mini|Die „Goldenen Zwanziger“: Tanztee mit Jazzband, Berliner Hotel Esplanade 1926 mini|hochkant|„Das Parfüm dieses Winters – Vogue“;Plakatkunst von Jupp Wiertz für den Kosmetikhersteller F. Wolff & Sohn, 1926/27

Der Ausdruck Goldene Zwanziger bzw. Goldene Zwanziger Jahre bezeichnet auf Deutschland bezogen etwa den Zeitabschnitt zwischen 1924 und 1929, eine Phase relativer politischer und wirtschaftlicher Stabilisierung der Weimarer Republik und eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die „Goldenen Zwanziger“ endeten, als die Weltwirtschaftskrise auch Deutschland in Mitleidenschaft zog.

Auch in anderen Sprachen gibt es Begriffe für diese Zeit, z. B. (englisch), (italienisch), (etwa: verrückte Jahre; französisch).

Von einer nur relativen Stabilisierung der Weimarer Republik in den Goldenen Zwanzigern ist zu sprechen, weil sie weder politisch noch wirtschaftlich auf einem stabilen Fundament beruhten. Die fortlaufenden Reparationszahlungen an die Gläubigermächte konnten aus der eigenen Wirtschaftsleistung nicht aufgebracht werden und bedurften ebenso der Devisenbeschaffung durch Auslandskredite wie der Umgang mit dem Ungleichgewicht im Außenhandel. Die folglich nicht nur für den wirtschaftlichem Aufschwung dienenden Kredite mit meist kurzer Laufzeit mussten also zunehmend auch für Zins- und Tilgungszahlungen an Gläubiger im Ausland verwendet werden. Als diese Geldmittel abgezogen wurden, kam es im Juli 1931 schließlich zur Deutschen Bankenkrise und in der Folge zu rasch steigenden Arbeitslosenzahlen sowie zur Aushöhlung des Kulturbetriebs im Zeichen eines erstarkenden Rechtsautoritarismus und Nationalsozialismus.

Politische Rahmenbedingungen Turbulente erste Republikjahre mini|Bettelnder Kriegsinvalide in Berlin, 1923 Die Frühphase der Weimarer Republik nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ging mit gravierenden politischen und sozialen Problemen einher, darunter die Lasten des Versailler Vertrags wie Reparationen und Gebietsverluste, aber auch Hunger, Arbeitslosigkeit und starke gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht nur verkrüppelter Heimkehrer aus dem Feld. Die schwierigen Startbedingungen und eine geringe Neigung zur Kompromissbildung unter den Parteien der jungen Weimarer Demokratie führten zu häufigen Regierungswechseln; Attentate auf führende Politiker wie Matthias Erzberger und Walther Rathenau, hervorgerufen durch Dolchstoßlegende und Hasspredigten, vergifteten das politische Klima. Putschversuche wie der Kapp-Putsch 1920 und der Hitler-Ludendorff-Putsch sowie Niederschlagungen von Massenstreiks (1920: Ruhraufstand im, 1921: Märzkämpfe in Mitteldeutschland) bedrohten das demokratische System und sorgten für Verbitterung. Die seit 1914 zunehmende Inflation kulminierte 1923 in einer Hyperinflation, mit der alle Ersparnisse wertlos wurden.

Goldene Zwanziger Jahre mini|Erstausgabestelle von Rentenmarknoten in der Oberwallstraße in Berlin am 15. November 1923 Mit der Einführung der Rentenmark konnte die Inflation gestoppt werden, auch weil mit dem Dawes-Plan die Zahlungsverpflichtungen Deutschlands neu geregelt wurden. So erholte sich die deutschen Wirtschaft nach dem Chaosjahr 1923 relativ schnell, auch weil die deutschen Industrieanlagen während des Weltkriegs nicht zerstört worden waren – anders etwa als die französischen oder belgischen –, sondern durch die anhaltenden Rüstungsaufträge seinerzeit sogar noch erweitert und teils modernisiert worden waren. Wegen der sehr hohen Zinssätze für Kapitalgeber, welche die von der unter Aufsicht der Westmächte stehenden Reichsbank festgelegte, wurde Deutschland in der Folge zum bevorzugten Platz insbesondere für amerikanische Anleger, deren Zinserträge hier oft doppelt so hoch ausfielen wie in den USA.Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München 2014, S. 223. Dies ermöglichte eine Phase wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung und politischer Beruhigung. Einer durchgreifenden Erhöhung der Wirtschaftsleistung standen aber auch in den mittleren Jahren der Weimarer Republik der zu hohe Außenkreditanteil, eine zu geringe Investitionsquote, die anhaltende Belastung durch die Reparationsfrage, die mit Schwankungen bleibende hohe Arbeitslosigkeit und die Dauerkrise der Landwirtschaft.Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München 2014, S. 229.

mini|hochkant|Die Frankfurter Küche (1926–30) als Designleistung im Rahmen des Projekts Neues Frankfurt Größter Ausgabenposten in den Staatshaushalten der Weimarer Goldenen Zwanziger waren die Sozialleistungen, die sich aus der erstmals verfassungsrechtlich verankerten Sozialpolitik ergaben. Zu den diesbezüglich vereinbarten Grundpfeilern gehörten anerkannte Gewerkschaften, Betriebsräte und Tarifverträge sowie die Kriegsopferversorgung, wenn auch auf bescheidenem Niveau. Das aus dem Kaiserreich übernommene Sozialversicherungssystem wurde hinsichtlich der Anzahl der Versicherten und der Leistungen ausgedehnt und um eine Arbeitslosenversicherung erweitert. Vor allem im Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und im Wohnungsbau zeigte sich die öffentliche Wohlfahrtspolitik. Von den mehr als zwei Millionen in den Weimarer Jahren errichteten Wohnungsneubauten wurden mehr als 80 Prozent mit staatlichen Hilfen gebaut, die Wohnqualität verbessert, die Mieten stabilisiert, teils sogar gesenkt. In der Summe verzehnfachten sich die Ausgaben für die soziale Sicherung gegenüber der Vorkriegszeit.Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München 2014, S. 231 f.

Mit der Währungsstabilisierung, der Neuregelung der Reparationszahlungen im Dawes-Plan und dem Ende der Ruhrbesetzung ging eine Phase auch der außenpolitischen Konsolidierung der Weimarer Republik einher. Zu einer deutlichen Minderung der Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich führten die Verträge von Locarno 1925; auch der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund 1926 stabilisierte die Republik außenpolitisch.

Entwicklungsabbruch Beendet wurden die „Goldenen Zwanziger“ von der Weltwirtschaftskrise 1929, ausgehend vom Börsenkrach am Schwarzen Donnerstag der Wallstreet in New York. Die daraus resultierenden sozialen Spannungen und parteipolitischen Verhärtungen bewirkten im Zuge zunehmender Massenarbeitslosigkeit und Verarmung eine Überlastung des Weimarer demokratischen Systems. Die fortschreitende gesellschaftliche Spaltung und politische Radikalisierung begünstigten den Aufstieg der Nationalsozialisten.

Gesellschaft und Kultur Aspekte der Frauenemanzipation

Die bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aktive Frauenbewegung gelangte in den Weimarer Jahren durch eine zunehmende Berufstätigkeit von Frauen und ein sich wandelndes Frauenbild auf ein neues Niveau. Die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland im Jahr 1919 führte zu einer Teilhabe der Frauen am politischen Geschehen.

Der bereits während des Weltkriegs gestiegene Frauenanteil an den Erwerbstätigen nahm besonders bei serieller Produktion und Fließbandarbeit weiter zu, sodass ungefähr jede dritte Frau nun arbeiten ging, zunehmend auch im Dienstleistungssektor. Der Verdienst betrug etwa die Hälfte dessen, was die in gleicher Position beschäftigten Männer bekamen. Nach der Heirat gaben Frauen die Erwerbstätigkeit weiterhin üblicherweise auf. Unter den Arbeiterinnen waren nur 20 Prozent verheiratet. Für den neuen, modernen Typ der Frau standen die weiblichen Angestellten – Verkäuferinnen, Bürogehilfinnen, Stenotypistinnen – in knielang herunterfallenden Kleidern mit Bubikopf-Frisur sportlich aufgemacht.Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München 2014, S. 236 f.

Die über die aufkommenden Illustrierten und Zeitungsmagazine vermittelten Frauenbilder, wie die neue Frau und der Flapper, zeigten junge Frauen in veränderten Rollen und eröffneten ihnen neue Perspektiven. Das offenere gesellschaftliche Klima erreichte auch die Rechtsprechung: 1926 wurde der § 218 StGB geändert: Die Haftstrafen bei Schwangerschaftsabbruch wurden verkürzt, statt Zuchthaus drohte nun Gefängnis.

Mode Neue erfundene Stoffe (z. B. synthetische Fasern) ließen Seidenstrümpfe geschmeidig und weicher werden. Die Friseure hatten sonntags offen. Die Männer trugen Knickerbocker und Schiebermützen. Ähnlich elegant waren die so genannten Topfhüte der Frauen.

mini|hochkant|Joan Crawford im typischen Flapper-Look Für die Damen kam es bei den Accessoires nicht auf den Wert, sondern auf die schockierende Wirkung an. Deshalb war die „endlose“ Zigarettenspitze sehr beliebt. Sie gab den Damen einen leicht mondänen Anstrich. Zur Aufmachung für den Abend gehörten auch Perlenketten, Boas, Stirnbänder und Handtaschen. Der Bubikopf löste gegen hartnäckigen Widerstand der Elterngeneration die Schnecken mit Haarnadeln ab.

Während man die Männer 1919 noch im Gehrock mit Zylinder sah, war die Herrenmode in den 1920ern klassisch, dunkel und korrekt. Zu Beginn des Jahrhunderts war die Form des Sakkos recht breit (mit gepolsterten Schultern). Die Brust war verstärkt, um der männlichen Silhouette einen muskulöseren Eindruck zu verleihen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde diese Jackenform leger, leicht tailliert und weniger gepolstert. Der Tagesanzug geht auf den Namen des deutschen Reichskanzlers Gustav Stresemann zurück und wird heute noch zu Festlichkeiten getragen. Die Frisuren der Herren waren streng nach hinten gekämmt, häufig mit Seitenscheitel. Die Schuhe wurden leicht und ließen die Stiefel des Weltkrieges hinter sich. Auch der Stil dieses in einer Fachzeitschrift für chauffeur-lose Selbstfahrer (Herrenfahrer) 1924 erschienenen Herrenmodeartikels atmet den Aufbruch der Goldenen Zwanziger:

Tanz

Nachdem zum Jahresende 1918 das weltkriegsbedingte Tanzverbot in Deutschland aufgehoben worden war, wurde das Tanzvergnügen gesucht, auch um dem tristen Alltag zu entgehen. Das Berliner Tageblatt schrieb Anfang 1919 treffend: „Wie ein Rudel hungriger Wölfe stürzt sich das Volk auf die lang entbehrte Lust. Noch nie ist so viel, so rasend getanzt worden.“https://www.zeitklicks.de/weimarer-republik/kultur/musik-und-tanz/tanzbegeisterung-charleston. Abgerufen am 25. April 2024

In den Städten, vor allem in Berlin, entstanden Tanzbars, auf dem Land traf man sich in Vereinslokalen. Neben Tango und Walzer waren es vor allem die „wilden Tänze“ aus Amerika, die rasch in Deutschland populär wurden. Modetänze jener Zeit waren der Charleston, der Shimmy, bei dem Hüften und Po wie wild geschüttelt wurden, und der Black Bottom, bei dem das Becken vor- und zurückgeschwungen werden musste. Vor allem die US-amerikanische Tänzerin Josephine Baker war es, die den besonders beliebten Charleston ab 1925 nach Europa brachte. Dabei trug die tanzende Dame eine Garderobe, die vielerorts als schockierend empfunden wurde: „Kleider, die nicht mehr imstande sind, die Blöße zu bedecken“. Dies machte die Tanzwut in konservativen Kreisen umso suspekter.

Zugleich waren die 1920er Jahre die Zeit der großen Revuen, bei denen Tanzeinlagen leicht bekleideter, im Gleichtakt die Beine schwenkender Girl-Truppen nicht fehlen durften. Stars dieser Girlkultur waren die Tiller-Girls aus London, die 1924 mit einer Mammut-Show nach Berlin kamen und das Publikum im Sturm eroberten. Diese Girlkultur hatte nicht den individuellen Ausdruck wie beim Charleston, sie basierte vielmehr auf völlig synchronen Bewegungen der Tänzerinnen.

Sport mini|Ein Tänzchen von Sechstagebummlern in den frühen Morgenstunden beim Berliner Sechstagerennen, 1927