Böhler-Stahlglocken sind aus Gussstahl gefertigte Kirchenglocken, die zwischen 1917 und 1931 von der Böhler AG in Kapfenberg hergestellt wurden. Sie kamen größtenteils als Ersatz für im Ersten Weltkrieg abgelieferte Bronzeglocken zum Einsatz. Da Stahlglocken im Zweiten Weltkrieg nicht ablieferungspflichtig waren, haben sich viele Stahlgeläute erhalten. Durch die hohe Nachfrage entwickelte sich Böhler zur größten Glockengießerei der Zwischenkriegszeit in Österreich. Mit etwa 1450 erhaltenen Glocken haben Glocken von Böhler einen Anteil von ca. 9 % der nach 1917 gegossenen Glocken in Österreich.

Böhler war nach dem Bochumer Verein für Gussstahlfabrikation die bedeutendste Gießerei für Stahlglocken. mini|Große Böhlerglocke (3200 kg) der Josefskirche in Graz

Geschichte Stahlglocken in ihrer heutigen, gegossenen Form wurden um 1850 durch Jacob Mayer entwickelt und erfreuten sich nach anfänglicher Skepsis großer Beliebtheit. Gussstahlglocken wurden von Anfang an als Parallelprodukt zu Bronzeglocken gedacht und entstanden nicht aus Zwangslagen (wie nach den Weltkriegen), im Gegensatz zu Gusseisenglocken oder Bronzeglocken aus Sonderlegierungen. Da Stahl als zukunftsfähiger Werkstoff gesehen wurde, förderte dies in Kombination mit dem, im Vergleich zu Bronzeglocken, günstigen Preis die Verbreitung jener Instrumente.

Das von Böhler verwendete Material stammte vom Erzberg, wurde im Hochofen mit Holzkohle reduziert, anschließend im Lichtbogenofen zu Stahl gefrischt. Aufgrund dieser Herstellungsmethode weist der Glockenstahl besonders hohe Reinheit und Qualität auf.

Durch die flächendeckenden Glockenablieferungen im Ersten Weltkrieg bestand der Bedarf, Kirchen wieder mit Glocken auszustatten. Böhler entwickelte daher eine Versuchsrippe, etwa den Rippen für Bronzeglocken gleichkommend, und nahm 1917 den Glockenguss auf. Die Rippenkonstruktionen wurden laufend weiterentwickelt, auch Klöppel wurden von Böhler hergestellt.

Böhlerglocken wurden neben Österreich auch nach Slowenien, Ungarn, in die Slowakei, die Tschechische Republik und Polen geliefert. mini|Glocke in Versuchsrippe als Vorläufer zu B1 in Sv. Pankracij.

Verwendete Rippenkonstruktionen

Versuchsrippe "B1" Die B1-Rippe wurde von 1917 bis 1920 verwendet und orientierte sich in ihrer Konstruktion an Rippen von Bronzeglocken. Aufgrund der nötigen Überdimensionierung, wegen der im Vergleich zu Bronze hohen Tonlage, sind Glocken dieser Rippe ca. 50 % größer als moderne Bronzeglocken im selben Ton. Typischerweise gehören B1-Glocken dem Sexttyp an (der Unterton liegt eine Sexte unter dem Schlagton), gleichzeitig wird die Mollterz sehr stark betont, wodurch manche Glocken nahezu zwittertönig und in Kombination mit der immens hohen Tonfülle klanglich wie mittelalterliche Bronzeglocken wirken. Teils wurden Glocken in dieser Rippe von Böhler nach wenigen Jahren durch Glocken in B2-Rippe ausgetauscht. mini|Glocke (c") in B1-Rippe. zentriert|mini|Glocke (680 kg) in B1-Rippe in Burgau.

Sextrippe "B2" Die B2-Rippe wurde ab 1921 bis zum Ende der Gießerei verwendet. Es handelt sich dabei um eine groß dimensionierte (Durchmesser etwa 10 % größer als bei Bronzeglocken) aber wesentlich dünnwandigere Rippe. Glocken in B2-Rippe gehören größtenteils dem Sexttyp, wenige dem Septimtyp an. Im Gegensatz zur B1-Rippe treten bei den Glocken der B2-Rippe keine starken Nebenschlagtöne auf. Die klanglichen Qualitäten dieser Rippen sind teils sehr unterschiedlich und reichen von kurzatmig und klirrend, bei manchen kleineren Glocken, bis hin zu überaus mächtig und voll, gerade bei größeren Glocken. mini|Geläute der Josefskirche (Graz) in B2-Rippe, Töne b° d' f' g'. mini|Glocke (h°) in B2-Rippe. zentriert|mini|Glocke (2722 kg) in B2-Rippe in der Stiftskirche Pöllau.

Quartrippe Glocken in Quartrippe wurden ab etwa 1922 gegossen. Der Unterton liegt eine Quarte unter dem Schlagton, während die Terz zur Durterz erhöht ist (B1 und B2 haben Mollterzen). Gewichtsmäßig sind Glocken in Quartrippe mit B2-Glocken vergleichbar, jedoch sind sie zum Schlagring hin stärker geschweift, wodurch der Teiltonaufbau verändert wird. Quartglocken kamen ausschließlich in Dur-Geläuten, meist als Grundglocken zum Einsatz. Solche "gemischten Geläute" sind relativ selten. mini|Glocke (a') in Quartrippe in St. Lorenzen ob Eibiswald. mini|Geläute der Pfk. Stall im Mölltal – Glocken 1 und 3 in B2, Glocke 2 in Quartrippe, Töne fis' a' h'. zentriert|mini|Glocke (450 kg) mit Klöppelfänger in Quartrippe (Pfk. Stall im Mölltal).

Oktavrippe Am seltensten wurde um 1919 die Oktavrippe verwendet. Diese entstand als Weiterentwicklung der B1-Rippe und wies besonders gute klangliche Eigenschaften auf – der Teiltonaufbau war mit dem Unterton eine Oktave unter dem Schlagton gleich wie bei einer modernen Bronzeglocke. Glocken in Oktavrippe sind extrem schwerrippig und haben enorm weichen und vollen Klang. Das einzig bekannte erhaltene Geläute in dieser Rippe hängt in der Pfarrkirche zum hl. Nikolaus in Braz (Vorarlberg) mit den Tönen f' as' b' des". Alleine die große Glocke dieses Geläutes wiegt 2578 kg bei einem Durchmesser von 160 cm. Eine B2-Glocke mit diesem Ton hätte etwa 920 kg und 115 cm Durchmesser.

Werke (Auswahl)

Österreich Quelle sofern nicht anders angegeben:

Burgenland

1918 – Pfarrkirche Kobersdorf: 1 Glocke (f") in B1-Rippe. 1920 – Stadtpfarrkirche Pinkafeld: 3 Glocken (h' e" g") in B1-Rippe als Ergänzung zu einer vorhandenen Glocke (d') 1923 – Ev. Pfarrkirche Nickelsdorf: 2 Glocken (gis' h'), später durch Bronzeglocke (e') ergänzt.

Kärnten

1922 – Pfarrkirche Diex: 1 Glocke (c'), ursprünglich als Glocke 2 des Geläutes der Stadtpfarrkirche St. Veit/Glan gegossen. 1922 – Pfarrkirche Kamp – 1 Glocke (g') als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (b'), in weiterer Folge ergänzt durch sieben Glocken des Bochumer Vereines (d' f' a' c" d" f" g"), es handelt sich dabei um das umfangreichste Stahlgeläute Österreichs. 1922 – Stadtpfarrkirche St. Veit/Glan: 4 Glocken (b° f' g' b') als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (c'). 1922 – Pfarrkirche Stall/Mölltal: 3 Glocken (fis' a' (Quartrippe) h'). 1923 – Nikolaikirche Villach: 5 Glocken (cis' e' g' a' c"). 1924 – Pfarrkirche Moosburg: 4 Glocken (c' e' g' a').

Niederösterreich

1918/1920/1923 – Pfarrkirche Furth b. Göttweig: 4 Glocken (b' c" des" g"), des" und g" in B1-Rippe, Glocke 1 stammt aus Mautern, Glocke 3 aus Pyhra. 1919 – Herz-Jesu-Kirche Amstetten: 2 Glocken (h' d") in B1-Rippe, hingen ursprünglich in St. Gerold (Vorarlberg). 1920 – Pfarrkirche Berg: 3 Glocken (fis" a" c''') in B1-Rippe als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (cis'''). 1920 – Pfarrkirche Mannersdorf/Leithagebirge: 4 Glocken (cis" e" gis" c''') in B1-Rippe. 1920 – Pfarrkirche Trattenbach: 4 Glocken (b' des" a" des''') in B1-Rippe als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (ges"). 1920 – Pfarrkirche Zwölfaxing: 3 Glocken (ais" d''' fis''') in B1-Rippe. 1920/1930 – Pfarrkirche Böhlerwerk: 2 Glocken (e' e"), Glocke 2 in B1-Rippe, stammt aus Windhag. 1921 – Pfarrkirche Ybbsitz: 4 Glocken (g' b' c" es") in B1-Rippe. 1921 – Pfarrkirche Korneuburg: 4 Glocken (d' fis' a' c"). 1921 – Pfarrkirche Zellerndorf: 3 Glocken (e' gis' h'). 1922 – Pfarrkirche Groß-Schweinbarth: 2 Glocken (ges' des") als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (b'). 1922 – Pfarrkirche Kirnberg/Mank: 5 Glocken (dis' fis' gis' h' cis"). 1922 – Pfarrkirche Pitten – 2 Glocken (es' b'), später durch eine Bronzeglocke (g') ergänzt, 2011 durch Bronzeglocken ersetzt, wobei die es'-Böhlerglocke nun vor der Kirche läutbar aufgehängt ist und ins neue Geläute integriert wurde. 1923 – Pfarrkirche Allhartsberg: 3 Glocken (ges' des" es") als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (b'). 1924 – Pfarrkirche Haidershofen: 4 Glocken (dis' ais' h' dis") als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (a'). 1925 – Wallfahrtskirche Maria Langegg: 3 Glocken (c' e' a') als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (g') – größtes Stahlgeläute Niederösterreichs; die Stahlglocken überstanden den Turmbrand 1966 unbeschadet, die Bronzeglocke wurde zerstört.

Oberösterreich

1918 – Pfarrkirche Seewalchen/Attersee: 3 Glocken (ais' cis" e") in B1-Rippe. 1918/1922 – Pfarrkirche Schörfling/Attersee: 3 Glocken (e' a' c") in B1-Rippe (3) und B2-Rippe (1 und 3). 1919 – Pfarrkirche Altmünster: 3 Glocken (g' b' d") in B1-Rippe – 2004 durch Bronzeglocken ersetzt. 1921 – Pfarrkirche Haag/Hausruck: 3 Glocken (c" e" a") in B1-Rippe als Ergänzung zu einer Glocke (g"). 1921 – Stadtpfarrkirche Bad Leonfelden: 4 Glocken (b' des" f" c''') in B1-Rippe, Glocke 3 1998 ersetzt durch zwei Bronzeglocken (a' d"). 1921 – Pfarrkirche Schwanenstadt: 5 Glocken (g' ais' cis" e" gis") in B1-Rippe – 1977 durch Bronzeglocken ersetzt. 1922 – Pfarrkirche Hartkirchen: 3 Glocken (e' g' h'), später erweitert durch zwei Bronzeglocken (d" e"). 1923 – Stadtpfarrkirche Leonding: 1 Glocke (d') in B2-Rippe, Ergänzung zum bestehenden Geläute. 1961 & 2016 um Bronzeglocken erweitert. Größte Stahlglocke Oberösterreichs. 1923 – Pfarrkirche Kollerschlag: 4 Glocken (es' (Quartrippe) g' b' c") – 2009 ersetzt durch Bronzeglocken. 1923 – Stadtpfarrkirche Traun: 4 Glocken (d', f', g', b') in B2-Rippe.

Salzburg

1920 – Pfarrkirche Bramberg/Wildkogel: 3 Glocken (gis' cis" e") in B1-Rippe. 1921 – Pfarrkirche St. Gilgen: 4 Glocken (gis' h' dis" gis") in B1-Rippe – 2008 durch Bronzeglocken ersetzt. 1922 – Pfarrkirche Eugendorf: 3 Glocken (es' g' b') als Ergänzung zu zwei vorhandenen Glocken (f' e"). 1922 – Pfarrkirche Golling/Salzach: 3 Glocken (fis' a' h'), später erweitert durch eine Bronzeglocke (d"), 2022 durch Bronzeglocken ersetzt. 1922 – Pfarrkirche Radstadt: 4 Glocken (d' fis' a' h'). 1923 – Dekanatspfarrkirche St. Johann/Pongau: 5 Glocken (a° d' e' fis' a') – größtes Geläute von Böhler. 1923 – Kollegiatstiftskirche Seekirchen/Wallersee: 3 Glocken (c' es' g').

Steiermark

1917 – Pfarrkirche Wald/Schoberpass: 3 Glocken (d" f" as") in B1-Rippe. 1918/1922 – Stadtpfarrkirche Schladming: 4 Glocken (c' f' g' a'), davon Glocken 2 und 3 1918 in B1-Rippe gegossen und 1922 im Zuge der Anschaffung der Glocken 1 und 4 zu Quintglocken, mit wesentlich tieferem Schlagton als ursprünglich, umgestimmt. 1920 – Pfarrkirche Burgau: 3 Glocken (c" h" d''') in B1-Rippe als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (h'/c"). 1920/1923 – Stiftskirche St. Lambrecht: 6 Glocken (cis' e' fis' cis''' d''' f'''), wovon die drei kleineren in B1-Rippe gegossen wurden, die größeren in B2-Rippe als Ergänzung zu zwei bestehenden Glocken (a° c"). 1921/23 – Pfarrkirche Eibiswald: 5 Glocken (c' e' g' a' cis"), Glocke 1 1923 ergänzt. 1922 – Pfarrkirche Aflenz: 3 Glocken (gis' c" d") als Ergänzung zu zwei bestehenden Glocken (e' fis") – ca. 2021 umgestimmt zu gis' h' cis". 1922 – Pfarrkirche Eisenerz: 4 Glocken (c' e' g' a'). 1922 – Stadtpfarrkirche Feldbach: 3 Glocken (es' g' c") als Ergänzung zu einer Bronzeglocke (b') – überstanden die Turmsprengung im Zweiten Weltkrieg unbeschadet und wurden in den neuen Kirchturm aufgezogen, dennoch 2016 durch Bronzeglocken ersetzt und an die Pfarre "Isus Radnik" in Subotica, Serbien übergeben, wo sie weiterhin läuten. 1922 – Stadtpfarrkirche Graz-St. Josef: 4 Glocken (b° d' f' g') als Ergänzung zu einer nicht mehr erhaltenen Glocke (b'). 1922 – Pfarrkirche Gröbming: 5 Glocken (b° d' f' g' b') – 2005 durch Bronzeglocken ersetzt. 1922 – Pfarrkirche Kapfenberg: 4 Glocken (d' fis' a' h') als Ersatz für die ersten gegossenen Böhlerglocken von 1916. 1922 – Stiftskirche Pöllau: 2 Glocken (h° fis') als Ergänzung zu zwei bestehenden Glocken (dis' a'). 1923 – Pfarrkirche Hengsberg: 5 Glocken (b° d' f' g' b') in B2-Rippe, größtes Stahlgeläute und Stahlglocke der Steiermark. 1923 – Pfarrkirche Wies: 4 Glocken (c' (Quartrippe) e' g' a'). 1924 – Hauptpfarrkirche Riegersburg: 1 Glocke (c') als Ergänzung zu einer bestehenden Glocke (es').