mini|Arminius‘ Triumph in der Varusschlacht, Johann Heinrich Tischbein der Ältere, 1758 Arminio (HWV 36) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel über ein Libretto von Antonio Salvi. Sie erlebte ihre Uraufführung am 12. Januar 1737 im Theatre Royal, Covent Garden in London.
Die Titelfigur Arminius ist in Deutschland auch als „Hermann der Cherusker“ bekannt.
Entstehung Arminio gehört zusammen mit Giustino und Berenice zu den drei Opern, die Händel innerhalb weniger Monate für die Saison 1736/37 komponierte, kurz vor dem Scheitern seines Opernunternehmens und vor seinem körperlich-seelischen Zusammenbruch im April 1737.
Um mit der aggressiven Konkurrenz der Opera of the Nobility mithalten zu können, die nach wie vor den berühmten Sopranisten Farinelli als Zugpferd einsetzte, engagierte Händel neben seiner bewährten prima donna Anna Maria Strada und dem Sopran-Kastraten Gizziello den bedeutenden Altisten Domenico Annibali, der im Oktober 1736 von Dresden nach England kam und schon zuvor in der Presse groß angekündigt worden war:Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 394–395.
Nachdem Händel vom 14. August 1736 bis zum 7. September mit der Komposition des Giustino beschäftigt war, unterbrach er diese Arbeit und wandte sich einem neuen Werk zu: Arminio, den er am 15. September begann: angefangen Sept 15 | Mittwoch | 1736, wie er in seiner autographen Partitur notiert. Die weiteren Datierungen darin sind: Fine dell' Atto Primo | Sept 19. 1736. – Fine dell Atto 2do |Sept. 26. | 1736. – Fine dell' Opera | G.F. Handel Octobr 3 Anno 1736. | Den 14. dieses vollends | alles ausgefüllet. Als er diese Partitur fertig gestellt hatte, wandte er sich wieder dem Giustino zu, den er am 20. Oktober beendete. Mitte Dezember folgte dann die Komposition von Berenice.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 397–398.
Die Erwartungen an Händels neue Spielzeit waren sehr verschieden. Händels Nachbarin und Verehrerin Mrs. Pendarves war vollkommen überzeugt von der Überlegenheit Händels:
Der Theatermanager Benjamin Victor wagte dagegen fatale Prophezeiungen:
Uraufführung Mitten in der Arbeit an der Berenice – Giustino war schon seit 20. Oktober fertig – fand dann die Uraufführung des Arminio am 12. Januar 1737 im Covent Garden Theatre als erste der drei neuen Opern statt. Es sangen: Arminio – Domenico Annibali (Altkastrat) Tusnelda – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Sigismondo – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat) Ramise – Francesca Bertolli (Alt) Varo – John Beard (Tenor) Segeste – Henry Theodore Reinhold (Bass) Tullio – Maria Caterina Negri (Alt)
Händels Freunden, vielleicht nicht verwunderlich, gefiel die Oper sehr:
mini|Domenico Annibali (1705–1779), Anton Raphael Mengs, 1750 In einem langen Brief an seinen Vetter, den Philosophen James Harris, gibt der Earl of Shaftesbury eine umfassende Überprüfung der Oper und ihrer Stimmen:
Shaftesbury behielt recht: nach nur sechs Aufführungen, davon die letzte am 12. Februar, war Arminio für fast 200 Jahre nicht mehr auf der Bühne zu erleben.
Händel verwendete allerdings vier Arien aus Arminio in seinem Pasticcio Alessandro Severo (1738) und zwei Arien in Giove in Argo (1739); zwei weitere Nummern schob er 1744 in einer Aufführung von Semele ein.Rainer Schmusch: Arminio (HWV 36), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 304
Moderne Aufführungsgeschichte Erst am 23. Februar 1935 wurde das Stück unter dem Titel Hermann und Thusnelda in Leipzig anlässlich der Händelfeier zum 250. Geburtstag Händels in einer deutschsprachigen Fassung von Max Seiffert und Hans Joachim Moser und unter der musikalischen Leitung von Paul Schmitz wieder aufgeführt. Die erste Wiederaufführung der Oper in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man in Nîmes (Théatre l’Odeón) am 6. Mai 1997 mit dem Ensemble Gradiva unter der Leitung von Alain Zaepffel und Hiro Kurosaki.
Libretto
Vorlage für Händels Oper war Antonio Salvis Arminio, welches mit Musik von Alessandro Scarlatti zuerst aufgeführt wurde. Scarlatti schrieb seine Oper 1703 als erste von vieren für das Theater von Ferdinando de Medici in Pratolino (bei Florenz). Salvis Libretto basierte seinerseits auf Jean-Galbert de Campistrons Tragödie Arminius (1684) und wurde in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts häufig vertont, u. a. von Antonio Caldara (1705), Carlo Francesco Pollarolo (1722), Johann Adolph Hasse (1730) und Baldassare Galuppi (1747).Silke Leopold: Händel. Die Opern., Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 223 ff. Händels Bearbeiter dieses Librettos ist unbekannt – wenn er es nicht selber war. Wie gewöhnlich wurde die Vorlage im Hinblick auf das englische Publikum, das die Italienische Sprache nicht perfekt beherrschte, stark gekürzt. Dabei wurde in diesem Fall allerdings etwas übertrieben: Von ursprünglich mehr als tausend Zeilen Rezitativ wurden mindestens drei Viertel gestrichen (es blieben 308 Rezitativzeilen), wodurch leider viele dramatische Zusammenhänge verloren gingen.Rainer Schmusch: Arminio (HWV 36), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 297Donna Leon: Handel. Arminio, Virgin veritas 5454612, London 2001, S. 13 Unter anderem wurden die Figuren des Segeste und des Varo stark geschwächt. Trotzdem lehnt sich der Text in Einzelheiten eng an die originale Vorlage an. Händel und sein Librettist übernahmen 21 Arien- und Ensembletexte einschließlich des Schlusschores und fügten neun neue Nummern hinzu.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke., in: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 439
Handlung Historischer und literarischer Hintergrund mini|Darstellung der Varusschlacht, Monumenta Paderbornensia, 1672 Wie man dem „Argomento“ („Vorbemerkung“) des Librettos von Salvi entnehmen kann, ist der historische Hintergrund der Opernhandlung der unter den Namen „Schlacht im Teutoburger Wald“, „Varusschlacht“ oder „Hermannsschlacht“ überlieferte Sieg der Germanen über die Römer im Jahre 9 n. Chr., wie sie von Tacitus in seinen Annales (Erstes Buch, Kap. 55–68) überliefert ist. Zuvor hatte schon Strabon in seiner Geographica im siebten Buch (Kap. 1,4), wenn auch beiläufig, über diese Schlacht berichtet, bei der unter der Führung des römischen Generals Publius Quinctilius Varus drei römische Legionen ihren Untergang fanden, als sie von Germanenstämmen unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius angegriffen wurden. Varus selbst nahm sich noch auf dem Schlachtfeld das Leben. Von Strabon stammen auch die Namen der germanischen Frauen Thusnelda und Rhamis. Die Schilderung der familiären Auseinandersetzungen zwischen den germanischen Stämmen der Chatten und der Cherusker, die in Salvis Libretto eine wichtige Rolle spielen, geht auf Tacitus zurück.
Erster Akt Arminio, Fürst des germanischen Stammes der Cherusker, der zu den Waffen gegriffen hat, um gegen die römische Invasion in seinem Land zu kämpfen, gibt den Bitten seiner Frau Tusnelda nach, sich vom Schlachtfeld zurückzuziehen, damit sie nicht beide gefangen genommen werden. Sie gehen ab, als Varo und Tullio auftreten. Tullio teilt dem römischen Feldherrn Varo mit, dass Arminio geflohen und die Schlacht offenbar für die Römer gewonnen ist. Varo gibt zu erkennen, dass er in Arminios Frau Tusnelda verliebt ist. Aber Tullio rät ihm, dieses unwürdige Begehren zu vergessen und stattdessen weiter für den Triumph Roms zu kämpfen. Varo jedoch entgegnet, dass Liebe ja auch zu großen Taten inspirieren kann. Der flüchtige Arminio wird von Tusneldas Vater Segeste, einem germanischen Fürsten, der mit den Römern kollaboriert, gefangen genommen und in Ketten gelegt. Arminio prangert Segeste wegen seines Verrats am eigenen Volk an, während Tusnelda zwischen der Loyalität zu ihrem Mann und ihrem Vater hin- und hergerissen ist. Als Varo verlangt, dass Arminio die Unterwerfung unter Rom akzeptieren möge, besteht dieser darauf, lieber zu sterben, als sich zu beugen. Segeste argumentiert, dass der verhasste Schwiegersohn enthauptet werden muss, um den Frieden mit Rom zu sichern.
Im Schloss des Segeste träumt dessen Sohn Sigismondo von Ramise, der Schwester Arminios, in die er unsterblich verliebt ist, als Tusnelda die Nachricht von Arminios Gefangennahme bringt. Auch Ramise ist sehr beunruhigt über die Bedrohung des Lebens ihres Bruders. Als Sigismondo Tusnelda in dieser Situation um Mitgefühl bittet, weist diese darauf hin, dass sein Dilemma dem ihren in nichts nachsteht, da sie zwischen der Loyalität zu ihrem Mann und ihrem Vater hin- und hergerissen ist. Segeste befiehlt seinem Sohn, die Hoffnung auf eine Hochzeit mit Ramise aufzugeben, doch Sigismondo erklärt, dass er lieber sterben würde, als dies zu tun.
Zweiter Akt Tullio teilt Segeste mit, dass der römische General Varo in seine Tochter und Arminios Frau Tusnelda verliebt ist. Dieser freut sich darüber, da er hoffen kann, dass Varo nach dem Tod von Arminio sein neuer Schwiegersohn sein wird. Varo erscheint mit einem Brief vom Kaiser, in dem Arminios Hinrichtung angeordnet wird. Segeste triumphiert und lässt Arminio in Ketten legen. Er fordert ihn auf, sich Rom zu unterwerfen, um sein Leben zu retten, aber Arminio weist dieses Ansinnen brüsk von sich: lieber wolle er sterben, als durch Verrat seine Ehre zu verlieren. Tusnelda ist außer sich vor Kummer.
Nun erscheint Ramise und prangert Segeste, den Kollaborateur, an, denn ihr droht, ihren Bruder zu verlieren. Sie ist außer sich und versucht, Segeste mit dem Degen zu durchbohren, was Sigismondo allerdings verhindert, woraufhin Ramise ihn bitter beschimpft. Weil sie so wütend ist, bietet Sigismondo sein Leben an, um sie zu besänftigen. Aber Ramise verhindert, dass er sich etwas antut. Doch sie leidet unter der gespaltenen Loyalität zwischen ihrem Geliebten und dem Bruder. Auch Sigismondo sieht keinen Ausweg aus der Situation. Arminio hat Varo in den Kerker kommen lassen und teilt ihm mit, dass er weiß, dass dieser seine Frau liebt und gibt seinen Segen für ihre Heirat nach seinem Tod, den er inzwischen akzeptiert hat. Tusnelda hingegen macht Varo klar, dass sie nur glücklich werden kann, wenn er das Leben ihres Mannes rettet. Dies zu tun, verspricht nun Varo und Tusnelda schwört ihm ewige Dankbarkeit. mini|Statue der Tusnelda in der Loggia dei Lanzi, Florenz.
Dritter Akt Arminio wird zu seiner Hinrichtungsstätte im Hof von Segestes Burg gebracht, widersetzt sich aber weiterhin Rom und erwartet erhobenen Hauptes seinen Tod. Als der erscheinende Varo Arminio von seinen Ketten befreit, staunt Segeste nicht schlecht. Varo will ihm die Gelegenheit geben, im Kampf zu sterben. Doch Tullio kommt mit der Nachricht, dass ein anderer germanischer Anführer die römischen Schlachtreihen durchbrochen hätte. Arminio wird sofort ins Gefängnis zurückgebracht, damit die Römer den neuerlichen Kampf aufnehmen können.