Ojos de perro azul ist ein Erzählband des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez aus dem Jahr 1972. Das Buch enthält zwischen 1947 und 1955 entstandene Texte. Die deutschsprachige Übersetzung von Curt Meyer-Clason erschien 1980 zunächst unter dem Titel Die Nacht der Rohrdommeln, 1982 unter dem Titel Augen eines blauen Hundes. In dieser deutschsprachigen Übersetzung fehlen die in den Originalausgaben ab 1997 hinzugekommenen drei Erzählungen Tubal-Caín forja una estrella aus dem Jahr 1948, De cómo Natanael hace una visita (1950) sowie Un hombre viene bajo la lluvia (1954). Kurzbeschreibung Der Band Ojos de perro azul versammelt 14 aus unterschiedlicher Erzählperspektive verfasste, meist düstere Kurzgeschichten um Tod und Verfall, traumhafte Grenzzustände zwischen Wachen und Delirium sowie Spiegel‑ und Zwillingsfiguren. Inhalt der einzelnen Episoden Die dritte Entsagung

Der 25-jährige Protagonist der Geschichte liegt seit achtzehn Jahren tot in einem durchsichtigen Sarg. Er verwest nicht wie andere Tote. Stattdessen wächst sein Körper normal weiter. Der Untote denkt, dass mit dem altersgemäßen Ende des Körperwachstums auch sein „lebendiger Tod“ enden werde, schwankt zwischen dem Gefühl, noch lebendig, und dem Glauben, bereits tot oder kaum noch lebendig zu sein. Eva ist in ihrer Katze

Die Protagonistin Eva leidet an quälender Schlaflosigkeit und an dem Verlust eines Kindes. Neben der Trauer empfindet Eva ihre außergewöhnliche Schönheit als belastend. In Evas Vorstellung sind winzige, in ihren Arterien hausende Insekten für diese Schönheit verantwortlich. Eines Nachts verlagert sich dieses Insektengefühl plötzlich aus ihren Arterien in ihren Mund, wo es sich wie Gummi anfühlt, das Eva mit der Säure einer Orange auflösen möchte. Als Eva aufstehen will, bemerkt sie, dass ihr Körper verschwunden ist und sie ein neues, unräumliches Dasein führt. Trotz der Entkörperlichung bleibt das Verlangen nach der Orange bestehen. Eva erwägt, den Körper einer im Hause befindlichen Katze zu besetzen. Ihr Nachdenken braucht 3000 Jahre, und Katze und Haus existieren daher am Ende nicht mehr. Tubal-Caín forja una estrella Geschildert wird in fragmentarischer, traumähnlicher Sprache und unter weitgehendem Verzicht auf eine klassische, kausale Erzählstruktur der innere Kampf der Hauptfigur gegen ein personifiziertes „Anderes“, das für eine dekadente, von Alkohol, Drogen und sexuellen Leidenschaften geprägte Vergangenheit der Hauptfigur steht und trotz verzweifelter Gegenwehr der Hauptfigur zunehmend die Oberhand gewinnt. Am Ende stirbt die Hauptfigur. Die andere Rippe des Todes

Der Zwillingsbruder der Hauptfigur ist verstorben, woraufhin der Überlebende ein tiefes Gefühl von Unvollständigkeit verspürt. Während der Leichenrasur erkennt er das bleiche Gesicht des Toten als seine eigene Wiederholung und empfindet die Gewissheit, gespalten zu sein. Aus dem Gedanken, er und der Tote gehörten einer einzigen Natur an, erwächst die Angst, dass mit dem Verfall des Toten auch beim Lebenden der Zerfall beginnen könnte. Nach der Beisetzung erwacht er mit dem Eindruck, jemand sei eingetreten, glaubt schließlich, den Toten am Bettrand sitzen zu spüren, und fügt sich seinem vermeintlichen Schicksal, selbst in Fäulnis überzugehen. Zwiesprache mit dem Spiegel

Ein Mann, dessen Bruder gestorben ist, rasiert sich. Beim Blick in den Spiegel erkennt er in der Spiegelung das Gesicht seines Bruders und spürt eine beunruhigende Aufspaltung seines Bewusstseins. Zunächst bemerkt er, dass das Spiegelbild eine leichte Blutung zeigt, obwohl seine eigene Haut unverletzt ist; bald wirkt das Bild, als habe es ein Eigenleben. Nach der Rasur sieht der Mann, dass sein Spiegelbild das Blut im Gesicht verschmiert hat; er reagiert verwirrt, lächelt dann aber und macht sich auf den Weg zur Arbeit, ohne dass ihn weiter etwas zu kümmern scheint. Bitterkeit für drei Schlafwandler

Eine Frau hat sich in ein eintöniges Dasein zurückgezogen und lebt mit drei ebenso ziellos agierenden Personen zusammen. Monatelang durchstreift sie die Zimmer ihres Hauses, bis sie zunehmend an Lebendigkeit verliert. Schließlich stellt sie das Gehen ein, wird in eine Ecke des Hauses gebracht. Sie erklärt, dass sie nie wieder lächeln werde. Ihr Gesicht behält fortan eine ausdruckslose Ernsthaftigkeit, die das Ende ihrer aktiven Teilnahme am Leben markiert. De cómo Natanael hace una visita Hauptfigur dieser Geschichte ist ein unentschlossener Mann namens Natanael, der sich zu einem wichtigen Treffen verpflichtet fühlt, jedoch unsicher und unvorbereitet ist. Um Zeit zu schinden, lässt er sich die Schuhe von einem jungen Schuhputzer reinigen, begibt sich anschließend zum Haus einer Frau, die dort offenbar auf ihn wartet. Natanael unterbreitet der Frau einen Heiratsantrag, obwohl er sie kaum kennt. Die Frau reagiert ablehnend. Augen eines blauen Hundes

Geschildert wird eine wiederkehrende Traumsequenz, in der der Ich-Erzähler einer Frau begegnet, die er aus dem Wachleben nicht kennt. Beide wissen, dass sie träumen. Sie verlassen das Zimmer nicht, in dem sie im Traum aufeinandertreffen. Die Frau offenbart, dass ihr Leben darauf ausgerichtet ist, dem Traumgestalteten in der Wirklichkeit zu begegnen, wobei sie bestimmte Erkennungsworte als Zeichen verwendet. Diese Worte bringt sie in der Realität immer wieder an. Schließlich räumt sie ein, dass ihre Bemühungen vermutlich vergeblich sind, weil der Ich-Erzähler beim Erwachen offenbar nichts von seinen Träumen behält. Die Frau, die um sechs kam

Eine Frau, die jeden Abend um sechs ein Restaurant betritt, wird dort immer vom Restaurant-Besitzer José gratis versorgt. Sie gibt fälschlich an, schon vor einer Viertelstunde gekommen zu sein, und bittet José später, diese Ankunftszeit gegenüber Dritten zu bestätigen. Im Gespräch wird deutlich, dass José Zuneigung für die Frau empfindet; sie deutet an, er könne ihr als glaubwürdiges Alibi dienen. Die Frau schildert, wie eine eskalierende Situation eine Frau dazu bringen könne, einen Mann zu töten, und fragt, ob José sie dann mit einem Alibi versehen würde. Als sie ankündigt, ihr Leben zu ändern und die Stadt zu verlassen, bereitet José ihr ein Abschiedsessen; am Ende verlangt sie noch eine weitere Viertelstunde für ein Alibi.

Die Nacht der Rohrdommeln

Drei Blinde verlassen vorsichtig tastend ein Haus. Einer kriecht als Kundschafter voraus und meint, sie müssten nahe bei aufgestapelten Truhen sein. Bei den Truhen treffen die Blinden auf eine Frau, die ihre Geschichte bestätigt: In Zeitungsberichten habe gestanden, dass Männer in einem Hinterhof von Rohrdommeln angegriffen worden seien, die ihnen die Augen ausgehackt hätten, doch niemand habe dem geglaubt. Eine weitere Frau verweigert Hilfe und will stattdessen einen Jungen die Blinden führen lassen; der Junge aber lehnt ab, aus Angst, verspottet zu werden, und liest lieber einen Comic. Einer der Blinden folgert aus den Äußerungen des Jungen, dass sie schon mehrere Tage umherirren; schließlich ruhen sich alle drei in der Sonne aus. Jemand bringt diese Rosen in Unordnung

Der verstorbene Ich-Erzähler versucht jeden Sonntag, Rosen auf sein Grab auf dem Hügel zu legen, die von einer Frau gezüchtet werden, welche als Fünfjährige seinen Tod miterlebt hat und danach das Haus verließ. Jahre später kehrte sie zurück, blieb aber nicht nur zu Besuch: Sie richtete einen Altar ein und begann Rosen zu züchten, von deren Verkauf sie lebt, während die übrigen Blumen den Altar schmücken. Der Erzähler wünscht sich, die Altar-Rosen auf seinem Grab zu sehen, versucht sie heimlich zu holen, doch die Frau bewacht die Blumen ängstlich, sodass seine Versuche scheitern. Nabo

Beim Kämmen eines Pferdes wird der Pferdebursche Nabo von einem Huf getroffen und durch die Verletzung geistig schwer geschädigt. Nachdem man ihn gefunden hat, sperrt man ihn isoliert ein, fesselt ihm anfangs Hände und Füße an einen Balken, behandelt ihn wie ein Tier und lässt ihn 15 Jahre lang verkommen. Parallel dazu erlebt Nabo eine andere Wirklichkeit, in der er in einem Stall erwacht und ein Mann ihm wiederholt sagt, man erwarte ihn im Chor. Mit Unterstützung des Mannes – und in der Realität – bricht Nabo schließlich aus, als eine entfesselte, narbige Gestalt, zieht zerstörerisch zum Pferdestall, wo er den Perdekamm suchen will, fällt dort ins Innere und bricht im Todeskampf zusammen.

Un hombre viene bajo la lluvia Die Erzählung schildert eine Frau, die in stürmischen Nächten wiederholt glaubt, Schritte eines Mannes vor ihrem Haus zu vernehmen. Im Verlauf des Textes lernt sie, die unterschiedlichen Geräusche des Regens zu unterscheiden, und legt die Erwartung eines Besuchs ab. In einer besonders dunklen und heftigen Regennacht kehren die Schritte jedoch zurück. Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo

Die Ich-Erzählerin Isabel schildert, wie sie mit Mann, Vater und Stiefmutter an einem Maisonntag von sintflutartigem Regen überrascht werden. Anfangs gefällt der Niederschlag, doch bald wird er zur Belastung: Tagesabläufe und Zeitgefühl lösen sich in den Folgetagen auf, die Familie ist gelähmt und desorientiert. Das Haus wird überschwemmt, Möbel werden verlagert, draußen treiben Schlamm und Hausrat durch die Gassen, Infrastruktur und Friedhof sind zerstört. Als der Regen endet, kehrt eine unheimliche Stille ein; Isabel bleibt verstört und zeitlich desorientiert. Textanalyse Die Texte in dem Erzählband Ojos de perro azul erzählen aus unterschiedlichen Erzählsituationen und von unterschiedlichen Orten, die abgesehen von Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo ungenannt bleiben. Die Zeiten der Handlung lassen sich bestenfalls aus dem Vorhandensein von technischen Gegenständen schließen wie einem Grammophon in Nabo oder der Eisenbahn in Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo. Stilistisch gehorchen die Geschichten nach Ansicht der Romanistin Paola Cadena Pardo (University of Cincinnati) „einer Ästhetik, die in gewisser Weise eher dem Surrealismus als dem magischen Realismus an sich nahesteht.“„una estética hasta cierto punto más cercana a la corriente surrealista que al realismo mágico como tal“ – Paola Cadena Pardo: Ojos de perro Azul. La muerte como mecanismo de lo poético a partir de la repetición deleuzina. In: Hipertexto, Jg. 20, Verano, 2014, , S. 64–75. Hier S. 64. (pdf). Episodenübergreifende Themen und Figuren