Die Leserin, auch Die Lesende, Die junge Leserin oder Junges Mädchen beim Lesen, im Original meist La Liseuse, seltener Jeune Fille lisant (Junges Mädchen liest), ist ein um das Jahr 1770 entstandenes Ölgemälde des französischen Rokoko-Malers Jean-Honoré Fragonard. Es gehört heute zur Sammlung der National Gallery of Art in Washington, D.C. (Inventarnummer 1961.16.1).

Beschreibung mini|links|Das Buch und die es haltende Hand im Detail mini|hochkant|Das Gemälde mit Rahmen Eine junge Frau sitzt nach links ausgerichtet auf einem nicht genauer zu benennenden Möbel, möglicherweise einer Bank. Mit dem Rücken lehnt sie gegen ein dickes rosafarbenes Kissen vor einer Wand. Den linken Arm hat sie locker über eine Holzstrebe gelegt, die wohl zu einem Geländer gehört. Den rechten Arm hat sie vor dem Oberkörper angewinkelt, in der Hand hält sie mit vier Fingern ein kleines Büchlein. Wie auch beim Trinken von Tee zu der Zeit üblich, ist der kleine Finger abgespreizt. Obwohl der Oberkörper in das Kissen gedrückt ist, vermittelt das Bild einen aufgerichteten Eindruck, was auch an der Massigkeit des fülligen Kissens liegt. Der Kopf ist etwas nach vorn gebeugt. Offenkundig ist das Mädchen in seine Lektüre vertieft. Das Haar ist zu einem lockeren Knoten zusammengefasst und mit einer lila Schleife gebändigt. Um den Hals trägt die Frau eine Halskrause aus weißem Stoff. Das stoffreiche Kleid ist safrangelb, die Ärmel enden in weißen Spitzenrüschen. Vor der Brust trägt sie eine massive bläulich-rötliche Schleife.

Die leuchtenden Farben der Kleidung in weiß und gelb, aber auch das Gesicht und die Schatten, die der Körper der jungen Frau auf dem Kissen wirft, deuten an, dass vor beziehungsweise über ihr eine helle Lichtquelle ist. Da das Bild eine genauere Lokalisierung nicht erlaubt, ist unklar, ob es sich um ein Fenster handelt, oder das Mädchen im Freien sitzt und direkt dem Sonnenschein ausgesetzt ist. Das Bild ist in Erdfarben gehalten, braun und gelb dominieren das Gemälde.

Das im Hochformat ausgeführte Ölbild ist auf Leinwand gemalt. Es hat eine Höhe von 81,1 cm und eine Breite von 64,8, mit Rahmen 104,9 × 89,5 bei 2,2 cm Rahmentiefe.

Hintergründe Das Gemälde ist weder signiert noch datiert, die Urheberschaft Fragonards ist jedoch unbestritten. Datiert wird das Bild uneinheitlich in einen Zeitraum zwischen 1769 und 1773. Das Bild gehört zu einer Reihe fast durchweg gleichformatiger und in etwa gleichzeitig entstandener Einzelporträts in Halbfigur, die als Phantasiefiguren (portraits de fantaisie) bezeichnet werden. Die Reihe beinhaltet einige von Fragonards bekanntesten und innovativsten Werken. Heute werden 14 bis 15 Werke in diese Gruppe gestellt, von denen sich acht im Louvre befinden. Die übrigen sind auf andere Museen in der Welt verteilt. Anders als bei den übrigen Bildern ist Die Leserin im Profil wiedergegeben. Zur Bilderserie zählen darüber hinaus unter anderem:

mini|hochkant|Röntgenbild des Gemäldes Anders als bei einigen anderen abgebildeten Personen auf Bildern der Serie ist die junge Frau, die Modell für dieses Bild saß, nicht bekannt. Somit ist das Bild nicht als Porträt anzusprechen. Eine Röntgenuntersuchung hat zudem ergeben, dass ursprünglich eine männliche Figur vorgesehen und auch schon in weiten Teilen ausgeführt war, deren Kopf zudem in Richtung Betrachter gedreht war. Das erklärt auch, warum das Mädchen einen vergleichsweise sehr kräftigen Bizeps hat. Während die Umwandlung des Geschlechts demnach weniger gut gelungen ist – die gesamte Bildreihe scheint eher aus schnell dahin geworfenen Bildern, als aus intensiv durchkomponierten und über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeführten Werken zu bestehen – ist es Fragonard hier besonders gut gelungen, die Damenmode der Zeit genau einzufangen. Die Darstellung dieser Alltagskleidung wie auch bei einer Freizeitverrichtung wie dem Lesen macht die Darstellung zu einem Genrebild. Teilweise wird auch die Meinung vertreten, dass es sich beim Bild um eine allegorische Darstellung des Lesens selbst handelt.

Die Darstellung lesender Menschen war in der französischen Kunst der Zeit nicht ungewöhnlich und wurde aus der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts entlehnt. Manchmal wurden Einzelpersonen, manchmal ganze Personengruppen gezeigt. Auch Frauen als Leserinnen waren alles andere als ungewöhnlich. Die Form der Darstellung konnte einen Unterschied für die Interpretation machen. So gibt es beispielsweise das Bildnis eines lesenden Mannes von Jean Siméon Chardin, der sich über ein dickes Buch beugt. Zeigt dieses Bild eine intensive Auseinandersetzung mit der schweren Lektüre, präsentiert Fragonard seine junge Frau beim Lesen leichter Lektüre, wohl einem der zu der Zeit beliebten und weit verbreiteten Romane. Einen genaueren Hinweis gibt es auf den Inhalt nicht, da der Maler die Schrift nur als Linien ausgeführt hat. Auch in der Folgezeit bleibt das Thema weiter sehr beliebt, insbesondere bei den Impressionisten, die vermeintlich banale Tätigkeiten erst zu einem eigenständigen Thema der Kunst gemacht haben. Vor allem Pierre-Auguste Renoir, nach ihm aber auch Henri Matisse, seines Zeichens bereits Vertreter der nachimpressionistischen Kunst, haben in ihren Bildern besonders häufig Frauen beim Lesen gezeigt. Fragonard selbst zeigt auch in anderen Bildern der Reihe der Phantasiefiguren Menschen beim Lesen und Schreiben, insbesondere weist Das Studium deutliche Parallelen auf. Während er bei seinen Gemälden eher Einzelfiguren beim Lesen zeigt, sind es in seinen Zeichnungen vor allem Frauen, die Gruppen von Zuhörenden vorlesen.

Nicht nur das Thema, auch die Malweise greift – ähnlich wie vor Fragonard auch beispielsweise schon Frans Hals – den Impressionisten voraus. Die lockere Pinselführung und die schnell hin geworfenen Striche sind ein Markenzeichen der Bilder Fragonards.

Provenienz, Ausstellungsgeschichte und Rezeption Die Bilder der Reihe Phantasiefiguren waren ursprünglich wahrscheinlich nicht für einen größeren Betrachterkreis gedacht und wurden eher für eine Gruppe von Eingeweihten geschaffen, die die Zusammenhänge hinter den Bildthemen verstehen konnten. Erstmals erwähnt wurde Die Leserin am 11. März 1776 im Rahmen eines anonymen Verkaufs und dort als Eigentum des Grafen du Barry ausgewiesen, wobei unklar ist, ob es sich dabei um Jean-Baptiste du Barry oder dessen Bruder Guillaume Dubarry handelte. Guillaumes Ehefrau Marie-Jeanne Bécu, comtesse du Barry, die Mätresse von Ludwig XV., war Fragonards bedeutendste Förderin. Somit ist der Besitz seiner Bilder in ihrer Familie nicht verwunderlich. Das Bild verblieb bei verschiedenen privaten Eigentümern. 1845 erwarb es Casimir Perrin, der Marquis de Cypierre, 1889 der Comte Pierre de Kergorlay, 1899 Ernest Cronier, 1910 Dr. Théodore Tuffier. Bis das Bild 1930 von Alfred W. Erickson erworben wurde, hatte es Paris abgesehen von gelegentlichen Leihen zu Ausstellungen nicht verlassen. Ericksons Ehefrau und Erbin Anna Edith McCann ließ das Bild 1961 in den Parke-Bernet Galleries in New York City versteigern, wo es von der Washingtoner National Gallery of Art durch finanzielle Unterstützung von Ailsa Mellon Bruce erworben wurde, der es bis heute gehört. mini|hochkant|Briefmarke des Staates Mahra aus dem Jahr 1967 Für fast 150 Jahre war das Bild einer größeren Öffentlichkeit weitestgehend entzogen. 1909 wurde es erstmals im Rahmen der Ausstellung Cent portraits de femme im Jeu de Paume in Paris präsentiert. Ein Jahr später war es in Berlin im Rahmen der Ausstellung von Werken Französischer Kunst des XVIII. Jahrhunderts der Königlichen Akademie der Künste zu sehen. Weitere Ausstellungen folgten unter anderem 1933 in London (Three French Reigns) sowie 1935 und 1951 in New York City (French Painting and Sculpture of the XVIII Century, Metropolitan Museum of Art und Wildenstein Jubilee Loan Exhibition). Seit das Gemälde von der National Gallery of Art erworben wurde, sind neben der Hängung im Museum Ausstellungsbeteiligungen – vor allem seit den 1980er Jahren – häufiger. So war das Bild unter anderem in Tokio (1980), San Diego (San Diego Museum of Art, 2002/2003) und Louisville (Speed Art Museum, 2018) zu sehen. 2003/2004 war es Teil der bedeutenden Ausstellung The Age of Watteau, Chardin, and Fragonard: Masterpieces of French Genre Painting, die nacheinander in der National Gallery of Canada in Ottawa, der National Gallery of Art in Washington, D.C. sowie dem Alten Museum Berlin zu sehen war. Für den deutschsprachigen Katalog der Ausstellung fungierte das Bild als Umschlagmotiv. 2007/2008 folgte mit Inspiring Impressionism: The Impressionists and the Art of the Past im High Museum of Art von Atlanta, dem Denver Art Museum sowie dem Seattle Art Museum eine weitere Präsentation in einer bedeutenden Ausstellung.

Heute gilt Die Leserin als eines der am meisten reproduzierten Gemälde mit einer besonders hohen Verbreitung als Zimmerdekoration. Der 1967 im Jemen aufgegangene ehemalige Staat Mahra veröffentlichte in seiner kurzen Postgeschichte im Jahr seiner Auflösung unter anderem eine Briefmarke, die Fragonards Lesende zeigt.

Literatur Jean-Pierre Cuzin: Fragonard. Leben und Werk • Œuvre-Katalog der Gemälde. Klinkhardt und Biermann, München 1988, ISBN 3-7814-0275-4, besonders S. 118 und 294. John Collins: 81. Jean-Honoré Fragonard (1732–1806): Junges Mädchen beim Lesen. In: Colin B. Bailey, Philip Conisbee, Thomas W. Gaethgens (Herausgeber): Meisterwerke der französischen Genremalerei im Zeitalter von Watteau, Chardin und Fragonard. DuMont/Staatliche Museen zu Berlin, Berlin und Köln 2004, ISBN 3-8321-7425-7, S. 306–307.

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Belege

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