mini|Enthauptung Barbaras durch ihren Vater Dioscuros, Barbara-Altar von Jerg Ratgeb in der Stadtkirche Schwaigern, 1510 Barbara von Nikomedien (von griechisch Βαρβάρα, „die Fremde“) ist eine populäre christliche Heilige. Der Überlieferung zufolge war sie eine christliche Jungfrau und Märtyrerin des 3. Jahrhunderts. Sie wurde demnach von ihrem Vater Dioscuros enthauptet, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben. Die Überlieferung lokalisiert die Geschehnisse überwiegend im kleinasiatischen Nikomedia (heute İzmit) und ordnet sie der Regierungszeit des Kaisers Maximian zu. Auch Heliopolis (heute Baalbek im Libanon), die Toskana und Rom beanspruchten, der Ort ihres Martyriums zu sein. Für die Spätantike ist keine Verehrung Barbaras bezeugt. Im Spätmittelalter wurde der Barbarakult sehr populär, besonders in Frankreich.David Farmer (Hrsg.): The Oxford Dictionary of Saints. 5. Auflage. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 35.

In den orthodoxen Kirchen und der römisch-katholischen Kirche wird Barbara als Heilige verehrt. Auch im evangelischen Namenkalender und im Liturgischen Kalender der alt-katholischen Kirche wird Barbara als Märtyrerin bezeichnet.

Hagiographische Überlieferung In den ältesten Fassungen der Legenda aurea fehlt die Barbaralegende. Spätere Versionen bringen die Legende der Heiligen in folgender Form: „Barbara war eine sehr schöne und kluge junge Frau. Ihr Vater Dioscuros versuchte, sie von der Außenwelt abzuschirmen und sperrte sie in einen dafür gebauten Turm. Viele junge Männer aus Nikomedia hielten um ihre Hand an. Barbara jedoch wies die Verehrer zurück. In Abwesenheit ihres Vaters nahm Barbara den christlichen Glauben an und entschied sich, als Eremitin in einem Badehaus zu wohnen, das ihr Vater erbaut hatte. Dort ließ sie ein drittes Fenster hinzufügen – als Symbol der Dreifaltigkeit. Als ihr Vater von ihrer Bekehrung zum Christentum erfuhr, versuchte er in rasender Wut, seine Tochter zu töten. Auf der Flucht öffnete sich vor Barbara ein Felsen. Ein Hirte verriet sie. Dann wurde sie gefangen genommen und vor einen Richter gebracht, der das Todesurteil aussprach und sie foltern ließ. Dioscuros selbst enthauptete seine Tochter und wurde vom Blitz erschlagen. Hier ist der Anknüpfungspunkt für die Anrufung Barbaras in Gefahr eines plötzlichen Todes, zunächst durch Blitzschlag, dann aber auch im Bergbau und im Militär.“

Verehrung mini|hochkant|Schädelreliquie der heiligen Barbara in Montecatini Alto

Herkunft und Reliquien Der Barbarakult stammt aus dem Byzantinischen Reich und ist dort im 7. Jahrhundert bezeugt. In der lateinischen Westkirche wird die heilige Barbara erstmals um 700 in einem Martyrologium erwähnt.

Die Gebeine der Heiligen sollen um 1000 nach Venedig überführt worden sein; sie wurden im Kloster San Giovanni Evangelista auf der Insel Torcello in der Lagune von Venedig verehrt. Eine wertvoll gefasste Schädelreliquie wird im Museum der San Pietro-Kirche von Montecatini Alto (Toskana) aufbewahrt. Eine kleine Reliquie der heiligen Barbara befindet sich in der Wallfahrtskirche St. Hildegard und St. Johannes der Täufer in Eibingen im Rheingau. Diese Reliquie gehört zum Eibinger Reliquienschatz, den Hildegard von Bingen zusammengetragen hat. Eine weitere Reliquie befindet sich seit 1647 im Altar der St.-Antonius-Kirche in Iseringhausen.

4. Dezember: „Barbaratag“ In der Liturgie der römisch-katholischen und der griechisch-orthodoxen Kirche ist seit dem 12. Jahrhundert der 4. Dezember der Gedenktag der heiligen Barbara, im Volksmund Barbaratag.Schott-Meßbuch, Proprium für den 4. Dezember. In: erzabtei-beuron.de abgerufen am 4. Dezember 2024. In den anderen Ostkirchen, die den julianischen Kalender zugrunde legen, wie der georgischen oder der russisch-orthodoxen Kirche, wird der Gedenktag am 17. Dezember begangen. Der Gedenktag am 4. Dezember wurde in den evangelischen Namenkalender übernommen.Frieder Schulz: Das Gedächtnis der Zeugen – Vorgeschichte, Gestaltung und Bedeutung des Evangelischen Namenkalenders. Göttingen 1975, S. 104.

In den Liturgiereformen des zweiten vatikanischen Konzils (1962–1965) wurde die heilige Barbara aus dem römischen Generalkalender gestrichen, weil ihre Existenz historisch nicht gesichert sei. Wegen der großen Verehrung, die sie im Volk genoss, blieb ihr Gedenktag jedoch in einigen Regionalkalendern erhalten.

Brauchtum des Barbaratags mini|hochkant|Links Hinrichtung der Barbara von Nikomedien, rechts Margareta von Antiochia: Flügelaltar in St. Nikolai (Oberbobritzsch), 1521 mini|hochkant|Martyrium der heiligen Barbara, Deutsche Malerei, Siebenbürgen, 16. Jahrhundert, Brukenthal Kunstmuseum, Hermannstadt Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erwähnt den Anfang des 20. Jahrhunderts überregional verbreiteten Brauch, am Barbaratag Kirsch- und andere Obstbaumzweige oder Birkenzweige zu schneiden. Diese Barbarazweige sollen bis zum Heiligen Abend blühen.Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 1. Sp. 908 f. Der Legende nach soll Barbara auf dem Weg in das Gefängnis mit ihrem Gewand an einem Zweig hängengeblieben sein. Sie stellte den abgebrochenen Zweig in ein Gefäß mit Wasser, und er blühte genau an dem Tag, an dem sie das Martyrium erlitt.

Daneben gibt es den Barbaraweizen, der am Barbaratag auf einem Teller ausgesät wird und bis Weihnachten aufsprießen soll. Dieses „winterliche Grün“ ist als Teller-Saat oder Adonisgärtlein bekannt. Da der Barbaratag Anfang Dezember am Beginn des Kirchenjahrs steht, ist er mit Bräuchen zur Zukunftsschau verbunden. Auch in alten Bauernregeln wird auf Barbara Bezug genommen: „An Barbara die Sonne weicht / an Lucia sie sich wieder zeigt.“ – In mehreren Regionen gibt es den Brauch, am Barbaratag Kinder zu beschenken. Im Rheinland wurde bzw. wird er ähnlich dem folgenden Nikolaustag begangen.Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 1. Sp. 906. Beim alten Brauch des Bärbeletreibens oder „Bärbelespringens“ im Oberallgäu ziehen am Barbaratag als „alte Weiber“ verkleidete Frauen mit ihren Weidenruten durch die Straßen, um Rutenhiebe zu verteilen und Kinder mit Äpfeln und Nüssen zu beschenken.

Artillerie-Einheiten der Bundeswehr tragen am Barbaratag meist etwas Rotes (häufig ein Halstuch) zur Uniform. Die Details unterscheiden sich von Einheit zu Einheit, die Abweichungen von der Kleiderordnung werden aber geduldet. mini|Barbaraschreine im Eisenerzbergwerk Schacht Konrad (links) und im Salzbergwerk Asse II (rechts) mini|hochkant|Wien: ehemalige Barbara-Kapelle in Form eines Tunnelportals, errichtet 1898 an der Vorortelinie der Wiener Stadtbahn

Patronate und Ikonographie Schutzpatronin der Bergleute mini|Barbarakapelle im Salzbergwerk Altaussee

Die alten Bergbauregionen Sachsen, Schlesien und Böhmen waren schon im Spätmittelalter von der Barbaraverehrung geprägt. In die Bergbaugebiete der Alpen kam der Barbarakult größtenteils erst in der Gegenreformation. Zwar führt keine deutsche Bergstadt die heilige Barbara im Siegel oder Wappen, aber frühe Zeugen ihrer Verehrung durch Bergleute sind die Barbarakirche in Kuttenberg (1390 geweiht) und die Barbarakapelle in Gossensass am Brenner (1510 geweiht).Georg Schreiber: Der Bergbau in Geschichte, Ethos und Sakralkultur. Springer, Wiesbaden 1962, S. 383. In der Ordnung des Kaisers Maximilian, die 1515 die arbeitsfreien Tage der Bergleute im Habsburgerreich festlegte („Knappenfeiertage“), wurde Barbara nicht aufgenommen.

In den Zechenhäusern Oberschlesiens fand vor einem Barbara-Bild eine Andacht statt, ehe die Arbeit im Bergwerk begann. Die 1723/24 vom Ortspfarrer gegründete Barbara-Bruderschaft von Tarnowitz hatte Nachfolger in der ganzen oberschlesischen Montanregion. Die Barbaraverehrung steigerte sich, als Sprengarbeiten unter Tage üblich wurden. Sie galt nun als Beschützerin vor Sprengunfällen, im Steinkohlenbergbau auch als Beschützerin vor schlagenden Wettern.Gerhard Heilfurth: Barbara als Berufspatronin des Bergbaues, 1956/57, S. 5. Oberschlesisches Brauchtum, besonders verbunden mit der heiligen Barbara, brachten Bergleute in die Steinkohle- und Braunkohlereviere Westdeutschlands mit, in den 1950er Jahren auch gezielt gefördert. Der relativ junge Steinkohlenbergbau hatte im Ruhrgebiet keine eigenen Traditionen, und die Bergleute erhofften sich vom Barbara-Brauchtum ein Element, das die heterogene Bevölkerung verbinden könnte. Dazu wurde die heilige Barbara als säkulare Schutzpatronin aller Bergleute interpretiert.Georg Schreiber: Der Bergbau in Geschichte, Ethos und Sakralkultur. Springer, Wiesbaden 1962, S. 331. Dagmar Kift: Aufnahme in Bergbau und Industrie. Zur Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen im Zuwanderungsland Nordrhein-Westfalen in vergleichender Perspektive. In: Marita Krauss (Hrsg.): Integrationen: Vertriebene in den deutschen Ländern nach 1945. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 120–147, hier S. 135. Katholische Barbara-Kirchen und Barbara-Heime entstanden vielerorts im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit, auch Barbara-Siedlungen (Dinslaken-Hiesfeld, Lohberg bei Hamborn).Gerhard Heilfurth: Barbara als Berufspatronin des Bergbaues, 1956/57, S. 56. Dem entspricht die steigende Zahl der Barbara-Apotheken: 1937 trugen im gesamten Deutschen Reich sechs Apotheken ihren Namen, gegenüber 80 Barbara-Apotheken 2013 in der Bundesrepublik Deutschland; die Mehrheit der Barbara-Apotheken steht in den (ehemaligen) Montangebieten an Ruhr und Saar.Fabian Fahlbusch: Maria, Heil der Kranken. In: Kathrin Dräger, Fabian Fahlbusch, Damaris Nübling (Hrsg.): Heiligenverehrung und Namengebung. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2016, S. 257–270, hier S. 262 und 264f. (abgerufen über De Gruyter Online) In vielen Tunneln und Bergwerken unter Tage gibt es Nischen oder Schreine mit Barbaraskulpturen. In den Bergbau- und Steinindustriedörfern der Eifel war es Sitte, dass Bergleute und Steinmetze vor ihrem Bildnis die Grubenlampen als Weiheleuchten anzündeten, dort zählt die „hellig Frau“ zu den volkstümlichsten Heiligen.Eifeler Volksbräuche um Mittwinter und Jahreswende. In: Bonner Generalanzeiger vom 4. Dezember 1936.

Aus den Montangebieten der Alpen ist seit dem 17. und 18. Jahrhundert vielerorts bezeugt, dass der Gottesdienst am Barbaratag als Standesfest der Bergleute begangen wurde; dazu trugen die Mitglieder der Knappschaft ihre Bergmannsuniform, und die Barbarafahne wurde in die Kirche vorangetragen.Gerhard Heilfurth: Barbara als Berufspatronin des Bergbaues, 1956/57, S. 15. Ähnliche Festgottesdienste am Barbaratag waren in Oberschlesien in Kirchen beider Konfessionen bis zum Zweiten Weltkrieg üblich; auf die kirchliche Feier folgte ein Festakt, bei dem der verstorbenen Bergleute gedacht wurde und Ehrungen stattfanden. Daran schloss sich ein Fest mit verschiedenen Attraktionen, Freibier und (mancherorts) „Barbarageld“ oder „Barbaragaben“ (z. B. Würste, Semmeln in einem Tuch) an.Gerhard Heilfurth: Barbara als Berufspatronin des Bergbaues, 1956/57, S. 33.

In vielen (ehemaligen) Bergbauorten findet am Barbaratag oder am folgenden Sonntag ein bergmännischer Umzug statt. Zu dem Umzug tragen die Bergleute häufig ihre Bergmannsuniform. Der Bergkittel der Bergleute in Schlesien, Österreich und im Ruhrbergbau ist häufig mit 29 Knöpfen verziert, die Barbaras 29 Lebensjahre symbolisieren sollen.Emil Emscher: Landsmannschaft Schlesien: Oft sind die obersten drei Knöpfe geöffnet; sie symbolisieren entweder Glaube, Hoffnung und Liebe, die Dreifaltigkeit oder sollen an die dreijährige Kerkerhaft von Barbara erinnern. Die neun Zacken des Pelerinkragens erinnern an die neun Haftjahre im Turm.Berg- und Hüttenkapelle St. Martin im Sulmtal: , abgerufen am 19. September 2017.

Schutzpatronin der Artillerie alt=Barbara-Denkmal für das kgl.-bayerische 4. Feldartillerie-Regiments ’König’ in Augsburg.|mini|hochkant|Barbara-Denkmal für das kgl.-bayerische 4. Feldartillerie-Regiment ’König’ in Augsburg