Das Blumenhaus (teilweise auch unter dem deutschsprachigen Titel Ein Haus aus Blumen, Originaltitel: House of Flowers) ist eine Erzählung von Truman Capote. Der Text basiert auf Capotes Reisebericht Haiti aus dem Jahr 1948,Robert Emmet Long: House of Flowers. In: Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 57–61. Hier S. 57–58. veröffentlicht in der Textsammlung Local Colour (deutsch: Lokalkolorit).Truman Capote: Haiti. In: Truman Capote: Lokalkolorit. Limes-Verlag, Wiesbaden 1950. S. 55–70. Das Blumenhaus erschien erstmals 1950 in dem Literaturjournal Botteghe Oscure und ist eine der drei Erzählungen, die dem Kurzroman Frühstück bei Tiffany bei dessen originalsprachigem Ersterscheinen hinzugefügt wurden. Kurzbeschreibung Die junge Prostituierte Ottilie erhält die Weissagung, ihre wahre Liebe daran zu erkennen, dass eine wilde Biene sie nicht stechen werde. Als Ottilie meint, in den Zuckerrohrbauern Royal Bonaparte verliebt zu sein, sticht die Test-Biene tatsächlich nicht zu, Ottilie heiratet Royal und zieht in das einfache Haus seiner Großmutter Old Bonaparte, die sie quält. Als Old Bonaparte wiederholt tote oder lebende Tiere oder deren Körperteile in Ottilies Nähkörbchen deponiert, rächt Ottilie sich heimlich durch Verarbeiten der Tiere in den Speisen von Old Bonaparte, die stirbt, als sie sich dessen bewusst wird, aber anscheinend als Gespenst in der Hütte auftaucht. Zur Gespenster-Besänftigung straft Royal Ottilie durch das Festbinden an einem Baum. Ex-Kolleginnen Ottilies erscheinen, wollen sich retten, doch Ottilie weigert sich, inszeniert sich als tot, um Royal zu erschrecken und sich so zu behaupten. Inhalt Ein Houngan hat der 17-jährigen haitianischen Prostituierten Ottilie geweissagt, sie werde ihre Liebe daran erkennen, wenn sie eine wilde Biene fängt, in der geschlossenen Hand hält und nicht von der Biene gestochen wird. Ein Kandidat dafür wäre ihr Kunde Mr. Jamison. „Er war ein Mann über fünfzig, ein Amerikaner, der mit irgendeinem technischen Projekt zu tun hatte.“ Doch die ihm zuzuordnende Biene sticht. Es geht auf den Karneval zu, als Ottilie am Rande eines Hahnenkampfes in Port-au-Prince den Zuckerrohrbauer Royal Bonaparte kennen- und liebenlernt: Bei ihm sticht die Biene nicht: „Sie zählte bis zehn, um sicherzugehen, dann öffnete sie die Hand, und die Biene stieg mit einem freudigen Gesang in Spiralen in die Luft.“ Ottilie geht also mit Royal in die Berge des Hinterlandes von Port-au-Prince, um dessen Braut zu werden. „Royals Haus war ein Blumenhaus; […] es gehörte Royals Großmutter, Old Bonaparte“, die aus ihrer Abneigung gegen Ottile von Anfang an keinen Hehl macht: Ottilie sei „zu mager“ und werde „im ersten Wochenbett sterben“. Die Bonaparte-Behausung besteht nur aus einem einzigen Raum. „Jede Nacht wartete das junge Paar mit der Liebe, bis sie glaubten, daß Old Bonaparte eingeschlafen war“, was Royal und Ottilie jedoch möglicherweise täuschte. „Einmal sah sie ein klebriges, vom Sternenlicht erhelltes Auge in der Dunkelheit leuchten. Es hatte keinen Sinn, sich bei Royal zu beklagen, er lachte nur: Was machte es denn schon aus, wenn eine alte Frau, die so viel vom Leben gesehen hatte, noch ein wenig mehr sehen wollte? Da sie Royal liebte, ließ Ottilie diese Dinge nicht an sich herankommen und versuchte, sich über Old Bonaparte nicht zu ärgern“, die sie gerne piesackt.
„Sie waren ungefähr fünf Monate verheiratet, als Royal begann, alles zu tun, was er vor der Hochzeit getan hatte.“ Dass der Enkel öfter abwesend ist, bewirkt ein ungehemmteres Piesacken durch die Großmutter: Old Bonaparte bringt absichtlich Schmutz und Chaos in die Behausung, „und Royal gegenüber klagte sie, daß eine Frau, die für ihren Mann das Haus nicht in Ordnung halten könne, nichts tauge. Sie war den ganzen Tag auf den Beinen, und ihre roten, unbarmherzigen Augen waren selten geschlossen.“ Eines Tages kommt ein Brief von Rosita und Baby, Ottilies ehemaligen Arbeitskolleginnen in Port-au-Prince, denen Ottilie immer den eigenen Analphabetismus verheimlicht hatte. „Natürlich bestand die Möglichkeit, daß sie eines Tages lesen lernen würde; und so ging sie, um ihn in ihrem Nähkörbchen zu verstecken. Als sie das Nähkörbchen öffnete, machte sie eine unheimliche Entdeckung: Wie ein grausiges Wollknäuel lag da der abgeschnittene Kopf einer gelben Katze. So war also das elende alte Weib auf neue Streiche aus! Sie will mich verhexen, dachte Ottilie, die sich nicht im geringsten fürchtete“, sondern den Katzenkopf in die Suppe wirft, die sie für Old Bonaparte kocht und jener an jenem Tag besonders mundet. „Am nächsten Morgen fand sie gerade rechtzeitig für das Mittagessen eine kleine grüne Schlange, die sich in ihrem Körbchen schlängelte“ und ebenfalls zu einer Old-Bonaparte-Speise beiträgt. Es folgen eine Spinne (wird gebacken), eine Eidechse (wird gebraten), eine Bussardbrust (wird gekocht). Es kommt der Tag, an dem Ottilie andeutet, was mit all den Tieren geschah. „Old Bonaparte verstand; mit schwellenden Adern und gelähmter, kraftloser Zunge erhob sie sich zitternd und fiel dann über den Tisch. Vor Einbruch der Nacht war sie tot“, was Ottilie nur bedingt trauern lässt.
„Eines Nachts, als sie halb eingeschlafen war, fühlte Ottilie plötzlich, daß noch jemand im Zimmer war. Dann sah sie am Fußende des Bettes ein Auge leuchten, das sie beobachtete, so wie sie es schon früher gesehen hatte.“ Ottilie erschrickt, beruhigt sich durch Royals Wirken, „während sie ihm von den Entdeckungen in ihrem Nähkörbchen erzählte, und was sie damit getan hatte. War es böse, was sie getan hatte? Royal wußte es nicht, er konnte es nicht entscheiden, aber er meinte, sie müsse bestraft werden; und warum? Weil es die alte Frau so wollte, weil sie sonst Ottilie niemals in Ruhe lassen würde: das war so mit Gespenstern. Und so holte Royal am nächsten Morgen ein Seil und schlug vor, Ottilie an einen Baum im Hof zu binden. Da sollte sie bis zur Dunkelheit ohne Essen und Trinken bleiben, und jeder, der vorüberging, würde sehen, daß sie in Schande sei.“ Ottilie will das nicht, Royal braucht Gewalt. Während er sich für sein Tagwerk verabschiedet hat, kommen Rosita und Baby an, empören sich, wie Royal Ottilie behandle. „Royal schlägt mich nie. Ich werde bloß heute bestraft“, verteidigt Ottilie ihren Mann. Baby erklärt, warum sie und Rosita gekommen wären: Die Bordellchefin „Madame sagte, du seiest tot, und als du unseren Brief nicht beantwortet hast, dachten wir, das müsse wohl so sein, aber Mr. Jamison, der reizendste Mann, den du je finden wirst, mietete einen Wagen für mich und Rosita, […] damit wir heraufführen und herausfänden, was mit unserer Ottilie geschehen ist.“ Die drei Freundinnen feiern mit dem, was Rosita und Baby mitbrachten, die einen Toast ausbringt: „Ein Hoch auf die alten Zeiten und auf die zukünftigen! Heute abend wird Mr. Jamison für alle Champagner kaufen: Madame gibt ihn ihm zum halben Preis.“ Doch Ottilie ist nicht begeistert, so dass Rosita bekundet, Ottilie liebe Royal wohl: „Wenn sie Royal zurückhaben wollte, würde Ottilie mit ihm gehen, und da dies eben so war, könnten sie ebensogut nach Hause gehen und sagen, daß Madame recht habe und Ottilie tot sei.“ Ottilie bestätigt: „Sagt ihnen, daß ich tot bin.“ Rosita bindet Ottilie wie vorgefunden an den Baum, fährt mit Baby zusammen ab, Ottilie zurücklassend. „Plötzlich, als sie Royal auf dem Weg hörte, warf sie die Beine auseinander, ließ ihren Kopf zurückfallen und die Augen weit in ihre Höhlen hinabrollen. Aus einiger Entfernung würde es aussehen, als habe sie ein gewaltsames, klägliches Ende gefunden. Und während sie hörte, wie sich Royals Schritte zum Laufen beschleunigten, dachte sie glücklich: Das wird ihm einen schönen Schreck einjagen.“ Textanalyse Bei Das Blumenhaus handelt es sich um eine auktorial erzählte Liebesgeschichte. Ort der Handlung sind Port-au-Prince sowie dessen Hinterland. Die Zeit der Handlung lässt sich lediglich aus dem Zitat schließen, dass Ottilie in einem März, in dem es auf Karneval zugeht, ihren künftigen Mann Royal kennenlernt. Sollte die Handlung im Jahrzehnt vor Erscheinen von Das Blumenhaus und dessen Textbasis Haiti spielen, kämen somit als Jahre nur 1943 oder 1946 in Frage: In diesen Jahren lag Karneval im März, in allen anderen Jahren der 1940er Jahre fiel Karneval in den Februar. Themen Zu den Themen der Kurzgeschichte Das Blumenhaus gehören Macht und Kontrolle durch Old Bonaparte, Macht und häusliche Gewalt durch deren Enkel Royal, aber vor allem die verschiedenen Spielarten von Magie und Aberglaube: Der Houngan als Verkörperer weißer Magie weissagt Ottilie, sie werde ihre wahre Liebe am Verhalten einer wilden Biene erkennen und postuliert Liebesglück somit als vorherbestimmtes Schicksal. Gegenspielerin des Houngan ist die Ottilie feindlich gesonnene, nach Meinung des Literaturkritikers Robert Emmet Long „hexenhafte Großmutter“ Old Bonaparte,„witchlike grandmother“ – Long, House of Flowers, S. 59. die laut dem indischen Anglisten P. Dinesh Babu (Central University of Punjab) „in gewisser Weise den archetypischen Kinderschreckfiguren der düsteren Fiktion ähnelt“„somewhat resembles the archetypal bogeys of the dark fiction“ – P. Dinesh Babu: Truman Capote’s representation of adolescence. In: International Journal of English language, literature and translation studies. Jg. 3, Nr. 2, 2016, , S. 633–636. Hier S. 636. (pdf). und Ottilie durch schwarze Magie auszuschalten versucht. Figuren Ottilie: Ottilies „Mutter war tot, ihr Vater, ein Pflanzer, war nach Frankreich zurückgekehrt, und sie war in den Bergen von einer derben Bauernfamilie aufgezogen worden. Jeder der Söhne hatte mit ihr in sehr jungen Jahren an irgendeinem grünen, schattigen Platz geschlafen. Vor drei Jahren, als sie vierzehn gewesen, war sie zum erstenmal zum Markt nach Port-au-Prince heruntergekommen“, wo sie zum Zeitpunkt der Handlung als Jüngste der ansonsten komplett über dreißig Jahre alten Prostituierten im Bordell der Madame tätig ist. Laut ihrer Kollegin Baby hat Ottilie „wunderschöne helle Haut, sogar fast blaue Augen, und so ein hübsches, reizendes Gesicht“, andererseits sind ihre durch das Bauernleben „harten, hohen Hüften […] nicht weich geworden, ebensowenig wie ihre Fußsohlen, die so rauh waren wie die Haut einer Eidechse“. Die von Robert Emmet Long als „Träumerin“ bezeichnete Ottilie„dreamer“ – Long, House of Flowers, S. 58. „war eitel, und Komplimente waren ihr noch lieber als Fleisch oder Parfüm“, andererseits hat sie „oft Angst, daß ihre Freundinnen entdecken würden, daß sie weder lesen noch schreiben konnte“. Royal Bonaparte: Dieser wie Ottilie aus den Bergen stammende„also from the hills“ – Long, House of Flowers, S. 58–59. Zuckerrohrbauer ist „gut aussehend und unverdorben“, so Robert Emmet Long.„handsome and unspoiled“ – Long, House of Flowers, S. 59. „Seine Haut war braungelb, glänzend wie eine Zitrone und glatt wie ein Guavenblatt, und die Haltung seines Kopfes war so stolz“, dass Ottilie sich in ihn sofort verliebt, „der so schön war, der so lange Beine und kleine Ohren hatte“, allerdings „keine Schuhe; seine goldfarbenen Füße waren schlank und zierlich, und die Spuren, die sie hinterließen, waren wie die Fährte eines grazilen Tieres“. Old Bonaparte: Die bösartige Großmutter von Royal Bonaparte „war ein eingefallenes, verhutzeltes Wesen, hatte O-Beine wie ein Zwerg und war kahl wie ein Bussard und wurde auf Meilen im Umkreis als Zauberin gefürchtet“. Baby: Diese aus der Dominikanischen Republik eingewanderte Prostituierte ist 30 Jahre oder älter. „Baby war rund und kam angerollt wie ein Rad […], ihre Zähne waren dunkel wie verbrannte Baumstümpfe, und wenn sie lachte, konnte man sie noch auf der See draußen hören, zumindest behaupteten das die Matrosen.“ Schönheit allein steht Baby skeptisch gegenüber, denn „tatsächlich war Klugheit das einzige, wofür Baby schwärmte“.