miniatur|Hellenistische Terrakotta-Lampe (um 225 v. Chr.; „Mimologen-Lampe“) mit einer Gruppe von Mimen.Carl Watzinger: Mimologen. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung. Band 26, 1901, S. 1–8 (Digitalisat)

Der Mimos (altgriechisch μῖμος, „Der Nachahmer“; lateinisch Mimus) war eine vielfältige, populäre Form des antiken Theaters. Der Begriff wurde sowohl für die Kunstform verwendet als auch für die Schauspieler des Mimos (Mimen; griechisch mimoi, lateinisch mimi oder mimae). Entstanden im antiken Griechenland, breitete er sich im Hellenismus in der Mittelmeerwelt aus und war auch im Römischen Reich vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis zur Spätantike populär.

Er zeichnete sich durch die Darstellung alltäglicher Szenen oft sexuellen oder kleinkriminellen Inhalts aus. Verwendet wurden neben Sprache, Mimik und Gestik auch Gesang und Tanz. Ziel war insbesondere die Erheiterung des Publikums, etwa durch die Nachahmung (mimesis) bzw. -äffung bekannter Personen und Ereignisse. Der Mimos konnte als Solostück oder in kleinen Ensembles (greges) unter der Führung eines Hauptdarstellers, des archimimus, aufgeführt werden.

Als literarischer Text bzw. Skript zur Aufführung aufgeschrieben wurden nur die wenigsten Mimen und von diesen sind nur ein paar wenige bis heute erhalten, meist auch nur als Fragmente, weswegen die Rekonstruktion des Mimos als Kunstform schwierig ist.

Charakteristik

Der Mimos arbeitete viel mit spontaner Improvisation und Nachahmung, Gestik und Mimik (das deutsche Wort leitet sich von griechisch mimos ab), weswegen auch keine Masken verwendet wurden.Dies wird allgemein angenommen, wenn es auch Ausnahmen gegeben haben mag. Vgl. Costas Panayotakis: Defining the Roman Mime. In: Decimus Laberius: The Fragments (= Cambridge Classical Texts and Commentaries). Herausgegeben mit Einleitung, englischer Übersetzung und Kommentar von Costas Panayotakis. Oxford 2010, ISBN 978-0-521-88523-2, S. 1–32, hier S. 5 f. mit Anm. 9. Anders als beim Pantomimus, der nur auf Gestik und Tanz zugreifen konnte, sprachen und sangen die Schauspieler beim Mimos. Tanz war allerdings ebenfalls ein wiederkehrendes Merkmal.Vgl. zum Beispiel Ovid, Ars amatoria 1,501–2; Aulus Gellius 1,11,12; Diodor 31,16,3; Athenaios 195F (tanzende Mimen am Hof des Seleukidenkönigs Antiochos IV.); Philon von Alexandria, de agricultura 35; Pomponius Porphyrio zu Horaz, Satiren 2,6,72 (zur harmonischen Zusammenwirkung von Lepos’ Sprechen und Tanzen); Chorikios von Gaza, Apologia Mimorum 124. Auch auf Inschriften wird die Tanzkunst von Mimendarstellerinnen wie Bassilla, Eucharis und Gaius Caecilius Chariton Iuventius herausgestellt (Inscriptiones Graecae 14,2342, vgl. ebd. S. 704; ). Dargestellt wurden meist Szenen aus dem Alltagsleben, oft frivolen, anzüglichen oder kleinkrimellen Charakters. Dabei wurden die Figuren nicht selten als Karikaturen dargestellt und ins Groteske übersteigert.Vgl. Gisela M. A. Richter: Grotesques and the mime. In: American Journal of Archaeology. Band 17, 1913, S. 149–156. Sie wurden nicht nur im Theater, sondern auch auf der Straße und beim Symposion (griechisches Gelage) bzw. convivium (Rom) aufgeführt.Vgl. zu den definierenden Charakteristika u. a. Costas Panayotakis: Defining the Roman Mime. In: Decimus Laberius: The Fragments (= Cambridge Classical Texts and Commentaries). Herausgegeben mit Einleitung, englischer Übersetzung und Kommentar von Costas Panayotakis. Oxford 2010, ISBN 978-0-521-88523-2, S. 1–32, hier S. 1, 8 f.

Erhaltene antike Kommentare zum Mimos sind häufig von einer starken Ablehnung des Mimos als niederer Kunstform geprägt; in ihnen grenzte sich die antike Bildungselite von dem in den unteren Klassen besonders verbreiteten und von Sklaven oder Freigelassenen dargebotenen Mimos ab. Die antiken Schriftsteller bedenken den Mimos deshalb häufig mit negativen Adjektiven wie turpis (hässlich), vilis (böse) und levis (leicht). Diomedes etwa kritisierte den Mimus im 4. Jahrhundert n. Chr. als „die respektlose Imitation von jemandes Worten und Gesten oder die mit anzüglicher Ausgelassenheit vorgetragene Nachahmung schändlicher Taten und Reden.“mimus est sermonis cuis libet imitation et mortus sine reverentia, vel factorum et dictorum turpium cum lascivia imitatio. Diomedes, Ars Grammatica 3. Vgl. auch Mark Aurel 11,6,2; Evanthius, exc. de com. 4,1 (1. Hälfte 4. Jahrhundert); Isidor von Sevilla, Origines 18,49 (7. Jahrhundert). Zur Charakterisierung des Mimos in der römischen Elite Costas Panayotakis: Defining the Roman Mime. In: Decimus Laberius: The Fragments (= Cambridge Classical Texts and Commentaries). Herausgegeben mit Einleitung, englischer Übersetzung und Kommentar von Costas Panayotakis. Oxford 2010, ISBN 978-0-521-88523-2, S. 1–32, hier S. 7–12. Sie werden insgesamt häufig gemeinsam mit anderen Unterhaltern aus den Reihen des fahrenden Volks genannt, etwa Gauklern (thaumatopoioi bzw. praestigiatores), Tänzern und Akrobaten, und werden in Griechenland zu den gelotopoioi gerechnet (römische Entsprechung scurra), den „Lachenmachern“.

Standardthemen im Repertoire des Mimos waren nach den erhaltenen Zeugnissen etwa „Ehebruch […], Scheinhochzeiten, Gerichtsverhandlungen, Schiffbrüche, der geflüchtete Sklave, Anti-Luxus, Scheintode, gerissene Intrigen, Gift-Intrigen und Schicksalswenden“ sowie „Spott über mythologische Szenen, Satiren philosophischer Theorien und Schulen, literarische Parodien und Karikaturen öffentlicher Figuren und politischer Ereignisse“.„themes of adultery (perhaps the most popular stock theme of a mime-script), mock weddings, staged trials, staged shipwrecks, the fugitive slave, anti-luxury, false deaths, cunning schemes, poison-intrigues, and reversals of fortune. Moreover, ridicule of mythological scenes, satire of philosophical theories and schools, literary parody, and caricature of public figures and political events“. Costas Panayotakis: Defining the Roman Mime. In: Decimus Laberius: The Fragments (= Cambridge Classical Texts and Commentaries). Herausgegeben mit Einleitung, englischer Übersetzung und Kommentar von Costas Panayotakis. Oxford 2010, ISBN 978-0-521-88523-2, S. 1–32, hier S. 10 f. Auch für die römische Kaiserzeit und die Spätantike stellt Alexander Puk als Themen fest: „Ehebruch, romantische Verwicklungen, sexuelle Szenen, Mythosparodien oder zeitgenössische Satire, was in der Spätantike die Satire kirchlicher Angelegenheiten miteinschloss. Weibliche und männliche Schauspieler präsentierten dabei ohne Maske unter Einsatz von Musik, Tanz oder sogar Raufereien typische Rollencharaktere wie zum Beispiel Sklaven, Köche, Kuppler, laszive Frauen oder den kahlen Dummkopf (μῶρος/stupidus).“Alexander Puk: Das römische Spielewesen in der Spätantike. Walter de Gruyter, Berlin/München/Boston 2014, S. 292 f.

In der älteren Forschung wurde eine Unterscheidung zwischen dem „literarischen“ Mimos etwa Sophrons oder Herodas’ und dem „nicht-literarischen“ oder populären Mimos vorgenommen. Diese Unterscheidung gab es in der Antike jedoch nicht; sie spiegelt eher moderne Probleme rund um den Begriff „Literatur“ wieder, als dass sie zu einer Klärung beitragen würde.Maurizio Sonnino: Comedy outside the Canon: from Ritual Slapstick to Hellenistic Mime. In: Giulio Colesanti, Manuela Giordano (Hrsg.): Submerged Literature in Ancient Greek Culture: An Introduction. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014 (Digitalisat), S. 128–150, hier S. 145; Costas Panayotakis: Defining the Roman Mime. In: Decimus Laberius: The Fragments (= Cambridge Classical Texts and Commentaries). Herausgegeben mit Einleitung, englischer Übersetzung und Kommentar von Costas Panayotakis. Oxford 2010, ISBN 978-0-521-88523-2, S. 1–32, hier S. 3 f. Auch die Unterscheidung zur „literarischen“ KomödieVgl. etwa Ernst Wüsts Definition des Mimos: „er stellt das Leben des Alltags mit scharfem Realismus dar, nach Inhalt und Sprache nur dem Belustigungsbedürfnis des niederen Volkes dienend, also grundsätzlich unliterarisch, in improvisierten, nur das Charakteristische, nicht das Dramatische betonenden Soloszenen.“ ist nicht feststehend, denn es finden sich einige Hinweise darauf, dass Mimendichter Inhalte aus Komödien übernahmen,Aristokles bei Athenaios 14,621d; Inschrift der Terrakotta-Lampe der Mimologen. Vgl. Maurizio Sonnino: Comedy outside the Canon: from Ritual Slapstick to Hellenistic Mime. In: Giulio Colesanti, Manuela Giordano (Hrsg.): Submerged Literature in Ancient Greek Culture: An Introduction. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014 (Digitalisat), S. 128–150, hier S. 147 f. genauso wie sich in den Komödien typische Szenen finden, die auch im populären Mimos verbreitet waren und vielleicht daraus übernommen wurden. Maurizio Sonnino stellt deshalb eine „osmotische Beziehung“ fest zwischen dem weitgehend „verschütteten“ Mimos und derjenigen Literatur, die die verschiedenen Hürden der Kanonisierung genommen hat und deshalb überliefert ist – etwa der „klassischen“ griechischen Komödie.Maurizio Sonnino: Comedy outside the Canon: from Ritual Slapstick to Hellenistic Mime. In: Giulio Colesanti, Manuela Giordano (Hrsg.): Submerged Literature in Ancient Greek Culture: An Introduction. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014 (Digitalisat), S. 128–150, hier S. 148.

Entwicklung

Ungewisse Ursprünge

Die Ursprünge des Mimos sind dunkel und genauso umstritten wie die Ursprünge des griechischen Theaters und der griechischen Komödie, mit denen der Mimos eng zusammenhängt. Ein Teil der Forschung vermutet den Ursprung des Mimos wie der Komödie im Zusammenhang mit den Kulten der griechischen Religion, insbesondere dem Dionysoskult und dessen Phallophorie, aber auch Kulten der Demeter wie der Thesmophoria und der mit Demeter verbundenen Geschichte der Baubo.Maurizio Sonnino: Comedy outside the Canon: from Ritual Slapstick to Hellenistic Mime. In: Giulio Colesanti, Manuela Giordano (Hrsg.): Submerged Literature in Ancient Greek Culture: An Introduction. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2014, S. 128–150, hier S. 129–138. Aufgrund der spärlichen direkten Zeugnisse lehnen andere Forscher einen Zusammenhang mit dem griechischen Kult als nicht nachgewiesen ab.Etwa

miniatur|New Yorker Gänsevase. Eine lukanisch-rotfigurige Phlyakenvase des Dolon-Malers, 1. Viertel 4. Jahrhundert v. Chr. Die Phlyakenvasen stellen komische Theaterszenen dar – hier drei als nackt verkleidete Figuren und einen „Richter“, erkennbar sind auch Bühnenkonstruktion und Maske – und wurden zuweilen mit der Entwicklung des Mimos in Unteritalien in Zusammenhang gesetzt.