mini|Johann von Mikulicz (1880) mini|Mikulicz-Schüler Johann Anton Freiherr von Mikulicz-Radecki, auch Johannes von Mikulicz-Radecki bzw. Jan Mikulicz-Radecki (* 16. Mai 1850 in Czernowitz; † 14. Juni 1905 in Breslau) war ein deutsch-österreichischerK. Kausch: Richtigstellung.Michael Sachs: Johann von Mikulicz-Radecki (1850–1905) und seine Bedeutung für die Entwicklung der modernen Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 85–146, hier: S. 119 f. (Das Elternhaus) und 126 f. (Der Streit um seine Nationalität). Chirurg und Geheimrat in Preußen. Auf vielen heute eigenständigen Gebieten der Chirurgie leistete er Pionierarbeit.

Wie viele andere Bewohner der Bukowina ein „Buchenland-Europäer“,Hans Preilitsch: Johannes von Mikulicz – Bahnbrecher der modernen Chirurgie. Raimund Kaindl-Bund 3 (1952), S. 8–14 beherrschte er fünf Sprachen. Seine Publikationen schrieb er später nicht nur in Deutsch, sondern auch in Polnisch, Russisch und Englisch. Seine Muttersprache war, wie seinerzeit in Czernowitz üblich, deutsch.Werner E. Gerabek und Gundolf Keil: Mikulicz in Krakau (Vortrag, gehalten von Gundolf Keil am 12. Oktober 1989 in Rothenburg ob der Tauber). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 8, 1990, S. 295–306; hier: S. 299

Familie Johann von Mikulicz’ Vater Andreas Mikulicz-Radecki (1804–1881) hatte es im Kaisertum Österreich vom Forstsubstituten durch Selbststudium zum Forstbeamten in Lemberg und später zum Cameralbaumeister gebracht. In der Bukowina baute er das Rathaus und gestaltete den Ringplatz und den Volksgarten in Czernowitz.Ostdeutsche Biographie. Er war Sekretär der Handelskammer. Seine Mutter Emilie, geborene von Damnitz (1813–1867), war Tochter eines früheren preußischen Offiziers (siehe Damnica) und Andreas’ zweite Frau. Ihr Großvater war mit anderen deutschen Kolonisten von der Habsburgermonarchie in die Bukowina geholt worden, als sie im Frieden von Küçük Kaynarca vom Osmanischen Reich an Österreich abgetreten werden musste. Der väterliche Großvater Franciskus Mikulicz-Radecki (1774–1816) war ein Provinzbeamter aus verarmtem litauisch-polnischem Adel; 1804 heiratete er Josepha Edle von Just aus deutschem Adel.T. Zajaczkowski, A. M. Zamann (2008, 2010) Johanns Bruder Valerian von Mikulicz, noch Oberst in der k. k. Armee, beantragte 1897 die Wiedererlangung des Adelstitels. Franz Joseph I. bestätigte den „Herkunftsnachweis der Familie Radecki“ in polnischer, deutscher und russischer Sprache. Kaiser Wilhelm II. nahm den „ordentlichen Professor und Geheimen Medizinal-Rath aus altpolnischem Adel“ am 12. Juni 1899 als Johann von Mikulicz-Radecki in den preußischen Adelsstand auf.A. Freiherr von Houwald: Brandenburg-Preußische Standeserhebungen und Gnadenakte für die Zeit 1873-1918. C. A. Starke, Görlitz 1939, S. 111.W. Kozuschek (2003)

Der siebensprachige Vater hielt auf Toleranz, Schulbildung und Musik. In der Familie wurde Deutsch, mit Verwandten und Freunden auch Ukrainisch, Rumänisch oder Polnisch gesprochen. Johann von Mikulicz sprach Ukrainisch, Jiddisch und Rumänisch. Die polnische Sprache erlernte er erst in Wien vor seiner Berufung nach Krakau.

Leben Johann besuchte die Grundschule in Czernowitz. Musikalisch begabt, verbrachte er drei Jahre an der Pianistenvorschule und am Musikinstitut von Josef Proksch in Prag. Wie sein Bruder Valerian von Mikulicz besuchte er das k.k. I. Staatsgymnasium Czernowitz (1862), das Wiener Theresianum (1863) und das Benediktiner-Gymnasium in Klagenfurt (1864). Dort brachte er sich das Orgelspiel bei. In seiner Freizeit als Kirchenorganist gab er Nachhilfeunterricht. Nach kurzem Besuch des k.k. I. Obergymnasiums in Hermannstadt kehrte er nach Czernowitz zurück, wo er im Alter von 19 Jahren die Matura mit Auszeichnung erwarb.

Studium Zunächst wollte Mikulicz Musiker werden. Nachdem seine Mutter 1867 gestorben war, kam er zu seinem Onkel Lukas Mikulicz, der das Hebammen-Lehr-Institut in Hermannstadt leitete. Unter dessen Einfluss entschied sich Johann für das Studium der Medizin. Obwohl sein Vater ein Orientalistik- oder Jurastudium in Hinblick auf eine Diplomatenlaufbahn wünschte, immatrikulierte er sich 1869 an der Universität Wien als Medizinstudent. Sein Vater stellte daraufhin den Unterhalt ein. Johann finanzierte sein Studium mit Klavier- und Deutschunterricht.Michael Sachs: Johann von Mikulicz-Radecki (1850–1905) und seine Bedeutung für die Entwicklung der modernen Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 85–146. Nach zwei Semestern wurde ihm das Freiherr v. Silbersteinsche Stipendium zugesprochen. Die 700 Gulden pro Jahr entlasteten ihn vom Unterrichten, so dass er Klavier üben und Kurse am Wiener Konservatorium belegen konnte.Henriette Mikulicz-Radecki (K. Kausch, E.Turczynski, 1988)Julius Neugebauer (1965) Ein Gulden entspräche heute etwa 8 €.

Zu seinen medizinischen Lehrern zählten Josef Hyrtl, Carl Rokitansky, Joseph Skoda und Ferdinand von Hebra. Im März 1875 bestand er das Staatsexamen und das Rigorosum zum Medicinae universae doctor. Im selben Jahr verlobte er sich mit der Wiener SchauspielerinFerdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 88. Henriette Pacher (1853–1937), die in den nächsten sieben Jahren seine Sekretärin wurde und alle Publikationen lektorierte.

Schüler und Freund Billroths Der Jurist Leopold von Neumann empfahl ihn nachdrücklich dem Wiener Chirurgen Theodor Billroth. Bekannt für seine hohen Ansprüche an seine Mitarbeiter und im Zenit seines Ansehens, nahm er Mikulicz 1875 als Volontärassistenten in seine Chirurgische Klinik auf. Aus Billroths Skepsis wurde Respekt und schließlich Freundschaft. In seinem Haus spielten sie oft im Klavierduo. Dort gewann Mikulicz auch die Wertschätzung von Johannes Brahms, mit dem er die vierhändigen Walzer op. 39 zur Erstaufführung brachte.

Nach dreieinhalb Jahren wurde Mikulicz Assistenzarzt. Billroth wünschte ihm schon 1877 die erste Chirurgieprofessur in Czernowitz, das 1875 Universitätsstadt geworden war. Da sie keine medizinische Hochschule erhielt, schickte Billroth seinen Hoffnungsträger auf eine fünfmonatige Studienreise nach Deutschland, Frankreich und England. Im Mittelpunkt stand die Antisepsis. Aus der Berufung an die Universität Lemberg wurde nichts. Seit 1878 Oberarzt, besuchte Mikulicz 1879 Richard von Volkmann in Halle, Bernhard von Langenbeck an der Charité, Friedrich von Esmarch in Kiel, Johann Nepomuk von Nußbaum in München, August Socin in Basel, Jules Péan in Paris und schließlich Joseph Lister in London. Das ihm von Billroth in der ersten Zeit zugeworfene, 1870 von Ferdinand von Hebra beschriebenePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 44. Rhinosklerom wurde nach Mikulicz benannt. Nach seinen Beobachtungen bei Lister stellte er sich schon 1878 gegen Karbolspray in der Desinfektion und Wundbehandlung. 1881 empfahl er stattdessen Jodoform, das vor ihm schon Albert von Mosetig-Moorhof in der Kriegschirurgie eingesetzt hatte. In den letzten Jahren bei Billroth veröffentlichte er 16 wichtige Arbeiten zur Wundbehandlung, Abdominaldrainage und Endoskopie von Ösophagus und Magen.

Orthopädie und Endoskopie Mit Untersuchungen zum Genu varum und Genu valgum an Hunderten von Leichenbeinen habilitierte er sich 1880 für das Fach Chirurgie. Die virtuelle Tragachse des Beines (Hüftgelenk – Sprunggelenk) ist noch heute als Mikulicz-Linie bekannt. Die osteoplastische Resektion des Fußes ist nach ihm und Wladimirow benannt.Georg Fischer (Langenbecks Archiv) William Macewen und Anton von Eiselsberg erkannten ihn als Pionier der modernen Orthopädie.

Im DezemberFerdinand Sauerbruch: Das war mein Leben. Kindler & Schiermeyer, Bad Wörishofen 1951; Lizenzausgabe für Bertelsmann Lesering, Gütersloh 1956, S. 89–91. 1880 heiratete Mikulicz seine langjährige Verlobte Henriette Maria Franziska Pacher (1853–1937). Nach den in Österreich-Ungarn geltenden Regeln für Operationszöglinge musste er deshalb aus der Universitätsklinik ausscheiden. Billroth erwirkte zwar beim zuständigen Ministerium eine einjährige Verlängerung, aber die Hochschullaufbahn in Österreich war verbaut.W. Kausch (1907) In einer Wiener Poliklinik mit besserem Einkommen angestellt, vermisste er die klinische und wissenschaftliche Arbeit. So wandte er sich dem ambulant zugänglichen Gastrointestinaltrakt zu. Den Bauchraum konnte man damals nur palpatorisch, auskultatorisch oder durch eine probatorische Laparotomie untersuchen – bei Tumoren meistens zu spät. Eine erstmals von Mikulicz 1880 durchgeführte Vernähung eines durchgebrochenen Magengeschwürs endete mit dem Tod des Patienten.Franz X. Sailer: Magen. In: Chirurgie historisch gesehen: Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Hrsg. von Franz X. Sailer und Friedrich W. Gierhake, Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 43–71, hier: S. 56. Schwertschlucker brachten Mikulicz 1881 auf den Gedanken, die Speiseröhre mit einem geraden Rohr zu untersuchen. Mit dem Wiener Instrumentenmacher Josef Leiter gelang es ihm, auch ein unten abgewinkeltes Gastroskop mit Beleuchtung und Spülung zu verwenden und damit erstmals erfolgreichGünther Seydl: Mikulicz und die Gastroskopie (Referat gehalten am 5. Symposium der Internationalen Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft für Endoskopie: 150. Geburtstag Johann von Mikulicz-Radecki, 21.–22. Jänner 2000, Wien). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 521–523. Gastroskopien bei Patienten durchzuführen.

Krakau (1882–1887) Im galizischen Krakau lebte Mikulicz’ Schwester Emilia Zborowska, die ihn im Studium finanziell unterstützt hatte. An der Jagiellonen-Universität war der chirurgische Lehrstuhl durch den Tod von Anton Bryk vakant. Gegen den Widerstand der Fakultät setzten Billroth und Alfred Józef Potocki, der kaiserliche Statthalter in Galizien, Mikulicz beim Kultusministerium in Wien als Bryks Nachfolger durch. Die Fakultät zweifelte an seinem polnischen Sprachvermögen und seiner Nationalität.Werner E. Gerabek und Gundolf Keil: Mikulicz in Krakau (Vortrag, gehalten von Gundolf Keil am 12. Oktober 1989 in Rothenburg ob der Tauber). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 8, 1990, S. 295–306; hier: S. 297–299 Dem trat Mikulicz 1882 in der Antrittsvorlesung entgegen. Auf die Frage nach seiner Nationalität antwortete er gern: Ich bin Chirurg.Zitiert nach: Wojciech A. Kustzrycki: Bericht über das deutsch-polnische Symposium in Breslau (Wrocław): „100-jähriges Jubiläum der Thoraxchirurgie“ 4.–6. November 2004. Deutsche Gesellschaft für Chirurgie – Mitteilungen 2/2005: S. 154–158 (PDF) Zwar hatte ihm Wien deutsche Vorlesungen in den beiden ersten Jahren erlaubt; aber bereits nach einem Jahr konnte er sie auf polnisch halten.

Die kleine chirurgische Klinik in der Kopernikus-Straße hatte fünf Stationen mit jeweils sechzehn Betten. Mikulicz sammelte Spenden, sorgte mit Hilary Schramm für die hinlängliche Erneuerung der Stationen und des Operationssaales und erhöhte die Kollegenzahl auf drei Assistenten und vier unbezahlte Eleven. In Krakau vollzog sich der historische Wechsel von Antisepsis zu Asepsis. Bei dem bald hervorragenden Ruf der Klinik schickte auch das k.u.k. Kriegsministerium Ärzte zur Fortbildung nach Krakau.