Die Kathedrale von Chartres (französisch Cathédrale Notre-Dame de Chartres, deutsch Kathedrale Unserer Lieben Frau zu Chartres) in der nordfranzösischen Stadt Chartres gilt als das „Urbild“ einer Kathedrale des französischen Gothique classique. Im Jahr 876 weihte Karl der Kahle dort eine Kirche und übergab dem Sanktuarium eine heilige Reliquie, die als Sancta Camisia bezeichnete Tunika, die die Jungfrau Maria bei der Verheißung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel (bekannt als Mariä Verkündigung) getragen haben soll. Heute ist in der Kirche ein ungefähr 30 × 30 cm großes Tuch dieser Tunika zu besichtigen. Die Kathedrale ist der Sitz des Bischofs des römisch-katholischen Bistums Chartres. Der gotische Neubau begann kurz nach 1194 und dauerte bis 1260 (Kirchweihe am 24. Oktober 1260). Er ist mehr als 130 m lang und etwa 64 m breit. Im Jahr 1908 wurde die Kathedrale zur Basilica minor erhoben und 1979 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen. Der Bildhauer Auguste Rodin nannte sie die „Akropolis Frankreichs“.Christopher Frayling: Geheimnisvolle Welt – Eine Reise durch das Mittelalter. vgs, Köln 1995, ISBN 3-8025-1301-0, S. 57.

Bedeutung Chartres ist in mehrerlei Hinsicht einmalig. Die Kirche wirkt in der kleinen Stadt beherrschend, ist in der flachen Landschaft schon von fern sichtbar und vermittelt selbst heute noch ungefähr den Eindruck, den sie seit dem 13. Jahrhundert auf die Zeitgenossen ausübte, als solch ein Bauwerk wie ein überirdisch-göttliches Symbol in einer profanen Umwelt stand. Die Kathedrale einer Stadt war der größte und höchste Raum, zumal damals meist noch keine anderen festen öffentlichen Bauten existierten wie Rathäuser, Theater und Markthallen.

Chartres ist im Lauf der Geschichte nie zerstört worden. Während an vielen Kathedralen die Portalfiguren im Bildersturm der Hugenotten oder der Französischen Revolution untergingen und zahllose Glasmalereien dem Bedürfnis nach mehr Helligkeit zum Opfer fielen, ist in Chartres der bedeutende plastische Schmuck fast unversehrt erhalten, ebenso nahezu sämtliche 176 Fenster. Daher kann keine andere Kathedrale die Atmosphäre der Hochgotik so unverfälscht vermitteln.

In dieser Kathedrale laufen viele entscheidende kunst- und kulturhistorische Strömungen des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts zusammen und haben daher zahlreiche Autoren zu ausführlichen Darstellungen und Deutungen veranlasst.

Geschichte mini|hochkant|links|Plan der Krypta mini|hochkant=1.3|Grundriss der Kathedrale von Chartres, korrekt mit polygonalem Chorschluss mini|hochkant|Blick aus dem Nord­schenkel des Chor­umgangs ins Schiff Vorgängerbauten Das älteste Gemäuer in der Kathedrale ist der keltische Brunnen in der Krypta. Dessen rundes Tunnelrohr endet 33,55 m unter dem Boden der Krypta in einem exakt an den Himmelsrichtungen ausgerichteten quadratischen Becken. Der Brunnen wurde im 17. Jahrhundert zugeschüttet und Anfang des 20. Jahrhunderts von René Merlét wieder ausgegraben. Es gibt Legenden, nach denen Druiden am späteren Ort der Kathedrale eine „virgo paritura“ (Jungfrau, die gebären wird) verehrt hätten.

Der erste Kathedralbau an der Stelle wurde Mitte des 4. Jahrhunderts errichtet, damals zu Füßen der gallo-römischen Ringmauer. Sie wird heute auch Kathedrale des Aventinus genannt, nach dem ersten Bischof der Stadt. 743 oder 753 wurde diese Kirche von westgotischen Truppen unter Herzog Hunald von Aquitanien niedergebrannt.

Der alsbald errichtete Nachfolgebau wurde 858 von wikingischen Seeräubern zerstört; Bischof Giselbert ließ ihn größer wieder aufbauen. Auf Fundamente dieses dritten Kathedralengebäudes sollen sich Mauern der heutigen Chapelle Saint-Lubin (Kapelle des heiligen Leobinus von Chartres) stützen.

Im Jahre 876 vermachte Karl der Kahle der Kathedrale die Sancta Camisia, das Hemd, das Maria bei der Geburt Jesu getragen haben soll. Nach anderen Quellen trug die Jungfrau Maria das Gewand, als der Erzengel Gabriel ihr die Geburt Jesu verkündete. Seither besitzt Chartres eine der wichtigsten Reliquien des Abendlandes. Die daran knüpfenden Marienwallfahrten waren über Jahrhunderte der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Stadt.

Am 5. August 962 ging die karolingische Kathedrale bei einem Krieg zwischen Herzog Richard I. der Normandie und dem Grafen von Chartres in Flammen auf. Der Nachfolgebau wurde am 7. bis 8. September 1020 Opfer eines durch Unfall entstandenen Feuers.

Daraufhin ließ Bischof Fulbert einen romanischen Neubau errichten. Die noch heute erhaltene Krypta der fünften Kathedrale entstand noch im selben Jahr. Sie erstreckt sich nicht nur unter dem gesamten Chor, sondern auch schlauchförmig unter der ganzen Länge der Seitenschiffe. Hier ist heute auch ein Museum untergebracht. Die Bauzeit betrug vier Jahre, die Fertigstellung war 1024. Im Jahr 1037 wurde die Weihe vollzogen, acht Jahre nach Fulberts Tod. Schon 1134 gab es in Chartres einen weiteren Stadtbrand, der von der neu erbauten Kirche aber nur die Vorhalle und einen Turm zerstörte. Vor der alten Fassade wurde sofort ein neuer Nordturm gebaut und 1150 vollendet. Zwischen neuem Nordturm und altem Südturm fand das um 1145 entstandene Königsportal seinen Platz. Womöglich wurde es umgesetzt. Um das Datum und die Art und Weise dieser Versetzung streiten sich die Gelehrten, weil davon eine genaue Deutung der einzelnen Elemente abhängt. Sicher bekannt ist nur, dass sie vor 1194 durchgeführt wurde.

Stadtbrand von 1194 und heutiges Bauwerk mini|hochkant|Labyrinth im westlichen Langhaus-Mittelschiff

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1194 zerstörte ein Stadtbrand die wie damals üblich mit viel HolzHelmut Gebelein: Das Element Feuer in Haushalt und Familie. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit. Sigmaringen 1991, ISBN 978-3-7995-4156-5, S. 137–151, hier: S. 139. gebaute romanische Kirche fast vollständig. Man entschloss sich sofort zu einem Neubau auf den alten Grundmauern, um die Bauzeit möglichst kurz zu halten. Damit waren die Maße der sechsten Kathedrale an dieser Stelle festgelegt. Außer den Grundmauern und der Krypta wurde auch das berühmte dreiteilige Königsportal, die Porte Royale, von der fünften Kathedrale übernommen und ist damit älter als das übrige Bauwerk.

Der Neubau begann also 1194. Der Bau ging laut den Aufzeichnungen zügig voran – bereits 1220 soll die Kathedrale eingewölbt gewesen sein. Querhausportale, Glasfenster und Skulpturen wurden schließlich noch 1260 vollendet, so dass die Kirchenweihe 66 Jahre nach Baubeginn erfolgte. Bedeutenden Anteil an der Gestaltung hatte der Baumeister Villard de Honnecourt, der auch das berühmte Labyrinth von Chartres entworfen hat.

Renovierungskampagne seit 1994 Um der Kathedrale wieder das ursprünglich Anfang des 13. Jahrhunderts realisierte polychrome Aussehen zurückzugeben, wurden sehr aufwendige Renovierungsarbeiten begonnen. Frühere Untersuchungen hatten zahlreiche Farbreste identifizieren können, die auf eine bis zu 80%ige farbliche Ausgestaltung der Verkleidung hinwiesen. Eine große Zahl von Konservatoren und Wissenschaftlern wurden an den Maßnahmen beteiligt.

Die Techniken der Renovierung der Steinflächen beinhalten nach sorgfältigen Analysen die Reinigung mit Hilfe mechanischer Werkzeuge, mit demineralisiertem Wasser aber auch mit Latex als Filmbildner. Es werden anschließend in alter Technik die farbigen Applikationen aufgebracht. Besondere Aufmerksamkeit findet auch die Reinigung und Renovierung der Chorschranke, die dadurch ihr ursprüngliches, fast strahlendes Weiß wieder erlangt hat. Auch die unvergleichlichen Glasfenster werden instand gesetzt. Zum zusätzlichen Schutz werden diese mit Hilfe von speziellem Sicherheitsglas verdoppelt. Eine aesthetische Einschätzung der Arbeiten im Rahmen der Kathedrale wird erst nach Abschluss aller Arbeiten möglich sein. Immerhin haben die Erfahrungen mit den Arbeiten an Chartres großen Einfluss bei den Behebungen der Schäden an Notre Dame de Paris gehabt.

Architekturgeschichtliche Einordnung mini|Frühgotische Fenster: unten ohne Maßwerk, oben mit Vor-Maßwerk mini|Chorobergaden und Kapellen poly­gonal, aber alle Fenster frühgotisch Von 1180 bis 1270 wurden in Frankreich etwa 80 Kathedralen und beinahe 500 Klöster errichtet, man baute also im ganzen Land repräsentative Kirchen geradezu um die Wette. Chartres gilt dabei als Ausgangsbau der zweiten Phase der Gotik in Frankreich, genannt Gothique classique.Der französische Kunsthistoriker und ranghohe Denkmalpfleger Alain Erlande-Brandenburg charakterisierte den Gothique classique als «gothique maîtrisée» – „gemeisterte Gotik“, siehe Encyclopaedia Universalis Ausdruck dieser Stilphase sind: Basiliken mit Triforium, nicht mehr mit Emporen die polygonalen Schlüsse von Binnenchor, Chorumgang und Kapellen Säulen mit Vorlagen (Diensten) für Gurt- und Arkadenbögen die allgemeine Verwendung vierfeldriger Gewölbe. Im Gothique primitif (und wenigen frühgotischen Einwölbungen in Deutschland) gibt es über den Mittelschiffen oft sechsfeldrige Doppeljoche, die sich als Reminiszenz des gebundenen Systems deuten lassen.

In gängigen deutschen Handbüchern wird Gothique classique unglücklicherweise mit „Hochgotik“ übersetzt,Zeittafeln in Wilfried Koch: Baustilkunde. 33. Auflage. 2016, ISBN 978-3-7913-4997-8, und Günther Binding: Architektonische Formenlehre. 8. Auflage. 2019, ISBN 978-3-534-27143-6. obwohl die Hochgotik in Deutschland in Zeit und Formen der dritten französischen Phase entspricht, dem Gothique rayonnant. Beide beginnen entweder mit dem echten MaßwerkGünther Binding: Maßwerk. 1989, ISBN 3-534-01582-7, S. 43. um 1220 in Reims oder etwas später mit der Kathedrale von Amiens (ab 1220 (!)) in Frankreich und dem nach deren Vorbild begonnenen Kölner Dom (ab 1248) in Deutschland.

Stadt und Kathedrale

Der für eine gotische Kathedrale schnelle Baufortschritt steht im Kontext jener Zeit und in der besonderen Bedeutung der Kathedrale für die Stadt Chartres:

Die – nach heutigem Maßstab – kleine Stadt von weniger als 10.000 Einwohnern hatte eine besondere Motivation, in so kurzer Zeit ein so großes Gotteshaus zu bauen und zu finanzieren. Chartres war mit seiner Reliquie das Zentrum der Marienverehrung in ganz Europa, und die Stadt glaubte, mit der Hilfe Mariens unter besonderem göttlichen Schutz zu stehen. Umso größer war zunächst die Furcht, mit dem Untergang der Stadt durch das Feuer auch dieser weltberühmten Reliquie beraubt zu sein. Nach einigen Tagen wurde offenbar, dass die Tunika in der Schatzkammer unversehrt geblieben war, wohin sie besonnene Priester gerade noch rechtzeitig gebracht hatten. Eine große Erleichterung ging durch die Bevölkerung. Nun sah man in dem Ereignis des Brandes und der „wunderbaren“ Rettung der Reliquie eine himmlische Aufforderung an die Stadt, der Jungfrau und ihrer Reliquie einen neuen prächtigeren Kirchenbau zu widmen. Hier kamen also religiöse Vorstellungen und wirtschaftliche Überlegungen zusammen. Der Pilgerstrom durfte nicht abreißen, wollte die Stadt überleben.

Unter Fulbert im 11. Jahrhundert stand die Domschule von Chartres in höchster Blüte. Bernhard von Chartres folgte im 12. Jahrhundert. Ob eine zusammenhängende Schule von Chartres bestand, ist strittig.

Konkurrenz zwischen Chartres und Bourges mini|links|Bourges: Mittel­schiff mit sechs­feld­rigen Doppel­jochen, höhen­gestaf­felte Seiten­schiffe, zweierlei Triforien, Schiff jünger mit echtem Maßwerk mini|Kathedrale von Bourges: runde Chor- und Um­gangs­schlüsse des Gothique primitif, Fenster früh­go­tisch (ohne Maßwerk oder Vormaßwerk)