Das Urartäische Reich, auch kurz Urarṭu oder Urartu (urartäisch Biainili, assyrisch KURArtaya KURURI, akkadisch KURUraštu, biblisch vermutlich Ararat), war ein altorientalisches Reich um den Vansee in Kleinasien, das sich später bis in das Urmia- und Sewanbecken sowie die Arax-Ebene ausbreitete. Es entwickelte sich im 9. Jahrhundert v. Chr. zu einer Großmacht, verlor dann aber in den Jahrhunderten darauf große Teile seines Einflusses und wurde letztlich vermutlich im frühen 6. Jahrhundert v. Chr. von den Medern erobert.

Bezeichnung Der Name Uruatri taucht zuerst in mittelassyrischen Texten aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. als geografische Bezeichnung auf. Salmanassar I. beschreibt einen Feldzug gegen Uruatri, auf dem er acht Länder (darunter KUR-Zingum) und 52 Städte zerstörte. Man nimmt gemeinhin an, dass dieses Uruatri mit dem Urartu der neuassyrischen Zeit identisch ist, Zimansky lehnt eine solche Gleichsetzung aber wegen fehlender Belege ab.Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, ISBN 0-941694-77-1, S. 18. Bis zur Mitte des 9. Jahrhunderts lokalisierten die Assyrer Urartu eher westlich des Vansees.2. Ergänzungsband der Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Völkerkunde. 1983, S. 27. Salmanassar III. nennt die Städte Arzaškun und Sugunia, ihre Lage ist unbekannt.

Die „Urartäer“ selbst verwendeten die Bezeichnung Urartu nie, mit der möglichen Ausnahme der Stele von Topzawa.Paul Zimansky: Urartian material culture as state assemblage. In: Bulletin American Association of Oriental Research. 299, 1995, Anmerkung 6. Auf der Kel-i-Schin-Bilingue nennt sich Išpuini in der akkadischen Fassung „König von Nairi und Herr der Tušpa-Stadt“, in der urartäischen „König der Biainili-Länder“. Zimansky hält dieses Wort BiainiliPaul Zimansky: Urartian material culture as state assemblage. In: Bulletin of the American Association of Oriental Research. 299, 1995, S. 105. für den einheimischen Namen des Königreiches von Urartu. Uraštu wird in der keilschriftlichen Behistun-Inschrift von Dareios I. erwähnt und entspricht hier dem Armenien der persischen Fassung. Möglicherweise lebte die assyrische Bezeichnung für das Urartäische Reich also unter den nachfolgenden Achämeniden daher als geografischer Terminus weiter.

Wie schon Friedrich Wilhelm König betonte, sollte Urartu als assyrische Bezeichnung einer Landschaft und das Reich Urartu (korrekter die Biainili-Länder) nicht gleichgesetzt werden.Friedrich Wilhelm König: Handbuch der chaldischen Inschriften. Archiv für Orientforschung. Beiheft 8. Graz 1955, 1957. Johannes Friedrich nennt die Bezeichnung einen „zweckdienlichen Notbehelf“.Johannes Friedrich: Altkleinasiatische Sprachen, Handbuch der Orientalistik. 1. Abt., Der Nahe und der Mittlere Osten. Band 2: Keilschriftforschung und alte Geschichte Vorderasiens. Abschnitt 1–2: Geschichte der Forschung, Sprache und Literatur. Lfg. 2. Brill, Leiden 1969, S. 34.

Im Alten Testament begegnet man Urartu als ʾRRṬ, vokalisiert als Ararat (אֲרָרַט).

Lage Urartu lag im östlichen Kleinasien, umfasste Teile Transkaukasiens und hatte seine Ostgrenze am Urmiasee. Die Südgrenze bildete die Wasserscheide zwischen dem kleinen Zab und dem Urmiasee,Wolfram Kleiss: Bastam, an Urartian citadel complex of the 7th century B. C. In: American Journal of Archaeology. Band 84/3, 1980, S. 304. westlich von Mahabad und Miandoab (Inschrift von Taštepe). Im Westen reichte es bis in das Gebiet von Erzincan.Tuğba Tanyeri-Erdemir: Agency, Innovation, change, continuity: considering the agency of Rusa II in the production of the imperial art and architecture of Urartu in the 7th Century BC. S. 268.

Das Gebiet von Urartu ist sehr gebirgig. Heute liegt hier durchschnittlich mehr als 80 Tage pro Jahr Schnee, viele Pässe sind von September bis Mai unpassierbar.Paul E. Zimansky: Archaeological enquiries into ethno-linguistic diversity in Urartu. In: Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, S. 17. Die Bergplateaus, auf denen Ackerbau möglich ist, liegen meist umso höher, je weiter man nach Norden kommt. Lediglich das Tal des Araxes bildet eine Ausnahme.Kemalettin Köroğlu: The Northern Border of the Urartian Kingdom. In: Altan Çilingiroğlu, G. Darbyshire, H. French (Hrsg.): Anatolian Iron Ages 5, Proceedings of the 5th Anatolian Iron Ages Colloquium Van, 6.–10. August 2001. British Institute of Archaeology at Ankara Monograph. 3, Ankara 2005, S. 99. Das südliche Transkaukasien, zuerst unter Argišti I. erobert, ist ebenfalls sehr gebirgig, nur die Ararat-Ebene liegt unter 1000 Meter Meereshöhe. Die Ararat- und Schirak-Ebene bilden die wichtigsten Ackerbaugebiete in dieser Region.Adam T. Smith: The Making of an Urartian Landscape in Southern Transcaucasia: A Study of political Architectonics. In: American Journal of Archaeology. Bad 103/1, 1999, S. 49.

Die Pässe nach Mesopotamien sind schwierig und selbst heute oft von November bis Anfang Mai unpassierbar.H. F. Russell: Shalmaneser’s Campaign to Urartu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia According to the Assyrian sources. In: Anatolian Studies. Band 34, 1984, 174. Sie erschienen bereits im Altertum wie „schreckliche Berge, die wie die Spitze eines Dolches gegen den Himmel ragen“.Salmanasser III., Kurkh Monolith, ii 41–45.

Ausdehnung mini|Urartu unter König Rusa I. Die Hauptstadt des antiken Staates Urartu Tušpa (heute Van) lag am Vansee. Benachbarte Staaten und Stämme waren unter anderem Assyrien im Süden, das Königreich der Mannäer im Südosten sowie in der Spätphase die Kimmerer und Skythen im Norden. Zeitweise erreichten die Urartäer Karkemiš am westlichen Euphratbogen im Süden und Qulḫa im Nordwesten. Das Reich umfasste zeitweise den Sewansee und das Araxes-Tal im Norden,W. Kleiss: Zur Ausbreitung Urartus nach Norden. In: Archäologische Mitteilungen Iran. Band 25, 1992, S. 91–94. den Urmiasee im Osten und Rawanduz im Südosten. Die maximale Ausdehnung betrug etwa 600 × 500 km².2. Ergänzungsband der Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Völkerkunde 1983, 26 Es wird gemeinhin angenommen, dass entweder Išpuini oder sein Sohn Menua um 810 die antike Stätte bei Hasanlu im damaligen Mannai eroberten.Robert H. Dyson Jr., Oscar White Muscarella: Constructing the Chronology and Historical Implications of Hasanlu IV. In: Iran. Band 27, 1989, S. 1–27. Gegen Ende der Regierungszeit von Išpuini fanden Feldzüge zum südlichen und westlichen Teil des Urmiasees statt, die unter anderem durch die Inschrift von Taštepe und die Stele von Karagündüz belegt sind.Miroslav Salvini: Die Einwirkung des Reiches Urartu auf die politischen Verhältnisse auf dem Iranischen Plateau. In: Ricardo Eichmann, Hermann Parzinger (Hrsg.): Migration und Kulturtransfer. Bonn 2001, S. 349.

Feldzüge urartäischer Herrscher fanden bis an die heutige georgische Grenze statt, was aber nicht zu einer dauerhaften Eroberung führte.Kemalettin Köroğlu: The Northern Border of the Urartian Kingdom. In: Altan Çilingiroğlu, G. Darbyshire, H. French (Hrsg.): Anatolian Iron Ages 5, Proceedings of the 5th Anatolian Iron Ages Colloquium Van, 6.–10. August 2001 (= British Institute of Archaeology at Ankara Monograph. Band 3). Ankara 2005, S. 103.

Sprache Die urartäische Sprache ist nach Hazenbos mit dem Hurritischen verwandt und bildet mit ihm die hurro-urartäische Gruppe, die nur aus diesen zwei Sprachen besteht.Joost Hazenbos, Hurritisch und Urartäisch. In: Michael P. Streck (Hrsg.): Sprachen des Alten Orients. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005. ISBN 3-534-17996-X. Darüber hinausgehende Vergleiche (vor allem mit Kaukasussprachen, insbesondere dem Nordostkaukasischen) haben keine breite Zustimmung in der Fachwelt gefunden.

Urartäische Lehnwörter in anderen Sprachen sind selten.Paul Zimansky: Urartian material culture as state assemblage. In: Bulletin of the American Association of Oriental Research. Band 299, 1995, 105. Die schriftliche Überlieferung setzt erst Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. ein und besteht aus in Stein gemeißelten Königsinschriften. Tontafeln (unter anderem aus Toprakkale, Kamir Blur, Bastam und AyanısTuğba Tanyeri-Erdemir: Agency, Innovation, change, continuity: considering the agency of Rusa II in the production of the imperial art and architecture of Urartu in the 7th Century BC. S. 267) werden erst ab der Regierung Rusas II. gefunden. Ihr Schriftduktus unterscheidet sich deutlich von den in Stein gemeißelten Königsinschriften, was vielleicht auf eine längere eigenständige Entwicklung hindeutet.Robert Drews (Hrsg.): Greater Anatolia and the Indo-Hittite Language family. Institute for the Study of Man, Washington 2001, S. 78.

Friedrich Wilhelm König vermutete, dass es sich bei der seiner Meinung nach sehr unglücklich als urartäisch bezeichneten Sprache um die Sprache der Oberschicht handele: „Kein Volk und kein Stamm, nur eine Dynastie ist die Trägerin dieser Sprache.“Friedrich Wilhelm König: Handbuch der chaldischen Inschriften. In: Archiv für Orientforschung. Beiheft 8. Graz 1955, 1957 Diese Frage ist eng mit der Frage nach der Ausbreitung der armenischen Sprache verbunden.

Forschungsgeschichte und Quellen mini|Tontafel von Sargon II. mit Einzelheiten zu seinem Feldzug 714 v. Chr. gegen Urartu (Louvre) Die Forschungsgeschichte von Urartu reicht bis in das Jahr 1827 zurück.Boris Pjotrowski: Urartu. Archaeologica Mundi, Band 26, München 1980, S. 12 ff.

Wichtige Geschichtsquellen sind die königlichen Inschriften, die seit Sarduri I. in den gewachsenen Fels gehauen wurden. Momentan sind über 400 bekannt.Tuğba Tanyeri-Erdemir: Agency, Innovation, change, continuity: considering the agency of Rusa II in the production of the imperial art and architecture of Urartu in the 7th Century BC. S. 276. Sie beschreiben entweder die Eroberungen oder die Bauwerke der jeweiligen Herrscher.Adam T. Smith: Rendering the political aesthetic: Political legitimacy in Urartian representations of the built environment. In: Journal of Anthropological Archaeology. Band 19, 2000, S. 131–163. Meist wurden sie nach einem Feldzug in einem neu eroberten Gebiet angebracht und beschreiben formularisch die Eroberung und den erhobenen Tribut. Die längsten dieser Inschriften sind die Annalen von Argišti I. und Sarduri II. 35 % der von G. A. Melikišvili (1960 und 1971) gesammelten Inschriften beschreiben königliche Bauten (Festungen und Bewässerungsanlagen). Manchmal wird auch die Herkunft des Baumaterials erwähnt („Ich brachte diese Steine aus der Stadt Alniunu. Ich habe diese Mauer errichtet“).Melikišvili 1960, Nr. 1 Felsinschriften waren offensichtlich dem König vorbehalten.