Arianna in Creta (HWV 32) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 26. Januar 1734 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte. Arianna gehört heute (Stand 2025) zu den seltener gespielten Werken des Hallensers.

Entstehung Arianna in Creta war die letzte Oper von Händels zweitem Opernunternehmen, denn sein Vertrag mit Johann Jacob Heidegger lief zum Spielzeitende im Sommer 1734 aus.

Gleichzeitig war es die erste Oper, die Händel für ein neues Ensemble komponierte, nachdem fast alle italienischen Sänger seiner bisherigen Truppe unter Führung des berühmten Kastraten Senesino – Händels primo uomo – zur neugegründeten Opera of the Nobility („Adelsoper“) übergelaufen waren. Diese war offiziell am 15. Juni 1733 gegründet worden, nachdem erste Pressemitteilungen über Senesinos „Entlassung“ am 2. Juni 1733 in The Bee und The Craftsman erschienen waren:

Die einzige Sängerin, die Händel die Treue hielt, war die Sopranistin Anna Maria Strada del Pò,David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 30. die auch im Juli 1733 in der Premiere von Händels englischem Oratorium Athalia in Oxford auftrat.

Händel und Heidegger engagierten eine neue Truppe mit dem bedeutenden Mezzosopran-Kastraten Giovanni Carestini an der Spitze. Hinzu kamen der Sopran-Kastrat Carlo Scalzi als secondo uomo, sowie Margherita Durastanti,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 138. eine alte Bekannte oder Freundin Händels, die über drei Jahrzehnte zuvor in Italien und in den frühen 1720er Jahren in London seine Primadonna gewesen war.

Händel hatte seine neue Oper Arianna in Creta bereits am 5. Oktober fertig komponiert:Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 265. „Fine dell’ Opera | London 5 Octobr G.F. Handel | 1733“, bemerkt er am Schluss seines Partitur-Autographs. Er verschob die Premiere jedoch bis zum Januar.

Stattdessen eröffnete er seine Spielzeit zwei Monate vor seinen Konkurrenten zunächst mit dem Pasticcio Semiramide riconosciuta (Musik überwiegend von Leonardo Vinci) am 30. Oktober, dem Geburtstag des Königs George II. Obwohl dieser Tag normalerweise mit einem fürstlichen Ball im St James’s Palace begangen wurde, war der gesamte Hofstaat einschließlich dem Prince of Wales und zahlreicher anderer Anhänger der Adelsoper, anwesend:Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 138–139.

Vor Weihnachten ließ Händel eine Wiederaufnahme von Ottone folgen, sowie ein zweites Pasticcio namens Caio Fabbricio, dessen Musik zum größten Teil von Johann Adolph Hasse stammte.

In diesem Winter stand London unter einer Art „Ariadne-Fieber“: Die „Opera of the Nobility“ ließ, vermutlich in bewusster Konkurrenz zu Händel, ebenfalls eine neue Oper über einen anderen Teil des Ariadne-Mythos aufführen: Nicola Porporas Arianna in Nasso, über ein Libretto von Paolo Antonio Rolli; die erfolgreiche Premiere fand fast einen Monat vor Händels Arianna in Creta, am 29. Dezember 1733 in Lincoln’s Inn Fields statt.David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 33. Einen Monat nach Händels Oper, am 26. Februar 1734, wurde außerdem am neuen Covent Garden Theatre eine Ballett-Pantomime namens Bacchus and Ariadne herausgebracht, mit der Tänzerin Marie Sallé,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 266. die später im Jahr auch mit Händel zusammenarbeiten würde.

Uraufführung Die Uraufführung von Arianna in Creta fand am 26. Januar 1734 am King’s Theatre am Londoner Haymarket statt, mit der folgenden Besetzung: Arianna – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Teseo – Giovanni Carestini, genannt „Il Cusanino“ (Mezzosoprankastrat) Carilda – Maria Caterina Negri (Alt) Alceste – Carlo Scalzi, genannt „Il Cichione“ (Soprankastrat) Tauride – Margherita Durastanti (Mezzosopran) Minos und Il Sonno – Gustav Waltz (Bass) Im lange Zeit fälschlicherweise Francis Colman zugeschriebenen „Opera Register“ wurde im Januar 1734 eingetragen:

Tatsächlich wurde die Oper siebzehnmal gegeben,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 25. nur kurz unterbrochen durch Ostern und drei Aufführungen des Oratoriums Deborah.

Im November 1734 wurde Arianna am Covent Garden Theatre für fünf Vorstellungen, diesmal mit Balletteinlagen, nochmals aufgenommen. Die (nicht im Autograph enthaltenen) Balletteinlagen fügte Händel für Marie Sallé und ihre Truppe hinzu.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 394.

Der Händel-Biograph Newman Flower stellte 1923 einige Behauptungen auf, die lange Zeit das allgemeine Urteil über die Aufnahme von Händels Arianna in Creta und seine Opernkarriere Mitte der 1730er Jahre beeinflusste:David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 33–34.

Allein Flowers Behauptung, dass Händels Theater leer gewesen sei, wird durch die Tatsache widerlegt, dass Arianna in Creta mit 22 Aufführungen im Jahr 1734 geradezu ein Kassenschlager war. Dass Carestini und die Strada (und wahrscheinlich auch Carlo Scalzi und die Durastanti) keine „erbärmlichen“ Sänger waren, beweisen nicht nur ihre Arien in Arianna in Creta,David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 34. sondern auch ihre Partien in Ariodante und Alcina (im Falle der Strada auch zahlreiche andere Händel-Partien).

Aufführungsgeschichte Im August 1738, vier Jahre nach der Londoner Uraufführung fand Arianna in Creta in Braunschweig unter Leitung von Georg Caspar Schürmann seine einzige Wiedergabe auf dem Festland.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde Händels Arianna in Creta immer noch von Kennern bewundert: Gottfried van Swieten (Mozarts Förderer und Joseph Haydns Textdichter) setzte Händels Ariadne auf seine Auswahlliste für gedruckte Noten, die er 1777 bei James Harris Junior bestellte.David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 34.

Am 30. Juni 1946 wurde die Oper durch die Göttinger Händelfestspiele wieder aufgeführt. Die deutsche Textfassung war von Emilie Dahnk-Baroffio, das Städtische Orchester Göttingen spielte unter der musikalischen Leitung von Fritz Lehmann. Auf dem gleichen Festival am 28. Mai 1999 war auch die erste Wiederaufführung in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis. Es spielte das Philharmonia Baroque Orchestra San Francisco unter Leitung von Nicholas McGegan.

Libretto Pietro Pariatis Libretto Teseo in Creta wurde zuerst von Francesco Bartolomeo Conti vertont und erstmals am 28. August 1715 in Wien aufgeführt, jedoch taucht keiner dieser Arientexte in Händels Version auf, die 18 Jahre später entstand.David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 30. Die nächste Version war Arianna e Teseo, ein Pasticcio von Leonardo Leo (Neapel 1721) mit Musik von Nicola Porpora, Giovanni Bononcini, Giuseppe Maria Orlandini und Antonio Vivaldi. Die folgenden Vertonungen, von Nicola Porpora (Venedig 1727) und Francesco Feo (Turin 1728),Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 258. kannte Händel wohl nicht. Stattdessen basiert das anonyme Londoner Libretto auf Leos zweiter Behandlung des Textes für das Teatro della Pace während des Karnevals in Rom 1729; darüber hinaus stammen zwei von Händels Arientexten aus der Pasticcio-Version von 1721. Wie immer wurden für das Londoner Publikum vor allem die Rezitative stark gekürzt, laut Giovanna Gronda blieben von 1050 Versen in Leos 1729er-Version bei Händel noch knapp unter 600 übrig.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 259 und Fußnote 7.

Die meisten von Händels 28 Arien- und Duett-Texten wurden fast unverändert aus den Libretti für Rom und Neapel übernommen, sieben sind offenbar neu.David Vickers: Händel. Arianna in Creta. Aus dem Englischen von Eva Pottharst. MDG 609 1273-2, Detmold 2005, S. 30–31.

Obgleich als Textbearbeiter vielfach der Engländer Francis Colman, zeitweise britischer Gesandter in Florenz, genannt wird, der bereits im April 1733 in Pisa gestorben war, kann dies nicht belegt werden.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 394. Winton Dean war der Meinung, dass Colman mit dem Libretto nichts zu tun habe.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 273.

Handlung mini|Theseus nach dem Sieg über den Minotaurus, römisches Fresko, Museo Archeologico Nazionale, Neapel. Mythologischer und literarischer Hintergrund Wie man aus der Biografie des Theseus aus Plutarchs Bíoi parálleloi (Parallele Lebensbeschreibungen)Bíoi parálleloi erfährt, führte König Minos von Kreta einen Krieg mit König Ägeus von Attika, der Minos‘ kleinen Sohn getötet und seine kleine Tochter entführt hatte. Das Mädchen war jedoch von einem Verbündeten Athens, König Archias von Theben, in dem Glauben aufgezogen worden, es sei sein eigenes Kind. Als Bedingung für die Beendigung des Krieges musste Athen Tribut an Kreta zahlen: alle sieben oder neun Jahre mussten je sieben athenische Jünglinge und sieben athenische Jungfrauen nach Kreta geschickt werden, um dem Minotaurus, einem Ungeheuer, das halb Mensch, halb Stier war und in einem Labyrinth lauerte, zum Fraß vorgeworfen zu werden. Die Menschenopfer der Athener können aber nur dadurch beendet werden, dass ein Held den Minotaurus tötet und den kretischen General Tauride besiegt. Der athenische Held Theseus ist auf dem Weg nach Kreta, entschlossen, dies zu tun und das Leiden seines Volkes zu beenden, und sich mit der von ihm geliebten Ariadne zu vereinen, die Minos als Geisel verlangt hat, um sicherzustellen, dass die athenischen Mädchen und Jünglinge auch zum Opfern geschickt werden. Die Personen Carilda und Alceste sind für das Libretto frei erfunden, wie auch der Teil der Geschichte, welcher von der im Kindesalter geraubten und in Theben aufgewachsenen Ariadne handelt.

Erster Akt Die Athener schiffen sich auf Kreta ein, zusammen mit einer Steintafel, auf der die Bedingungen für den athenischen Tribut vermerkt sind. König Minos stimmt Teseos Bitte zu, Arianna freizulassen. Unter den athenischen Jungfrauen, die geopfert werden sollen, ist auch Carilda, deren Schönheit dem kretischen General Tauride auffällt und der sich sofort in sie verliebt. Carilda schwärmt jedoch heimlich für Teseo und interessiert sich weder für Tauride, noch für den athenischen Jüngling Alceste, der ebenfalls in Carilda verliebt ist. Teseo teilt seiner Geliebten Arianna mit, dass er entschlossen ist, den Minotaurus zu töten, was sie um seine Sicherheit fürchten lässt, und erklärt auch Alceste, der Carilda vor einem grausamen Tod retten will, dass er für diese Aufgabe besser geeignet ist.