Hessisch Oldendorf ist eine Stadt im niedersächsischen Landkreis Hameln-Pyrmont unweit der Weser. 1905 wurde dem Ortsnamen amtlich der Zusatz „Hessisch“ hinzugefügt, um ihn von anderen Orten des Namens „Oldendorf“ zu unterscheiden. Postalisch und behördlich war der Zusatz bereits länger üblich. Zu jener Zeit gehörte die Stadt zu einer Exklave der preußischen Provinz Hessen-Nassau.
Geographie mini|Oldendorp (unten Mitte links bei 52°10') in der Karte des Westfälischen Reichskreises aus einem 1659 gedruckten Blaeu-Atlas. Westen ist oben. Die Teilung des Schauwenberg com(itatus) = Grafschaft Schaumburg und die Ergebnisse des Westfälischen Friedens sind noch nicht berücksichtigt.
Lage Hessisch Oldendorf liegt 13 Kilometer nordwestlich der Stadt Hameln an der Weser. Durch die Stadt führen der Weserradweg und die Deutsche Märchenstraße.
Stadtgliederung Seit der Gemeindereform von 1973 gliedert sich Hessisch Oldendorf in acht Ortschaften mit insgesamt 24 Ortsteilen:
Hessisch Oldendorf – Kernstadt Großenwieden – Großenwieden und Kleinenwieden Rohdental – Rohden, Segelhorst und Welsede Hohenstein – Barksen, Krückeberg, Langenfeld, Wickbolsen und Zersen Süntel – Bensen, Haddessen, Höfingen und Pötzen Fischbeck – Fischbeck (mit Stift Fischbeck) und Weibeck Sonnental – Friedrichsburg, Friedrichshagen, Fuhlen, Heßlingen und Rumbeck Hemeringen/Lachem – Hemeringen mit Wahrendahl und Lachem
Geologie Eine geologische Besonderheit sind die Vorkommen von Planicosta-Sandstein.
Geschichte mini|Flurkarte von Hessisch Oldendorf 1750
Die Gründung (Hessisch) Oldendorfs als Stadt fällt höchstwahrscheinlich in das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts. Möglicherweise plante Graf Adolf von Schaumburg, das befestigte Oldendorf zum Mittelpunkt der ca. 25 schaumburgischen Ortschaften der Umgebung zu machen und dadurch seine Macht zu sichern.
Das erstmals 1407 erwähnte Gymnasium, das auf eine schon im späten Mittelalter gegründete städtische Lateinschule zurückgeht, erfuhr – in enger Verbindung mit der Universität Rinteln – seine Blütezeit um 1630. Um 1500 hatte die Stadt ca. 1300 Einwohner.
1552 erreichte die Reformation die Grafschaft Schaumburg und damit Oldendorf. In Oldendorf wurden von 1558 bis 1581 vermeintliche Hexen verfolgt: Zwei Frauen und ein Mann gerieten in Hexenprozesse, die beiden Frauen wurden wahrscheinlich verbrannt. Auch die Ortsteile Großenwieden, Höfingen, Rohden, Wickbolsen und Zersen waren von Hexenverfolgung betroffen.
Durch den Tod des letzten Grafen 1640 entstand ein Streit um die Grafschaft Schaumburg, der zu ihrer Aufspaltung in drei Teile führte. Oldendorf fiel zusammen mit Rinteln als Exklave an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, die nach Erhebung des Landgrafen zum Kurfürsten 1803 als „Kurfürstentum Hessen“ bezeichnet wurde.
Von 1807 bis 1813 gehörte Oldendorf, wie das ganze Kurfürstentum Hessen (Kurhessen), zum napoleonischen Königreich Westphalen. Nach dem Deutschen Krieg 1866 und der Annexion des Kurfürstentums durch Preußen wurde die Stadt ab 1867 dem neu geschaffenen Regierungsbezirk Kassel eingegliedert, der ab 1868 zu der (ebenfalls neu geschaffenen) preußischen Provinz Hessen-Nassau zugeordnet wurde. 1932 kam sie an den Regierungsbezirk Hannover in der Provinz Hannover.
Mit der Auflösung des Landkreises Grafschaft Schaumburg (Kreisstadt Rinteln) und Neubildung des Landkreises Schaumburg (Kreisstadt Stadthagen) wurde die Stadt, die jahrhundertelang „Oldendorf unter der Schaumburg“ hieß, am 1. August 1977 aus der historischen Zugehörigkeit herausgenommen und in den Landkreis Hameln-Pyrmont eingegliedert.
Ortsname Alte Bezeichnungen des Ortes sind um 1160–70 Othelricus de Aldenthorpe, 1208–32 Ludinger de altenthorpe, etwa 1237 bis 1247 Oldendorpe / Oldendorpe prope Scowenborch, 1242 in Oldendorp, 1265 Gerhardus de Oldendorpe, Oldendorf/Weser, 1905 Hessisch Oldendorf und ab dem 19. Jahrhundert Hessisch Oldendorf.
Die älteren Belege zeigen die altsächsische Form mit ald-, die jüngeren die normale Entwicklung zu old-, später wird daraus o(h)l. Mittelniederdeutsch Olendorp meint „altes Dorf“. Das norddeutsche dorp wird ersetzt durch hochdeutsch dorf. Der Zusatz Hess(isch) bezieht sich auf die Zugehörigkeit der Stadt und großer Teile der Grafschaft Schaumburg zu Hessen-Kassel nach dem Aussterben des Schauenburger Grafenhauses 1640. Der heute anachronistisch erscheinende Namenszusatz erklärt sich durch die Zugehörigkeit zum früheren Landkreis Grafschaft Schaumburg, der einst eine Exklave des Kurfürstentums Hessen und danach bis 1932 der Provinz Hessen-Nassau war.
Schlacht bei Oldendorf (1633) mini|Merian-Stich der Schlacht
Eine historisch bedeutsame Schlacht um Hessisch Oldendorf fand am statt, als ein protestantisches Heer von Schweden, Hessen und Braunschweig-Lüneburgern dem katholisch-kaiserlich besetzten Hameln zu Hilfe kam. Zum Kampf kam es in der Schlucht zwischen Segelhorst und Barksen. Zum glänzenden Sieg über die kaiserlichen Truppen halfen die genaue Ortskenntnis eines Rittmeisters, der in Oldendorf geboren war, und der erste Einsatz beweglicher Feldartillerie. Bei dieser Schlacht wurden an einem einzigen Tag über 7000 Tote gezählt.
In Höfingen wurde 1635 eine Hexenverfolgung durchgeführt: Zwei Frauen wurde in Hexenprozessen angeklagt, eine wurde wahrscheinlich verbrannt.
Abdämmung der Weser Das Oldendorfer Wesertal wurde von mehreren Weserarmen durchflossen, die noch heute bei Hochwasser gut zu erkennen sind. Der Hauptarm der Weser floss direkt am „Münchhausenhof“ und den Stadtwällen von Hessisch Oldendorf entlang und sicherte durch den Schiffsverkehr der Stadt erhebliche Zolleinnahmen. Schweren wirtschaftlichen Schaden nahm die Stadt, als zwischen 1615 und 1682 der Landdrost Jobst von Mengersen die Weser in den Stauwiesen bei Weibeck abdämmte. Durch die Trockenlegung alter Weserarme wurden aber bedeutende fruchtbare Ackerflächen gewonnen, die dem Vermögen der Grafen von Schaumburg zufielen. Dem Volksglauben nach soll Jobst für seine Tat an nebligen Tagen ruhelos bei der alten Weser umherirren und (Rad-)Wanderer erschrecken.
Jüdische Geschichte mini|Gedenkstein auf dem alten Juden-Totenhof in der Nordostecke des Stadtwalls
Schon im frühen 14. Jahrhundert berichten Hamelner Urkunden von Juden in Oldendorf, die dann nach Hameln übersiedeln. Von 1597 haben sich Schriftstücke erhalten, in denen der Oldendorfer Bürgermeister dem Juden Isaak eine untadelige Führung als Händler und Geldverleiher bescheinigt. Geldgeschäfte aller Art waren ein Erwerbszweig, in den sich die Juden zwangsläufig flüchten mussten, nachdem ihnen die Handwerker-Zünfte und Kaufmannsgilden aus religiösen Gründen versperrt waren. So traten zwischen 1660 und 1723 auch die drei jüdischen Brüder Wallach mehrmals als Kreditgeber der Stadt auf. Um 1675 pachteten sie einen „Totenhof“ auf dem Nordwall und erwarben 1710 den ersten jüdischen Hausbesitz in der Stadt. Auch im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts lebten hier drei jüdische Familien und handelten mit Ellenwaren, Fellen und Häuten – passend in einer Stadt mit zahlreichen Gerbern und Schuhmachern.
Die napoleonischen Reformen brachten den Juden die bürgerrechtliche Gleichstellung und dauerhafte Familiennamen – in Oldendorf: „Rosenberg“, „Blumenthal“ und „Lilienfeld“. Der Metzger Baruch Blumenthal nahm an den Befreiungskriegen teil und erhielt dafür 1823 eine Ehrenmedaille des zurückgekehrten hessischen Kurfürsten. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl der jüdischen Einwohner auf 43, bei 1343 Einwohnern insgesamt. Neben den Metzgern und kleinen Händlern ragten die Brüder Rosenberg (Kolonial- und Bankgeschäfte) und vor allem der wohlhabende Kaufmann Nathan Peritz Lilienfeld heraus, der im Revolutionsjahr 1848 sogar in den Stadtrat gewählt wurde. Aber bereits 1852 entzog eine kurhessische Verfassungsänderung allen Nichtchristen wieder solche Mandate. 1832 hatte Lilienfeld als jüdischer Gemeindeältester mit der Stadt einen Kaufvertrag geschlossen, durch den ein neuer jüdischer Friedhof östlich der Stadt angelegt werden konnte (An der Bollwegstrift, unten an der Zufahrt zum städtischen Friedhof gelegen).
mini|Neuer Jüdischer Friedhof seit 1832
Von der Kaiserzeit bis zur Zeit des Nationalsozialismus traten die jüdischen Geschäftsleute (z. B. Bankhaus u. Textilgeschäft Adolf Spanier, Landhandel Max Blumenthal, Viehhandlung Julius Löwenstein) als angesehene und ins Vereinsleben integrierte Mitbürger in Erscheinung. Bernhard Blumenthal (Bruder von Max) ging nach Übersee und verbrachte einige Jahre in der niederländischen Kolonie Sumatra als Verwalter einer Tabakplantage. Seine Tochter war die spätere Journalistin Käthe Vordtriede. Julius Löwenstein war als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs auch Ortsvereinsvorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erlebten 21 Oldendorfer Juden Entrechtung, Misshandlung, Vertreibung und Ermordung. Ein erster Tiefpunkt war 1935 eine vom Kreispropagandaleiter Carlowitz mit nachweislich erlogenen Behauptungen angezettelte Kundgebung auf dem Marktplatz wegen einer angeblichen „Rassenschändung“ im Haus des Viehhändlers Löwenstein. Aufgewiegelte Einwohner drangen daraufhin in dessen Haus ein, verwüsteten die Einrichtung und zwangen die Familie zum vorläufigen Verlassen der Stadt. Im August 1935 verbot der Stadtrat den kommunalen Bediensteten jeden Umgang mit Juden, sperrte den städtischen Viehmarkt für die jüdischen Viehhändler und untersagte allen Juden die Benutzung der Badeanstalt. In der Reichspogromnacht zum 10. November 1938 stürmten Oldendorfer SS-Angehörige und Zivilisten die Viehhandlung Löwenstein, plünderten die Wohnung und misshandelten die Ehefrau und deren Schwager. Die Familie Löwenstein emigrierte in die USA und 1939/40 fanden noch drei weitere Jugendliche Asyl in England und den USA. Für zehn in Deutschland gebliebene Oldendorfer Juden gab es keine Rettung. Ihre Spuren verloren sich durch Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager Auschwitz, Chelmno, Litzmannstadt, Riga, Treblinka und Warschau. Nach dem Zweiten Weltkrieg besuchte Lieselotte Southam – die 1939 nach England entkommene Tochter von David und Lina Blumenthal (Viehhandel und Schuhgeschäft in der Langen Straße) – mehrfach ihren Geburtsort und berichtete 1994 ausführlich über ihre ermordeten Eltern, über das gesellschaftliche Zusammenleben in Hessisch Oldendorf vor 1933 und den Niedergang danach. Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel auf dem Nordwall an die Stelle des ersten jüdischen Friedhofs und an die Geschichte der Oldendorfer Juden. In den Jahren 2021 und 2022 wurden in der Langen Straße insgesamt 17 Stolpersteine zum Gedächtnis an die ermordeten und vertriebenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gesetzt.
Mühlen in Hessisch Oldendorf