Der Landkreis Stade ist ein Landkreis im Norden Niedersachsens. Er gehört zur Metropolregion Hamburg und grenzt an die Nordsee.
Geographie Lage Die nordöstliche Grenze des Landkreises wird durch die Elbe markiert. Zum Landkreis Stade gehört neben dem weithin bekannten Alten Land die Landschaft Kehdingen sowie die Stader Geest. Durch den Landkreis ziehen sich einige kleinere Flüsse, wie zum Beispiel die Schwinge, die Este und die Lühe.
Nachbarkreise Der Landkreis grenzt im Uhrzeigersinn im Norden beginnend an die jenseits der Elbe liegenden Kreise Dithmarschen, Steinburg und Pinneberg (alle in Schleswig-Holstein), an die Stadt Hamburg sowie an die Landkreise Harburg, Rotenburg (Wümme) und weitgehend dem Verlauf der Oste folgend Cuxhaven (alle in Niedersachsen).
Historische und institutionelle Einzugsbereiche Bezogen auf die historische Entwicklung gehört der Landkreis Stade zum früheren Territorium Bremen-Verden, das sich über das Elbe-Weser-Dreieck erstreckte. Zu diesem gehören neben dem Landkreis Stade die heutigen Landkreise Cuxhaven, Osterholz, Rotenburg (Wümme) und Verden. Viele Einzugsbereiche kirchlicher, kultureller, gesellschaftlicher oder sozialer Institutionen wie Handelskammer, evangelischer Kirchensprengel, Landschaftsverband und andere orientieren sich bis heute an den Grenzen dieses historischen Gebietes. Das Territorium Bremen-Verden bildete später mit der Landdrostei Stade und dem Regierungsbezirk Stade eine Kontinuität. Letzterer ging 1978 im seit 2004 ebenfalls nicht mehr existierenden vergrößerten Regierungsbezirk Lüneburg auf.
Geschichte 1885 bis 1932
Der erste Kreis Stade wurde 1885 im Regierungsbezirk Stade der preußischen Provinz Hannover gebildet.
1932 bis 1945 Bei der preußischen Kreisreform vom 1. Oktober 1932 wurde durch den Zusammenschluss des alten Kreises Stade mit dem Kreis Kehdingen sowie dem Westteil des Kreises Jork ein neuer Landkreis Stade gebildet. Dem neuen Landkreis wurden außerdem die Gemeinden Großenwörden, Hüll und Neuland aus dem aufgelösten Kreis Neuhaus an der Oste zugeschlagen.
Im Rahmen des Groß-Hamburg-Gesetzes trat der Landkreis Stade am 1. April 1937 die Gemeinde Cranz an Hamburg ab.
NS-Zeit mini|Gedenkstele für die Opfer des NS-Regimes im Landkreis Stade, an der Stader St.-Wilhadi-Kirche
In der Zeit des Nationalsozialismus kam es auch im Landkreis Stade zur Judenverfolgung durch das NS-Regime. Bei den Novemberpogrome von 1938 gab es am 9. November Ausschreitungen von SS- und SA-Männern gegen jüdische Einrichtungen und Menschen, denen sich viele Stader Bürger anschlossen.Ole Plorin: „Stade mit anderen Augen sehen – Spuren der NS-Diktatur in Stade.“ IGS-Stade, Oktober 2021; abgerufen: 4. Mai 2024. Sowohl beim Bankhaus Friedlaender und Wertheim, als auch bei der Rechtsanwaltskanzlei Hertz wurden die Scheiben eingeschlagen und die Innenräume teilweise verwüstet. Die jüdischen Besitzer konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. IGS-Stade, 2021 Jüdische Geschäfte im Landkreis wurden ab 1. April 1933 mit Boykott bedroht. Darunter war auch das Süßwarengeschäft Julius Poppert in der Bahnhofstraße 1, dessen Besitzer sich aufgrund der Repressionen zwei Jahre später das Leben nahm. IGS-Stade, 2021 Von der Judenverfolgung zeugt der Jüdische Friedhof in der Albert-Schweitzer-Straße in Stade, der heute nur noch einen originalen Grabstein aufweist. Der damalige Stader Bürgermeister Carl Nörtemann (NSDAP) gab im Juni 1940 Anweisung zur Schändung des Friedhofes.Stade: Die Stadt erinnert an die dunklen Stunden ihrer Geschichte Gedenksteine für den Jüdischen Friedhof 1942 wurde der seit 1826 bestehende Friedhof geräumt und eingeebnet. Die Grabsteine verschwanden bis auf einen spurlos. Heute erinnern noch zwei Gedenkstelen an die dort begrabenen Deutschen jüdischen Glaubens. IGS-Stade, 2021
Die ersten Deportationen von Juden und der laut den NS-Rassegesetzen als jüdisch geltenden Personen aus der Stader Region begannen gegen Ende des Jahres 1941. Nach kurzen Zwischenaufenthalten in Hamburg oder Bremen wurden die hier lebenden Juden mit der Reichsbahn zu den Deportationsorten KZ Theresienstadt, ins Ghetto Riga und Ghetto Minsk verbracht. Dort wurde ein Großteil von ihnen in planmäßigen Vernichtungsaktionen durch Giftgas, Erschießung oder gezielt herbeigeführte Entkräftung ermordet. Am 18. November 1941 wurden beispielsweise 440 Juden zum Bremer Bahnhof getrieben und zusammen mit 130 weiteren aus dem Regierungsbezirk Stade in Güterwaggons nach Minsk verschleppt.Ulrike Puvogel &Martin Stankowski: „Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation“, Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb), Bonn 1995, S. 209; aufgerufen: 5. Mai 2024. Die letzte bekannte Deportation aus der Stader Region fand Mitte August 1943 aus Assel statt. Lediglich eine Stader Jüdin, die 1899 geborene Erna Davids, überlebte das Vernichtungslager.Hartmut Lohmann: "Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus", Stade 1991, S. 310„Verfolgt, verschleppt, ermordet“, Stolpersteine in Stade, Initiative "Stolpersteine Stade - Online", Stade; abgerufen: 4. Mai 2024.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden auch im Landkreis Stade Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene eingesetzt. Sie leistete Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie und in der Privatwirtschaft bei Bauern und in Haushalten sowie bei der Reichsbahn und der Organisation Todt.Jürgen Bohmbach: ...zu niedriger Arbeit geboren... Zwangsarbeit im Landkreis Stade 1939-1945. Stade: Stadtarchiv 1995, ohne ISBN Lagerstandorte für russische Kriegsgefangene befanden sich in Brest (Kreis Stade), in der Gastwirtschaft Arnold Dittmer, und in Brest-Aspe, als Außenlager des Stalag Stammlager X B bei Sandbostel. Datenbank: Arbeitskommandos mit sowjetischen Kriegsgefangenen in Norddeutschland; abgerufen: 4. Mai 2024. Die Grabstätte eines der NS-Opfer, des russischen Kriegsgefangenen Gregori Komarow in Nottensdorf, erinnert an diese Verfolgungsschicksale.Jörg Dammann: Aufruf zum ‚Tag der Befreiung‘: Erinnern an die NS-Opfer im Landkreis Stade. Kreiszeitung-Wochenblatt, 6. Mai 2020. Von dem Bahnhof Stade wurden in den 1930er und 1940er Jahren die Zwangsarbeiter auf die ortsansässigen Unternehmen und landwirtschaftlichen Betriebe verteilt und auf LKW oder Pferdefuhrwerke verladen.
In der Nachbarschaft des damaligen Stader Krankenhauses, dem heutigen Polizeigebäude in der Teichstraße, befanden sich zur NS-Zeit Holzbaracken, in denen ausschließlich Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten, überwiegend aus Osteuropa (Polen, Ukrainer, Russen) unter oft unmenschlichen Bedingungen behandelt wurden. Von ihnen starben allein 284 im Landkreis Stade, darunter mindestens 105 Kinder. Viele der Zwangsarbeiter waren nicht älter als 14 Jahre. An so genannten „fremdvölkischen“ Arbeiterinnen wurden zudem mindestens 230 Zwangsabtreibungen durchgeführt. Nicht zuletzt, weil sie den Nazis als „minderwertige Rassen“ galten, denen sie kein Recht auf Leben zusprachen. Heute erinnern 23 Stolpersteine an das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen sowie an zahlreiche weitere Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. IGS-Stade, 2021
Im Juli 1933 erließ das NS-Regime das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (GzVeN) als Teil der nationalsozialistischen Rasse- und Bevölkerungspolitik. Amtsärzte stellten die Anträge über die dann ein sogenanntes „Erbgesundheitsgericht“ entschied. Auch für den Gerichtsbezirk des Landgerichts Stade wurde am 1. Januar 1934 ein solches Gericht geschaffen. Dessen Zuständigkeitsbereich erstreckte sich im Wesentlichen auf die damaligen Landkreise Stade, Land Hadeln, Bremervörde und Harburg-Land. Das Gericht beschloss in den Jahren 1934 bis 1939 insgesamt 951 Zwangssterilisationen, die u. a. im städtischen Krankenhaus Stade durchgeführt wurden. Allein im ersten Halbjahr 1935 fanden im Landkreis Stade 84 Zwangssterilisationen statt. Zu den Zwangssterilisierten gehörten auch ein 14-jähriges Mädchen und ein 11-jähriger Junge. Die Einweisungen ins Krankenhaus wurden z. T. zwangsweise durchgeführt.Zwangssterilisationen im Landkreis Stade, VVN-BdA Stade; aufgerufen: 4. Mai 2024.
An der Bahnhofstraße, die zur NS-Zeit „Adolf-Hitler-Straße“ hieß, liegt das so genannte „Regierungsgebäude“. Hier war der vormalige Sitz des preußischen Regierungspräsidenten. Bereits 1933 wurde von der Verwaltung aus eigenem Bestreben die Hakenkreuzfahne auf dem Gebäude gehisst. Dies war zur damaligen Zeit für Verwaltungsgebäude nicht üblich. Von diesem Gebäude aus wurden Genehmigungen zum Abtransport von behinderten Menschen (Euthanasie) erteilt, obwohl zu der Zeit keine gesetzliche Grundlage dafür bestand. Erst 1939 veröffentlichte Adolf Hitler eine persönliche Verfügung, in der er davon sprach, geistig und körperlich eingeschränkten Menschen zum „Gnadentod“ zu verhelfen. IGS-Stade, 2021 An der Stader St. Wilhadi-Kirche erinnern drei, im November 2020 errichtete Stehlen an die der Opfer des NS-Regimes im Landkreis Stade, die als „Fremdvölkische Volksschädlinge“, „Minderwertige“ und „Erbkranke“ diskriminiert, ausgesondert, verfolgt und ermordet wurden.Jaana Bollmann: "Gedenkstelen für NS-Opfer an Stader St. Wilhadi-Kirche aufgestellt." Kreiszeitung-Wochenblatt, 17. November 2020; aufgerufen: 5. Mai 2024.
An der beliebten Hohentorsbrücke am Bahnhof kam es 1935 zu einem fürchterlichen „Schauspiel“. Der Pastor der Wilhadi-Kirche, Johann Gerhard Behrens, der die Nationalsozialisten in den 1930er Jahren öffentlich als „Gesandte des Teufels“ bezeichnete, wurde dort von SS-Männern aufgegriffen, verprügelt und gefesselt. Begleitet von einer SA-Kapelle, die nationalsozialistische Marschmusik spielte, wurde der Pastor mit einem Schild um den Hals, mit der Aufschrift „Ich bin ein Judenknecht“, durch die Straßen getrieben. Viele Stader Bürger wurden damals Zeugen dieses Tribunals und beteiligten sich aktiv an der Schändung des Geistlichen durch Beschimpfungen und Wurfgeschosse. IGS-Stade, 2021
In der NS-Zeit wurde auch die ordentliche Rechtsprechung im Landkreis Stade zunehmend außer Kraft gesetzt. Die polizeilichen Befugnisse wurden sowohl an die geltende Rechtsprechung angepasst als auch willkürlich darüber hinaus ausgedehnt sowie politische Verfahren von neu geschaffenen Gerichten an sich gezogen. Die nationalsozialistische Exekutive vereinnahmte die Judikative immer weiter.Volker Drecktrah & Jürgen Bohmbach (Hrsg.) (2004): Justiz im Nationalsozialismus im Landgerichtsbezirk Stade - Vorträge und Materialien. Stadt Stade, Der Stadtdirektor, 2004, S. 41Hartmut Lohmann (1991): 'Hier war doch alles nicht so schlimm'. Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus. Stade: 1991
Nachkriegszeit Die Gebietsreform in Niedersachsen brachte 1972 eine umfassende Neugliederung sowie einen Gebietszuwachs im Südosten des Landkreises:Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden im Raum Cuxhaven / Land Hadeln / Stade, 27. Juni 1972 Die Gemeinden Hove und Moorende aus dem Landkreis Harburg wurden in die Gemeinde Jork eingegliedert. Die Gemeinden Daensen, Eilendorf, Immenbeck, Ketzendorf und Ovelgönne aus dem Landkreis Harburg wurden in die Stadt Buxtehude eingegliedert. Durch zahlreiche Gemeindefusionen wurde die Zahl der Gemeinden des Landkreises deutlich verringert.
Zum 1. Januar 2014 fusionierten die Samtgemeinden Oldendorf und Himmelpforten zur neuen Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten.Verordnung über den Zusammenschluss der Samtgemeinden Himmelpforten und Oldendorf vom 14. Februar 2013 In: Niedersächsisches Gesetz- und Verordnungsblatt Nr. 4/2013 S. 69
Einwohnerentwicklung mini|400px|Bevölkerungspyramide für den Kreis Stade (Datenquelle: Zensus 2011.)