mini|hochkant=1.4|Mönchengladbacher Münster St. Vitus Das Mönchengladbacher Münster St. Vitus ist eine römisch-katholische Kirche in Mönchengladbach. Von 974 bis zum Jahr 1802 war das Münster die Abteikirche der Benediktinerabtei Gladbach. Heute ist sie die Pfarrkirche des Pastoralen Raums Mönchengladbach Mitte-Nordost im Bistum Aachen. 1974 wurde die Kirche von Papst Paul VI. anlässlich des 84. Deutschen Katholikentages in Mönchengladbach und der 1000-Jahr-Feier der Abteigründung zur päpstlichen Basilica minor erhoben.
Geschichte der Abtei Gründung Erzbischof Gero von Köln gründete nach seiner Rückkehr aus Konstantinopel, wahrscheinlich um 974, auf dem Gladbacher Hügel eine Abtei. Er stellte sie unter den Schutz des Heiligen Geistes, der Gottesmutter Maria sowie des Märtyrers Vitus. Dies geschah in einer Zeit, in der sich das Mönchtum nach der Teilung des Frankenreiches Kaiser Karls des Großen wieder neu entwickelte und neue Reformbewegungen von den Abteien Gorze bei Metz und Cluny in Burgund ausstrahlten. Zum ersten Abt in Gladbach wurde Sandrad benannt, der als Mönch aus St. Maximin in Trier kam und zuvor schon in zahlreichen Klöstern als Reformator gewirkt hatte. Sandrad war eine bedeutende religiöse Gestalt seiner Zeit, die das besondere Vertrauen des Kaisers Otto I. und seiner Gemahlin Adelheid genoss.Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 6. Sandrad soll der Beichtvater der Kaiserin gewesen sein.
Die Gründungslegende geht auf eine alte Handschrift zurück, die Fundatio von etwa 1090, die heute aber im Original nicht mehr existiert. Die älteste bekannte Abschrift befindet sich in der Bibliothek der Societé des Bollandistes in Brüssel und entstand in der Abtei um 1120–1130.Sermo in inventione reliquarum sanctorum Viti, Cornelii, Cypriani et aliorum in Gladebach, in: Vitae Sanctorum, Legendar des 12. Jahrhunderts aus der ehemaligen Abteibibliothek, heute Societé des Bollandistes in Brüssel. Der lateinische Text erzählt vom ersten Gladbacher Kirchenbau durch Balderich in der Zeit Karls des Großen und dessen Zerstörung zur Zeit Ottos I. durch das „ruchlose Volk der Ungarn“.Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 59. Zuvor konnten jedoch vorhandene Reliquien in einem hohlen Stein versteckt werden.
Der archetypischen Legende zufolge hatte der Kölner Erzbischof Gero eine Offenbarung, die ihm aufgab ein Kloster für den heiligen Vitus auf einem bewaldeten Hügel an einem Bach zu gründen. In Begleitung des Trierer Mönchs Sandrad suchte er zunächst in Sachsen und begann in Leichlingen an der Wupper schon mit Bauvorbereitungen. Ein entweihender Zwischenfall ließ sie jedoch weitersuchen. Linksrheinisch kamen sie schließlich außerhalb des Bistums zu einem „unbewirtschafteten Berg, den dichter, schattiger Wald überzog“ und der mehrere Quellen aufwies. Von Ortsansässigen wurde ihnen von Balderich und der Kirche erzählt, von der nurmehr Ruinen zeugten. Nächtlicher Engelsgesang und der folgende Fund des hohlen Steins mit den Reliquien der Heiligen Vitus, Cornelius, Cyprianus, Chrysantus und Barbara aus der zerstörten Balderichkirche wurde als göttliches Zeichen gedeutet und der Berg für die Klostergründung gewählt.Gründungsgeschichte der Abtei Gladbach, „Auszug aus dem Brüsseler Manuskript“ auf der Seite der Pfarre St. Vitus (Zitiert nach Die Gründungsgeschichte der Abtei Gladbach, Übersetzung Manfred Petry, herausgegeben vom Stadtarchiv Mönchengladbach, Redaktion Wolfgang Löhr, Mönchengladbach 1974).
Erzbischof Gero war ein gebürtiger Sachse und St. Vitus war der Stammespatron der Sachsen sowie Patron des ottonischen Königshauses., abgerufen am 24. August 2014. Die Reliquien des hl. Vitus wurden im Jahre 836 von dem vornehmen Kloster St. Denis bei Paris, das auch die Grabstätte fränkischer Könige war, nach Corvey an der Weser übertragen. Wenn auch die Übertragung der Vitusreliquien direkt nach Gladbach nicht ausgeschlossen werden kann, so kann doch angenommen werden, dass ab 836 eine Verbindung zum hl. Vitus bestand, die niedergeschriebene Gründungsgeschichte bestätigt werden kann und die Reliquien sich bereits vor der Gründung der Abtei hier befanden.Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 32.
Der Gründungsort in Gladbach hatte für Gero, der das strategisch-politische Ziel verfolgt haben mag, weiteren Einfluss über die eigenen Bistumsgrenzen hinaus zu gewinnen, auch einen Nachteil: die geistliche Zuständigkeit über das Kölner Eigenkloster lag bei dem Bischof von Lüttich.Alexandra Holtschoppen: Zur Gründungsgeschichte des Klosters St. Vitus in Mönchengladbach. In: Uwe Ludwig, Thomas Schilp (Hrsg.): Mittelalter an Rhein und Maas. Waxmann, Münster 2004, ISBN 3-8309-1380-X, S. 80–85. Dem Kölner Erzbischof blieb aber die Schutzverpflichtung über das Kloster, sowie die Oberaufsicht über die weltliche Gerichtsbarkeit. Weiterhin gehörten die daraus fließenden Gefälle, das heißt die Erträge, Einkünfte und Abgaben zu seinem Eigentum.Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 34.
Die Mönche verpflichteten sich auf die Regel des hl. Benedikt. Bei der Profess gelobten die Mönche Stabilitas loci, das heißt Bindung an ein bestimmtes Kloster, klösterlichen Lebenswandel und Gehorsam.
Entwicklung der Abtei Während der Amtszeit des Kölner Erzbischofs Everger (985 bis 999), der für seinen herben Charakter berüchtigt war, fand ein Gebietstausch mit Lüttich statt: Das Erzbistum erhielt Gladbach und Rheydt, während Lüttich Tegelen, Lobberich und Venlo übertragen bekam.Manfred Petry (Übersetzung), Wolfgang Löhr (Redaktion): Die Gründungsgeschichte der Abtei St. Vitus zu Mönchengladbach. Herausgeber: Stadtarchiv Mönchengladbach, Mönchengladbach 1974, S. 37. Everger war zuvor 986 verantwortlich für die zeitweilige Versetzung des Abts Folrad und des gesamten Konvents der Abtei Gladbach in die Abtei Groß St. Martin in Köln.
Die Geschichte der Abtei in den Folgejahren entsprach im Wesentlichen der anderer Benediktinerklöster. Die Blütezeit der Abtei lag im zehnten bis zum Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Dies spiegeln die Baumaßnahmen und Erweiterungen in dieser Zeit am Münster wider. Spätestens bis 1120 wurde das Kloster Teil der Siegburger Reform.
mini|Stadt, Abtei und Klosterkirche im Jahr 1642.|alt=Bei diesem Bild handelt es sich um eine Fälschung. Es wurde eigens dazu angefertigt, um eine Erweiterung der Schankerlaubnis der Wirtschaft "Zum Gutenberg" von Ernst Wilms zu erlangen. Michael Wefers, Autor des "Findelkindes von Gladbach" (1930) war daran maßgeblich beteiligt. Quellen u. A: Rh. L. Z., 19. Mai 1940: Alt Gladbachs echtes und falsches Stadtbild. Eine Anfrage im Mönchengladbacher Stadtarchiv genügt. Da ist die Fälschung bekannt.
Zum Ende des 13. Jahrhunderts setzte wie andernorts ein Niedergang des geistigen Lebens sowie ein Verfall der klösterlichen Disziplin ein. Die Gladbacher Abtei schloss sich 1511 unter Abt Ägidius von Bocholtz dem Bursfelder Reformverband an, mit dem die Abtei aus eigener Kraft wieder zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückfand.Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 9f. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der schwere Schäden hinterlassen hatte, war die Abtei von einem gegenreformatorischen Geist angetrieben.
Mit dem Frieden von Lunéville ging das Rheinland 1801 an Frankreich. Die Säkularisation in den linksrheinischen Départements 1802 bewirkte eine Verstaatlichung der Kirchengüter und bedeutete die faktische Enteignung der katholischen Kirche. Das Kloster in Gladbach wurde 1802 geschlossen und die Klostergebäude wurden verkauft. Das bewegliche Vermögen geriet in viele Hände.Hugo Borger: Das Münster S. Vitus zu Mönchen-Gladbach. Diss. Essen 1958. 1803 zog eine Baumwollfabrik in die Klostergebäude ein. 1804 wurde das Münster durch Dekret des Bischofs Marcus Antonius Berdolet von Aachen der Pfarre Gladbach als „Hülfs- und Annexkapelle“ zugewiesen.Hans Bange: Das Gladbacher Münster – Die ehemalige Benediktiner-Abteikirche Sankt Vitus. B. Kühlen Verlag, Mönchengladbach 1957, S. 13.
Seit 1835 beherbergt der barocke Prälaturbau des ehemaligen Benediktinerklosters das Rathaus der Stadt Mönchengladbach.Karl-Heinz Schumacher: Das Münster St. Vitus in Mönchengladbach. Erschienen in: Rheinische Kunststätten, Heft 544, Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Köln 2013, S. 24. Die Stadt feierte 1974, in Anlehnung an die Gründung der Abtei 974, das 1000-jährige Stadtjubiläum.
Äbte von Gladbach
+ Äbte der Abtei St. Vitus GladbachNamevonbisBemerkungenWilhelm Classen: Archidiakonat von Xanten. In: Das Erzbistum Köln, Germania sacra Abt. 3, Die Bistümer der Kirchenprovinz Köln. Berlin 1938, S. 425–429.Sandrad974985/6981 auch Abt von Weißenburg; nach Weißenburger Tradition war er Bischof; † 24. August 985 oder 986Meginhard I.981984Vertreter des Sandrads während dessen Vertreibung aus Gladbach; im Abtskatalog nicht erwähntFolrad985/986vor 999Nachfolger Sandrads; † 26. AprilObert um 1000† 4. Juli vor 1060 (Xantener Nekrolog)Folbert10011021† 14. April 1021; identisch mit Abt Folbert von DeutzAraboum 1024Heinrich (Hemerich)10521066Meginhard II.1066nach 1090Adalberoum 1090um 1100Christianum 1100um 1129Walter I.um 1129vor 1144Everwinum 1144um 1158Rupertum 11581183Walter II.1183vor 1197Hermann I.um 1197um 1210Gerhardum 1215um 1240† 29. November vor 1240Hermann II.vor 12411256Dietrich (Theodericus)um 1256um 1301Zerrüttung der wirtschaftlichen Grundlagen des Klosters; wurde vom Erzbischof Wigbold abgesetzt.Wilhelm von Helpensteinvor 13041334Wilhelm von Oranien13341366Sohn des Ritters Wilhelm von OranienGiselbert von Welz13661398Johann von Troisdorf13981418Wilhelm von Jülich (Administrator)14181424Ab 1424 Abt von St. Pantaleon KölnWilhelm Rover von Wevelinghoven I.14241450Wilhelm Rover von Wevelinghoven II.14501492Johann von Epsendorf14921505Aegidius von Bocholtz15051538Peter von Bocholtz15381573Hatte Ansehen innerhalb der Bursfelder KongregationJacob Hecken15741583Vitus Ulricus15831587Antonius Odendahl15871592Theodor Hülsen15921600Arnold von Hückelhoven16011619Heinrich Gormans16191635Petrus Sybenius16351658Bruno Karmanns16581680Ambrosius Steingens168017031685–1703 Präsident der Bursfelder KongregationPetrus Knor17031725Servatius van den Berg172517501728–1750 Präsident der Bursfelder KongregationAmbrosius Specht17501772Lambertus Raves17721799Maurus Ahn17991802
Baugeschichte der Kirche Kirchenbau um 800 mini|Westwerk mit oktogonalem Turm mini|Langhaus nach Ost, mit den Bündelpfeilern für die nicht umgesetzte Vierung
Die Geburtsstunde des Gladbacher Münsters lag um 800, schon weit vor seiner eigentlichen Gründung. Erste gesicherte Kenntnisse über eine Besiedlung des Abteiberges gibt ein Bericht aus dem späten 11. Jahrhundert wieder. Dieser entstand wahrscheinlich im Skriptorium, dem Schreibraum des späteren Gladbacher Klosters. In einer reich ausgeschmückten Erzählung wird ein „gewisser Balderich, Vornehmer des Reiches“ erwähnt, der bereits lange vor der Gründung der Abtei eine Kirche auf dem Hügel erbaut habe, die von den Ungarn im Jahre 954 zerstört worden sei.Clemen 1896, S. 450, gibt als alternatives Datum der Zerstörung neben 954 noch das Jahr 881 an.
Erste Klosterkirche