mini|Ariadne musica: Titelblatt des Drucks Augsburg 1715 Ariadne musica ist eine Sammlung von Orgelkompositionen von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656–1746). Sie wurde 1702 publiziert und enthält 20 Präludien und Fugen in verschiedenen Tonarten sowie fünf Ricercare über deutsche Kirchenlieder zu verschiedenen Festzeiten des Kirchenjahres. Mit der Nutzung von 20 verschiedenen Tonarten mit bis zu fünf Vorzeichen gilt der Zyklus der Satzpaare „Präludium und Fuge“ als wichtiger Vorläufer des Wohltemperierten Klaviers von Johann Sebastian Bach.

Mit dem Titel spielt Fischer auf die Strategie des Ariadnefadens und damit auf eine Geschichte aus der griechischen Mythologie an: Ariadne half Theseus, mit Hilfe eines Fadens aus einem Labyrinth wieder herauszufinden. In ähnlicher Weise soll Fischers Werk den Spieler durch die Schwierigkeiten der ungewöhnlichen Tonarten führen.

Entstehung und Überlieferung Johann Ferdinand Caspar Fischer war ab den späten 1680er Jahren als Hofkapellmeister im böhmischen Schlackenwerth (heute Ostrov in Tschechien) tätig. Nach dem Tod des Herzogs Julius Franz von Sachsen-Lauenburg wurde Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, der 1690 Sibylla Augusta, die Tochter und Erbin des Herzogs, geheiratet hatte, sein neuer Dienstherr. Da Ludwig Wilhelms Stammsitz in Baden-Baden im Pfälzischen Erbfolgekrieg zerstört worden war, blieb Sibylla Augusta zunächst in Schlackenwerth, und Ludwig Wilhelm hielt sich dort auf, soweit es seine militärischen Pflichten zuließen. 1705 zogen sie in ihr neugebautes Schloss in Rastatt. Erst nach dem Rastatter Frieden 1715 wurde auch Fischer dorthin an den Hof der inzwischen verwitweten Sibylla Augusta beordert.

Fischer veröffentlichte Ariadne musica 1702 in Schlackenwerth. Der Erstdruck ist nicht erhalten, aber das Erscheinungsjahr 1702 wird in Johann Gottfried Walthers Musikalisches Lexicon (1732) genannt und ist plausibel, weil die älteste erhaltene Kopie eines Teils der Stücke auf 1704 datiert ist. Diese Kopie enthält den Zusatz „Opus 4“, der in späteren Editionen nicht mehr auftaucht.Markus Zepf: Reworking Fischer: Some Observations about Johann Sebastian Bach and Johann Caspar Ferdinand Fischer. In: Laura Buch (Hrsg.): Bach Reworked (= Bach Perspectives. Band 13). University of Illinois Press, Urbana 2020, ISBN 978-0-252-04363-5, S. 1–35 (online).

Über die Entstehungsgeschichte des Werks ist nichts bekannt. Da Fischer darin viele zu dieser Zeit ungebräuchliche Tonarten verwendet, die mit der üblichen mitteltönigen Orgelstimmung unvereinbar waren, stellt sich die Frage, welchen Anlass es zur Komposition gab und wo die Stücke überhaupt gespielt werden konnten. Rudolf Walter vermutet in seiner Fischer-Monographie, dass der Neubau einer kleinen Chororgel in der Klosterkirche des Prämonstratenserklosters Tepl durch Abraham Stark im Jahr 1700 Fischer die Gelegenheit bot, eine der neuartigen „wohltemperierten“ Orgelstimmungen zu erproben, die Andreas Werckmeister kurz zuvor publiziert hatte. Abt Raimund Wilfert II. als ausgewiesener Musikliebhaber und -förderer könnte ein solches Experiment unterstützt haben. Für diese unbewiesene Hypothese spricht neben der zeitlichen Nähe des Orgelbaus und der Veröffentlichung von Ariadne musica auch, dass Fischer sein Werk dem Abt Raimund Wilfert widmete.

1713 gab Fischer Ariadne musica ein zweites Mal in Wien heraus; diese Ausgabe wurde 1715 in Augsburg nachgedruckt. Der vollständige Titel dieser Edition lautet: Ariadne Musica Neo-Organoedum Per Viginti Praeludia, totidem Fugas atque Quinque Ricercaras Super totidem Sacrorum anni Temporum Ecclesiasticas Cantilenas è difficultatum labyrintho educens („Musikalische Ariadne, die den neuen Organisten [d. h.: den Orgelschüler] durch zwanzig Präludien, ebensoviele Fugen und fünf Ricercare über ebensoviele festzeitliche Kirchenlieder aus dem Labyrinth der Schwierigkeiten herausführt.“) Die Anspielung auf Ariadnes Hilfe, aus einem Labyrinth zu finden, verdeutlicht die pädagogische Zielrichtung des Werks, die Fischer durch eine hinzugefügte Widmung noch unterstreicht: Magistris aeque ac Discipulis virtute et utilitate maxime commendandum („Den Lehrern und auch den Schülern zum Fleiß und zum besten Nutzen anvertraut“).

Ariadne musica wurde schnell bekannt und oft ganz oder teilweise abgeschrieben, gelegentlich ohne Autorenangabe. So kam es zu der falschen Zuschreibung eines der Stücke, des Ricercars über Christ ist erstanden, an Johann Sebastian Bach: Es findet sich zusammen mit dessen Inventionen und Sinfonien sowie weiteren Werken in einem Sammelmanuskript von Johann Christoph Bach. Das Ricercar wurde 1893 in Band 40 der Bach-Gesamtausgabe der Bach-Gesellschaft aufgenommen und erhielt später in Wolfgang Schmieders Bach-Werke-Verzeichnis die Nummer BWV 746.

Inhalt mini|Präludium C-Dur im Druck Augsburg 1715 mini|Marek Pišl spielt Präludium und Fuge d-Moll (Burkhardt-Orgel in St. Johannes d. T. Úterý; live) mini|Beginn des Ricercar pro Tempore Adventus im Druck Augsburg 1715 Ariadne musica enthält die folgenden Stücke: Präludium und Fuge C-Dur Präludium und Fuge cis-Moll Präludium und Fuge d-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge D-Dur Präludium und Fuge Es-Dur Präludium und Fuge e-Phrygisch (das Fugenthema ist der Anfang der Melodie Aus tiefer Not schrei ich zu dir) Präludium und Fuge e-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge E-Dur Präludium und Fuge f-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge F-Dur Präludium und Fuge fis-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge g-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge G-Dur Präludium und Fuge As-Dur (lydisch notiert) Präludium und Fuge a-Moll Präludium und Fuge A-Dur Präludium und Fuge B-Dur Präludium und Fuge h-Moll (dorisch notiert) Präludium und Fuge H-Dur Präludium und Fuge c-Moll (dorisch notiert) Ricercar pro Tempore Adventus (für Advent), über Ave Maria klare (C-Dur) Ricercar pro Festis Natalitys (für Weihnachten), über Der Tag, der ist so freudenreich (C-Dur) Ricercar pro Tempore Quadragesimae (für die Fastenzeit), über Da Jesus an dem Kreuze stund (e-Phrygisch) Ricercar pro Festis Paschalibus (für Ostern), über Christ ist erstanden (d-Moll, dorisch notiert) Ricercar pro Festis Pentecostalibus (für Pfingsten), über Komm, Heiliger Geist, mit deiner Gnad’ (F-Dur, lydisch notiert) Mit der Angabe Finis Praeludiorum („Ende der Vorspiele“) nach der c-Moll-Fuge grenzt Fischer die 20 Präludien und Fugen von den Ricercaren ab und unterstreicht ihre Zusammengehörigkeit als eine Werkgruppe.

Form und Stilistik Orgelmusik für den Gottesdienst Die Präludien und Fugen sind sehr kurz. Sie umfassen durchschnittlich ca. 15 Takte; die kürzesten Stücke sind nur 7 Takte lang (Präludium F-Dur, Fugen e-Phrygisch und a-Moll), die längsten 25 (Präludium c-Moll) bzw. 50 Takte (Fuge E-Dur). Der geringe Umfang ist charakteristisch für Orgelmusik zum Gebrauch im katholischen Gottesdienst der Barockzeit in Süddeutschland oder Österreich. Die Stücke ähneln vielen anderen liturgischen Kompositionen dieser Epoche, zum Beispiel den Magnificat-Versetten von Johann Caspar von Kerll oder Johann Speth sowie den kurzen Präludien, Fugen und Finali in Fischers eigener, später veröffentlichter Sammlung Blumen Strauss. Solche Stücke waren bestimmt zum Alternatim-Musizieren, bei dem die Orgel abwechselnd mit dem Chor einzelne Verse eines liturgischen Gesangs übernahm. Im Unterschied zu den genannten Werken bildet Fischer in Ariadne musica aber nicht Gruppen aus mehreren kleinen Sätzen, sondern konsequent nur Zweiergruppen aus einem Präludium mit einer Fuge. Die fünf Ricercare sind mit 33 bis 64 Takten ebenfalls nicht allzu lang und als gottesdienstliche Gebrauchsmusik gedacht.

Die Stücke enthalten keine Hinweise auf die Registrierung des Instruments. Fischer komponierte für den süddeutschen Orgeltyp seiner Zeit mit oft nur einem Manual und wenig oder keinen eigenen Pedalregistern, manchmal auch nur wenigen Pedaltasten. Das Pedal konnte nur für lange gehaltene Orgelpunkte und zur Verstärkung der Kadenzen eingesetzt werden. Dementsprechend wird in Ariadne musica das Spiel der Bassstimme mit dem Pedal lediglich in einigen der Präludien durch die Angabe „Ped.“ verlangt oder durch „Ped. vel Man.“ („Pedal oder Manual“) als Möglichkeit vorgeschlagen; alle Fugen und Ricercare sind für das Spiel ohne Pedal gedacht.

Satztechnik Die Stücke sind kunstvoll gearbeitet. Die Präludien sind teilweise freistimmig-improvisatorisch und teilweise streng vierstimmig komponiert. Sie zeigen im Umgang mit Figurationen und Motiven eine „Neigung zur inneren Vereinheitlichung und zur Konzentration“. Die Fugen sind durchgängig polyphon mit vier selbständig geführten Stimmen und darin konsequenter als die Werke vieler Zeitgenossen Fischers. Einige weisen besondere kontrapunktische Techniken auf: die Fugen in C-Dur und cis-Moll bringen ihr Thema von Beginn an in Engführung; die Fuge fis-Moll benutzt Originalgestalt und Umkehrung ihres Themas; die Fuge A-Dur ist als Doppelfuge mit zwei Themen gearbeitet. Bemerkenswert sind die bei mehreren Satzpaaren auftretenden motivischen Beziehungen zwischen beiden Sätzen, bei denen das Fugenthema ganz oder teilweise schon im Präludium anklingt.

Unter den Fugenthemen lassen sich traditionellere und modernere Typen unterscheiden. Einige Themen mit unverzierten, ruhigen Notenwerten im Ricercar-artigen Gestus repräsentieren den stile antico. Viele andere Themen sind rhythmisch lebendig; manche nutzen die typischen Tonrepetitions-Motive nach Art von Canzonen, manche haben Tanzcharakter oder prägnante Auftakt-Motivik:

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Einige der Fugen verwenden und variieren Themen von älteren Komponisten oder von Zeitgenossen Fischers, z. B. von Johann Jakob Froberger, Johann Speth oder Johann Pachelbel:

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Wie die Fugen zeigen auch die fünf Ricercare eine ausgefeilte polyphone Satztechnik: Alle weisen obligate Kontrapunkte auf; einige enthalten Engführungen. Ihre Themen sind aus den Melodieanfängen von deutschen Kirchenliedern gebildet, die die wichtigsten Festzeiten des Kirchenjahres aufreihen. Wie die Bezeichnung „Ricercar“ im Gegensatz zu „Fuge“ andeutet, gehören sie überwiegend dem traditionelleren stile antico an, doch mit dem weihnachtlichen Der Tag, der ist so freudenreich gibt es eine Ausnahme und auch in dieser Werkgruppe ein Beispiel für eher canzonenhafte Gestaltung:

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Mit dem Beginn der Melodie Aus tiefer Not schrei ich zu dir zitiert Fischer in der Fuge e-Phrygisch noch ein weiteres Kirchenlied. Dass er es anders als bei den fünf Ricercaren im Titel nicht erwähnt, könnte damit zusammenhängen, dass es vorwiegend in protestantischen Gottesdiensten gesungen wurde.

mini|Beginn des c-Moll-Präludiums im Vergleich: oben Druck Augsburg 1715 (c-Moll dorisch notiert mit zwei als Vorzeichen), unten undatierte Abschrift Forkel/Poelchau (c-Moll in moderner Notation mit drei )

Tonalität