Sowohl die Arbeiten an der großen Halle als auch andere haushaltsbezogene Konstruktionen deuten darauf hin, dass Heinrich den Tower als Wohngebäude aufwerten wollte, und ihn auf eine Ebene mit Windsor Castle oder den Residenzen in Winchester und Clarendon stellen wollte.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216–1327. In: Architectural History. Vol. 38, (1995) S. 37. Heinrich ließ die Gemächer von König und Königin neu herrichten und die Wände weiß kalken. Außerdem ließ er fünf Tonnen Marmor aus Dorset heranschaffen, um die Innenräume auszubauen.John Steane: The archaeology of medieval England and Wales Taylor & Francis, 1985, ISBN 0-7099-2385-6, S. 10.
Nachdem Heinrich sich 1238 im Zuge der Verwerfungen um die Hochzeit seiner Schwester Eleanor von England mit Simon de Montfort, 6. Earl of Leicester vor aufgebrachten Adligen einen Monat lang im Tower hatte verschanzen müssen, begann er mit dem Ausbau des Towers als Festung auf dem damals aktuellen Stand der Festungstechnik.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216–1327. In: Architectural History. Vol. 38, (1995) S. 39. Er ließ einen neuen Festungsring, insgesamt acht Türme und einen permanent gefüllten Wassergraben errichten.
Eduard I., der umfangreiche Erfahrungen mit der Kriegsführung auf den britischen Inseln und dem Kontinent besaß, setzte das ehrgeizige Bauprogramm seines Vorgängers fort. Er baute die innere Mauer aus, so dass eine echte Ringburg entstand, ließ einen neuen Graben ausheben und neue Außenmauern bauen, so dass insgesamt drei Verteidigungsringe entstanden. Die Architektur folgte dabei dem in Wales entwickelten Modell britischer Ringburgen. Die Festungsringe wurden von außen nach innen höher, so dass Verteidiger auf den inneren Ringen über ihre Mitkämpfer auf den äußeren Ringen hinwegschießen konnten. Sollten die äußeren Festungsringe fallen, hätten die Verteidiger immer noch einen Höhenvorteil.
Eduard ersetzte den großen Torbau seines Vorgängers durch zwei neue Tore, eines zum Wasser und ein landseitiges auf der West-/Stadt-Seite der Festung. Seit 1275 entstand der nach Thomas Beckett benannte St Thomas’s Tower.Simon Thurley: Royal Lodgings at The Tower of London 1216–1327. In: Architectural History. Vol. 38, (1995) S. 47. Damit hatte der Tower seine heutige Flächenausdehnung erreicht.Anthony Emery: Greater Medieval Houses of England and Wales, 1300–1500: Southern England Cambridge University Press, 2006, ISBN 0-521-58132-X, S. 245. In den Zeiten nach Eduard I. folgten An- und Umbauten eher sporadisch, und oftmals ad hoc. Eduard II. und Eduard III. ließen im 14. Jahrhundert die äußere Mauer auf die heute noch vorhandene Höhe aufmauern.Historic Royal Palaces: Tower of London World Heritage Site – Management Plan 2007. S. 24.
Mehrfacher Umbau seit der Frühen Neuzeit mini|Wenzel Hollar: „Tower of London“. Entstanden zwischen 1637 und 1677. mini|Thomas H. Shepherd: „Tower of London from Tower Hill“. Entstanden im frühen 19. Jahrhundert.
Ab dem 16. Jahrhundert erlahmten die Arbeiten an den eigentlichen Verteidigungsanlagen des Towers. Zahlreiche Regierungsstellen und Organisationen von der königlichen Waffenschmiede über die Münzprägestätte bis zum Archiv waren mittlerweile im Tower heimisch geworden. Diese sorgten zwar für regelmäßigen Neubau und eine Erweiterung der inneren Gebäude, verhinderten aber den Ausbau der Verteidigungsanlagen. Heinrich VIII. ließ die Festungskirche St Peter ad Vincula komplett neu bauen, das Queen’s House, das größte Gebäude der Tudor-Zeit, errichten und die ersten Verteidigungsanlagen mit Schießscharten für Handfeuerwaffen versehen.Geoffrey Parnell: English Heritage Book of the Tower of London. Batsford, London 1993, ISBN 0-7134-6864-5, S. 55.
Bedeutsam im 17. Jahrhundert war das Grand Storehouse, das später einem Feuer zum Opfer fiel. Darüber hinaus entstanden dutzende kleinere Gebäude, Wohnhäuser und andere Bauten. Unter anderem bestanden zwei Pubs an der Außenmauer des Towers, die ebenfalls im 19. Jahrhundert abgerissen wurden. Die verbliebenen mittelalterlichen Palastanlagen außerhalb des White Towers fielen zwei großen Feuern in den Jahren 1774 und 1788 zum Opfer.Historic Royal Palaces: Tower of London World Heritage Site – Management Plan 2007. S. 30.
Der letzte große Neubau erfolgte im Jahr 1840, als die Chartisten Großbritannien in Aufruhr versetzten und das britische Königshaus den Tower wieder auf den damaligen Stand der Verteidigungstechnik bringen ließ. Prägend war hierbei der Bau der Waterloo Barracks, die an die Stelle des alten Grand Storehouse traten und heute neben dem White Tower das größte Gebäude der Festung sind.
Im 19. Jahrhundert gab es wiederum eine tiefgreifende Änderung der Nutzung. Bis 1850 hatten die Royal Mint, die Menagerie und das Archiv den Tower verlassen und waren in Gebäude weiter außerhalb der Londoner Innenstadt gezogen. Tourismus und Besichtigungen nahmen an Bedeutung zu. Im 19. Jahrhundert folgten darauf größere Umbauten im Inneren. Nicht mehr benötigte Gebäude aus den vorherigen Jahrhunderten wurden abgerissen, andere errichtet. Der Mode der damaligen Zeit folgend, versuchten die Bauherren im Tower wieder einen möglichst mittelalterlichen Zustand herzustellen.Historic Royal Palaces: Tower of London World Heritage Site – Management Plan 2007. S. 31.
Anstatt wie in den Jahrhunderten zuvor in Backstein mit Reminiszenzen an klassische Architektur zu bauen, forderte Anthony Salvin die Verwendung von Naturstein, der möglichst originalgetreu mittelalterlich aussehen sollte. Sowohl aus militärischen als auch aus ästhetischen Gründen ließen die Baumeister des 19. Jahrhunderts zahlreiche Gebäude auf dem Festungsgelände entfernen. John Taylors Arbeiten sorgten für einen heftigen Disput mit der neu gegründeten Society for the Protection of Ancient Buildings, was zu einer der ersten Grundsatzdiskussionen zum modernen Denkmalschutz im 19. Jahrhundert führte.Historic Royal Palaces: Tower of London World Heritage Site – Management Plan 2007. S. 32
Seit etwa 1900 ist die Anordnung der Gebäude im Tower im Wesentlichen gleich geblieben. Ab den 1960er Jahren folgte eine weitere Rückbesinnung auf die Geschichte des Gebäudes. Umfangreiche archäologische Ausgrabungen begannen, und an mehreren Stellen bemühten sich Restauratoren, den mittelalterlichen Zustand wiederherzustellen. So wurde beispielsweise das erste Mal nach 300 Jahren wieder eine Holztreppe errichtet, die den ursprünglichen Eingang zum White Tower zugänglich machte. Ebenfalls in den 1960er Jahren begannen Reinigungsarbeiten an Gebäuden, die dies seit Jahrhunderten nicht mehr erlebt hatten.Geoffrey Parnell: English Heritage Book of the Tower of London. Batsford, London 1993, ISBN 0-7134-6864-5, S. 115.
Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg Bei den Luftangriffen auf London während des Zweiten Weltkriegs erlitt der Tower of London erhebliche Schäden.
Am 23. September 1940 wurden ein großer Teil der Münzstätte sowie der nördliche Teil des alten Krankenhausblocks zerstört. Auch auf der anderen Seite der Festung, einschließlich des Grabens, entstanden Zerstörungen an der Hauptwache und den Tower Wharfs. Durch zahlreiche direkte Treffer wurden auch die Gas-, Wasser- und Stromversorgung für die Bewohner des Turms gestört.
Am 5. Oktober 1940 schlug in der Nordbastei eine Bombe ein, die den Festungsturm teilweise einstürzen ließ. Der White Tower wurde nur knapp verfehlt.The Tower of London and the Second World War Internetportal Historische Königspaläste (Übersetzung), abgerufen am 8. April 2025
Architektur
mini|hochkant=1.5|Lageplan des Tower of London