Dschudar und seine Brüder ist ein Märchen aus den Geschichten aus Tausendundeine Nacht. In der Übersetzung von Richard Francis Burton aus dem Jahre 1880 trägt es den Titel "Judar and his Brethren". In der Arabian Nights Encyclopedia ist es als ANE 209 gelistet.

Das Märchen enthält Elemente aus dem viel bekannteren "Aladin und die Wunderlampe". Doch hier geht es nicht um Ausnutzung und Übervorteilung eines Unwissenden, sondern um den fatalen Neid zwischen Geschwistern, hier Brüdern. Dabei wird das Motiv in zwei unterschiedlichen Varianten erzählt. In der Nebenlinie sind es die Söhne des Zauberer aus dem Maghreb, die aktiv um den Nachlass konkurrieren, den nur der beste bekommt, während die anderen zwei umkommen. In der Hauptlinie sind es Dschudar und seine Brüder, wobei es Dschudars Brüdern nur darum geht, Dschudar aus Neid und Hass mit steigender krimineller Energie auszuschalten.

Handlung Der Kaufmann Omar aus Kairo hatte drei Söhne, Salim, den Ältesten, Selim, den Mittleren und Dschudar, den Jüngsten. Er zog die Söhne auf, bis sie zu Männern herangewachsen waren. Aber er liebte Dschudar mehr als die anderen, was in diesen zunächst Eifersucht, dann Hass auf Dschudar erregte. Obwohl er sein Erbe zu gleichen Teilen zwischen seinen Söhnen und seiner Frau aufteilte, kam es nach seinem Tod dazu, dass die älteren Brüder die Erbschaft von Dschudar anfochten. Das ständige Prozessieren ließ sie am Ende alle bettelarm zurück. Die beiden älteren Brüder gingen zu ihrer Mutter, prügelten sie, nahmen ihr auch das Geld ihres Erbteiles und verprassten es.

Dschudar nahm seine Mutter zu sich und begann, als Fischer zu arbeiten. Weil er jeden Tag etwas mehr Fisch fangen konnte, ging es ihnen immer besser. Das hörten die Brüder, die keiner Arbeit, keinem Handwerk nachgingen, und bettelten bei der Mutter um Essen. Sie gab es ihnen und als zufällig auch Dschudar hinzutrat, verzieh er ihnen und ernährte sie mit.

Plötzlich blieben Dschudars Netze leer, an welchem Teich er auch fischte. Ein Darlehen des Bäckers überbrückte die Notlage zunächst.

Als Dschudar auch am Teich Karun vergeblich fischte, erschien plötzlich ein Maghrabi in prächtigem Aufzug auf einem Maultier mit goldbesticktem Mantelsack. Er redete ihn mit seinem Namen an und hatte eine ungewöhnliche Bitte. Dschudar sollte ihm die Hände auf den Rücken binden und dann in den Teich stoßen. Tauche er mit den Händen wieder auf, solle er ihn unverzüglich wieder herausziehen, wenn mit den Füßen, sei er tot. Dann solle er das Maultier samt Mantelsack zum Juden Schamia auf den Markt bringen. Er würde 100 Dinare dafür bekommen. Der Maghrabi starb und Dschudar erhielt, wie vorausgesagt, das Geld. Am nächsten Tag wiederholten sich die Ereignisse. Auch dieser Maghrabi starb und Dschudar erhielt weitere 100 Dinare. Am darauffolgenden Tag kam wieder ein Maghrabi, noch weit reicher ausgestattet, auf einem Maulesel. Doch er tauchte mit den Händen wieder auf und Dschudar zog ihn heraus. Er hatte rote Fische in den Händen. Dschudar erfuhr, dass sie vier Söhne eines Zauberers aus dem Maghreb waren. Drei rangen darum, den Schatz des asch-Scharmardal zu heben, um das wichtige Zauberbuch "Die Fabeln der Alten" aus dem Nachlass ihres Vaters zu gewinnen. Zwei, nämlich seine Vorgänger, waren dabei im Teich Karun ertrunken, der vierte, der Jude Schamia, hatte ganz verzichtet. Nur er, Abd as-Samad, habe die Wächter des Schatzes, die Söhne des roten Königs besiegen können. Aber er bitte nun Dschudar, ihn in den Maghreb zu begleiten, um den Schatz zu heben. Nur Dschudar sei dies möglich. Er gab Dschudar 1000 Dinare für den Lebensunterhalt von Mutter und Brüdern und nahm ihn mit.

Dschudar gelang es im zweiten Anlauf, den Schatz zu heben. Er musste 7 Tore in einem ausgetrockneten Flussbett passieren und dabei Dinge gegen den gesunden Menschenverstand tun: Sich lebensbedrohenden Umständen ohne Widerstand ergeben. Das Schlimmste für ihn war, seine Mutter (ein Trugbild) zum Ausziehen ihrer Kleider zu zwingen.

Reich belohnt mit einem Wunder-Mantelsack, aus dem man alle gewünschten Speisen herausnehmen kann, und einem Mantelsack gefüllt mit Gold und Edelsteinen kam er wieder nach Kairo zurück.

Hier fand er seine Mutter bettelnd auf der Straße. Seine Brüder hatten sie beraubt und die 1000 Dinare verprasst. Mit Hilfe des wundertätigen Mantelsackes konnte er sich und seine Mutter ernähren. Bald tauchten auch die Brüder wieder auf und baten um Essen. Wieder vergab Dschudar ihnen. Sie wurden gar in die Geheimnisse des wundertätigen Mantelsackes eingeweiht.

Aber sie trachteten sofort danach, Dschudar loszuwerden. Sie überwältigten ihn im Schlafe und verkauften ihn an einen Kapitän nach Suez. Dort war er auf einem Schiff gefangen und musste Sklavenarbeit leisten. Sie teilten die Reichtümer Dschudars, aber konnten sich nicht einigen, wer den wundertätigen Mantelsack bekommen sollte. Sie stritten so lange, bis ein Häscher des Sultans sie belauschte. Der Sultan nahm den Mantelsack und die Reichtümer Dschudars in seine Schatzkammer und warf die Brüder in den Kerker.

Dschudars Schiff kenterte. Er überlebte. Mit einem mildtätigen Kaufmann kam er über Dschidda nach Mekka. Dort auf der Pilgerfahrt traf er den Maghrabi Abd as-Samad. Der schenkte ihm den Siegelring aus asch-Scharmardals Schatz. Beim Reiben am Ring erscheint der mächtige Dschinn "hallender Donner" und ist dem Ringbesitzer zu Diensten.

Dschudar kam nach Kairo zurück. Er holte mit Hilfe des Dschinns seine Brüder aus dem Kerker und die Schätze des Sultans samt seinem Besitz aus der Schatzkammer. Wieder verzieh er seinen Brüdern. Er ließ sich einen Riesenpalast in nur einer Nacht bauen. Der Sultan musste einsehen, dass Dschudar mächtiger als er war. Auf den Rat des Wesirs gab er Dschudar seine Tochter zur Frau, um Dschudar nicht zum Gegner zu haben. Nachdem der Sultan gestorben war, wurde Dschudar Sultan. Er machte seine Brüder zu hohen Würdenträgern. Doch die hielten nicht aus, dass er höher war als sie. So beschlossen sie, ihn zu ermorden. Salim wollte den Siegelring, Selim sollte den Wundermantelsack bekommen.

Der älteste Bruder Salim lud Dschudar zum Gastmahl. Er vergiftete Dschudar und hackte, weil er den Siegelring nicht abzuziehen vermochte, ihm den Finger ab. Dann befahl er dem Dschinn auch seinen Bruder Selim zu ermorden. Er sollte beide Leichname vor die Würdenträger des Sultans werfen als Ausdruck von Salims Anspruch auf die Macht. Dann wollte er ohne Umstände sich auch der Sultanin, Dschudars Frau, bemächtigen, ohne jegliche Trauerzeiten einzuhalten. Doch die Sultanin ließ sich nur zum Schein darauf ein und vergiftete Salim. Dann zerstörte sie sowohl den Siegelring als auch den wundertätigen Mantelsack und forderte die Würdenträger auf, einen neuen Sultan zu wählen.

Herkunft der Erzählung Nina B. Zumel versucht Licht in "The Puzzle of Judar" zu bringen: Ursprünglich glaubte man, Richard Francis Burton hätte in seiner Ausgabe "The Thousand and One Nights" dieses Märchen unter dem Titel "Judar and his Brethren" 1880 zuerst veröffentlicht. Doch William Forsell Kirby weist darauf hin, dass der deutsche Orientalist Joseph von Hammer diese bis dahin noch nicht publizierte Erzählung aus einem Manuskript ins Französische übersetzt hatte.1824 wurde davon von August Ernst Zinserling eine Übersetzung ins Deutsche verfertigt. George Lamb besorgte 1826 eine Übersetzung ins Englische (publiziert in "New Arabian Nigths’ Entertainments" 1826), entweder direkt aus einem arabischen Manuskript oder aus der deutschen Vorlage.

Literatur Textausgaben Max Henning: Dschudar und seine Brüder – Geschichten aus Tausend und eine Nacht, Reclams Universalbibliothek Band 89, Leipzig 1977, S. 15–58. Felix Paul Greve (übertragen auf Grundlage der englischen Ausgabe Richard Francis Burtons): Dschudar und seine Brüder – Die schönsten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht, Insel-Verlag Leipzig 1971, S. 401–448. H.W. Georg: Dschudar und seine Brüder – Die schönsten Märchen aus Tausendundeiner Nacht - für die Jugend ausgewählt, Verlag U. Weichert Berlin, S. 125–158.

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichte aus Tausendundeine Nacht Kategorie:Märchen Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Sassaniden