Autorität () ist eine Eigenschaft, die Individuen (z. B. Befehlshaber) und überindividuelle Instanzen (z. B. Institutionen, Behörden oder Lehrkörper) dazu befähigt, von anderen Gehorsam oder Gefolgschaft zu beanspruchen, ohne dabei Zwang auszuüben oder ihre Entscheidungen näher begründen zu müssen. Voraussetzung für Autorität ist das Bestehen einer anerkannten Hierarchie, in welcher eine höhergestellte Person oder Instanz den Rezipienten im Bezug auf die Inhalte der Anweisung übergeordnet ist. Die Begründung der Autorität liegt – anders als die Begründung von Macht – in der Tradition, also beispielsweise der Berufung auf das Naturrecht, auf göttliche Gebote, auf (manchmal als Autoritäten bezeichnete) Gründerväter oder Lehrer oder auf alte Bräuche.

Das Konzept, das sich in China bereits im 11. Jahrhundert v. Chr. nachweisen lässt, wurde in der Westlichen Welt von Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. theoretisch entworfen und in der Römischen Republik als auctoritas ins Recht und erstmals auch in politische Praxis überführt. Das Christentum, als wichtigster geistiger Erbe des Römischen Reiches, war von Anfang an von Traditionalisierung und Normierung der regula fidei geprägt und mit der Idee anerkannter auctoritates untrennbar verbunden. In der römisch-katholischen Kirche hat die auctoritas ihren ursprünglichen Stellenwert, etwa im Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, bis heute bewahrt.

In der Philosophie der Neuzeit trat an die Stelle der durch Autoritäten vermittelten Offenbarung das Konzept der Vernunft; der Begriff der Autorität verlor hier seine ursprüngliche Bedeutung und verschmolz mit dem der Macht, am radikalsten im Freudomarxismus, wo die Autorität in den Generalverdacht des Antidemokratischen geriet. Einzelne Autoren, wie Hannah Arendt, haben sich indessen um eine erneute begriffliche Differenzierung bemüht.

Mit Autorität beschäftigen sich unter anderem die jüdische und die christliche Theologie, die Ethik, die politische Philosophie, die Soziologie der Herrschaft, die Wirtschafts- und Organisationswissenschaft, die Wissenschaftsgeschichte und die Pädagogik.

Weil der Begriff im deutschen Sprachraum eine zum Teil eigenständige Geschichte hat, gehört er zu denjenigen Fachtermini, die in anderen Ländern eine von der deutschen mehr oder weniger abweichende Bedeutung haben. So versteht man etwa im englischsprachigen Raum unter authority zuallererst die legitime Amtsmacht einer staatlichen Behörde, während die elterliche Federführung eher als parental control denn als authority bezeichnet wird.

In einem übertragenen Sinne versteht man unter einer „Autorität“ auch eine Persönlichkeit, die Autorität ausübt, beispielsweise eine Koryphäe, früher auch MeisterBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 392 (meister: ‚Autorität, Autor‘). genannt, aber auch Götter und Naturgesetze können, ebenso wie Vorfahren, eine (höhere) AutoritätAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. Übersetzung aus dem Englischen von Christian Quatmann (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980). Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 9. darstellen.

Definition Eine der genauesten Definitionen des Autoritätsbegriffs hat Hannah Arendt in den 1950er Jahren in ihrem Essay Was ist Autorität? geliefert. Arendt kritisiert darin die in den zeitgenössischen Sozialwissenschaften verbreitete Praxis, Autorität – weil sie Gehorsam hervorbringt – mit Macht, Gewalt und Zwang gleichzusetzen. Anhand der politischen Philosophie Platons und der praktischen Politik in der Römischen Republik und der christlichen Kirche (als geistiger Erbin Roms) weist sie auf, dass Autorität eben nicht auf Zwang beruht, sondern auf Hierarchie, die wiederum auf Tradition basiert, also etwa auf dem Naturrecht, den Geboten Gottes oder uralten Bräuchen: Quellen also, die nicht von denjenigen geschaffen wurden, die Autorität gerade ausüben. Arendt spricht von einer „Trinität von Religion, Autorität und Tradition“, die einander wechselseitig bedingen und ohne einander langfristig keinen Bestand haben können.

Begriffsgeschichte Indien Im Hinduismus, dessen Ausbreitung um 1750 v. Chr. begann, gelten die Veden als Schriftautorität (engl. scriptural authority). Daneben kennt der Hinduismus auch eine von der Schriftautorität abgeleitete Personalautorität, nämlich die der Brahmanen, als Lehrer des Veda. Schon sehr früh in der Geschichte des Hinduismus galten religiöse Wahrheiten nur dann als wertvoll, wenn sie von einem anerkannten Lehrer („Guru“; meist ein Brahman) vermittelt werden.

Der aus dem Hinduismus im 6./5. Jahrhundert v. Chr. hervorgegangene Buddhismus kennt keine Personalautorität, jedoch eine Schriftautorität, wobei diese innerhalb des Buddhismus durchaus strittig war. So besagt noch die Kālāma Sutta (eigentlich Kesamutti Sutta; Teil der Anguttara-Nikaya), dass die Gläubigen sich – statt etwa auf Schriften – ausschließlich auf ihre eigenen Erfahrungen verlassen sollen; dieses Gebot war freilich vor allem gegen die Veden und die brahmanische Autorität gerichtet. Schon in der Mahāparinibbāna Sutta (Teil der Digha-Nikaya) wird Schriftautorität – in Bezug auf buddhistische Texte – aber neu etabliert. Die vom Ersten buddhistischen Konzil beschlossene Fassung der Äußerungen des Buddha trug dann den Makel, dass das Prestige des Hauptzeugen Ananda strittig war, weil dieser, als er dem Buddha zugehört hat, noch nicht den Erleuchtungsgrad eines Arhat erreicht hatte.

mini|hochkant|König Wen galt in China als Träger von Autorität – mehrere Jahrhunderte bevor Platon das Konzept für die Westliche Welt erfunden hat.

China Zu den ältesten Kulturen, in denen sich ein theoretisch begründetes Autoritätskonzept nachweisen lässt, zählt die chinesische. Ähnlich wie im Westen hat auch in China die Tradition – eine Grundvoraussetzung für Autorität – tiefe historische Wurzeln. Anders als dort gab es im alten China aber (trotz eines gewissen Glaubens an einen Himmel) kein transzendentales Ideal, kein prophetisch verkündetes von der Welt geschiedenes Jenseits; auch die Ethik war infolgedessen vollständig säkular.

Eines der ersten Zeugnisse politischer Autorität stammt aus der westlichen Zhou-Dynastie (~ 1122/1045–770 v. Chr.); darin ist von einem „Himmelsmandat“ (tiānmìng, 天命) die Rede, das König Wen verliehen worden sei, weil er dem Himmel gehorche und dé (德; deutsch etwa: „Wesen“, „Tugend“) besitze. Gehorsam gegen den Himmel und dé gelten hier als Grundvoraussetzungen dafür, dass in der Welt Ordnung herrschen kann; Verlust auch nur eines der beiden führt folglich zum Verlust der Autorität.

Im 6./5. Jahrhundert v. Chr. wurden diese Gedanken von Konfuzius übernommen, der wie kaum ein anderer Philosoph der Welt für Ordnung, Hierarchie und Tradition steht. Seine Äußerungen zum Thema gingen später in die Analekten ein: „Der Meister sprach: ‚Wer kraft seines Wesens [dé, 德] herrscht, gleicht dem Nordstern. Der verweilt an seinem Ort und alle Sterne umkreisen ihn.‘“ Konfuzius fasst, was in der Zhou-Überlieferung noch nicht explizit geschehen war, das Himmelsmandat als Gebot des wú wéi (無為), eines harmonischen, mühelosen, natürlichen Handelns, das seine Wirkungen absichtslos und spontan erreicht: „Der Meister sprach: ‚Wenn man versucht, das Volk durch Zwangsvorschriften zu leiten und es durch Strafen gehorsam zu machen, so wird es ausweichen und kein Gewissen haben. Wenn man es aber durch die Kraft des dé leitet und durch die Mittel des lǐ [禮; deutsch etwa: „Etikette“, „ritueller Anstand“] ordnet, so wird das Volk Gewissen haben und sich zu korrigieren wissen.‘“ Der Träger der Autorität erreicht Gehorsam, indem er ein gutes Vorbild bietet. Sein dé ist gleichzeitig eine Folge der Gunst des Himmels und ein Beweis für diese Gunst; sie wurde ihm aber nicht zufällig geschenkt, sondern in Anerkennung seiner unablässigen Pflichterfüllung und Redlichkeit. Besonderes Gewicht erhält die Autorität im Konfuzianismus dadurch, dass das von ihm geprägte Gemeinwesen bis in die Geschwisterbeziehungen hinein strikt hierarchisch geordnet ist (fünf Beziehungen); da jeder sich seinem Alter und seinem sozialen Rang entsprechend verhalten muss und von anderen dasselbe erwarten darf, wird Hierarchie als Voraussetzung für soziale Harmonie (和, hé) verstanden.

Obwohl der Begriff für die klassische chinesische Philosophie zentral ist, erscheint weder in der Zhou-Überlieferung noch bei Konfuzius ein Wort, das direkt als „Autorität“ übersetzt werden kann; wie der Sinologe Huang Weijia (Boston University) rekonstruiert hat, ist 权 (quán) von allen chinesischen Schriftzeichen dasjenige, das zur überlieferten Bedeutung von „Autorität“ die engste Verbindung hat.

Unter Mao Zedong und besonders im Rahmen der Kulturrevolution (1966–1976) wurde in der Volksrepublik China versucht, den tiefen Einfluss, den der Konfuzianismus über Jahrtausende auf die Bevölkerung hatte, zu brechen. Diese Bemühungen waren aber weitgehend vergeblich, und in Konzepten wie der kindlichen Pietät (xiào, 孝) hat der Konfuzianismus, einschließlich seines Autoritätsprinzips, bis heute überdauert (siehe auch: Erziehung in China). Die aktuelle chinesische Führung unter Xi Jinping versucht dagegen, eine Rückbesinnung auf den Konfuzianismus mit ihrer Staats- und Parteiideologie zu verbinden und den Konfuzianismus zu einer der Grundlagen der Staatsführungsprinzipien der Kommunistischen Partei Chinas zu stilisieren. Inwieweit hier – insbesondere im Selbstverständnis Xis als Staatslenker und Landesvater – tatsächlich eine konfuzianische Staatsdoktrin wirksam ist, oder ob es sich nur um äußerliche Anpassungen handelt, wird von westlichen Beobachtern uneinheitlich beantwortet.

Antike Griechenland: Platon Platon gilt, obwohl in Griechenland noch nicht einmal ein Wort dafür existierte, als theoretischer Begründer der Autorität. Hintergrund war seine Kritik an einer Verwahrlosung der Athenischen Polis im 4. Jahrhundert, der er in seinem Werk Politeia eine alternative Regierungsform entgegenzusetzen suchte: eine Philosophenherrschaft, die er nach dem Vorbild von Hierarchien zu modellieren versuchte, die er der Sphäre dessen entnahm, was in Griechenland als privat angesehen wurde, etwa der Beziehung zwischen dem Steuermann eines Schiffes und den Passagieren. Weil Platons Vorschläge an der Realität der griechischen politischen Strukturen vorbeigeplant waren, blieben sie dort Utopie, ihr Autor wurde ignoriert.

Rom

Erst die Römer, die – anders als die Griechen – Verehrung der Ahnen und der Älteren und den Begriff der Tradition kannten, ihr Reich auf einen Gründungsmythos aufgebaut und Platon dabei zu einem ihrer Gründerväter erklärt hatten, implementierten seine Ideen u. a. in Gestalt der auctoritas senatus des Römischen Senats, wobei die auctoritas von der potestas unterschieden wurde, der eigentlichen Macht, die in der Römischen Republik bei der Magistratur lag.

Eine essentielle Rolle spielte der Begriff auctoritas in der Sprache des römischen Rechts. Von dort ausgehend, wo er nur auf individuelle Situationen bezogen wurde (als Autorisierung, d. h. als maßgebliches und wirkungsvolles Gutheißen eines von anderen getroffenen Entschlusses durch einen auctor), nimmt der Begriff in Rom metonymisch die Bedeutung einer dem auctor anhaftenden dauernden Eigenschaft an, nämlich die der Eignung, maßgeblichen Einfluss auf die Entschließungen der anderen kraft überlegener Einsicht auszuüben, und zwar in der politischen Sphäre ebenso wie in der privaten; Kollektive (wie etwa der Senat) können ebenso Autorität ausüben wie individuelle Personen.