mini|Kastration des Saturn aus dem Rosenroman von Guillaume de Lorris und Jean de Meung. Frankreich, 15. Jahrhundert mini|hochkant|Kaiser Heinrich VI. lässt König Wilhelm III. von Sizilien blenden und kastrieren. Illumination aus einer Ausgabe des De casibus virorum illustrium des Giovanni Boccaccio, 15. Jahrhundert.
Unter einer Kastration (von ‚verschneiden‘, „entmannen“, „kastrieren“, auch „schwächen, berauben“) versteht man die Entfernung oder Außerfunktionssetzung der Keimdrüsen (Gonaden) und damit die Ausschaltung der Fertilität von Lebewesen, was eine Form des Hypogonadismus zur Folge hat. Chirurgisch durchgeführt wird sie in der medizinischen Fachsprache als Gonadektomie bezeichnet; die Entfernung der Hoden beim Mann als Orchiektomie; die Entfernung der Eierstöcke bei der Frau als Ovarektomie. Wird nur eine der beiden Keimdrüsen entfernt, z. B. wegen eines Tumors, spricht man von einer Teilkastration (Semikastration).
Die Zerstörung der Keimdrüsenfunktion durch ionisierende Strahlung (Röntgenkastration, Menolyse) und die umkehrbare Unterdrückung der Hormonproduktion durch Arzneistoffe („chemische Kastration“, beispielsweise durch das antiandrogen wirksame Cyproteronacetat, sowie die Immunokastration) sind keine Kastration im engeren oder im volkssprachlichen Sinne.
Eine unblutige Kastration liegt vor, wenn die Keimdrüsen (insbesondere die Hoden) durch Abklemmen der sie versorgenden Blutgefäße ausgeschaltet werden (siehe unten).
Mensch Freiwillige Kastration von Männern mini|hochkant|Medizinische Illustration von Sharaf ad-Din, die eine Kastrationsoperation darstellt, um 1466 Von Lukian stammt die klassisch gewordene Überlieferung über Kombabus, der sich als Reisebegleiter der syrischen Königsgemahlin zuvor aus eigenem Entschluss kastriert hatte.
Kastrationen aus medizinischen Gründen waren bereits in der Antike bekannt. So beruhte eine bis ins 17. Jahrhundert durchgeführte Behandlung der Gicht durch Kastration auf einem Hippokratischen Aphorismus („Die Eunuchen bekommen weder Podagra, noch werden sie kahlköpfig“).Ernst Gurlt: Geschichte der Chirurgie und ihrer Ausübung; Volkschirurgie, Alterthum, Mittelalter, Renaissance. Band 1. Hirschwald, Berlin 1898; Neudruck: Olms, Hildesheim 1964, S. 279. Auch bei Lepra, Epilepsie und anderen ErkrankungenFriedrich Helfreich: Geschichte der Chirurgie. In: Max Neuburger, Julius Pagel (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der Medizin (= Landmarks II). Band III, G. Fischer, Jena 1905, S. 1–306; hier: S. 304. wurde ein solches Verfahren angewandt.Christian von Deuster: Zur Pathologie der menschlichen Stimme. Medizinhistorische Betrachtungen zum Kastratengesang. 2004, S. 46 f. zu Kastration aus medizinischen Gründen.
Die Kastration kann in der Behandlung des Prostatakarzinoms angewendet werden. Da Prostatakarzinome in vielen Fällen Testosteron-abhängig sind, kommt es nach der Entfernung der Hoden (Orchiektomie) meist zu einem deutlichen Rückgang oder Stillstand der Krankheit, sodass der Patient meist über Jahre symptomfrei leben kann.
Zwangskastration an Männern mini|hochkant|Das Verfahren der Kastration als Strafe im 16. Jahrhundert
Die Kastration als Genitalverstümmelung an Männern wurde in der gesamten Geschichte der Menschheit in vielen Völkern und Kulturen durchgeführt. An besiegten Feinden zur Demütigung und Machtdemonstration, um ihnen daraufhin leichter ihre Frauen nehmen zu können, und an Sklaven, besonders solchen, die einen Harem bewachen sollten (siehe Eunuch). Die Kastrationsangst ist in der Biologie und Psychologie der Menschheit tief verankert.
Erwachsene Kriegsgefangene oder Sklaven wurden überdies kastriert, um sie nicht nur zu erniedrigen, sondern auch fügsamer zu machen, da durch den Verlust der Hoden aufgrund starker Reduzierung des Testosterons die Aggressionsbereitschaft nachlässt. Laut verschiedenen Quellen soll die mythische assyrische Königin Semiramis eine der ersten Herrscherinnen gewesen sein, die die Kastration gefangener Feinde befahl.
Während der Zeit des arabischen Sklavenhandels war die Kastration die übliche Praxis der Sklavenhändler, um den afrikanischen Männern die Fortpflanzungsfähigkeit zu nehmen. Nach Angaben des senegalesischen Anthropologen Tidiane N’Diaye wurden bis zu 17 Millionen Frauen und Männer aus Subsahara-Afrika als Arbeitskräfte in arabische Länder verbracht und der männliche Teil dort kastriert.Ulrich Baron: Als muslimische Sklavenjäger Afrika entvölkerten. Auf: welt.de vom 30. März 2010; zuletzt abgerufen am 6. Januar 2022.
Im italienisch-äthiopischen Krieg von 1935, kam es zu Kastrationen von Soldaten der italienischen Armee durch äthiopischen Soldaten. Die Äthiopier schnitten italienische Geschlechtsteile als Mittel der Kriegsführung ab, um die Angreifer zu demoralisieren und als "Trophäe" für einen Sieg.
mini|hochkant|Toter Soldat der italienischen Armee im Abessinienkrieg
In den Jugoslawienkriegen ab 1991 kam es zu Kastrationen an bosnischen Kriegsgefangenen. Nach den Aussagen von Opfern und Augenzeugen sollen 32 serbische Frauen mit der Kastrierung durch das Abschneiden der Organe mit Rasierklingen beauftragt gewesen sein.
Religiöse Gründe Die Priester der antiken Göttin Kybele (Galli, auch Galloi) waren Eunuchen. Der Kult hatte sich aus Kleinasien über das gesamte Römische Reich verbreitet. Jedes Jahr zur Zeit des Frühlingsfestes fanden rauschhafte Feste statt, bei denen sich Anhänger des Kultes selbstverstümmelten. Sie schnitten sich mit einem Zeremonienschwert oder auch einem scharfkantigen Gegenstand die Genitalien ab und warfen diese in die Menge der Zuschauer. Der Betreffende musste den Eunuchen-Neuling mit Frauenkleidern versorgen. Viele Eunuchen-Priester litten infolge der stümperhaft durchgeführten Kastration unter Infektionen der Harnröhre und unter dauerhafter Blasenschwäche.
Im ephesischen Artemiskult finden sich ebenfalls Beispiele kultischer „Selbstentmannung“. Der Ursprung solcher aus religiösen VorstellungenFranz Haböck: Die Kastraten und ihre Gesangskunst, eine gesangsphysiologische, kultur- und musik- historische Studie. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart / Berlin / Leipzig 1927, S. 19. heraus vorgenommenen Kastrationen, wie sie auch für Babylonien, Phönizien, Zypern und Syrien belegt sind, wurde bei den HethiternPeter Browe: Zur Geschichte der Entmannung. Eine religions- und rechtsgeschichtliche Studie (= Breslauer Studien zur historischen Theologie. Neue Folge, Band 1). Müller & Seiffert, Breslau 1936, S. 13 f. vermutet.Christian von Deuster: Zur Pathologie der menschlichen Stimme. Medizinhistorische Betrachtungen zum Kastratengesang. 2004, S. 45 f. → Kastration aus religiösen Gründen.
Die Bibel erwähnt Verschnittene, beispielsweise im Buch Jesaja, Kapitel 56 (siehe auch: Eunuchen für das Himmelreich).
Der frühchristliche Theologe Origenes soll sich selbst entmannt haben, um seiner Interpretation der Bibel zu folgen.
Laut Kanon 1 des Ersten Konzils von Nicäa (20. Mai – 25. Juli 325) konnten Eunuchen nur dann Priester der damals einen christlichen Kirche werden, wenn sie sich nicht selbst kastriert hatten. Papst Sixtus V. verfügte am 7. Juni 1587 mit dem Impotenzdekret, dass ein Mann über wirklichen, das heißt aus den Hoden stammenden Samen verfügen müsse, andernfalls er nicht heiraten dürfe; damit wurde die Zeugungsfähigkeit (potentia generandi) zur Eheschließung verlangt.Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich. Vollständige Taschenbuchausgabe, 5. Auflage. Droemer Knaur, München 1996, ISBN 3-426-04079-4, S. 258 ff.
Trotzdem lebte die Kastration als religiöse Praxis immer wieder auf, so beispielsweise im dritten Jahrhundert bei den Valesianern.
Von der römisch-katholischen Kirche wurden per Dekret von Papst Sixtus V. vom 7. Juni 1587 folgende Gruppen unter dem Oberbegriff „Verschnittene“ zusammengefasst: Beim Spadonen wurden lediglich die Samenleiter durchtrennt (Vasektomie). Es handelte sich also um eine Sterilisation. Die Vasektomie ist heutzutage ein gängiger und in der Regel unproblematischer Eingriff und wird bei Männern durchgeführt, die keine Kinder mehr zeugen, aber keines der üblichen Verhütungsmittel benutzen möchten. Libido und auch Ejakulation werden davon nicht beeinflusst, aber es sind keine Spermien mehr im Ejakulat. Beim Kastraten wurden die Hoden entfernt, mit den oben beschriebenen Folgen. Der Eunuch ist vollständig „verschnitten“, ihm wurde zusammen mit den Hoden auch der Penis entfernt (Penektomie). Im üblichen Wortgebrauch wird „Eunuch“ häufig mit „Kastrat“ gleichgesetzt.
In Russland und Rumänien erlebte die Kastration im 19. Jahrhundert durch die Skopzen-Sekte sogar eine regelrechte Blüte, während der sich tausende Männer und Frauen die Geschlechtsteile entfernen ließen. mini|200px|Mitglieder der Skopzen-Sekte: Dem Mann wurden die Hoden und Penis entfernt, der Frau der Busen und die Vulva
Jedoch gibt es von jeher auch Kulturen, welche die Kastration strikt ablehnen, als Beispiel sei das Judentum genannt; orthodoxe Juden kastrieren auch keine Tiere.
Kastration von Kindern Im Kaiserreich China wurden noch bis zur Gründung der Republik 1912 Knaben von ihren Eltern als Palasteunuchen an den Kaiserhof verkauft.
Im MittelalterSusan Tuchel: Kastration im Mittelalter (= Studia humaniora. Band 30). Droste, Düsseldorf 1998, ISBN 3-7700-0835-9. und in der frühen Neuzeit wurden auch Knaben zur Erhaltung ihrer hohen Stimme kastriert, diese Praxis wurde noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts regelmäßig in Italien angewendet. Sie sangen unter anderem als päpstliche Sänger im Sixtinischen Chor.Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich. München 1996, S. 263. Ausgehend von Konservatorien in Neapel (Conservatorio dei Poveri di Gesù Cristo, Conservatorio della Pietà dei Turchini, Conservatorio Sant’Onofrio und andere), einst Verwahranstalten für verwaiste oder verstoßene Kinder, wurden für derartige Einrichtungen später in ganz Italien Jahr für Jahr tausende vorpubertäre Jungen rekrutiert, indem man sie für ein Trinkgeld von Eunuchenhändlern, den sogenannten Mangones, ihren zumeist bitterarmen Eltern abkaufte, um sie anschließend illegal im Verborgenen zu kastrieren und hiernach stimmlich und liturgisch auszubilden. Allerdings überlebten viele Jungen den chirurgischen Eingriff auf Grund von postoperativen Komplikationen nicht, da damals diese Eingriffe nicht unter sterilen Bedingungen ausgeführt wurden und Antibiotika zur Verhinderung oder Behandlung einer Infektion noch nicht bekannt waren. Ein berühmtes Beispiel für eine überstandene Kastration und nach jahrelanger Gesangsausbildung erfolgreiche Karriere ist der italienische Kastratensänger Carlo Broschi, genannt Farinelli. Erst Papst Pius X. schrieb am 22. November 1903 in seinem Motu proprio Tra le sollecitudini („Über die Kirchenmusik“) vor, zur Besetzung von Sopran- und Altstimmen allein unkastrierte Knaben einzusetzen, und verbot damit praktisch die Beschäftigung von Kastraten in Kirchenchören.Tra le sollecitudini. - Absatz: V Cantori. (Die Sänger) / 13; Auf: vatican.va; zuletzt abgerufen am 23. Februar 2016.
In den 1950er Jahren soll es in den Niederlanden zur Zwangskastration von jungen Männern gekommen sein, die Bewohner von katholischen Kinderheimen und Missbrauchsopfer waren.Doris Simon: Zwangskastration durch die Kirche? In den Niederlanden prüft die Justiz schockierende Vorwürfe. Auf: deutschlandfunk.de vom 18. April 2012; abgerufen am 14. April 2020.Benjamin Schulz: Missbrauch: Katholische Kirche in Niederlanden ließ Jungen kastrieren. Auf: spiegel.de vom 4. Mai 2012.
Chemische und chirurgische Kastration von Straftätern