Die Kindertransporte nach den Novemberpogromen nach Frankreich sind im Vergleich zu den parallel verlaufenen Kindertransporten aus dem Deutschen Reich nach Großbritannien weniger bekannt und ermöglichten auch nur einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Kindern Schutz vor Verfolgungen durch das Nazi-Regime. Die meisten dieser Transporte erfolgten im März 1939.
Exil für jüdische Kinder in Frankreich Frankreich war nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten „das wichtigste Aufnahmeland für [..] jüdische[.] Flüchtlinge“ aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei.Sabine Zeitoun: Accueil des enfants juifs étrangers en France Allerdings sorgten Maßnahmen des französischen Staates dafür, dass seit Mitte der 1930er Jahre das Recht auf Asyl für deutsche und österreichische Emigranten immer mehr beschnitten wurde (siehe: Internierungspraxis in Frankreich (1939–1945)). Gleichwohl existierten eine Vielzahl jüdischer und anderer Organisationen, die sich um die deutschen Flüchtlinge kümmerten – ohne allerdings aktiv die Immigration verfolgter Deutscher nach Frankreich zu forcieren. Erst nach dem Anschluss Österreichs und den Novemberpogromen entwickelte sich ein verändertes Bewusstsein, und es entstanden auch neue Initiativen, die sich insbesondere um ältere Menschen und Kinder kümmerten.Laura Hobson Faure: Jewish Child Refugees from Central Europe Deren Erfolg blieb allerdings überschaubar: bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten weniger als 500 Kinder Zuflucht in Frankreich finden.
Die Kindertransporte im Überblick Abfahrts- und AnkunftsdatumAbfahrtsorteAnzahl der KinderOrganisatoren der Reiseaufnehmende Organisationen in FrankreichKindertransporte 19386. Dezember 1938Frankfurt am Main52Israelitische Waisenanstalt Frankfurt und Caisse Central pour l'EstDie Caisse Central pour l'Est war eine vorwiegend in Straßburg und Ostfrankreich aktive jüdische Hilfsorganisation. (Laura Hobson Faure: "Faure_Who will rescue us", S. 27 ff.)Familien in Straßburg und jüdische Waisenhäuser in Straßburg und Haguenau26.–27. Dezember 1938 / Februar 1939Wien und verschiedene deutsche Orte12Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) und Merores-Waisenhaus WienZu Charlotte Lea Merores und dem von ihr gegründeten Waisenhaus siehe: Ursula Prokop: Fanny Jeiteles und Charlotte Merores. Zwei vergessene jüdische Wohltäterinnen, auf der Webseite von David. Jüdische Kulturzeitschrift, Ausgabe 119, 12/2018. 1972 ging aus dem ehemaligen und 1942 enteigneten Waisenhaus das Maimonides-Zentrum hervor, das einzige jüdische Seniorenheim in Österreich. (Geschichte des Maimonides-Zentrum), Natalie Lourié und das Rothschildsche Waisenhaus in ParisRothschildsches Waisenhaus in ParisKindertransporte 19398. März 1939Frankfurt10Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt, Reichsvertretung der Juden in Deutschland, CIEŒuvre de la Guette, Œuvre de secours aux enfants (OSE)8. März 1939Mannheim und Pfalz40Mannheimer jüdisches Waisenhaus, Reichsvertretung der Juden in Deutschland, CIEŒuvre de la Guette, OSE13.–14. März 1939Wien49IKG Wien, CIEŒuvre de la Guette, OSE21. März 1939Berlin und Umgebung50Reichsvertretung der Juden in Deutschland, CIEŒuvre de la Guette, OSE21.–22. März 1939Wien53IKG Wien, CIEŒuvre de la Guette, OSE3.–4. Juli 1939Berlin40Auerbachsche Waisenhäuser, Reichsvertretung der Juden in Deutschland, CIEComité de secours aux enfants réfugiés, Quincy-sous-SénartBei dem Comité handelte es sich vermutlich um eine lokale Unterstützergruppe. Laut der ajpn erfolgte die Unterbringung der Kinder im Schloss von Quincy-sous-Sénart in Zusammenarbeit mit der OSE. (ajpn – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période nazie dans les communes de France: Château de Quincy durant la Seconde Guerre mondiale (WWII))ohne genaue Datierungeigenständige Ankünfte unterstützter Kinder aus Deutschland und Österreich55–150CIE und Caisse Central pour l'EstUnterbringung in Familien und Ferienkolonien bei Schirmeckungefähre Gesamtzahl361–456Quelle: Die Tabelle entstand in Anlehnung an die Übersicht bei Laura Hobson Faure: "Who will rescue us", S. 286–287.
Die ersten Kinderausreisen nach Frankreich im Jahr 1938 Die mit Édouard de Rothschild verheiratete Germaine de Rothschild hatte bereits seit den frühen 1920er Jahren hilfsbedürftige jüdische Kinder in Frankreich unterstützt. Nach der Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich im März 1938 und den Novemberpogromen 1938 wurde sie zu einer führenden Person im Zusammenhang mit den französischen Bemühungen zur Evakuierung jüdischer Kinder aus Mitteleuropa.Laura Hobson Faure: Baroness Germaine de Rothschild. Erste Kontakte zur Evakuierung jüdischer Kinder aus Österreich kamen über Natalie Lourié zustande, die nach dem Anschluss Österreichs in Paris lebte. Sie stand noch in Kontakt zum Auswanderungsbüro der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), die sich nach dem Anschluss auf Geheiß der Nazis als Jüdische Gemeinde Wien neu konstituieren musste (siehe: Die IKG nach dem Anschluss), und suchte Mitte Juli 1938 in Paris den Kontakt zu Germaine de Rothschild. Zunächst ging es nur darum, einer kleinen Gruppe von Mädchen aus dem Stiftungshaus Charlotte Lea Merores, einem Wiener Waisenhaus für jüdische Mädchen, mit dem Lourié schon in den 1920er Jahren eng zusammengearbeitet hatteLaura Hobson Faure: Who will rescue us?, die Ausreise nach Frankreich zu ermöglichen.Lilly Maier: Arthur und Lilly
Lourié konnte Germaine de Rothschild umgehend dafür gewinnen, acht Mädchen aus dem Wiener Waisenhaus in das Rothschild-Waisenhaus in Paris aufzunehmen, und Ende Juli 1938 stimmte Rothschild zudem zu, eine weitere Gruppe von zwanzig Mädchen von dort aufzunehmen und in Paris durch ihre Organisation Benei Israel – Centres sociaux pour la jeunesse juive (Kinder Israels – Sozialzentren für jüdische Jugend) betreuen zu lassen. Die Genehmigung durch den französischen Außenminister Georges Bonnet erfolgte im August 1938. Aus von Lilly Maier und Hobson Faure nicht benannten Gründen dauerte es dann jedoch bis zum 26. Dezember 1938, bis sechs Mädchen Wien verlassen konnten; zwei waren zwischenzeitlich anderweitig emigriert. Die Gruppe traf am 27. Dezember 1938 in Begleitung ihrer Erzieherin Lizzie Landau in Paris ein. Ihnen folgten in den folgenden acht Monaten mindestens sechs weitere österreichische und deutsche Mädchen. Was niemand der Beteiligten ahnen konnte: Die meisten dieser nach Frankreich evakuierten Mädchen wurden später aus Frankreich deportiert und kamen in den deutschen Konzentrationslagern ums Leben. Nur einer gelang es 1943, nach Wien zurückzukehren und dort zu überleben.
Zwischen der Genehmigung zur Einreise der Mädchen und deren tatsächlicher Ankunft lagen die Novemberpogrome. Die mit diesen einhergegangenen Verfolgungen und Verwüstungen veranlassten den Direktor der Israelitischen Waisenanstalt Frankfurt, Isidor Marx (1886–1968)Stolpersteine für Speyer: Biografien der Familie Marx – Maximilianstraße 31, unmittelbar nach der Pogromnacht einen in Strasburg wohnenden Freund anzurufen und um Hilfe für das inzwischen völlig überbelegte Heim zu bitten. Der Freund von Isidor Marx (der zufällig auch Marx hieß) setzte sich umgehend mit der Caisse Central pour l'Est in Verbindung, die wiederum sehr bald von den Behörden des Département Bas-Rhin Visa für Kinder aus Frankfurt ausgestellt bekam. Am 6. Dezember 1938 trafen diese in Straßburg ein. Anders als später die OSE setzte man in Straßburg vor allem darauf, die Kinder in Familien unterzubringen. Das gelang für etwa die Hälfte der Kinder in und nahe Straßburg, wohingegen die andere Hälfte in jüdischen Waisenhäusern in Straßburg und Haguenau Unterkunft fanden.
Hobson Faure hat in der obigen Tabelle nur noch einen weiteren Kindertransport aus Frankfurt aufgenommen, den vom 8. März 1939. Sie erwähnt aber weitere Transporte nach Straßburg, die – unabhängig von den Pariser Bemühungen um die Einreise der deutschen und österreichischen jüdischen Kinder – sehr wahrscheinlich stattfanden, für die es aber keine eindeutigen Belege zu geben scheint.
Die Kindertransporte im Jahr 1939 Die Novemberpogrome veranlassten mehrere französische Komitees, Planungen für Transporte gefährdeter Kinder aus dem Herrschaftsbereich der Nazis in Angriff zu nehmen, was aber letztlich dazu führte, dass seitens des französischen Staates entschieden wurde, ausschließlich das von Germaine de Rothschild gegründete Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale (CIE, aber auch als Kurzform „Comité“) mit der Verantwortung für die gesamte Organisation und deren Durchführung zu beauftragen. Dieses verpflichtete sich in dem Zusammenhang dazu, den „Lebensunterhalt und die Erziehung sowie auch die Berufsausbildung der von ihm übernommenen Kinder auf Jahre hinaus“ sicherzustellen.Zur personellen Zusammensetzung des Komitees siehe das auf der Webseite We Refugees (Weblinks) wiedergegebene Protokoll der Komitee-Sitzung vom 30. Juni 1939. Die Zusammenarbeit mit den nicht direkt beauftragten Hilfsorganisationen – unter anderem mit dem Œuvre de secours aux enfants (OSE), dem American Jewish Joint Distribution Committee (JDC oder auch Joint) und dem Bureau Central d'Acceuil aux Enfants – wurde aber seitens des CIE aufrechterhalten.Lilly Maier: Rescued twice
Germaine de Rothschild hatte den Vorsitz des CIE inne und engagierte den aus Deutschland geflohenen Juristen Robert Jablonski als dessen Sekretär.
Am 13. Februar 1939 teilte Jablonski der IKG mit, dass Frankreich 200 Visa für die Einreise von Kindern bewilligt habe. Diese waren jedoch nicht ausschließlich für österreichische Kinder bestimmt. Nach Jablonski sollten auf Wien 100 Visa entfallen, auf Berlin 50, auf Frankfurt 10 und auf Mainz 40. Die 100 Visa für österreichische Kinder sind nach unterschiedlichen Quellen offenbar unstrittig, aber Hobson Faure zitiert zusätzlich zu dem Brief von Jablonski einen Report von Trude Frankl, einer Wiener Sozialarbeiterin, die mehrere österreichische Kindertransporte begleitete und im April 1939 von je 50 weiteren Visa für Frankfurt und die Saarpfalz berichtete. Nach Karola Streppel wiederum, die sich auf pfälzische Quellen stützt, war es Sara Lehmann, einer Mitarbeiterin im jüdischen Wohlfahrtsamt in Ludwigshafen, zu verdanken, „dass am 8. März 1939 28 Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren aus der Pfalz nach La Guette in der Nähe von Paris gerettet werden konnten“.Die von Streppel erwähnte Anzahl von 28 Kindern stimmt mit mehreren anderen Quellen überein, so mit der 1940 von der CIE erstellten First List of jewish refugee Children in France (siehe Weblinks) oder der Zusammenstellung bei Sigrun Wipfler-Pohl: Kinderemigration 1939, S. 338 ff. Die von Hobson Faure für diesen Transport erwähnten 40 Kinder lassen sich nicht verifizieren.
Wie letztlich die genaue Aufteilung der Visa aussah, ist nicht bekannt. Deren Begrenzung auf 200 macht aber alleine schon den Unterschied zu den Kindertransporten nach Großbritannien deutlich, und diese 200 KinderHobson Faure geht davon aus, dass zwischen Dezember 1938 und September 1939 weniger als 500 unbegleitete jüdische Kinder aus dem deutschsprachigen Raum nach Frankreich gebracht wurden, schließt aber eine Dunkelziffer nicht aus. Ein Grund dafür sieht sie darin, dass die Verfolgung der Juden in Deutschland zwischen 1933 und 1938 nicht so sehr im Fokus des öffentlichen Interesses stand, wie das Leid der Kinder im Spanischen Bürgerkrieg. Die hohe Anzahl spanischer Flüchtlinge, die zu Beginn des Jahres 1939 nach Frankreich strömten, habe den französischen Behörden zudem die perfekte Entschuldigung geboten, jüdische Initiativen abzulehnen, die nach mehr Unterstützung für verfolgte Juden aus dem Deutschen Reich gedrängt hätten. (Laura Hobson Faure: Who will rescue us?, S. 64 f), die nach Frankreich reisen durften, konnten dies nur in der Folge eines Selektionsprozesses und auf der Basis strenger Vorgaben tun: Sie durften maximal 15 Jahre alt sein. Sie sollten dauerhaft in Frankreich verbleiben.