mini|Sichtung zweier gewöhnlicher Schweinswale in der Ostsee im Koldingfjord bei Dänemark (2021) mini|Wal, 1545 gestrandet im Greifswalder Bodden (Fresko in der Marienkirche in Greifswald) mini|Skelett eines 1825 vor Rügen gestrandeten Finnwals im Meeresmuseum Stralsund (2025)
Wale in der Ostsee umfassen einerseits den heimischen Schweinswal und andererseits seltenere Nachweise von Großwalen, die aus der Nordsee in die Ostsee gelangen.
Einzig die Schweinswale sind in der Ostsee heimisch. In der zentralen Ostsee leben nur noch wenige hundert Exemplare, in der Beltregion einige Tausend. Die Zahl ist rückläufig.
Dagegen sind Arten wie Buckelwal, Finnwal, Weißwal, Narwal, Pottwal und Zwergwal seltene Irrgäste.Teilmann et al. (2017): Marine mammals in the Baltic Sea in relation to the Nord Stream 2 project. Aarhus University. Die Ostsee gilt aufgrund ihres geringen Salzgehalts, des begrenzten Nahrungsangebots, ihrer vergleichsweise geringen Tiefe und ihrer geographischen Lage nicht als natürlicher Lebensraum für Großwale. Dennoch werden dort seit Jahrhunderten immer wieder einzelne Individuen verschiedener Großwalarten nachgewiesen.
Ökologische Rahmenbedingungen Die Ostsee ist ein Brackwassermeer mit einem Salzgehalt von etwa 0,3 bis 1,8 Prozent und unterscheidet sich damit deutlich von den offenen Ozeanen, in dem der Salzgehalt mindestens doppelt so hoch ist. Der niedrige Salzgehalt belastet Haut und Stoffwechsel des Wals, was Entzündungen begünstigen kann. Die Verbindung zur Nordsee erfolgt über die vergleichsweise schmalen Übergänge von Kattegat und Skagerrak. Diese Faktoren begrenzen sowohl die Einwanderung mariner Arten als auch die Verfügbarkeit geeigneter Nahrung.
Das Nahrungsangebot besteht überwiegend aus kleineren Fischarten und Zooplankton. Große Krillvorkommen, die für viele Bartenwale zentral sind, fehlen weitgehend, Zahnwale können sich flexibler an das begrenzte Nahrungsangebot anpassen. Flache Bereiche und Sandbänke begünstigen Walstrandungen. Schlepp- und Stellnetze gefährden Wale. Zudem kann Unterwasserlärm durch Schifffahrt die Orientierung von Walen beeinträchtigen.
Ursachen für das Auftreten Das Auftreten von Walen in der Ostsee wird unterschiedlich interpretiert. Ein Teil der Forschung geht davon aus, dass es sich überwiegend um Fehlorientierungen einzelner Tiere handelt, die aus der Nordsee in die Ostsee gelangen. Walstrandungen könnten mit Sonnenstürmen zusammenhängen, die den inneren Magnetkompass der Wale stören. Unterwasserlärm von Schiffen kann die Orientierung der Tiere beeinträchtigen. Meeresbiologen vermuten auch einen Zusammenhang zwischen heftigen Winterstürmen und dem Auftreten von Delfinen.
Andere Ansätze betonen mögliche ökologische Veränderungen, etwa durch den Klimawandel oder veränderte Fischbestände, die einzelne Wale in das Gebiet führen könnten. Wiederholte Sichtungen einzelner Individuen deuten darauf hin, dass zumindest einige Tiere die Ostsee gezielt aufsuchen. Buckelwale folgen vermutlich Heringsschwärmen in die westliche Ostsee. Pottwale sind spezialisierte Tiefseejäger, die vor allem Kalmare jagen, sie können sich zeitweise aber auch von Schwarmfischen wie Sprotten oder Heringen ernähren. Zudem können Großwale wochenlang ohne Nahrung auskommen. 2014 befanden sich drei Buckelwale gleichzeitig in der Ostsee. Im März 2015 entdeckte man einen Buckelwal mit Kalb an der schwedischen Ostseeküste. Die beiden sollen nach Meinung von Walforschern in der Ostsee überwintert haben.
Sichtungen, Strandungen und Rückkehrversuche Bereits aus dem Mittelalter existieren Berichte über Wale in der Ostsee, meist im Zusammenhang mit Strandungen oder Fangversuchen. Zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert wurden unter anderem Pottwale dokumentiert; 1770 strandeten zwei Pottwale an der Ostküste von Jütland. Wissenschaftlich systematisch erfasst werden Walvorkommen vor allem seit dem 19. Jahrhundert. Gegenwärtig stammen Nachweise überwiegend aus Monitoringprogrammen, wissenschaftlichen Studien und Medienberichten. Besonders häufig werden Wale in der westlichen Ostsee sowie entlang der südlichen Küsten beobachtet.
Bei den in die Ostsee gelangenden Großwalen handelt es sich meist um einzelne Tiere, insbesondere Buckelwale aus dem Nordatlantik. Wiederholt wurden solche Tiere vor Rügen und in der westlichen Ostsee gesichtet. Beispiele sind ein Pottwal vor Bornholm im Jahr 2010, ein junger Buckelwal im Greifswalder Bodden 2016, zwei Buckelwale in der Flensburger Förde 2024 sowie ein vor Niendorf gestrandeter Buckelwal. Darüber hinaus wurden ein Finnwal bei Wismar sowie ein Weißwal bei Årøsund und Flensburg dokumentiert.
Die meisten dieser Tiere verlassen das Beobachtungsgebiet nach einiger Zeit wieder oder werden tot aufgefunden. In der Fachliteratur wird die Ostsee deshalb als ungeeigneter Lebensraum für Großwale beschrieben. Die Verbindung zwischen Ostsee und Nordsee erfolgt über die schmalen Meerengen von Öresund, Großer Belt und Kleiner Belt, die einen geographischen Flaschenhals bilden. Hinzu kommen akustische Besonderheiten des flachen Binnenmeeres sowie Belastungen durch Schiffsverkehr, die die Orientierung der Tiere beeinträchtigen können.
Als Ursache für Strandungen gelten neben Orientierungsproblemen häufig Fischernetze, insbesondere Stellnetze, die für Wale schwer wahrnehmbar sind. Einzelne Tiere konnten die Ostsee wieder verlassen. Bekannt wurden unter anderem die Buckelwale „Ossi“ (1978/79) und „Bucki“ (2008); „Ossi“ wurde später erneut in der Nordsee beobachtet. Darüber hinaus wurden in einzelnen Fällen wiederkehrende Wanderungen desselben Tieres über mehrere Jahre dokumentiert.
Behörden und Forschungseinrichtungen verfolgen in der Regel eine zurückhaltende Strategie, die auf Beobachtung und Gefahrenvermeidung abzielt. Geleitaktionen gelten aufgrund des hohen Stresses für die Tiere als umstritten und waren bislang bei Großwalen in der Ostsee nicht dauerhaft erfolgreich.
Buckelwale wurden zwischen 1578 und 2026 mindestens 16-mal in der Ostsee beobachtet oder gestrandet aufgefunden. Im März 1911 wurde in der Flensburger Förde ein Wal von Angehörigen der kaiserlichen Marine und Fischern mit einer Sprengladung getötet.
Wale in der Ostsee werden in der Forschung auch als Hinweis auf Veränderungen mariner Wanderbewegungen und Umweltbedingungen betrachtet.
Künstlerische Rezeption Schon in früheren Jahrhunderten fanden Wale an der Ostseeküste Eingang in die kulturelle und künstlerische Wahrnehmung. Das Auftreten von Walen wurde nicht nur als Naturereignis, sondern als symbolisch aufgeladenes Geschehen interpretiert, das je nach Kontext als Heils- oder Unheilszeichen galt. Diese Deutungen spiegeln sich insbesondere in kirchlichen Darstellungen wider, etwa in Wandmalereien und Ausstattungsstücken norddeutscher Kirchen, die auf konkrete Strandungsereignisse zurückgehen.
Bekannt ist der Wal von Greifswald, ein am 30. März 1545 im Greifswalder Bodden gestrandeter Schwertwal, der als Fresko in Lebensgröße in der Greifswalder Marienkirche abgebildet ist. Restauratoren entdeckten 2009 auch im Greifswalder Dom St. Nikolai Spuren einer über sieben Meter langen Wal-Darstellung. Nach historische Quellen erhielten alle drei Greifswalder Kirchen nach dem Fund des Schwertwals Wal-Darstellungen. Aufgrund ihrer großen symbolischen Bedeutung sind Walknochen laut Überlieferungen in Kirchen ausgestellt worden. Ein Finnwalskelett von 1825 im Meeresmuseum Stralsund dokumentiert eine Walstrandung im April 1825 westlich von Rügen. Es hängt im Chor der Katharinenhalle des dortigen ehemaligen Klosters.
Insgesamt zeigt sich, dass Wale in der Ostsee früh zu Projektionsflächen religiöser, kultureller und emotionaler Bedeutungen wurden und damit über ihre biologische Erscheinung hinaus eine anhaltende künstlerische Rezeption erfuhren.
Weblinks Stiftung Meeresschutz – Wale in der Ostsee
Einzelnachweise
Kategorie:Ostsee Kategorie:Wal als Thema