mini|Tok Kenali (ca. 1920) Muhammad Yusuf bin Ahmad, bekannt als Tok Kenali (geb. 1868 in Kenali bei Kota Bharu; gest. 19. November 1933), war der bedeutendste islamische Gelehrte in der Geschichte Kelantans. Er trug wesentlich dazu bei, dass die Region Anfang des 20. Jahrhunderts zum wichtigsten Zentrum islamischer Bildung auf der malaiischen Halbinsel aufstieg und Pattani in dieser Rolle ablöste. Tok Kenali hatte mehrere hundert Schüler, von denen viele auch aus Kambodscha und Vietnam kamen und nach der Rückkehr in ihre Heimat Religionsschulen gründeten. Damit trugen sie zum kulturellen Prozess der Jawisierung bei, der die malaiische Sprache und die Jawi-Schrift zu den Hauptmedien der religiösen Unterweisung und Gelehrsamkeit bei den dortigen cham- und khmer-sprachigen Muslimen machte.
Zwar hatte Tok Kenali verschiedene Gemeinsamkeiten mit den modernistischen Kaum Muda, so die ausgeprägte Wertschätzung der Druckkultur und des neuen Mediums der islamischen ZeitschriftenBruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 172. und das Engagement bei der Modernisierung der Lehrpläne und seine Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen, doch wird er aufgrund seiner Herkunft und seines Einsatzes für den Arabischunterricht in den Pondok-Schulen eher den islamischen Traditionalisten (kaum tua) zugeordnet.Ali: Islam and colonialism: Becoming modern in Indonesia and Malaya. 2016, S. 64f. Seine vermittelnde Haltung zwischen den beiden Richtungen zeigt sich darin, dass er zwar einen traditionellen Pondok gründete, gleichzeitig aber auch eine wichtige Rolle bei der Gründung der ersten modernen islamischen Schule in Kelantan spielte.
Tok Kenali hatte auch großen Einfluss auf die Politik in Kelantan. Seinen größten Einfluss erlangte er gegen Ende der Regierungszeit von Sultan Muhammad IV. (1900–1920) und zu Beginn der Regierungszeit von Sultan Ismail (1920–1944), der eine aktive Religionspolitik betrieb. Tok Kenali genoss bei beiden Herrschern hohes Ansehen und pflegte enge Beziehungen zu den Ministern, die die Staatsführung innehatten.Ali: “Transmission of Islamic Knowledge in Kelantan”. 2006, S. 47.
Leben Kindheit und Ausbildung in Kota Bharu Muhammad Yusof stammte aus einer sehr armen, aber religiösen Familie. Er wurde 1868 in Kenali, einem kleinen Dorf im Bezirk von Kubang Kerian etwa sieben Kilometer südlich von Kota Bharu, der Hauptstadt von Kelantan, geboren. Zu dieser Zeit stand Kelantan unter der Herrschaft von Siam.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 73. Den Ehrentitel „Tok“, mit dem in Kelantan ältere gebildete Männer bezeichnet werden, erhielt er erst später, wobei „Kenali“ sich auf seinen Geburtsort bezieht.Yacoob/Ahmad: “Tok Kenali (Muhammad Yusof)”. 2018, S. 264.
Muhammad Yusufs Vater Ahmad, ein verarmter Reisbauer, starb, als er erst fünf Jahre alt war. Daraufhin kam er in die Obhut seines Großvaters mütterlicherseits, Cik Salih, genannt Tok Leh, der ihm zunächst das Rezitieren des Korans und das Lesen und Schreiben der Jawi-Schrift beibrachte. Seine Stiefgroßmutter soll so großen Wert darauf gelegt haben, was ihr Enkelkind zu essen bekam, dass sie Tok Kenali nur zu Hause essen ließ, um sicherzustellen, dass er ausschließlich Halal-Speisen zu sich nahm. Tok Kenali zeigte schnell außergewöhnliche Begabung als Schüler und ging zunächst zum Studium nach Kota Bharu. Hier waren Haji Wan Muhammad Zayn, bekannt auch als Awang Atas Banggol, und ʿAbd as-Samad bin Muhammad Sālih (gest. 1891), besser bekannt als Tuan Tabal, seine Lehrer.Bruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 177.
Aufenthalt im Nahen Osten Von Kota Bharu aus begab sich Tok Kenali im Jahr 1886 nach Mekka. Finanziert wurde dies durch die Wohltätigkeit seiner Freunde und Kollegen in Kota Bharu und die bescheidenen Ersparnisse seiner Mutter.Bradley: The Social Dynamics of Islamic Revivalism in Southeast Asia. 2010, S. 425. In Mekka nahm ihn bald Ahmad al-Fatānī unter seine Fittiche und erkor ihn zu seinem Musterschüler.Bradley: The Social Dynamics of Islamic Revivalism in Southeast Asia. 2010, S. 426. Al-Fatānī übte einen großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung von Tok Kenali aus, da dieser 22 Jahre an seiner Seite verbrachte.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 74. Im Kreis von Ahmad al-Fatānī lernte Tok Kenali auch Nik Mahmud bin Nik Ismail (1880–1964) kennen, der später für mehrere Jahrzehnte (1915 bis 1945) als Premierminister von Kelantan fungierte. Neben Ahmad al-Fatānī gehörte auch Ahmad Chatīb von den Minangkabau zu Tok Kenalis Lehrern. Nach Abschluss seiner Ausbildung unterrichtete Tok Kenali fünf Jahre an der al-Harām-Moschee.
Im Jahr 1903 besuchte Ahmad al-Fatānī Ägypten und nahm Tok Kenali und Nik Mahmud bin Ismail mit.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 75. Hier kam Tok Kenali mit modernistischen islamischen Ideen in Berührung.Ali: Islam and colonialism: Becoming modern in Indonesia and Malaya. 2016, S. 64. Ob es allerdings in Ägypten wirklich zu einem Treffen zwischen Tok Kenali und Muhammad ʿAbduh kam, wie manchmal behauptet wird, ist nicht gesichert.
Rückkehr nach Kelantan und Wirken als Lehrer Nach dem Tod ihres Lehrers Ahmad al-Fatānī im Jahre 1908 kehrten Tok Kenali und sein bester Freund Nik Mahmud bin Ismail nach Kelantan zurück, der eine mit dem Ziel, die Muslime seiner Heimat durch das Bildungssystem zu reformieren, während der andere bestrebt war, die Gesellschaft mit politischen Mitteln zu verändern.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 75–76. Es war dies die Zeit, als die britische und die siamesische Regierung über den Übergang des Staates von der siamesischen zur britischen Oberherrschaft verhandelten.Ali: Islam and colonialism: Becoming modern in Indonesia and Malaya. 2016, S. 65. Im Gegensatz zu anderen malaiischen Studenten, die mit ganzen Stapeln von Büchern in ihre Heimat zurückkehrten, soll Tok Kenali nur zwei Bücher mitgebracht haben – das eine war der Kommentar von Abū l-Hasan al-Aschmūnī (gest. 1522) zur Alfīya von Ibn Mālik, das andere die klassische arabische Grammatik Muġnī al-labīb ʿan kutub al-aʿārīb von ʿAbdallāh ibn Yūsuf Ibn Hischām (gest. 1360).Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 76.
Nach seiner Rückkehr begann Tok Kenali, zunächst in seinem Haus in Kampung Paya zu unterrichten. Zwei Jahre später richtete er in diesem Dorf eine Schule ein, die unter dem Namen Pondok Tok Kenali bekannt wurde. Sie befand sich auf dem heutigen Gelände des USM Hospitals in Kubang Kerian.Abdullah al-Qari: Tuk Kenali, Penggerak Ummah. Dewan Bahasa dan Pustaka, Kuala Lumpur 2009. 1915 überredete ihn sein Freund Nik Mahmud, der Ministerpräsident von Kelantan geworden war, an der Muhammadi-Moschee in Kota Bharu zu unterrichten, die sich zum Zentrum für höhere Bildung in der Region entwickelte. Dort unterrichtete Tok Kenali vier Jahre lang und kehrte dann nach Kenali zurück, um dort eine größere Schule zu errichten. 1917 eröffnete er einen neuen Pondok in dem Gebiet, das heute als Pondok Tok Kenali bekannt ist, an der Jalan Tok Kenali. Dort unterrichtete er bis zu seinem Tod im Jahre 1933.
Während die in einer traditionellen Madrasa übliche Lehrmethode darin bestand, dass sich die Schüler zu Füßen der Gelehrten versammelten und deren Erklärungen zum Lehrbuchinhalt lauschten, reformierte Tok Kenali die Unterrichtsmethode, indem er Tafel und Kreide benutzte, um den Schülern den Unterrichtsstoff besser zu vermitteln.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 84. Während seiner Tätigkeit als Lehrer erstellte er mehrere abgestufte Lehrbücher zur arabischen Sprache und zum religiösen Wissen.Salleh: “To' Kenali: His Life and Influence”. 1974, S. 92.
Aufbau des islamischen Bildungssystems in Kelantan Durch Vermittlung von Nik Mahmud wurde Tok Kenali zu einem inoffiziellen Berater der Staatsregierung. In dieser Funktion schlug er 1915 zusammen mit Nik Mahmud und einem weiteren bekannten Gelehrten aus Kelantan, Haji Mohamad Said, dem Sultan die Gründung eines Rates für Islamische Religion vor.Yacoob/Ahmad: “Tok Kenali (Muhammad Yusof)”. 2018, S. 264–265. Mit der Einrichtung des Majlis Ugama Islam dan Adat Istiadat Melayu Kelantan („Kelantan-Rat für islamische Religion und malaiische Bräuche“), der ersten zentralisierten Einrichtung zur Verwaltung des Islams in einem malaiischen Staat,Bruckmayr: Cambodia's Muslims and the Malay world: Malay language, Jawi script, and Islamic factionalism from the 19th century to the present. 2019, S. 173. setzte der Sultan diesen Vorschlag im Dezember 1915 um.Yacoob/Ahmad: “Tok Kenali (Muhammad Yusof)”. 2018, S. 265. Tok Kenali selbst wurde vom Sultan zu einem Mitglied des Rats ernannt. Die weiteren Mitglieder waren drei islamische Gelehrte, zwei Imame der Muhammadi-Moschee, die von den Lehren Tok Kenalis beeinflusst waren, fünf Beamte, der jüngere Bruder des Sultans und zwei Mitglieder von Elitefamilien. Tok Kenali führte nach dem Vorbild Walter Armstrong Grahams, des britischen Residenten in Kelantan, bürokratische Reformen in der Verwaltung des Rates durch.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 82.
1917 wurde Tok Kenali außerdem zum Direktor des Majlis für islamische Bildung ernannt. Dies gab ihm die Möglichkeit, ʿAbduhs Ideen zur Bildung umzusetzen.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 88. So war er maßgeblich an der Gründung der ersten modernen islamischen Schule Kelantans beteiligt, der Madrasah al-Muhammadiyah, die, ähnlich wie die von der Muhammadiyah in Java vertretenen Schulen, ein modernes Unterrichts- und Prüfungssystem einführte und religiöse und weltliche Fächer miteinander verband. Nach der Gründung dieser Schule förderte und unterstützte Tok Kenali die Gründung der malaiischen Schule Kubang Kerian im Jahr 1920 und der malaiischen Schule Mentuan im Jahr 1930.
Das islamische Bildungswesen im gesamten Bundesstaat wurde vereinheitlicht, in der Weise, dass nach Klassen gestaffelte Lehrbücher erstellt wurden, anhand derer die Schüler ein detailliertes Verständnis für die Anforderungen und Pflichten eines rechtschaffenen Muslims entwickeln sollten.Bradley: The Social Dynamics of Islamic Revivalism in Southeast Asia. 2010, S. 23. Tok Kenali führte auch ein Prüfungssystem ein, bei dem die Schüler nach bestandener Prüfung ein Zertifikat erhielten.Wan Yusoff: “Tok Kenali (Muhammad Yusof bin Ahmad): Modernisation of the Pondok”. 2010, S. 83. Unter seiner Leitung wurde auch das Pondok-System reformiert und ein formalisierter Lehrplan eingeführt. Sein eigener Pondok wurde zur staatlichen Fakultät für Koranwissenschaft, Sprachwissenschaft und arabische Literatur erhoben. Ein weiterer Pondok in Bunut Payung, der von Tok Kenalis Schüler Haji Abdullah Tahir eröffnet worden war, wurde zur Fiqh-Fakultät des Staates, während ein dritter in Kampung Sireh zur Hadith-Fakultät erhoben wurde.
Als Chefredakteur der Zeitschrift Pengasuh