mini|„Die Philosophie thront inmitten der Sieben Freien Künste“ – Darstellung aus dem Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)
Die Philosophie des Mittelalters in Europa umfasst sehr vielfältige Strömungen, die sich seit dem Ende der Antike bis zur Reformation entwickelt haben. Im abendländischen Kulturkreis wird sie durch das Christentum geprägt und getragen. Ohne den Bezug auf die klassische griechische Philosophie wäre sie auch hier nicht zu denken. Im Versuch, Wissen und Methode des Altertums und der jeweiligen Gegenwart zu vermitteln, zielt das philosophische Bemühen in einer religiös durchprägten Kultur auf Synthese mit dem religiösen Glauben. So verstanden, hat es seine Spitze in der natürlichen Theologie. Entsprechendes gilt auch für viele jüdische und islamische Denker dieser Epoche.
Abgrenzung des Mittelalters Das europäische Mittelalter ist nicht eindeutig definiert. Als Beginn dieser Epoche galt früher meist das Ende des weströmischen Reiches 476, heute eher das Ende der Spätantike im 6. Jahrhundert. Josef Pieper nennt das Jahr 529 als „symbolische“ Wegmarke – Schließung der antiken Platonischen Akademie und Gründung der benediktinischen Abtei Montecassino.Josef Pieper: Philosophen und Theologen im Mittelalter. Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer 2015, ISBN 978-3-8367-1011-4, (Erstausgabe 1960), S. 19 Das Ende des Spätmittelalters und den Beginn der Frühen Neuzeit datiert man auf die Entdeckung Amerikas 1492 oder die Reformation 1517.
Den Begriff „Mittelalter“ (Medium aevum) führte die Renaissance ein, um den vorherigen Zeitraum von der Antike zu trennen. Damit war oft eine Abwertung verbunden: Das Mittelalter galt als „finstere“ Epoche, in der sich keine freie und humane Philosophie entfalten konnte.
Dieses Urteil verkannte jedoch den Beitrag, den die Philosophen des Mittelalters zur Philosophiegeschichte geleistet haben. In ihrem Denken war schon vieles angelegt, was die Gelehrten der Renaissance, des Humanismus, der Reformation und schließlich der Aufklärung formulierten.
Übergang von der spätantiken zur mittelalterlichen Philosophie Schon in der Entstehung der christlichen Theologie seit dem 2. Jahrhundert beziehen sich christliche Apologeten und Kirchenväter auf philosophische Lehren. Das aufkommende Christentum musste sich dogmatisch festigen und gegen „Häresien“ durchsetzen. Es musste auch christliche Lehren gegen konkurrierende Denkschulen des Hellenismus, aber auch religiösen Gruppen des Gnostizismus und Manichäismus verteidigen. Dies war nicht möglich, ohne sich philosophischer Begrifflichkeit und Methode zu bedienen.
Die Patristik bereitete Grundlagen für das Zusammenspiel und die Synthese von Vernunft (Wissen) und Offenbarung (Glauben), die philosophische Entwürfe der Folgezeit mitbestimmten. Die Philosophie – damals meist in Form des Neuplatonismus – war hier der Theologie ein- bzw. untergeordnet, blieb so aber ihr integraler Bestandteil. In dieser Hinsicht lässt sich bereits die christliche Patristik als Vorphase der mittelalterlichen Philosophie beanspruchen, obwohl sie zeitlich noch zur Antike gehört.
Die damaligen philosophischen Zentren haben sich vor allem in Alexandria (Ägypten) und Rom, später verstärkt auch in Nord- und Westeuropa herausgebildet. Nach der Konstantinischen Wende schuf der Nordafrikaner Augustinus von Hippo den tragenden Gesamtentwurf der katholischen Theologie. Er nahm die Fragestellungen der neuplatonischen Philosophie als „Vorbau“ in sein System auf, das für die nächsten 500 Jahre maßgebend wurde.
Die Vorherrschaft der Kirche bewahrte und verbreitete nach dem Zerfall des Römischen Reiches in ganz Europa das Lateinische. Es blieb im Bereich des Abendlands einheitliche Sprache des Gottesdienstes wie der Wissenschaft, so dass philosophische Diskurse hier ausschließlich auf Latein geführt wurden. Dies begünstigte im Hochmittelalter ihren Anspruch auf Universalität, der nicht an nationale Grenzen gebunden war.
Patristik (bis Augustinus)
Die Geschichte der Patristik ist ganz überwiegend ein Stück Theologiegeschichte. Historisch gesehen gehört sie eigentlich in die Spätantike. Um die Entstehung der philosophischen Positionen des Mittelalters – ausgehend von Augustinus – verstehen zu können, bedarf es jedoch eines Überblicks über diese Zeit. Die Patristik verlief weitgehend parallel zur Spätantike, häufig in einer weltanschaulichen Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie. Anknüpfungspunkte ergaben sich dabei auch zu der Tugendlehre der Stoa (Seneca, Marc Aurel) oder der Skepsis (Sextus Empiricus). Wichtiger ist aber der mittlere Platonismus, wie er in Alexandrien von dem jüdischen Denker Philon (1. Jh. n.) gelehrt wurde und der Neuplatonismus, den Plotin (3. Jh. n.) begründete. Viele oftmals durch griechische Bildung erzogene Kirchenväter versuchten, Plotins Lehre von dem unbeschreiblichen Einen, das in Seinsstufen des Weltgeistes in die Welt ausströmt (Emanation) mit den christlichen Lehren zu verbinden. Zugleich ist die Patristik die Phase der Orientierung und der Herausbildung gefestigter Lehrsysteme. Auch erste Lehrentscheidungen (Dogmen) fallen in dieser Phase des Christentums und grenzen abweichende Positionen (Häresien) aus. Mit zunehmender Anerkennung des Christentums, dann auch als Staatsreligion (im 4. Jh.), bei gleichzeitigem Verfall des römischen Reiches traten die traditionellen griechischen Philosophenschulen immer mehr in den Hintergrund.
Apostolische Väter
In seinen Anfängen war das Christentum als Religion fast ausschließlich durch seine Herkunft aus dem Judentum und dessen Traditionen geprägt. Mit der rasch beginnenden Ausbreitung im Mittelmeerraum und der zunehmenden Zahl der Heidenchristen mussten schon die Apostel, erst recht aber die frühen Kirchenväter deren anderen kulturellen Hintergrund mit anderen Fragen und Sichtweisen in den christlichen Glauben integrieren. Diese war daher eine frühe Aufgabe der apostolischen Väter, von denen überwiegend nur Bruchstücke bzw. Nachweise in Erzählungen vorliegen. Hermas (um 150), Ignatius von Antiochien († ca. 107) oder Polykarp von Smyrna (um 69–155/156) haben dabei vorwiegend Lehrbriefe verfasst, die der Form der neutestamentlichen apostolischen Gemeindebriefe ähneln.
Häretiker Unter Gnosis (siehe auch Erkenntnislehre) werden verschiedene häretische Positionen des 2. und 3. Jahrhunderts zusammengefasst. Typisch ist meist, dass diese die Erkenntnis Gottes vor allem spirituell erreichen wollen und christliche Lehren um Erzählungen, Mythen und klassische Philosophie ergänzen. Dabei waren sie zunächst kaum von christlichen Lehrern zu unterscheiden, wurden aber von sog. orthodoxen Autoren als Irrlehrer diskreditiert. Oft wird zwischen Gott und einem zusätzlichen Weltschöpfer unterschieden. Die Seele wird als ein auf der Erde verirrter Fremdling wahrgenommen, doch enthält der Mensch einen göttlichen „pneumatischen Samen“, der die Rückkehr in die Sphäre Gottes, das Pleroma, ermöglicht, wenn der Mensch sich von allem Irdischen löst. „Gnosis“ bezieht sich also auf die Erkenntnis des Überweltlichen und des Weges dorthin. Bedeutende Vertreter waren Basilides (um 133), Valentinus (um 150) und Nähen bestehen auch zu Marcion von Sinope. Die Gnostiker waren in ihrer Wirkung in aller Regel lokal und zeitlich begrenzt. Eine weitaus umfassendere Wirkung erreichte der Manichäismus des Persers Mani (216–276). Nach Mani ist die Geschichte in drei Phasen eingeteilt. Zunächst standen sich die Reiche des Lichtes und der Finsternis getrennt gegenüber. In der zweiten Phase, der Entstehung des Kosmos, kam es zu einer Vermischung beider Reiche. Die Erlösung entsteht in der dritten Phase der Weltgeschichte, in der das Licht die Oberhand über die Finsternis gewinnt. Als Propheten dieser Zeit werden u. a. Buddha, Jesus und schließlich Mani angesehen.
Apologeten miniatur|Clemens von Alexandrien
Die Apologeten benutzten die klassische Philosophie, um die Verträglichkeit des Christentums mit einigen hergebrachten Weltanschauungen aufzuzeigen und von anderen abzugrenzen. Ihr Philosophieren stand unter dem Primat des Glaubens. Für Justin den Märtyrer (um 100–163) führte der Weg zu Gott nur über die wahre Philosophie, das Christentum. Die klassische Philosophie könne dagegen keine Antworten auf letzte Fragen geben. Dies sei nur durch die Heilige Schrift und die Lehren der Freunde Christi möglich. Athenagoras von Athen (ca. 130–190) wandte sich mit einer Bittschrift an den Kaiser Mark Aurel. Er war ein konvertierter Philosoph, wahrscheinlich der platonischen Richtung. Von Tatian als Schüler des Justin ist eine Rede an die Griechen bekannt. Irenäus von Lyon (120–200) war Bischof von Lyon, kämpfte gegen Häretiker und gilt, da er dabei wesentlich definierte, was als Häresie und was als Orthodoxie gilt, als einer der Begründer der kirchlichen Dogmatik. Tertullian (ca. 160–225) war der erste Kirchenvater, der auf Latein schrieb und so wichtige Begriffe des Kirchenlateins schuf. Für ihn galt ebenfalls das Primat der Heiligen Schrift, die Philosophie hatte nur eine ergänzende Funktion.
Clemens von Alexandrien (ca. 150 – gest. nach 215) war stark beeinflusst von Philon, einem jüdischen Alexandriner, der sich aus Sicht des Judentums stark mit der Philosophie befasst: „Denn die richtigen Lehren anzunehmen und die anderen zu verwerfen, dazu befähigt nicht einfach der Glaube, sondern nur der auf Wissen beruhende Glaube.“ (nach Heinzmann, 35). Clemens von Alexandrien hat die platonische Philosophie (die damals eher eine Außenseiterposition war) für die christliche Theologie vereinnahmt. Ergebnisse seines Denkens waren später wichtige und umstrittene Themen der mittelalterlichen Philosophie: miniatur|Athanasius von Antiochia Überlegtes und vernünftiges Handeln entspricht dem Willen Gottes. Die Fähigkeit, durch Abstraktion zum Glauben zu finden, ist eine natürliche Fähigkeit der Seele, genauer gesagt des Geistes. Die Philosophie dient auch der Auseinandersetzung über das im Glauben als richtig Erkannte. Der Glaube bestimmt allerdings schlussendlich die Wahrheit. Der Zweifel der Skepsis ist in sich selbstwidersprüchlich. Gott selbst ist unsichtbar und unaussprechlich. Die Wahrheit findet man in den von ihm geoffenbarten Schriften. Cyprian (200–258) hingegen, der wie Tertullian aus Karthago stammte, vertrat die Kindstaufe (d. h. eine Taufe ohne bewusste Einwilligung) und sah den Glauben als reine Gnade Gottes.
Innerkirchliche Probleme brachte die Auseinandersetzung um die sog. Trinitätslehre. Der christliche Presbyter Arius von Alexandria (256–336) bestritt die Dreieinigkeit Gottes und sah im Sohn wie auch im Logos zwar etwas Göttliches, aber nicht Gott selbst. Demgegenüber vertraten die Trinitarier unter maßgeblicher Führung des Bischofs von Alexandrien Athanasius (um 298–373) die Position der Wesensidentität Jesu und Gott des Vaters. Der Streit schwelte über 50 Jahre und führte dazu, dass zahlreiche Kleriker verbannt wurden, bis er offiziell im Jahre 381 durch das Erste Konzil von Konstantinopel zugunsten der Trinitarier gelöst wurde. Der Arianismus hielt sich aber noch ca. 300 Jahre, insbesondere unter den Germanen und Goten, die erst allmählich in die römische Kirche aufgenommen werden konnten.
Theologische Systematisierungen miniatur|Ambrosius von Mailand
Origenes (ca. 185–253) begründete das Konzept der allegorischen Schriftauslegung, um Widersprüchen in den Originaltexten der Bibel zu entgehen. Auch sein Ziel war die Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie, um insbesondere dem Neuplatonismus das Christentum als die „wahre Philosophie“ aufzuzeigen. Philosophie hat dabei die Aufgabe der Durchdringung der apostolischen Überlieferung, die göttlichen Ursprungs ist. Gott ist unerkennbarer Geist jenseits von Sein und Wesen, der durch den Logos der Schöpfer von allem ist.