Franzosen sind eine romanischsprachige Titularnation im Westen Europas.Willi Stegner: Taschenatlas Völker und Sprachen, Seite 47. Klett, Gotha 2006 Zusammen mit anderen romanischsprachigen und nicht-romanischsprachigen Minderheiten bilden sie das Staatsvolk Frankreichs. Einige Minderheiten in Frankreich sehen sich in ethnischer Hinsicht als Bretonen, Okzitanier, Elsässer, Katalanen, Basken oder Korsen. Sie beanspruchen damit für ihre jeweilige Gruppe den Status einer eigenen ethnischen Gruppe und grenzen sich auf diese Weise von der Titularnation der „Franzosen“ im ethnischen Sinne ab. Vielfach handelt es sich aber auch um Mehrfachidentitäten.Detlev Wahl: Lexikon der Völker Europas und des Kaukasus, Rostock 1999, S. 21 f.
Französische Ethnogenese
Moderne Mythen über antike Vorfahren mini|hochkant|Vercingetorix wirft Caesar seine Waffen zu Füßen.
Der französische Nationalmythos beginnt bereits mit den Kelten (Gallier), jenem indoeuropäischen Stamm, der sich am frühesten gelöst hatte und am weitesten nach Westen vorgedrungen war, und in den fünf Jahrhunderten bis zur Eroberung durch Caesar (seit 58 v. u. Z.) eine eigene Kultur entwickelt hatte. Zu den mächtigsten Stämmen gehörten die Arverner im Gebirgsland der Auvergne und die Äduer zwischen Saône und Loire.Diercke Länderlexikon, Augsburg 1989, ISBN 3-89350-211-4.Éric Gailledrat: Les Ibères de l’Èbre à l’Hérault (VIe–IVe s. avant J.-C.), Lattes, Sociétés de la Protohistoire et de l’Antiquité en France Méditerranéenne, Monographies d’Archéologie Méditerranéenne – 1, 1997Dominique Garcia: Entre Ibères et Ligures. Lodévois et moyenne vallée de l’Hérault protohistoriques. CNRS éd., Paris 1993; Les Ibères dans le midi de la France. L’Archéologue, n°32, 1997, S. 38–40. Die indoeuropäischen Kelten hatten zuvor die Urbevölkerung (z. B. Ligurer) in den Süden abgedrängt, nur ein Zweig der Iberer, die Aquitaner, hat sich bis heute in geringen Resten in den westlichen Tälern der Pyrenäen erhalten. Der Name Gascogne (vasconia) erinnert an die frühere weitere Ausbreitung der Basken, die in Frankreich aber nicht – wie in Spanien – ihre nationale Sonderstellung bewahrt haben.
Nach der römischen Eroberung hatte sich der Großteil des keltischen Adels akkulturisiert bzw. assimiliert, große Teile der keltischen Bevölkerung waren daraufhin mit Römern zu einer galloromanischen Bevölkerung verschmolzen oder zumindest vermischt und romanisiert. Sie genossen römische Bürgerrechte und waren spätestens im 4. Jahrhundert christianisiert worden.
Ein Nationaldenkmal für den legendären Gallierfürsten Vercingetorix wurde erst 1864 von Napoleon III. errichtet, seine trotzige Kapitulation vor Caesar wurde nach der französischen Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) zum nationalen Mythos überhöht.
Vermischungen der Völkerwanderungszeit mini|hochkant|Chlodwigs Taufe (nach der Schlacht von Zülpich) als fränkisch-galloromanische Symbiose
Die christianisierte galloromanische Bevölkerung wurde im Zuge der Völkerwanderung im Südosten zunächst von Burgundern, im Südwesten von Westgoten und allesamt schließlich von salischen Franken (auch toxandrischen) Franken unterworfen. Dieser Stamm hatte sich um 420 von den ripuarischen Franken um Köln gelöst und soll der Legende nach unter Faramund in das heute belgische und nordfranzösische Gebiet gewandert sein. Der Sieg der Franken über die Alemannen in der Schlacht von Zülpich wurde später im Louvre als Beginn der französischen Geschichte herausgestellt. Die Franken waren ihrerseits allerdings selbst ein buntes Gemisch „freier“ Stämme. Gegenüber sechs bis zehn Millionen unterworfener Galloromanen zählte die Oberschicht der fränkischen Eroberer nur einige Hunderttausend,Rigobert Günther: Vom Untergang Westroms bis zum Reich der Merowinger. Dietz Verlag, Berlin 1987, S. 152. mit der (katholischen) Taufe des Frankenkönigs Chlodwigs (um 500) verband sie sich mit dem einheimischen Adel, allmählich bildete sich eine neue Mischbevölkerung heraus. Zu den germanischen Völkern der Völkerwanderung kamen ab dem 10. Jahrhundert noch die Normannen in der Normandie hinzu. Bei diesen zeigte sich die Assimilationsfähigkeit der galloromanischen Mehrheit am deutlichsten: Innerhalb weniger Generationen waren die Normannen ganz in ihr aufgegangen und francophone Normannen eroberten England sowie Süditalien.
Die ebenfalls im Rahmen der Völkerwanderung erst im 5. Jahrhundert eingewanderten, nichtromanischen (keltischen) Bretonen behielten ihre kulturelle Eigenart und Identität hingegen bis heute bei.
Im Zuge der Ausbildung eines katholischen Universalreiches unter Karl dem Großen hatte die galloromanische Kultur eine kosmopolitische Prägung erhalten. Nach der Teilung des Reiches 843 zeigte sich zum ersten Mal die Einheit der galloromanischen Nation im Aufkommen der neuen Sprache. Im Norden und Osten fiel der Großteil des einstigen Siedlungsgebiets der germanischen Franken bei der Reichsteilung an das Ostfrankenreich (das spätere Deutschland), im Westfrankenreich (das spätere Frankreich) dominierte das Galloromanische. Bis ins 10. Jahrhundert wurde jedoch zumindest ideell sowohl von karolingisch-westfränkischen als auch von ostfränkischen Herrschern an der Reichseinheit festgehalten, die Entstehung des ersten französischen Staates wird daher von den meisten Historikern erst mit der Königskrönung Hugo Capets (987) angesetzt.
Nation und Nationalstaat im Mittelalter
Die Vermischung von Franken und Galloromanen war von Nord nach Süd in unterschiedlich intensivem Maße erfolgt. Im Süden gab es noch eine Zeitlang burgundische und gotische, im Norden und Osten fränkische Siedlungsreste. Zudem bildete Südfrankreich noch um 1000 eine romanische Sprachbrücke eher nach Spanien (Okzitanier, Katalanen) als nach Nordfrankreich. Diese Unterschiede wurden durch die zwischenzeitliche Schwäche des Pariser Königtums gegenüber regionalen Herzögen und später gegenüber englischen Königen gefördert.
Im Ergebnis mehrerer Schlüsselereignisse des Mittelalters bildete sich schließlich eine französische Nation bzw. ein früher Nationalstaat heraus durch den kombinierten Angriff des deutschen Kaisers Heinrich V. und des englischen Königs Heinrich I. 1124 entstand erstmals ein französisches Nationalgefühldtv-Atlas, S. 158, seit 1140 (Historia Karoli Magni et Rotholandi) setzte sich Francia statt Gallia als Selbstbezeichnung des gesamten Königreichs durch.Köller/Töpfer, Teil 1, S. 84f André Maurois setzt die Geburt der nationalen Gemeinschaft mit dem Sieg bei Bouvines 1214 an.André Maurois: Die Geschichte Frankreichs, Seite 61. Löwit, Wiesbaden 1965 während der Kreuzzüge kämpften Nordfranzosen und Südfranzosen gemeinsamWalter Zöllner: Geschichte der Kreuzzüge, S. 33. Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1978, ihr Anführer Ludwig der Heilige († 1270) wurde zum französischen Nationalheiligen mit dem Albigenserkreuzzug bzw. der Eroberung der Grafschaft Toulouse wurde die religiöse, kulturelle und staatliche Einigung abgeschlossen, die Südfranzosen standen fortan unter der Herrschaft der Nordfranzosen, das Zusammenwachsen zu einer gesamtfranzösischen Nation begannKöller/Töpfer, Teil 1, S. 96f, 103 und 106 der Gallikanismus trug zur Herausbildung einer von Rom unabhängigen katholischen Nationalkirche bei im Hundertjährigen Krieg behauptete Frankreich seine nationale Unabhängigkeit gegenüber einer englischen Dynastie, ein französischer Nationalstaat entstanddtv-Atlas, S. 191(Das Werden des französischen Nationalstaates 1285–1453)Köller/Töpfer, Teil 1, S. 198, das durch den Hass auf die englischen Truppen in breiten Bevölkerungskreisen umfassend belebte Nationalgefühl führte zur Herausbildung einer französischen NationKöller/Töpfer, Teil 1, S. 188f, Jeanne d’Arc († 1431) wurde (neben Ludwig) zur Nationalheiligen (in gegenseitiger Abgrenzung voneinander entstand neben der französischen so auch die englische Nation) die Gefahr eines burgundischen Gegenreiches wurde durch die Aufteilung des burgundischen Erbes abgewendet und der französische Nationalstaat abgerundet
Vor dem Hintergrund einer möglichen Spaltung der Nation in Katholiken und Hugenotten hatte der Dichter Pierre de Ronsard in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die erst im Mittelalter erfundene Figur des Francus in seinem Nationalepos verewigt, einen vermeintlich von dem antiken Helden Hektor abstammenden Urahn der französischen Könige, und hatte somit eine Legende erfunden, die die französische Nation sowohl von Troja als auch von Rom abstammen ließ.Köller/Töpfer, Teil 1, S. 240f
Nationalbewusstsein der Neuzeit mini|Ballhausschwur in Versailles mini|Die Freiheit führt das Volk (Julirevolution von 1830) Zur endgültigen Herausbildung eines Nationalbewusstseins kam es bei den Franzosen infolge der Französischen Revolution ab 1789. Die Nation definierte sich nicht im ethnischen Sinn als Abgrenzung von Nachbarvölkern, sondern im demokratischen Sinn als Vertreter des Volkswillens und somit als souveräner Gegenspieler gegen ein absolutes Königtum. Nicht die Einwohner von Paris oder die französischsprachigen Katholiken, sondern die Delegierten des Dritten Stands proklamierten sich daher zur Nationalversammlung (Ballhausschwur). Die Nation wurde eine Staatsnation, sie bestand nicht primär aus ethnischen Franzosen, sondern aus Citoyen bzw. dem Wahlvolk mit staatsbürgerlichen Rechten und republikanischen Idealen.
Die nicht-französischsprachigen Staatsbürger wurden allerdings durch die Wehrpflicht und später durch die Schulpflicht bzw. die damit verbundene obligatorische Verwendung und Verbreitung der offiziellen Amtssprache assimiliert und französisiert, das Hochfranzösische verdrängte z. B. das Okzitanische fast völlig. Das mit dem Papsttum geschlossene Konkordat von 1801 bestätigte die Mehrheitsstellung des Katholizismus und führte gleichzeitig die Trennung von Staat und Religion ein, bis 1905 mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat der Laizismus gesetzlich festgelegt wurde.
Das neue Selbstbewusstsein des sich auf die römische Republik (z. B. Brutus) berufende Bürgertums, das schließlich in der Hinrichtung des Königs (1793) kulminierte, griff in den Revolutionskriegen auch auf die französische Bauernschaft über (die damals 90 % der Bevölkerung ausmachte) und entwickelte sich zu einem Sendungsbewusstsein. Die Grande Nation sah sich fortan als Vorkämpfer für Demokratie und Freiheit und die Einigung Europas unter französischer Vorherrschaft, was auch nach der Niederlage Napoleons anhielt (Julirevolution von 1830, Februarrevolution 1848, Pariser Kommune 1871, Studentenrevolte 1968). Marianne wurde zum Symbol der Freiheit und zum idealistischen Prototyp der französischen Frau.