mini|Einlappenkasuar (Casuarius unappendiculatus) mini|Kopfansicht eines Bennettkasuars
Die Kasuare (Casuarius) sind eine Gattung großer flugunfähiger Vögel aus der Gruppe der Laufvögel. Das Verbreitungsgebiet umfasst Neuguinea mit einigen Nebeninseln, wo Kasuare die größten Landtiere sind, sowie die australische Kap-York-Halbinsel. Der Name „Kasuar“ ist vom malaiischen Namen „kasuari“ abgeleitet.
Merkmale Die Kasuare werden durch einen helmartigen, mit Horngewebe überzogenen Auswuchs auf dem Kopf von anderen Laufvögeln unterschieden. Die Funktion dieses Helms war lange rätselhaft und Gegenstand eines umfassenden Fachdiskurses. Traditionell wurde der Nutzen der Vorrichtung so erklärt, dass er einen Schutz vor Kopfverletzungen bei schnellen Bewegungen im dichten Wald biete; allerdings halten Kasuare ihren Kopf immer gerade, und eine Schutzfunktion des Helms tritt erst bei geneigtem Kopf ein.A. L. Mack & J. Jones (2003): Low-Frequency Vocalizations by Cassowaries (Casuarius spp.). The Auk 120(4): 1062–1068. Eine mögliche Hauptfunktion könnte in der Anzeige des Rangs liegen; mit anderen Worten, die Größe des Helms spiegelt den sozialen Status eines Individuums wider und spielt somit eine Rolle im Sozialverhalten. Ebenso könnte der Helm eine Rolle in der tieffrequenten akustischen Kommunikation der Kasuare spielen. Jüngste Forschungen kommen nun zu dem Ergebnis, dass der Helm bzw. die innenliegende Gewebestruktur der Regulierung der Körpertemperatur dient.Lars Fischer: Wozu trägt dieser Vogel einen Helm?, Spektrum.de, 3. April 2019.
Der Kopf ist unbefiedert, bei zwei der drei Arten auch der Hals. Bei diesen zweien sind die blau-rot gefärbte Haut sowie herabhängende Hautlappen sichtbar. Die Anzahl dieser Hautlappen kennzeichnet die Arten: keiner beim Bennettkasuar, einer beim Einlappenkasuar und zwei beim Helmkasuar. Den leuchtenden Farben könnte im dichten Wald eine Signalwirkung zukommen. Die Farbe der Hautpartien am Hals kann sich mit den Stimmungen des Vogels verändern.
Das einfarbig schwarze Gefieder der Kasuare weist einige Besonderheiten auf. So fehlen wie bei den verwandten Emus die Steuerfedern. Die Schwungfedern bestehen nur aus den Kielen. Die Flügel sind vorhanden, aber zu kleinen Stummeln verkümmert.
Die Beine sind äußerst kräftig, verfügen über je drei Zehen (Tridactylie) und ermöglichen Geschwindigkeiten bis zu 50 km/h. Die Tiere besitzen an der Innenzehe ihrer Füße eine bis zehn Zentimeter lange dolchartige Kralle, die als gefährliche Waffe eingesetzt werden kann.
Ausgewachsene Helmkasuare und Einlappenkasuare können ca. 1,70 Meter hoch und über 60 Kilogramm schwer werden. Damit zählen sie zu den größten und schwersten lebenden Vögeln überhaupt.
Die Geschlechter sind nur schwer voneinander zu unterscheiden. Weibchen sind im Durchschnitt etwas größer, haben leuchtendere Farben und größere Helme. Allerdings ist dies kein sicheres Unterscheidungsmerkmal. Kasuare im Jugendkleid haben ein braunes Gefieder; ihnen fehlen die leuchtenden Farben der Halspartien und die Helmaufsätze sind deutlich kleiner.
Verbreitung und Lebensraum Kasuare leben in den tropischen Regenwäldern Neuguineas und Queenslands. Neuguinea ist das hauptsächliche Verbreitungsgebiet. Alle drei Arten bewohnen ähnliche Habitate, vermeiden für gewöhnlich aber ein Aufeinandertreffen, da sie unterschiedliche Höhenlagen bevorzugen. So lebt der Einlappenkasuar vor allem in Tieflandwäldern, der Helmkasuar in mittleren Höhen und der Bennettkasuar im Bergregenwald. Allerdings gibt es Überschneidungen in den Habitaten und keine scharfen Trennlinien; in Gegenden, in denen die anderen Arten nicht vorkommen, steigt der Bennettkasuar auch bis auf Meeresspiegelhöhe hinab. Da sie das gesamte Jahr über auf Früchte angewiesen sind, können sie nur in großen Wäldern überleben, die eine große Artenvielfalt aufweisen.Christopher M. Perrins (Hrsg.): Die BLV-Enzyklopädie Vögel der Welt. Aus dem Englischen von Einhard Bezzel. BLV, München/Wien/Zürich 2004, ISBN 978-3-405-16682-3, S. 45 (Titel der englischen Originalausgabe: The New Encyclopedia Of Birds. Oxford University Press, Oxford 2003).
Australien scheint im Pleistozän ebenfalls von Kasuaren bewohnt worden zu sein. Heute lebt nur noch der Helmkasuar auf der Kap-York-Halbinsel im Norden Queenslands. Auch hier sind Kasuare reine Waldbewohner; dass sie gelegentlich auch auf Feldern gesichtet werden, liegt darin begründet, dass die zunehmende Waldzerstörung die Durchquerung solcher Freiflächen erforderlich macht.
Außerdem leben Kasuare auf einigen Nachbarinseln Neuguineas: der Helmkasuar auf Seram und den Aru-Inseln, der Bennettkasuar auf Neubritannien und Yapen und der Einlappenkasuar auf Yapen und Salawati. Es ist aber unklar, ob diese ursprünglich dort heimisch waren oder ob ihr Vorkommen das Ergebnis des Handels mit Jungvögeln durch die Bewohner Neuguineas ist.
Die IUCN führt zwei der Arten (Einlappenkasuar und Helmkasuar) als gefährdet. Allerdings sind von keiner der Arten auch nur annähernde Bestandszahlen bekannt, da weite Teile des Regenwaldes Neuguineas nach wie vor unerschlossen sind. In Australien ist der Helmkasuar streng geschützt.
Lebensweise Verhalten Die Kasuare sind scheue Vögel, die tief im Wald leben und sich meist schon entfernen, bevor ein Mensch ihre Anwesenheit bemerkt. Bedingt durch die heimliche Lebensweise sind Kasuare unzureichend erforscht. Sie sind dämmerungs- und nachtaktiv, mit Aktivitätsspitzen in der Morgen- und Abenddämmerung. Am Tage ruhen sie sitzend. Die meiste Zeit verbringen sie mit der Nahrungssuche. Hierbei legen sie Pfade durch das Unterholz an, die sie dann immer wieder benutzen.
Abgesehen von der Fortpflanzungszeit sind Kasuare territoriale Einzelgänger. Kasuare erzeugen tieffrequente, dröhnende Laute von bis hinab zu 23 Hertz, die möglicherweise der Kommunikation dienen. Tieffrequente Laute werden auch über weite Distanzen nicht gedämpft, sie würden also ein geeignetes Kommunikationsmittel im dichten Regenwald darstellen. Der Helm ist vielleicht geeignet, solche tiefen Laute aufzufangen. Momentan sind Funktion des Helms und die innerartliche Kommunikation der Kasuare für definitive Schlüsse jedoch nicht hinreichend erforscht.
Vor allem, wenn Kasuare Junge haben oder sich in die Enge getrieben fühlen, können sie äußerst aggressiv reagieren. Einem Angriff gehen normalerweise Drohgebärden voraus, bei denen die Federn aufgerichtet werden und der Kopf zu Boden geneigt wird, der Hals anschwillt und der Körper zu zittern beginnt. Kommt es dann tatsächlich zu einem Angriff, tritt der Kasuar mit beiden Beinen gleichzeitig zu. Die dolchartige Kralle kann dabei schwerste Verletzungen hervorrufen – auch Todesfälle sind schon vorgekommen, sind aber selten.
Fortpflanzung mini|Ei, Sammlung Museum Wiesbaden Die genaue Fortpflanzungszeit der einzelnen Arten ist nicht bekannt. Die meisten Populationen scheinen zwischen Juni und Oktober zu brüten, doch fand man brütende Vögel schon zu jeder Zeit des Jahres. Die Männchen wachen über ein Revier mit einer Fläche von einem bis fünf Quadratkilometern. Betritt dies ein Weibchen, beginnt das Männchen mit der Balz. Dabei wird das Gefieder aufgestellt und das Weibchen langsam umkreist; der Hals wird aufgeblasen, leuchtet dabei besonders grell, und ein dumpfes „buu-buu-buu“ wird ausgestoßen.
Nach der Begattung bleibt das Paar einige Wochen zusammen. Dabei legt das Weibchen drei bis fünf Eier in eine vom Männchen bereitete Nestgrube. Es sind recht große Eier, die bis zu 650 Gramm schwer werden können. Nach dem Legen verlässt das Weibchen das Nest. Oft geht es nun in das Revier eines anderen Männchens, um sich auch mit diesem zu paaren. Das Männchen bleibt allein mit dem Gelege zurück und kümmert sich allein um Brut und Aufzucht.
Nach 49 bis 56 Tagen Brutzeit schlüpfen die Jungen. Sie tragen ein hellbraunes Federkleid mit längs am Körper verlaufenden dunkleren Streifen. Die Jungen können wenige Stunden nach dem Schlüpfen umherlaufen und folgen dem Vater für etwa neun Monate. Bevor sie ein halbes Jahr alt sind, wechseln sie in das einfarbig braune Jugendkleid; etwa gleichzeitig beginnt der Helm sichtbar zu werden. Während ihres zweiten Lebensjahres nehmen Kasuare allmählich das Aussehen der adulten Vögel an und erreichen deren Größe. Mit dreieinhalb Jahren sind Kasuare geschlechtsreif.
Über die potenzielle Lebensdauer ist wenig bekannt. Schätzungen gehen von einer Spanne zwischen zwölf und 19 Jahren in der Wildnis aus. Im Zoo erreichten Kasuare allerdings schon ein Alter von 40 Jahren.
Ernährung Kasuare ernähren sich hauptsächlich von Früchten, die sie vom Boden auflesen oder von den unteren Zweigen pflücken. Außerdem fressen sie Pilze, Insekten, Frösche, Schlangen und andere kleine Tiere. Wie andere Laufvögel schlucken Kasuare Steine, die im Magen als Gastrolithen dazu dienen, Nahrung zu zerkleinern. Sie trinken regelmäßig; Wasser ist in ihren Lebensräumen meistens im Überfluss verfügbar.
Feinde Neben dem Menschen haben Kasuare in Neuguinea keine natürlichen Feinde, allenfalls verwilderte Hunde können jungen Vögeln gefährlich werden.
Systematik mini|Abguss des Schädels eines Casuarius casuarius in der Sammlung des Kinder-Museums von Indianapolis (The Children's Museum of Indianapolis) Innerhalb der Urkiefervögel sind die nächsten Verwandten der Kasuare die Emus, mit denen sie in eine gemeinsame Familie und eine gemeinsame Ordnung Casuariiformes vereint werden.IOC World Bird List: Ratites: tinamous to kiwis Die Kasuare selbst umfassen drei Arten, die alle einer einzigen Gattung Casuarius zugeordnet werden. Bennettkasuar oder Moruk, Casuarius bennetti Helmkasuar oder Südlicher Kasuar, Casuarius casuarius Einlappenkasuar auch Rothalskasuar, Casuarius unappendiculatus
Über die Existenz einer vierten Art (Papuakasuar Casuarius papuanus) lässt sich streiten, da die Unterschiede zum Bennettkasuar gering sind. Insgesamt wurden 42 Unterarten dieser drei Arten beschrieben. Oft wurden solche Beschreibungen anhand gefangener Vögel vorgenommen, deren Herkunft nicht bekannt war. Da die Unterschiede zwischen Geschlechtern, Altersstufen und Individuen unzureichend erforscht sind, erscheint eine Unterteilung der Kasuararten in Unterarten derzeit nicht sinnvoll.
Fossilgeschichte Fossilfunde von Kasuaren sind selten. Die meisten Funde sind nur Fragmente, die nicht sicher Emus oder Kasuaren zugeordnet werden können. All diese Funde stammen aus Australien. Ein Fund, der sicher einem Bennettkasuar zugeordnet werden konnte, stammt aus dem Pleistozän von New South Wales und deutet darauf hin, dass Kasuare in Australien einst eine wesentlich weitere Verbreitung als heute gehabt haben dürften. Nur ein Fossilfund ist älter als das Pleistozän; er stammt aus dem Pliozän Australiens vor vier Millionen Jahren, und seine Zuordnung zu den Kasuaren ist unsicher.
Kasuare und Menschen Bedeutung für die Papua-Völker mini|Kopfstudie eines Helmkasuars Im Alltagsleben der Papua-Völker spielen Kasuare seit Jahrhunderten eine Rolle. Zum einen werden sie wegen ihres Fleisches gejagt, das als sehr wohlschmeckend gilt. Die Federn dienen als Schmuck, und selbst die bloßen Kiele der Schwungfedern können noch als Nasen- und Lippenstäbe verwendet werden. Die Krallen wurden als Pfeilspitzen verwendet, aus den Beinknochen wurden Werkzeuge und Waffen hergestellt. Keiner der auf Neuguinea lebenden Ethnien ist die Domestikation dieser Vögel gelungen, es werden jedoch immer wieder Jungvögel eingefangen und aufgezogen, um sie dann später zu essen.Mark Cocker, David Tipling: Birds and People. Jonathan Cape, London 2013, ISBN 978-0-2240-8174-0. S. 21