mini|Przemyśl mini|Durchgangslager und Flüchtlingszentrum für Flüchtlinge aus der Ukraine in Przemyśl
Przemyśl (; deutsch Przemysl, [veraltet und selten] Premissel, 1939–1941 Deutsch-Przemysl für die Stadtteile nördlich des San) ist eine Stadt mit nahezu 60.000 Einwohnern in der Woiwodschaft Karpatenvorland im äußersten Südosten Polens am Fluss San. Die Stadt liegt verkehrsgünstig an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine und ist Grenzbahnhof der Bahnstrecke Lwiw–Przemyśl.
Seit dem Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist Przemyśl Fluchtpunkt vieler Ukrainer. Hierfür wurde in der Halle eines Supermarkts ein Durchgangslager mit einer Kapazität von mehr als 1000 Plätzen eingerichtet, von dem aus die Weiterbeförderung und die Verteilung der mit Bahn, Bussen und privaten Verkehrsmitteln an der Grenze ankommenden Flüchtlinge organisiert wird.
Geschichte Vorgeschichte An dieser Stelle gab es bereits Jahrhunderte vor Christus eine große Siedlung der Przeworsk-Kultur, an der Kreuzung einiger Handelswege im strategisch gelegenen Przemyśler Tor (polnisch Brama Przemyska) zwischen den Westkarpaten im Süden und Roztocze im Norden. Es war auch ein Gebiet der Gewinnung von Salzen. Zu den wertvollsten Funden aus dieser Zeit gehört ein goldenes Medaillon des römischen Kaisers Valerius Valens. Die slawische Stammeszeit wird mit den Weißen Kroaten und Lendizen verbunden. Im 10. Jahrhundert stand der Ort unter dem Einfluss der Magyaren, am linken Ufer des Flusses San wurde ein altmagyarisches Gräberfeld gefunden. Am Handelsweg nach Ungarn durch Sanok wurden 700 arabische Dirhame gefunden.
Von etwa 970 bis 981 gehörte Przemyśl zum Polen von Mieszko I.
Kiewer Rus Przemyśl im alten Rotburgenland wurde in der Nestorchronik erstmals im Jahre 981 erwähnt, als Großfürst Wladimir I. die ljachische (damals entweder ursprünglich die Bezeichnung für die Lendizen oder zunehmend im ukrainischen Sprachraum allgemein für die Polen) Burg Peremyšlь eroberte. Das damals von den Ruthenen eingenommene Przemyśl wurde 1018 von Bolesław I für Polen zurückerobert.https://przemysl.pl/6446/tausendjhriges-przemysl.html 1085–1141 war es das Zentrum eines eigenständigen ruthenischen Fürstentums Peremyschl. 1240 wurde es durch die Mongolische Invasion der Rus zerstört.
Der Ortsname ist vom slawischen Personennamen Przemysł(aw) (Přemysl, Primislaus usw.) abgeleitet, sprachlich könnte er gleichermaßen ostslawischer sowie westslawischer Herkunft sein, jedoch enthielt die erste Erwähnung den ostslawischen Volllaut (ostslaw. Pere..., statt westslaw. Prze...).
Königreich Polen mini|„Premislia, eine bekannte russische Stadt“ (1617) 1340 wurde Przemyśl wie das gesamte Rotruthenien schrittweise von König Kasimir I. für das Königreich Polen in Besitz genommen (Kasimir I. erwarb Erbrechte an Rotruthenien von Fürst Bolesław Georg II.). Bis zum 15. Jahrhundert wurde die Stadt an der Via Regia von deutschen Patriziern dominiert. Im Jahr 1375 gab es in Przemyśl eine der um 20 römisch-katholischen Kirchen im Erzbistum Przemyśl sowie zwei aus drei römisch-katholischen Klöstern (Franziskaner und Dominikaner). Erik von Winsen kam wahrscheinlich im Jahr 1379 in Przemyśl als der de facto erste Organisator des Bistums an. 1389 bekam Przemyśl Stadtrecht nach Magdeburger Recht.Akta Grodzkie i Ziemskie, Band V, S. 23 Seit 1434 war es Sitz des Przemyśler Landes.
Die folgenden polnischen Könige sorgten für die weitere Entwicklung von Przemyśl. Es entstanden neue weltliche und sakrale Bauten, Neusiedler aus dem In- und Ausland ließen sich nieder, zahlreiche Ordensgemeinschaften und Handwerkerzünfte wurden gegründet. Die Bürger von Przemyśl wussten die Lage der Stadt zu nutzen und gelangten mit Handel zu Wohlstand. Kaufleute errichteten repräsentative Häuser mit Warenlagern, die noch heute an drei Zeilen des geneigten Marktplatzes zu sehen sind.
Das 16. Jahrhundert war ein goldenes Zeitalter in Polen und auch in Przemyśl. Damals begann man in der Stadt mit dem Bau neuer Wehrmauern mit Basteien und drei Toren. Ein Beispiel für den Wohlstand von Przemyśl und seinen Bewohnern – Polen, Ruthenen, Deutschen und Juden – waren das von ihnen errichtete Rathaus sowie die Wasserleitung. Auch die erhaltenen Kirchen der Karmeliter, Jesuiten, Franziskaner und Franziskaner-Reformaten zeugen von der einstigen Bedeutung der Stadt.Deutschsprachiger Text des Touristikamtes der Stadt
Nach dem polnischen Goldenen (16. Jahrhundert) und Silbernen Zeitalter (17. Jahrhundert) kam es wegen des „Jahrhunderts der Kriege“ (ab dem Angriff der Walachen im Jahr 1614 durch den Osmanisch-Polnischen Krieg 1620–1621 bis zum Großen Nordischen Krieg) zur Wirtschaftskrise und die Stadt verfiel.
Habsburgermonarchie Przemyśl kam 1772 nach der Ersten Teilung Polens zum Kronland Galizien der Habsburgermonarchie. 1854 wurde es Sitz der Bezirkshauptmannschaft des Bezirks Przemyśl,Reichsgesetzblatt vom 24. April 1854, Nr. 111, S. 401 1867 wurde noch ein Bezirksgericht errichtet. In den letzten Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg wurde die ganze Stadt zu einer Festung gegen die sich entwickelnde Bedrohung durch das Russische Kaiserreich ausgebaut (äußerer Festungsring: 45 km). Der Bau kostete weit mehr als 52,5 Millionen Kronen, 125.000 Arbeiter waren beschäftigt, die zweitgrößte Festung Europas (nach Verdun) zu erbauen. Sie bestand aus dem Innenring mit 18 Forts, drei Schanzen und vier Artillerieständen sowie aus dem Außenring, der 45 km Umfang hatte und mit 15 Hauptforts, 29 Unterstützungsforts und 29 Artilleriepositionen ausgestattet war. 1914 waren dort über 140.000 Soldaten stationiert. Ab etwa Mitte September 1914 geriet die Festung unter wachsenden Druck durch die Kaiserlich Russische Armee. Die bis zur Einnahme durch russische Truppen im März 1915 andauernde Belagerung von Przemyśl gilt als größte Belagerung des Ersten Weltkriegs. Die noch aus 110.000 Soldaten bestehende österreichisch-ungarische Garnison – gefallen waren 20.000 – kapitulierte am 22. März 1915 und ging in russische Kriegsgefangenschaft. Der Fall der Festung Przemyśl war ein schwerer Schlag für die österreichische Moral, eine russische Großoffensive auf die ungarische Tiefebene schien nun möglich. Da die meisten Verteidiger der Festung Ungarn waren, wurde an der Margaretenbrücke in Budapest zum Andenken an die Schlacht ein Denkmal errichtet. Die Bedeutung des Falls der Festung wurde auch von russischer Seite hoch eingeschätzt, so dass sie im April 1915 vom russischen Zaren Nikolaus II. besucht wurde.
Im Juni 1915 folgte nach der Schlacht bei Gorlice-Tarnów die Rückeroberung der Region durch k.u.k.-Truppen und das Deutsche Heer. Am 3. und 4. Juni 1915 gelang der 11. bayerischen Division die Rückeroberung der Festung Przemyśl. Dass die für Österreich-Ungarn symbolträchtige Festung durch deutsche Truppen zurückerobert wurde, führte in Wien zu Verstimmungen.
Przemyśl als bedeutende jüdische Ansiedlung Erste Zeichen jüdischer Ansiedlung stammen aus dem 11. Jahrhundert. Nachdem die Juden – 1367 unter Kazimir dem Großen und später 1559 von Sigismund II. August bestätigt – in Przemyśl Wohnrecht erhalten hatten – wenn auch außerhalb der Stadtmauern – wurde aus der anfänglich kleinen Gemeinde eine bedeutende jüdische Gemeinschaft mit Schulen, Krankenhäusern und Synagogen. 1869 machten sie mit 5962 Mitgliedern 41 % der Stadtbevölkerung aus; zu diesem Zeitpunkt waren sie bereits voll berechtigte Stadtbürger. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung in Przemyśl auf 54.000 Menschen angewachsen, von denen 30 % Juden waren.Jacek Blonski: The missing world – history of jews in Przemysl. Museum Narodowe Zieme Przemyskiej, Przemysl 2016 (polnisch–englisch).
Zwischenkriegszeit Mit Zerfall der Habsburger-Monarchie begannen die polnischen Bewohner von Przemyśl nach dem Vorbild der Lemberger, um den polnischen Charakter ihrer Stadt zu kämpfen. Am 11. November 1918, nach kurzen Kämpfen zwischen bewaffneten polnischen und ukrainischen Einheiten in den Straßen der Stadt, war Przemyśl polnisch. An die jüngsten polnischen Kämpfer, die in Polen „Adlerjungen von Premyśl“ genannt werden, erinnert bis heute ein großes Denkmal in der Stadt.Deutschsprachiger Text des Touristikamtes der Stadt, vgl. auch Angaben zum Denkmal
In der Zwischenkriegszeit gehörte Przemyśl zum wiedererrichteten polnischen Staat, zur Zweiten Polnischen Republik.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war Przemyśl das Zentrum einer polnischen Sprachinsel im ukrainischen Sprachraum, die außer der Stadt auch Wilcze, Żurawica, Kruhel Mały, Kuńkowce, Ostrów, Łętownia und Ujkowice umfasste.Detaillierte ethnische Karte Ostgaliziens im Jahr 1939 von Wolodymyr Kubijowytsch In den Zwischenkriegsjahren war Przemyśl nach Krakau (Kraków) und Lemberg (Lwów) die drittgrößte Stadt in diesem Teil des Landes. Hier war eine große Garnison der Polnischen Armee stationiert, deren Soldaten im September 1939 aktiv an der Verteidigung der Heimat beteiligt waren.Deutschsprachiger Text des Touristikamtes der Stadt
Deutsche Besetzung Durch den Überfall auf Polen wurde die Stadt am 15. September 1939 zunächst vollständig von der Wehrmacht besetzt. Die Sowjetische Besetzung Ostpolens am 17. September 1939 und der Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag bedingten am 28. September 1939 den Rückzug der deutschen Truppen hinter den San. Nach dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag bildete der Fluss fortan die Grenzlinie der deutschen und der sowjetischen Interessensphären. Dabei wurde die Stadt geteilt: alle Gebiete nördlich des San kamen faktisch unter Verwaltung des Deutschen Reichs innerhalb des neugegründeten Generalgouvernements. Der Rest der Stadt wurde der Roten Armee übergeben. Vor der Übergabe verübte eine SS-Einsatzgruppe das Massaker von Przemyśl. Daran nahmen auch Soldaten der Wehrmacht teil, obwohl der Oberbefehlshaber des Heeres Walther von Brauchitsch dies in einem Befehl vom 24. September 1939 verboten hatte.Jochen Böhler, Der Überfall: Deutschlands Krieg gegen Polen, S. 204 Innerhalb der Sowjetunion wurde der nun Peremyschl (Перемышль) genannte Ort südlich des San zur Hauptstadt eines gleichnamigen Ujesd Peremyschl.Указ Президиума ВС СССР от 4.12.1939 об образовании Волынской, Дрогобычской, Львовской … и Тарнопольской областей в составе Украинской ССР Nach einer Verwaltungsreform wurde der Ort ab dem 10. Januar 1940 dann zum Hauptort des Rajons Peremyschl.Інститут Історії України Національна Академія Наук України
Der dem Generalgouvernement zugeordnete nördliche Teil der Stadt wurde spätestens ab dem 13. Juli 1940 offiziell als Deutsch Przemysl bezeichnet. Er bildete innerhalb des neu geschaffenen Generalgouvernements im Distrikt Krakau eine kreisfreie Stadt. Bis dahin war sie der Kreishauptmannschaft Jaroslau zugeordnet.Kreishauptmannschaft Jaroslau (territorial.de) Die Fläche der neu geschaffenen Stadt betrug zunächst 50 km² und hatte eine Bevölkerung von 31.795 Einwohnern. Am 1. Januar 1941 erhöhte sich die Fläche des Stadtkreises Deutsch-Przemysl nach Eingemeindungen umliegender Ortschaften bereits auf 119,52 km² und hatte zu diesem Zeitpunkt noch 16.502 Einwohner.Verordnung vom 27. Juni 1940 für das Generalgouvernement, Nr. 1, S. 217Amtliches Gemeindeverzeichnis für das Großdeutsche Reich auf Grund der Volkszählung 1939