Das Ganztagsgymnasium am Giersberg (kurz: GaG) war ein städtisches Gymnasium in Siegen in Nordrhein-Westfalen. Die Schule wurde Ende der 1960er Jahre gegründet und erlangte überregionale Aufmerksamkeit als erstes Gymnasium in Westfalen mit verbindlichem Ganztagsbetrieb.

Geschichte

Gründung und Aufbau (1969–1975) Die Gründungsphase des Gymnasiums war in eine Ära tiefgreifender bildungspolitischer Umbrüche und heftiger gesellschaftlicher Kontroversen eingebettet. Die SPD-geführte Landesregierung forcierte angesichts des starken Anstiegs der Schülerzahlen in den 1960er Jahren ab 1969 die Einrichtung von Gesamtschulen als Modellversuch, um die Durchlässigkeit des Schulsystems zu erhöhen.Lotte & Bodo Kott: Geschichte des Ganztagsgymnasiums am Giersberg. In: Städtisches Gymnasium am Giersberg -- Gymnasium in Ganztagesform Siegen: Entstehung und Entwicklung. 1986, o. S. Da Siegen den Zeitpunkt für die Aufnahme in den staatlichen Gesamtschul-Modellversuch verpasst hatte, entschied sich der Rat der Stadt Siegen, zunächst das Gymnasium als Ganztagseinrichtung zu bauen, um der akuten Raumnot an anderen Gymnasien entgegenzuwirken.

Das Ganztagsgymnasium am Giersberg wurde zum 1. August 1969 als städtisches Gymnasium der Stadt Siegen gegründet. Pädagogisch war die Schule von Beginn an als koedukatives, neusprachliches Gymnasium konzipiert. Der Unterricht begann am 2. Februar 1970 unter der Leitung des Gründungsdirektors Dieter Huth zunächst in provisorischen Gebäuden. Der erste Spatenstich für den Neubau auf dem Giersberg erfolgte am 17. Dezember 1973, Anfang 1975 wurde das frisch fertiggestellte Gebäude bezogen.

Einführung des Ganztagsbetriebs (ab 1976) Am 4. Februar 1976 führte die Schule als erstes Gymnasium in Westfalen einen gebundenen Ganztagsbetrieb ein. Der neuen Schule kam damit eine Vorreiterrolle zu, da sie das damalige Monopol der Gesamtschulen auf Ganztagseinrichtungen durchbrach. Sie war in vielerlei Hinsicht ein pädagogisches Experiment, da es für die bauliche und organisatorische Umsetzung eines gymnasialen Ganztagsbetriebs kaum Vorbilder gab.Bodo Kott: Vorbemerkung. In: Städtisches Gymnasium am Giersberg -- Gymnasium in Ganztagesform Siegen: Entstehung und Entwicklung. 1986, o. S. Die Phase der Aufnahme des Betriebs der Schule in dieser Zeit war dementsprechend geprägt von der Entwicklung eines eigenständigen pädagogischen Profils mit vielen Provisorien, Elternengagement sowie der sukzessiven Anpassung der Räumlichkeiten an den Ganztagsbetrieb.Dieter Huth: Das GAG zehn Jahre nach dem Anfang. In: Lotte & Bodo Kott (Hrsg.): Städtisches Gymnasium am Giersberg -- Gymnasium in Ganztagesform Siegen: Entstehung und Entwicklung. 1986, o. S.

Schulpolitische Debatten der 1980er Jahre In den 1980er Jahren war das Gymnasium am Giersberg – wie andere Gymnasien in Siegen – von intensiven schulpolitischen Auseinandersetzungen betroffen. Im Zuge landesweiter Diskussionen über die Einführung integrierter Gesamtschulen kam es auch in Siegen zu kontroversen Debatten über die Zukunft des gegliederten Schulsystems. 1981 beteiligten sich Schüler, Lehrkräfte und Eltern an Protesten gegen eine mögliche Abschaffung oder Umwandlung bestehender Gymnasien. Die Schule blieb nur erhalten, weil eine Elternbefragung im September 1981 kein ausreichendes Interesse an einer Gesamtschule am Standort Giersberg ergab.

Ende der 1980er Jahre flammte die Debatte erneut auf, da das Land die Einrichtung von Gesamtschulen forderte und der Giersberg als der kostengünstigste Standort identifiziert wurde. Das Ganztagsgymnasium am Giersberg appellierte 1987 an die Bevölkerung, die Schulvielfalt in Siegen zu verteidigen. Trotz einer Menschenkette und der Übergabe von 12.720 Unterschriften gegen die Schließung blieb der politische Druck durch die Landesregierung und die Ratsmehrheit bestehen. In den Jahren von 1987 bis 1992 entwickelten sich die politischen Konflikte über die Zukunft der Schulen in Siegen dann zu einem regelrechten Schulkrieg.Bernd Pieper: Eine politische Groteske: Wie man den Giersberg auf den Rosterberg brachte. In: „Fest“-Schrift. 1993, S. 104–119.Wolfgang Burk: Die Bertha-von-Suttner Gesamtschule – vom holprigen Anfang zum Erfolgsmodell. YouTube-Kanal des Projekts unser-siegen.com (https://www.youtube.com/watch?v=hwu2_MVnQ1I)

Auflösung und Fusion (1991–1993) Mit der Gründung der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule im Jahr 1988 änderte sich die Siegener Schullandschaft grundlegend. Nicht zuletzt wegen des Streits um den Standort der Gesamtschule kam es zum Zerwürfnis zwischen einer Gruppe von Stadtverordneten um Bürgermeister Hans Reinhardt und der SPD-Stadtratsfraktion. Neben Reinhardt traten mehrere Stadtverordnete unter Protest aus der Fraktion und der SPD auso. V.: 100. Geburtstag: Erinnerung an früheren Siegener Bürgermeister. Blog der Archive im Kreis Siegen-Wittgenstein (https://www.siwiarchiv.de/100-geburtstag-erinnerung-an-frueheren-siegener-buergermeister/).; sie gründeten später die Unabhängige Wählergemeinschaft UWG.Christina Stemmermann: Im Widerpart und Wettkampf mit etablierten Parteien. Westfälische Rundschau 11. Januar 2009 (https://www.wr.de/archiv-daten/article1323556/im-widerpart-und-wettkampf-mit-etablierten-parteien.html).

Am 3. Juli 1991 hob der Rat der Stadt Siegen einen früheren Beschluss auf und entschied mit 45 zu 22 Stimmen die Auflösung des Ganztagsgymnasiums am Giersberg. Dem seinerzeit amtierenden Kreisdirektor Siegen-Wittgensteins Winfried Schwarz zufolge gab es hierfür wahrscheinlich keine Mehrheit der Siegener Bevölkerung.Winfried Schwarz: Die erste Gesamtschule in Siegen – Ein steiniger Weg. YouTube-Kanal des Projekts unser-siegen.com (https://unser-siegen.com/erste-gesamtschule) Das Gymnasium wurde auslaufend gestellt und mit dem Gymnasium am Rosterberg zusammengelegt, um die Räumlichkeiten am Giersberg für die neue Gesamtschule freizumachen. Die bestehenden Klassen wurden schrittweise mit dem städtischen Gymnasium am Rosterberg zusammengeführt. Zum 1. August 1992 (Schuljahresbeginn 1992/93) entstand daraus ein gemeinsames Ganztagsgymnasium, das später den Namen Peter-Paul-Rubens-Gymnasium erhielt. Das am Giersberg entwickelte Ganztagskonzept wurde vollständig in die neue Schule übernommen und prägt deren pädagogisches Profil bis heute.Manfred Häbler: Die Pädagogik des städtischen Ganztagsgymnasiums. In: „Fest“-Schrift. 1993, S. 121–124. Der stellvertretende Schulleiter Gerhard Weber beschrieb diese Verbindung rückblickend als eine Zwangs-Ehe.Gerhard Weber: Neu- und Umbaupläne für das Ganztagsgymnasium. In: „Fest“-Schrift. 1993, S. 125–130.

Obwohl Eltern gerichtlich gegen diesen Beschluss vorgingen und schwerwiegende Abwägungsfehler rügten (der Schulkonferenz des GaG wurden z. B. lediglich acht Tage für die obligatorische Beteiligung an der Entscheidung eingeräumt), blieben die Klagen vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster erfolglos. Damit endete die Geschichte des Ganztagsgymnasium am Giersberg als eigenständige Institution nach 22 Jahren.

Pädagogisches Profil Das Ganztagsgymnasium am Giersberg wurde offiziell in den Modellversuch Ganztagesschule des Landes Nordrhein-Westfalen aufgenommen und galt in mehrfacher Hinsicht als pädagogisches Experiment, da es zum Zeitpunkt seiner Gründung bestehende Konventionen des dreigliedrigen Schulsystems in Nordrhein-Westfalen durchbrach und für viele Konzepte keine Vorbilder existierten. Die Einführung des Ganztagskonzepts erforderte umfangreiche organisatorische und bauliche Anpassungen und wurde maßgeblich von engagierten Lehrkräften und Eltern getragen.

Ein wesentlicher Teil des Experiments war die Abkehr vom klassischen Anstaltscharakter der Schulen: Unter der Prämisse der Wohnlichkeit wurden Räume geschaffen, die sowohl dem Lernen als auch der Freizeit dienten, wie etwa eine Mediothek, Freizeitbereiche mit Spielgeräten und eine Mensa für 300 Schülerinnen und Schüler. Neben dem regulären Unterricht bot die Schule ein breites Spektrum an Arbeitsgemeinschaften, Interessengemeinschaften, Förderangeboten und Freizeitaktivitäten. Ziel war eine ganzheitliche schulische Bildung, die fachliches Lernen mit Aktivitäten verband, die normalerweise der Freizeit der Schülerinnen und Schüler vorbehalten waren.Gisela Cordes: Freizeitbereich. In: Städtisches Gymnasium am Giersberg -- Gymnasium in Ganztagesform Siegen: Entstehung und Entwicklung. 1986, o. S.

Bedeutung und Nachwirkung Obwohl das Ganztagsgymnasium am Giersberg nur rund zwei Jahrzehnte bestand, gilt es als wichtiger Impulsgeber für die Ganztagsentwicklung im gymnasialen Bereich in Südwestfalen. Es bewies, dass die Ganztagsform nicht an eine bestimmte Schulform gebunden sein muss, was zu Beginn der 1970er Jahre als pädagogisches Wagnis galt. Selbst ehemalige Kritiker und politische Gegner räumten zum 25-jährigen Jubiläum der Nachfolgeschule ein, dass es eine erfolgreiche und für die Stadt wichtige Einrichtung gewesen sei.

Literatur Lotte Kott; Bodo Kott (Hrsg.): Ganztagsgymnasium Giersberg – Entstehung und Entwicklung. Siegen 1986. Städtisches Ganztagsgymnasium Siegen (Hrsg.): „Fest“-Schrift. Siegen 1993.

Einzelnachweise

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