Das Gemälde "Neptun und Amphitrite auf dem Hippokampenwagen" wurde zwischen 1640 und 1704 vom Maler Johann Heiss in Ölfarbe auf einer 60,9 mal 81 cm großen Leinwand im Querformat gemalt. Das Gemälde zeigt eine mythologische Szene, in der Juno vom Himmel aus die Meeresgötter auf das Sternenbild des Ursa Major hinweist.
Beim vorliegenden Gemälde fallen viele horizontale Krakeleestreifen auf. Die Herkunft des Gemäldes ist unbekannt. Es gehört heute zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und befindet sich in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim (Inv. Nr. 1521).
Bildbeschreibung Auf der oberen linken Bildhälfte sitzt die Göttin Juno (griech. Hera) auf einem goldenen Wagen in den Wolken. Sie trägt ein dunkelblaues Kleid mit einem goldbestickten Gewand. Mit ihrer linken Hand weist sie in den dunklen Sternenhimmel, in dem die Sternkonstellation des Ursa Major (Großer Wagen) zu erkennen ist, während sie mit der anderen Hand ihr Zepter nach unten auf Neptun und seine Gefährten richtet. Neben Juno steht ein Pfau. Hinter ihr befindet sich eine blass dargestellte geflügelte Gestalt, Iris, die in der einen Hand einen Botenstab und in der anderen einen Regenbogen hält. Hinter den beiden Figuren öffnet sich eine Wolkenlücke, durch die das Licht den Großteil der Figuren beleuchtet.
In der unteren Bildhälfte befinden sich mehrere Figuren an einem Ufer. In erhöhter Position sitzen Neptun (griech. Poseidon) und Amphitrite dicht nebeneinander. Neptun hat grau-weiße Haare und einen Bart und hält einen Dreizack. Er blickt zu Juno hinauf und scheint zu ihr zu sprechen. Amphitrite trägt eine Perlenkette als Haarschmuck, und über ihr schwebt ein silbern glänzendes Tuch in kreisförmiger Anordnung. Mit ihrer rechten Hand hält sie die Hand Neptuns, mit der er den Dreizack hält, während sie ihren linken Arm um seine Schulter legt. Ihr Blick richtet sich zum Sternenhimmel. Links unterhalb von Amphitrite sitzt im Halbdunkel Triton, der in seiner rechten Hand ein Tritonshorn hält. Im Vordergrund befindet sich in halb liegender Position Okeanos, der sich auf einem Krug stützt und dem Betrachter den Rücken zuwendet. Er hält ein Schilfrohr und trägt einen Kranz aus Algen auf seinem Kopf. Sowohl Triton als auch Okeanos blicken mit fragender Gestik zu Juno hinauf. Am rechten Bildrand sitzt eine Frau auf einer Muschel und blickt ebenfalls in den Sternenhimmel. Sie trägt ein grün-bläuliches Tuch, das von ihrer rechten Schulter bis zu ihrem linken Oberschenkel verläuft. Eine rote Koralle hält ihre Frisur zusammen. Im Gewässer links ist außerdem ein Junge dargestellt, der dem Betrachter den Rücken zuwendet und ebenfalls zu Juno hinaufschaut.
Der Hintergrund des Bildes ist nicht einheitlich gestaltet: Während links oben durch die Wolkenlücke ein blauer Himmel sichtbar wird, breitet sich rechts davon ein dunkler Sternenhimmel aus. In der unteren Bildhälfte befindet sich links ein Gewässer, während rechts ein mit Gras bewachsenes Ufer zu erkennen ist.
Ikonografie Die dargestellten Figuren lassen sich anhand ihrer klassischen Attribute der antiken Mythologie zuordnen. Aus dem Himmel erscheint die Göttin Juno, die Himmelskönigin und Göttin der Ehe. Sie hält ein Zepter als Zeichen ihrer Würde und wird von einem Pfau begleitet, dessen Radschweif als ihr heiliges Sonnensymbol gilt. Hinter ihr befindet sich die Regenbogengöttin Iris, die vor allem als Götterbotin im Dienst Junos von Bedeutung ist. Sie ist durch ihre Flügel, einen Botenstab sowie einen Regenbogen gekennzeichnet. Im Gegensatz zu den übrigen Figuren wurde sie in einer lasierenden Malweise dargestellt, wodurch die Erscheinung blasser wirkt und sie weniger präsent erscheint als die anderen Gestalten.
Im Bereich des Ufers sind mehrere Meeresgottheiten versammelt. Der Gott des Meeres Neptun erscheint mit grau-weißen Haaren und Bart und hält einen Dreizack als Zeichen seiner Herrschaft über das Meer und seiner Würde. Neben ihm sitzen zwei Hippokampen, sagenhafte Rossungeheuer, die halb Pferd, halb schlangenförmige Fische sind. Neben ihm befindet sich seine Gemahlin Amphitrite. Sie ist mit Perlenschmuck versehen und trägt ein Tuch, das in einer runden Form über ihrem Körper schwebt. Im Gewässer erscheint Triton, der mit dem Oberkörper aus dem Wasser ragt und ein Tritonshorn hält, mit dem er nach mythologischer Vorstellung die Wellen beruhigen oder aufwühlen konnte. Okeanos stützt sich auf eine Quellurne und hält einen Schilfstängel, beides Attribute der Flussgötter. Neben ihm sitzt eine weibliche Person in einer Jakobsmuschel, die möglicherweise Tethys, die Gemahlin des Okeanos, darstellt. Bei dem Jungen, der sich links im Gewässer befindet, könnte es sich um einen jungen Tritonen handeln.
Deutung und Komposition
Juno zeigt in den Sternenhimmel, wo das Sternenbild Großer Bär (Ursa Major) zu erkennen ist. Johann Heiss verweist mit seinem Werk auf die Sage der Callisto, die unter anderem in den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid überliefert ist: Kallisto war eine Nymphe, die von Jupiter (griech. Zeus) geliebt wurde. Aus Eifersucht verwandelte Juno sie in eine Bärin; um sie zu schützen, warf Jupiter sie später als Sternenbild an den Himmel. Auch dies störte Juno; sie sorgte dafür, dass das Sternenbild niemals im Meer untergeht, indem sie die Meeresgötter darum bittet, es nicht ins Wasser sinken zu lassen.
Das Gemälde stellt Juno als höchste Instanz dar, die vom Himmel aus über die übrigen dargestellten Figuren herrscht. Ihre erhöhte Position in der linken oberen Bildhälfte sowie ihr Zepter unterstreichen ihre Autorität gegenüber den Meeresgottheiten, die ihr gehorchen und zu ihr hinaufschauen. Die Komposition des Bildes trägt wesentlich zu dieser Wirkung bei. Die Figuren sind in einer klaren vertikalen Ordnung angeordnet: Juno erscheint in der oberen Bildhälfte im Bereich des Himmels, während sich die Meeresgottheiten in der unteren Bildhälfte am Ufer und im Wasser befinden. Außerdem orientiert sich die Anordnung der Figuren an einer Diagonale, die von der linken oberen Ecke bis zur rechten unteren Ecke des Gemäldes verläuft: Diese Diagonale wird durch die schräge Haltung des Zepters und durch die Lichtführung unterstützt. Sie lenkt das Auge auf eine dramatische Wechselwirkung zwischen den Naturgewalten Himmel und Meer. Das Licht kommt aus der linken oberen Ecke bzw. aus der Richtung von Juno und beleuchtet den Großteil der Figuren. Dadurch entsteht ein deutlicher Hell-Dunkel-Kontrast: Die Figuren erscheinen im warmen Licht hell und farbig, während sich hinter ihnen der finstere Sternenhimmel und das dunkle Gewässer ausbreiten.
Auch der Hintergrund ist symbolisch aufgebaut und lässt sich in vier Bereiche gliedern: In der oberen Bildhälfte stehen sich Tag und Nacht gegenüber, während in der unteren Bildhälfte Wasser und Land dargestellt sind. Diese Aufteilung umfasst somit die grundlegenden Elemente der Welt. Das Gemälde zeigt dadurch nicht nur eine Begegnung zwischen göttlichen Figuren, sondern eine Darstellung des gesamten Kosmos, in dem Himmel, Sterne, Meer und Erde miteinander verbunden sind. Juno erscheint dabei als ordnende Macht, die diese kosmische Ordnung überblickt und bestimmt.
Weblinks
https://conchylien.naturkundemuseum-karlsruhe.de/de/weichtiere/arten/tritonshorn https://www.sammlung.pinakothek.de/en/artwork/Dj4m9OB45A
Literatur
Herbert Gottschalk: Lexikon der Mythologie der europäischen Völker. Safari-Verlag, Berlin 1973 Gerd Heinz-Mohr: Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Eugen Diedrichs Verlag, München 1998, ISBN 3-424-01420-6 Wolfgang Bauer, Irmtraud Dümotz, Sergius Golowin (Hrsg.). Lexikon der Symbole. Mythen, Symbole und Zeichen in Kultur, Religion, Kunst und Alltag. 16. Auflage. Heyne, München 2001, ISBN 3-453-18104-2 Karl Schefold: Die Bedeutung der kretischen Meerbilder. In: Antike Kunst. Band 1, Heft 1. Vereinigung der Freunde antiker Kunst, Basel 1958, Publius Ovidius Naso (Autor), Albrecht Michael (Hrsg.): Metamorphosen. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-001360-1
Anmerkungen und Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen