Die dritte Entsagung (Originaltitel: La tercera resignación) ist eine erstmals 1947 in El EspectadorGabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (=KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 159. veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul. Kurzbeschreibung Der 25-jährige Protagonist der Geschichte liegt seit achtzehn Jahren tot in einem durchsichtigen Sarg. Er verwest nicht wie andere Tote. Stattdessen wächst sein Körper normal weiter. Der Untote denkt, dass mit dem altersgemäßen Ende des Körperwachstums auch sein „lebendiger Tod“ enden werde, schwankt zwischen dem Gefühl, noch lebendig, und dem Glauben, bereits tot oder kaum noch lebendig zu sein. Inhalt Der männliche Protagonist ist „seit achtzehn Jahren“ tot, „zur Zeit seines Todes war er sieben Jahre alt“ und leidet wie „an dem Tage […], da er zum ersten Mal gestorben war“, unter extremem Kopfschmerz, „der ihn quälte, der ihn wahnsinnig machte“ und nicht enden will, „wie wenn ein Kinderkopf gegen eine Betonmauer geschlagen wird“. Der Kopfschmerz ist aber nicht das einzige Problem für den „jungen, kränklichen Körper“, der vor seinem „ersten Mal“, dem ersten Tod, an einer „Typhuserkrankung“ samt hohem Fieber litt. „Seither vermochte er nicht mehr zu unterscheiden, sich nicht mehr zu erinnern, welche Ereignisse Teil seines Deliriums und welche Teil seines wirklichen Lebens waren.“ Ein weiteres Problem sind die Mitbewohner in dem Zimmer, wo der Protagonist in einem „harten, aber durchsichtigen Zementsarg“ aufgebahrt liegt, „weil die Totenkiste für ihn zu groß war“. Jene unsäglichen Mitbewohner sind Mäuse. „Sie hatten bereits seine Kleidung zernagt, und er wußte, sie würden sehr bald beginnen, ihn zu benagen, seinen Körper aufzufressen. [...] Was ihm den größten Schrecken einjagte, war nicht gerade, daß die Mäuse ihn auffraßen. Schließlich und endlich würde er mit seinem Gerippe weiterleben können. Was ihn quälte, war das ihm angeborene Entsetzen, das er vor diesen Tierchen empfand.“
Dass der Protagonist trotz langer Liegedauer bisher nicht verweste, liegt daran, dass er nicht wirklich tot ist, sondern ein besonderer Fall: Als der Arzt der Mutter die Diagnose mitteilte, sagte der Arzt auch, man werde „über sein Leben durch das Wachstum erfahren, das [...] normal weitergehen wird.“ Von der Mutter betreut, ist der Untote nun überzeugt, dass mit dem altersgerecht eingesetzten Ende seines Körperwachstums auch „sein lebendiger Tod“ endet. „Während der Nacht hatte das Leichengift zu wirken begonnen. Sein Organismus hatte begonnen, sich zu zersetzen, in Fäulnis überzugehen wie der Körper aller Toten.“ Widersprüchlicherweise stellt der Untote nun weniger sein Tot- als sein Lebendig-Sein in den Vordergrund, wird von einer schrecklichen Angst geplagt: „Man wollte ihn lebend begraben!“ Bald darauf jedoch ist er abermals überzeugt davon, „daß er wahrhaftig tot war oder zumindest kaum wahrnehmbar lebendig.“ Zum Ende der Geschichte stellt der Untote sich vor, „daß er im eigenen Schweiß schwimmt, in einem schleimigen, zähflüssigen Wasser, so wie er vor seiner Geburt in der Gebärmutter seiner Mutter schwamm.“ Textanalyse Bei Die dritte Entsagung handelt es sich um eine personal erzählte Kurzgeschichte, deren Berichtszeit und Verortung unklar bleibt. Neben der untoten Hauptfigur treten dessen Mutter und ein Arzt auf. Über den Untoten ist außer Alter und Körperzustand nur bekannt, dass er kleiner als sein Vater ist und in seinem Gesicht ein „blauer Bart“ sprießt.
Themen der Geschichte sind die „Gedanken und Ängste“ der Hauptfigur,„thoughts and fears“ – Nasrullah Mambrol: Analysis of Gabriel García Márquez’s stories. In: Literary Theory and Criticism. Abgerufen am 19. Februar 2026. seine „physischen Sinne und das Thema Tod“„the narrator focuses on the protagonist’s physical senses and the theme of death“ – Mariajosé Rodríguez-Pliego: García Márquez’s early short stories. In: Mariajosé Rodríguez-Pliego: Reading Faulkner south of the South. The Latin American boom’s roots and legacy. Wellesley College, Wellesley MA 2016. S. 32–45. Hier S. 37. (pdf). oder vielmehr, wie er „eine Gegenwart durchlebt, die von zwei Zuständen durchdrungen ist“, nämlich Leben und Tod gleichzeitig.„cómo el personaje atraviesa por un presente inundado de los dos estados“– Paola Cadena Pardo: Ojos de perro Azul. La muerte como mecanismo de lo poético a partir de la repetición deleuzina. In: Hipertexto, Jg. 20, Verano, 2014, , S. 64–75. Hier S. 66. (pdf). Rezeption Die Kurzgeschichte Die dritte Entsagung brachte García Márquez nach Erscheinen „die Wertschätzung von Eduardo Zalamea Borda“ (1907–1963) ein, „dem führenden Buchkritiker des Landes“,„earned him the esteem of […] Eduardo Zalamea Borda, […] the nation’s leading book critic“ – Gene H. Bell-Villada: Gabriel Garciá Márquez. Life and times. In: Philip Swanson (Hrsg.): The Cambridge companion to Gabriel Garciá Márquez. Cambridge University Press, Cambridge 2010. ISBN 978-0-521-86749-8. S. 7–24. Hier S. 10. während spätere Kritiker und die Sekundärliteratur die Nähe zu Franz Kafka herausstellten: Nach Meinung des Deutschlandfunks ist die Kurzgeschichte „von Franz Kafka inspiriert“, eine Einschätzung, die der Romanist Raymond Leslie Williams (University of California, Riverside) teilte„The peculiarity of this ‚living death‘ shows García Márquez’s early attempt to write something along the lines of what he had read in Kafka“ – Raymond L. Williams: A companion to Gabriel García Márquez. (=Colección Támesis. Serie A, Monografias, Band 276.) Tamesis, Woodbridge 2010. ISBN 978-1-85566-191-2. S. 2. und die Literaturwissenschaftlerin Mariajosé Rodríguez-Pliego (Brown University) ausdrücklich auf Kafkas Die Verwandlung bezieht.„Elements of Kafka’s ‚Metamorphosis‘ are especially evident in García Márquez’s first short story, ‚La tercera resignación‘“ – Rodríguez-Pliego, García Márquez’s early short stories, S. 33. Literatur Hassan El Baz Iguider: La tercera resignación. In: Hassan El Baz Iguider: Realidad y ficción en ‚Vivir para contarla‘, memorias de Gabriel García Márquez. (Tesis Doctoral.) Universidad de Málaga, Málaga 2015. S. 378–383. (pdf). Werner Müller: Die dritte Entsagung. In: ‚Werner‘ Müller: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Kurzprosa von Robert Musil, Franz Kafka, Heimito von Doderer – Jorge Luis Borges, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez. Rombach Druck- und Verlagshaus, Freiburg im Breisgau 2011. ISBN 978-3-7930-5059-9. S. 332–339. Manuel Guillermo Ortega Hernández: Una lectura semiótica de ‚La tercera resignación‘. In: Manuel Guillermo Ortega Hernández: Magias y visiones del mundo en los primeros cuentos de García Márquez. Universidad del Atlántico, Barranquilla 2007. S. 11–13. (pdf). Edila Paz Goldberg: La tercera resignación. In: Edila Paz Goldberg: Enfoque analítico de la obra narrativa de Gabriel García Márquez. Aproximación a la ideología de sus textos. Universidad de Salamanca, Salamanca 2008. S. 137–140. (pdf). Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl) Die dritte Entsagung. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 9–19. Die dritte Entsagung. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (=KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 7–23. Weblinks Volltext des Einzelwerks, originalsprachig Volltext des übergeordneten Werks Ojos de perro azul, deutschsprachig Einzelnachweise Gabriel García Márquez: Die dritte Entsagung. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (=KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 7–23.
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Gabriel García Márquez Kategorie:Kolumbianische Literatur