Wolfgang Seuß (* 4. März 1907 in Nürnberg; † 27. August 1979 in Pfaffenhofen) war ein deutscher SS-Hauptscharführer, Rapportführer im KZ Dachau und Schutzhaftlagerführer im KZ Natzweiler-Struthof.
Leben Wolfgang Seuß war der Sohn des Zugführers Friedrich Seuß und seiner Frau Maria Seuß. Er hatte einen älteren Bruder, Josef Seuß.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 354. Im Jahre 1918 zog die Familie Seuß nach Ilmmünster. Bis 1920 besuchte Seuß die Volksschule in Illmmünster. Er machte eine Schlosserlehre und legte erfolgreich eine Gesellenprüfung ab. Danach arbeitete er als Bauschlosser in verschiedenen Handwerksbetrieben und Fabriken in Reichertshausen, Mering und München. Von 1929 bis 1933 war er arbeitslos.Arno Huth: Das doppelte Ende des „K.L. Natzweiler“ auf beiden Seiten des Rheins. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Neckarelz 2013, S. 68.
Im März 1932 wurde er Mitglied der SS (SS-Nummer 87.844) in Pfaffenhofen. Ab dem 20. April 1933 war er Angehöriger der Wachmannschaft im KZ Dachau.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 357. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.725.812).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/41371150 Im Mai 1934 wurde er Angehöriger des Kommandantur und Blockführer des Schutzhaftlagers. Der zu Gewaltexessen neigende Seuß schein es von Anfang an vornehmlich auf jüdische Häftlinge abgesehen zu haben. Sein extremer Judenhass zeigte sich nach Aussage des Häftlings Hans Schwarz in immer neuen Folter- und Strafmethoden, die den Tod der Häftlinge zumindest billigend in Kauf nahmen, wenn nicht beabsichtigten.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 361. Am 14. November 1937 war er an der Ermordung von Kurt Riesenfeld, einem jüdischen Fabrikanten aus Breslau, beteiligt. Riesenfeld wurde von Seuß in einen Förderkasten für Betonmischgut gezwängt, der ihn mehrmals hintereinander auf drei Meter Höhe anheben und mit großer Wucht wieder zu Boden fallen ließ. Riesenfeld erlags tags darauf seinen schweren Verletzungen. Er war zuvor ohne medizinische Versorgung geblieben und mit kaltem Wasser übergossen worden. Der Lagerkommandant Hans Loritz sagte dazu: „Zwei Sack Zement, ein Volljude, eine gute Betonmischung“.
Im Jahr 1938 wurde Seuß Rapportführer. Im Herbst 1941 war er regelmäßig an den Massenerschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen in SS-Schießplatz Herbertshausen beteiligt.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 364. Seuß wurde auch als begleitender Wachposten bei Invalidentransporten in die Tötungsanstalt Hartheim eingesetzt. Dort wurden zwischen Januar und Dezember 1942 allein in 32 Transporten insgesamt 2.593 Häftlinge in der Gaskammer ermordet.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 365.
Am 13. August 1942 wurde er in das KZ Natzweiler-Struthof versetzt. Im KZ Natzweiler fungierte Seuß zunächst als 2. Schutzhaftlagerführer und wurde von Lagerkommandanten Josef Kramer im April 1943 zum 1. Schutzhaftlagerführer ernannt. Seuß war für die Exekutionen von Häftlingen verantwortlich und befehligte dabei das Exekutionskommando. In seiner Funktions als Schutzhaftlagerführer war er an der Misshandlung und an willkürlichen Hinrichtungen von „NN-Häftlingen“ beteiligt, die 1943 im Rahmen der „Nacht-und-Nebel-Aktion“ in das KZ Natzweiler verschleppt worden waren.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 366. Nach Aussage des Häftlings François Kozlik malträtierte Seuß sie schon bei ihrer Ankunft und Aufnahme im Lager, war bei fast jeder Exekution anwesend und erteilte, zumeist betrunken, die Schießbefehle. Nach der Räumung des Stammlagers und Verlegung von Tausenden von Häftlingen in das KZ Dachau und die Außenkommandos am 1. September 1944, richtete sich der Kommandantur- und Verwaltungsstab unter Lagerkommandant Friedrich Hartjenstein Ende November 1944 in den Dörfern Guttenbach und Binau im Neckartal ein. Seuß, nunmehr Schutzhaftlagerführer „ohne Bereich“, war dort zuständig für alle Außenlager, die er organisatorisch-verwaltend „betreute“. Im Februar 1945 wurde er von Franz Johann Hofmann abgelöst.
Nach dem Krieg geriet Seuß im Raum Hamburg in britische Kriegsgefangenschaft. Im Juni 1945 wurde er als SS-Angehöriger in das Internierungslager Neuengamme gebracht.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 369. Im Natzweiler-Prozess in Wuppertal vom 29. Mai bis 1. Juni 1946 waren er und acht weitere ehemalige Angehörige des Natzweiler Lagerpersonals des Mordes an vier Agentinnen des britischen Nachrichtendienstes SOE angeklagt. Seuß wurde freigesprochen, da ihm eine direkte Tatbeteiligung nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte. Im Sommer 1947 wurde er vor Spruchkammer Hamburg-Bergedorf entnazifiziert. Anschließend wurde Seuß an Frankreich ausgeliefert, in Straßburg in Untersuchungshaft genommen und 1950 in Militärgefängniss von Metz überstellt. Am 15. Juni 1954 begann vor dem Militärgericht von Metz der Prozess gegen 21 Angehörige des Lagerpersonals im Natzweiler. Am 2. Juli 1954 wurde Seuß wegen Verbrechen im Natzweiler zum Tode verurteilt. Nach der Urteilsverkündung beantragte er die Revision. Im Dezember 1954 hob das Kassationsgericht das Urteil auf und Seuß wurde an das Militärgericht von Paris verwiesen. Vom 17. April bis zum 17. Mai 1955 fand dort ein neuer Prozess statt. Nach Abschluss des Verfahrens wurde das Todesurteil von Seuß bestätigt. In den folgenden Jahren gab es intensive Bemühungen der Zentralen Rechtsschutzstelle (ZRS), Wolfgang Seuß und sieben weitere in Frankreich verurteilte Kriegsverbrecher vor der Vollstrecken der Todesstrafe zu bewahren.Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß, Gerstetten 2024, S. 370. Auch eine Reihe illustrer Fürsprecher aus Staat und Kirche – Bundeskanzler Konrad Adenauer, Kardinal Josef Frings und der evangelische Kirchenpräsident Hans Stempel – setzten sich persönlich dafür ein, die Todesstrafe gegen Seuß abzuwehren und stellten Gnadengesuche. Am 15. Januar 1959 wandelte französische Präsident Charles de Gaulle die Todesstrafe in lebenslange Haft um. Am 19. Januar 1960 wurde Seuß aus Frankreich abgeschoben. Beim Grenzübergang bei Saarbrücken wurde er aufgrund eines Haftbefehls der Staatsanwalt München festgenommen und ins Gefängnis München-Stadelheim gebracht. Im März 1960 begann der Prozess vor dem Landgericht München II gegen ihn wegen Mordes an Kurt Riesenfeld im Jahre 1937. Am 22. Juni 1960 wurde Seuß zu lebenslanger Haft verurteilt.Ludwig Eiber, Robert Sigel (Hrsg.): Dachauer Prozesse. NS-Verbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945–1948. Verfahren, Ergebnisse, Nachwirkungen. Göttingen 2007, S. 216. Im Jahre 1970 wurde er vom bayerischen Justizminister begnadigt. Am 15. November 1970 wurde er auf Bewährung aus der JVA Straubing entlassen.
Literatur Ludwig Eiber und Robert Sigel (Hrsg.): Dachauer Prozesse – NS-Verbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945–1948. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0167-2. Markus Wolter: Die SS-Brüder von Dachau und Natzweiler: Josef und Wolfgang Seuß. In: Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Band 17: NS-Belastete aus Oberbayern (Nord). Kugelberg Verlag, Gerstetten 2024, S. 354–370, ISBN 978-3-945893-25-8.
Weblinks Der Mörder sind unter uns bei Donaukurier
Einzelnachweise
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